WW: Wie unterscheiden sich der digitale deutsche und der digitale Schweizer Werbemarkt?
Matthias Ehrlich: Bei der digitalen Nutzung gehört die Schweiz zu den führenden Ländern in Europa. Die Online-Penetration ist hoch, ebenso die Mobil- Nutzung, die Internetzugänge sind schnell und trotzdem gibt es diese «Rückständigkeit» des digitalen Werbemarktes in der Schweiz. Nicht nur im Vergleich zu Deutschland, sondern zu ganz Europa.
Woher kommt das?
Was auffällt, ist die ungewöhnlich hohe Dominanz von Print, die abgesichert wird durch mächtige Verlagshäuser. Auch in Deutschland ist Print und printgebundenes Online sehr stark, weil nach dem zweiten Weltkrieg grosse, sehr professionelle Verlagskonstrukte aufgebaut worden sind: die Burdas, die Springers, die Gruner & Jahrs bis hin zu den kleineren wie Klambt. Es zeigt sich, dass Häuser, die ein «klassisches » Standbein haben und durch Online etwas verlieren könnten, nicht unbedingt begeistert Richtung Online laufen. Das gilt auch für die Schweiz. Das würde ich in jedem Fall als einen Punkt ansehen. Aber es gibt noch einen weiteren Punkt. Als klar wurde, wie stark Online überhaupt werden wird, haben in Deutschland viele junge Leute beruflich von den klassischen Medien zu Online gewechselt und damit die Onlinewelt mit Know-how aus dem klassischen Bereich – also mit dem eigentlichen Werbeverständnis – befruchtet. Man darf ja nicht vergessen, dass Digital erst mal nur eine Technologie und eine Infrastruktur ist. Erst das Wissen über werbliche Kommunikation erlaubt die Umsetzung und den Einsatz der neuen Möglichkeiten. Dieser Wechsel vom klassischen Bereich zu Online scheint mir in der Schweiz nur mangelhaft zu geschehen. Frappierend ist der hohe Import von deutschen Kollegen in das Schweizer Online-Geschäft – auch in Führungspositionen. Man merkt, es fehlen die Spezialisten, um Online wirklich voranzutreiben. Vielleicht ist auch die Ausbildung bisher nicht so massiv betrieben worden wie in Deutschland. Das mag daran liegen, dass wir Deutschen ein technikverliebtes und technikorientiertes Volk sind. Nach den Dichtern und Denkern sind jetzt wir jetzt ein Land der Ingenieure (lacht). In der Internet-Technik sieht man heute international sehr viele Dinge, die in Deutschland auf sehr hohem Niveau entwickelt worden sind.
Wie könnte man Online stärker fördern?
Wichtig ist, dass die ganze Gesellschaft, die Wirtschaft, die Politik und alle Entscheider verstehen, dass die Zukunft digital sein wird. Das heisst nicht, dass es keine Zeitungen mehr geben wird, das heisst auch nicht, dass es kein TV oder Radio mehr geben wird, aber es heisst, dass sich mit dem Internet eine neue Infrastruktur über die Erde legt. Alles digitalisiert sich. Die Art und Weise, wie mit Konsumenten kommuniziert wird, verändert sich. Sowohl im B2BBereich, wie auch in B2C. Dieses Verständnis ist ein ganz wichtiges gesellschaftliches Anliegen, weil es darüber bestimmt, wie erfolgreich man in der Zukunft wirtschaften und rein technisch mithalten kann. Ich halte es für eine wesentliche Kompetenz eines modernen Industriestaates, dass er in der Lage ist, die digitale Infrastruktur massiv zu nutzen und zu verstehen, wie man in einer digitalisierten Welt, in der die Menschen schon in digitalen Kommunikationswelten leben, sie dort auch erreicht. Das ist etwas, was quer durch die ganze Schweizer Gesellschaft und die Schweizer Wirtschaft verstanden werden müsste.
Sind andere kleine Länder in Europa weiter als wir?
Europa- und Weltmeister sind die kleinen Länder. Es gibt Studien von McKinsey, die untersuchen, welche Auswirkungen die digitale Kommunikation auf das Bruttosozialprodukt eines Landes hat. Da sehen wir, dass weltweit zwei Länder führend sind: Finnland und Israel. Bei Israel wissen wir warum: das ist eine Militärmacht, verfügt darum über unheimlich viel Technik und technisches Know-how und nutzt beides natürlich auch im Internet. Die restlichen Top Ten sind vor allem Skandinavier, die bereits sehr früh sehr internetaffin waren. Es sind vergleichsweise kleine nationale Strukturen mit kleinen überschaubaren Sprachpopulationen, die wesentlich weiter in der Anwendung des Internets sind. Das sieht man auch in den baltischen Staaten. Diese haben, nachdem sie selbstständig geworden waren, einen Grossteil des Geldes in ihre digitale Infrastruktur investiert, und das hat sich für sie gelohnt. Österreich hat ähnliche Probleme wie die Schweiz, ist aber auf diesem Weg schon weiter. Aus unserer Sicht – wir sind ja auch in Österreich tätig – hat diese Diskussion dort schon vor zwei Jahren eingesetzt.
Wo sehen Sie, wenn Sie mit Schweizer Kunden sprechen, die Hemmschwelle? Ist es eher ein Abwarten oder fehlt der Glaube an die digitale Zukunft?
Ich bin ja von meinem Alter her kein digitaler Naseweis mehr. Ich habe in meinem Unternehmen sehr früh gesagt, wir wissen zwar sehr vieles über die Technik, aber die Leute aus dem klassischen Bereich wissen besser, wie man sie anwendet und was beim Kunden passiert. Es ist die Balance zwischen «Nicht jeden Hype mitmachen», nicht einfach zu spinnen anfangen, weil etwas Neues kommt, sondern erst mal schauen, was ich davon wie verwenden kann. Eine nicht wertende, rein auf Nutzen basierte Evaluierung des Instrumentariums und dann die konsequente Anwendung und der Einstieg ins Lernen sind wichtig. Letztes Jahr hatte ich das Gefühl, dass die Schweiz auf dem Sprung war. Es kann sein, dass die derzeitigen wirtschaftlichen Schwierigkeiten und die Krise in ganz Europa dazu geführt haben, dass die Unternehmen sehr passiv und sehr vorsichtig geworden sind. Man will keine Experimente wagen und will jetzt nicht investieren. Obwohl – und da könnte man aus allen anderen Ländern lernen – gerade in Krisen solche schmerzhaften Veränderungsprozesse leichter durchzuführen sind. Man kann ihre Notwendigkeit den eigenen Mitarbeitern besser verständlich machen. Man kann hinstehen und sagen: Wir haben eine Krise, wir müssen neue Wege gehen. Eigentlich könnte man das nutzen, aber ich habe nicht das Gefühl, dass das in der Schweiz passiert.
Führt die angespannte Wirtschaftssituation in Deutschland dazu, dass die Onlinewerbung stagniert oder gar sinkt?
Deutschland ist in mancherlei Hinsicht ein wenig die Insel der Glückseligen gewesen. Wir haben eine starke Binnenkonjunktur, aber wir erleben, dass den grossen Treibern des Onlinewerbegeschäftes, den Fast-moving-Consumer-Goods-Unternehmen, in den Krisenländern Spanien, Italien, Griechenland, Portugal und vielleicht noch in Teilen von Frankreich die Umsätze wegbrechen, weil die Konsumenten billiger und non-branded kaufen. Diese Einbussen zusammen mit den teilweise gestiegenen Rohstoffpreisen sorgen dafür, dass sie Riesenlöcher in ihren Bilanzen haben. Was machen sie dann? Sie ziehen das Geld teilweise aus Deutschland ab. Das merken wir seit zwei Monaten im Jahresendgeschäft. Die Firmen sparen Geld, um damit ihre Bilanzen einigermassen zu retten. Was damit auch für Europa insgesamt ein gefährlicher Trend ist, gibt es doch das eine oder andere Unternehmen, das zu überlegen beginnt, ob Europa überhaupt noch die Region ist, wo man zukünftig Werbeinvestitionen tätigen sollte, und sich vielleicht zurückbesinnt auf rein vertriebsorientierte Werbemassnahmen. Ich kenne einige Unternehmen, die darüber nachdenken, die langfristigen Investitionen in Marken aus Europa eher abzuziehen, um in Länder zu investieren, wo eine gerade entstehende bzw. zum Teil auch schon vorhandene, prozentual zwar kleine, aber absolut recht kaufkräftige Mittelschicht nach europäischen Waren giert.
Sehen Sie Tendenzen, welche Branchen in diese Richtung gehen?
Sehr stark die FMCG-Unternehmen. Komplett zusammengebrochen ist die Finanzbranche. Gerade die Finanzwirtschaft war eine der Branchen mit dem höchsten digitalen Anteil. Im Automobilbereich hatten wir noch einen Boom, weil die Hersteller gegen die schwächelnde ausländische Konkurrenz mit Schnäppchenangeboten gekämpft und dafür viel Werbung gemacht haben.
Kommen wir zu einem anderen Punkt. In der Schweiz ist der Anteil an digitaler Werbung bei FMCG-Unternehmen eher tief.
Das ist eine Entwicklungsphase. Auch in Deutschland wurde Online zunächst einmal als reines Abverkaufsmedium eingeführt und genutzt. Man hat gewissermassen Google-Keywords als Synonym für Onlinewerbung gesehen. Das ist natürlich Unsinn. Mittlerweile ist bewiesen, dass digitale Displaywerbung genauso wirkt wie Printanzeigen und dass Online-Bewegtbild-Formate genauso funktionieren wie ein TV-Spot.
… da ist aber die Online-Branche selbst schuld, denn man hat sich lange Zeit darauf kapriziert, den messbaren Klick zu verkaufen und den Brandingaspekt auf der Seite gelassen!
Das liegt daran, dass viele Protagonisten dieser Onlinerevolution halt eher Techies sind, die ihr Geld mit diesen Klicks verdient haben. Weil die Imagewerbung fest verankert ist bei den grossen Agenturen, kommen die Onliner gewissermassen über die Dörfer. Auch was bei Real-Time-Advertising (RTB) passiert, ist so eine Geschichte. RTB ist ein logistisches Hinterhofthema, das die Onlinewerbung in keiner Weise entscheidend nach vorne bringt. Die Technik, die dahinter steht, senkt zwar die Kosten, und das ist zu begrüssen, aber der Branding-Aspekt bleibt auf der Strecke. Viele Onliner machen den Fehler, dass sie über RTB und die neuesten Technik- Gimmicks sprechen, es aber unterlassen, sich mit TV- und Printleuten beim Begriff Branding zu messen. Ich bin stolz, dass mein Unternehmen diesen Brandingaspekt immer sehr stark mitgetragen hat. Wir haben lange Zeit ohne grossen Return-on-Invest extrem viel investiert. Wir haben Kollegen, die aus der klassischen Welt kamen, Online erklärt und sie haben uns im Gegenzug die klassische Werbung beigebracht. Mit Marktforschung haben wir untersucht, wie Onlinewerbung funktioniert bei ganz normalen Branding- oder Imagethemen. Mittels Marktstudien haben wir die entsprechenden Nachweise geliefert. Das hat uns den Weg zu den grossen Budgets der FMCG-Unternehmen geebnet. Eine Studie, die wir mit begleitet haben, hat dazu geführt, dass bei Procter & Gamble intern weltweit 20 Prozent Online-Anteil vorgeschrieben wird.
… Ich zweifle stark, ob der Anteil in der Schweiz 20 Prozent beträgt.
Das ist ein hausgemachtes Problem. Ein grosses Haus wie Goldbach, das eine langjährige Erfahrung hat, ist stolz darauf, dass sie Audience-Plattformen machen. Die müssen das Thema Branding und Imaging vorantreiben. Die kleinen Adnetworks können das nicht. Wenn das zu wenig geschieht, dann passiert auch nichts und es wird viel Geld liegengelassen. Deswegen gehen wir jetzt mit unserer Qualitätsinitiative 4Q (For Quality), die wir gemeinsam mit den Vermarkterkollegen von Interactive Media und den beiden Digitalagenturen Pilot und Plan.net, ins Leben gerufen haben, exakt auch auf dieses Thema.
Sind nicht auch die Werbeagenturen gefordert?
Man muss sehen: Online ist kein einfaches Medium. Es ist komplex und schwierig und dann auch noch teuer in der Abwicklung. Wenn man nur einen kleinen Budgetanteil für Online hat und sich zudem in einem kleinen Markt bewegt, heisst das, dass man den Aufwand, den man treiben muss, ganz schlecht refinanzieren kann im Vergleich zu grossen Budgets, die in Print oder TV praktisch automatisch gebucht werden. So gibt es relativ wenige Agenturen, die das Onlinegeschäft wirklich vorantreiben. In Deutschland hatten wir das Glück, dass es drei Agenturen gibt, die viel Furore in Sachen Online gemacht haben: Xenion, heute Carat, Plan.net/Serviceplan und Pilot – alles Agenturen, die ihre Wurzeln im Online- Bereich haben. Diese drei haben den grossen, global agierenden Agenturen Feuer unter dem Hintern gemacht. Aber auch die Vermarkter haben Druck gemacht. Und so wollten die Werbetreibenden plötzlich mehr über Onlinewerbung wissen.
Hat der Anstieg der mobilen Online-Nutzung Auswirkungen auf den digitalen Werbemarkt?
Die Schweiz könnte das Pech haben, dass zu dem Zeitpunkt, zu dem der Onlinemarkt abheben könnte, bereits die Konversion in Richtung Mobile erfolgt, und damit die hohen Margen, die man in den letzten 4–5 Jahren gehabt hat, jetzt weggefressen werden durch die geringere Monetarisierung in Mobile. Es wird immer schwieriger werden, in Online durchzustarten, die Schweiz muss also die Beine schnell in die Hand nehmen.
Was können Verbände wie IAB dafür neben der Ausbildung noch mehr tun?
Generell ist es so, dass die Onliner sich übergreifend organisieren müssen. In Deutschland gab es anfänglich auch nur wenige reine Online-Anbieter und die wesentlichen grossen Player waren die Print-Onliner und die TV-Onliner. Die Onlinekollegen aus den Printund TV-Häusern haben die gemeinsame Arbeit in den Onlineorganisationen immer sehr genossen, denn in ihren Unternehmen wurden sie immer ein bisschen gebremst. In den Verbänden konnten wir die Sachen anschieben, die sie auch gerne gemacht hätten, die aber zuhause nicht erlaubt waren oder für die sie keine Investitionen bekommen haben. Mit dem Druck seitens des Marktes konnten sie diese Dinge dann auch entsprechend umsetzen. Die Zusammenarbeit in Verbänden wie der AGOF oder dem OVK hat eigentlich die Gattung Online überhaupt erst aufgebaut. Ohne das wäre es gar nicht gegangen. Ein starker Verband, in dem für die Gattung Online gekämpft wird, ist ausschlaggebend. Die einzelnen Bereiche wie Performance, Qualitätsvermarkter, Onlineagenturen, die Werbetreibenden etc. sind in einzelnen Sektionen organisiert, und damit haben wir die ganze Wertschöpfungskette im Verband.
Interview: Pierre C. Meier