Gemeinsam haben wir es geschafft! Zara, der weltweit grösste Modekonzern, hat sich gerade zum Entgiften verpflichtet.» Wenn der NGO-Multi Greenpeace Missstände aufdeckt und die Verursacher ins Visier nimmt, steht den betroffenen Firmen augenblicklich eine Armee gut vernetzter und modern ausgerüsteter Weltverbesserer gegenüber. Willkommen im Echtzeitalter der Instant-Kommunikation.
Ereignisse brechen über uns herein, und es gibt drei Dinge, die wir im Moment des Sturms nicht haben: Zeit, Kontrolle und den Freund bei der Presse. Trotzdem sind solche Angriffe nicht nur des Teufels. Im Gegenteil. Für Betroffene und Nichtbetroffene bieten Angriffe dieser Art die Chance, sich positiv ins Gespräch zu bringen. Wie das? Es folgen vier Verhaltensregeln für erfolgreiches Kommunizieren während eines solchen Gewittersturms. Eine davon ist der Second Paragraph, eine Innovation der modernen Kampagnenführung. Dem Second Paragraph ist der Hauptteil dieses Beitrags gewidmet.
Regel 1 – Entwickeln Sie Lust am Debattieren
Menschen bevorzugen Informationen von Menschen und bedienen sich dabei der Erfahrungsberichte aus ihren eigenen Netzwerken. Wollen Sie im Gespräch bleiben, müssen Sie ihnen dahin folgen und sich auf fremdem Terrain den kritischen Voten über die eigenen Geschäftsaktivitäten stellen. Kehren Sie Lästereien mit authentischem Auftritt und überprüfbaren Inhalten in sachliche Debatten. Entwickeln Sie Freude an dieser Form der Kommunikation. Die Kritiker werden es Ihnen mit Respektbezeugungen zurückzahlen.
Regel 2 – Verbreiten Sie Freude am Teamwork
In der Krise wünschen Sie sich nichts sehnlicher als Mitarbeitende, die wissen, was zu tun ist. Erstellen Sie ein realistisches, der raschen Reaktionszeit entsprechendes Regelwerk. Zeit ist König! Übertragen Sie Ihren MitarbeiterInnen Selbstverantwortung und fördern Sie deren Gestaltungswillen. Verzichten Sie auf Hierarchien. Formen Sie stattdessen verschworene Einheiten mit starken LeaderInnen. Bleiben Sie nachsichtig und spielen Sie Erfahrungen zurück ins Team.
Regel 3 – Spielen Sie Ihre Trümpfe aus
Ist Ihre Strategie schon auf den mitdiskutierenden Menschen ausgerichtet oder agieren Sie noch nach dem Konzept des Überzeugens? Menschen wollen nicht überzeugt werden. Sie wollen authentische Geschichten, Erfahrungen und Meinungen – spannend und schnörkellos erzählt. Öffnen Sie Ihre Archive, mobilisieren Sie Ihre eigenen Netzwerke und präsentieren Sie sich als einfühlsame Erzählerin von Erfolgsgeschichten.
Regel 4 – Kommunizieren Sie augenblicklich
Aus dem Nichts auftauchend, erobern Ideen und Geschichten innerhalb weniger Augenblicke die Aufmerksamkeit einer ganzen Social-Web-Gemeinde. Ist womöglich eine Geschichte dabei, die Sie betrifft, in der Sie schlecht wegkommen oder in der sich Ihnen die Chance zur Fortschreibung bietet? Die Fortschreibung einer lancierten Geschichte, unmittelbar nach ihrem ersten Auftreten, nicht am nächsten Tag, nicht eine Stunde später, augenblicklich – David Meerman Scott, angesehener Blogger und Buchautor, nennt diesen Augenblick den Second Paragraph.
Das Beispiel zum Second Paragraph
Im August 2010 steht in den Newstickern «Paris Hilton arrested for cocain possession.» Paris Hilton, das muss man wissen, hat mehrere Millionen Twitter-Follower. In einem Satz lässt sie den Followern umgehend ihre Sicht der Dinge zukommen: «These rumors are so untrue.» Interessant ist für uns an dieser Geschichte, dass das Wynn Hotel in Las Vegas Paris Hilton postwendend mit einem Hausverbot belegte. Dank dieser kleinen Story, lanciert unmittelbar nach erstmaligem Auftauchen der Nachricht über ihre Verhaftung, brachte sich das Wynn Hotel im grossen Stil ins Gespräch.
Zwei Gründe, weshalb es nebst dem Timing das perfekte Beispiel geglückter Echtzeitkommunikation abgibt. Erstens ist Paris Hilton Hotelerbin. Das schafft einen thematischen Bezug. Und zweitens suchen Reporter, Journalisten und Verlagsleute als erstes nach dem Second Paragraph. Paris Hilton verhaftet wegen Kokainbesitzes. Wie lautet der Second Paragraph? Oh, sie hat im Wynn Hotel Hausverbot. Es ist ein wundervoll effektives Konzept, um sich auf Kosten von Ereignissen im Markt Gehör zu verschaffen. Eine halbe Stunde Aufwand und als Resultat 5286 News-Artikel, in denen die Geschichte mit dem Hausverbot Verbreitung fand. Als Marketing- oder Kommunikationsverantwortlicher muss man sich das vorstellen. 5000 News-Artikel als Resultat einer halbstündigen Schreibsession!
Das Konzept ist auf jede Organisationsform anwendbar. Was es braucht, ist das Verständnis dafür, wie sich unerwartete Ereignisse augenblicklich ergeben, wie sie sich mit den Menschen über die Social-Media- Kanäle verbreiten und wie sich der Augenblick zu den eigenen Gunsten nutzen lässt. Das Konzept ist auch bei Krisen anwendbar. Ein bekannter Fall ist jener eines chinesischen Star-Bloggers, der seinen Siemens- Kühlschrank zertrümmert und die entsprechenden Bilder ins Netz stellt. Dem Eklat voraus gingen eine Türe, die sich nicht mehr schliessen liess und der verschwiegene Kundendienst von Siemens. Des Bloggers First Paragraph? «Die deutsche Effektivität ist nicht mehr, was sie einmal war.» Nachdem es auch seitens der chinesischen Presse Kritik hagelte, gingen die verdatterten Siemens-Verantwortlichen auf Tauchstation und engagierten eine PR-Agentur. Wie hätte ein Second Paragraph für Siemens lauten können? «Die hohen Ansprüche des Herrn Bloggers sind gerechtfertigt. Wir verstehen den Ärger und setzen alles daran, die Ansprüche auch künftig erfüllen zu können. Die fehlbaren Geräte werden auf Anfrage überprüft und nötigenfalls kostenlos ausgetauscht. » Diese Antwort, platziert auf dem Blog als Kommentar, wenige Minuten nach Verbreitung der Hasstirade, hätte womöglich gereicht, der ganzen Sache für Siemens ein rascheres und positiveres Ende zu bescheren.
Wie denken Sie über die Möglichkeiten von Instant- Kommunikation im Generellen und dem Second Paragraph im Speziellen? Womöglich eignet sich Ihre Marktsituation ganz besonders dafür. Ihre Gedanken, Strategien, Taktiken und Massnahmen interessieren mich. Bringen Sie sich mit Ihren Ansichten auf www.huerlimanncc.com ins Gespräch.
Beat Hürlimann