WW: Ist diese Berufung überraschend gekommen oder ist die Entwicklung schon früher gereift?
Martin Spillmann:Für mich ist der Vorschlag im ersten Moment überraschend gekommen, aus Sicht von Leo Burnett ist dieser Entscheid aber schon nachvollziehbar. Wir haben im Netzwerk über die letzten Jahre die Rolle der Vorzeigeagentur übernommen. Wir waren in der Kreation Spitze und haben gleichzeitig hervorragende wirtschaftliche Erfolge und Wachstum erarbeitet. Mit dieser Kombination von kreativ und gleichzeitig sehr erfolgreich, wurden wir zu einem Paradebeispiel in diesem Netzwerk. Deshalb ist es nachvollziehbar, dass Leo Burnett nun von dieser Erfahrung profitieren will.
Wie lautet das Briefing für Ihren neuen Job?
Als Executive Creative Director Continental Western Europe bin ich zuständig für Deutschland, Belgien, Frankreich, Spanien, Portugal, Italien und die Schweiz. Mein Job und mein Ziel ist, die kreative Reputation in diesen Ländern weiter voranzutreiben. Was ich aber auch möchte, ist den Austausch unter diesen Agenturen zu fördern. Wir haben das bereits an einem Fall durchgespielt: Wir haben in Zürich eine Präsentation mit Strategen aus Mailand, Produkt-Designern aus Rom und Werbern aus Zürich realisiert. Es war das erste Mal, dass wir über die Grenzen hinweg derart intensiv gemeinsam gearbeitet haben. Und es war eine tolle Erfahrung. Das ist etwas, was ich fördern möchte in den Ländern, in denen ich zuständig bin. Dass man als Kreativer die Chance hat, von der Schweiz aus im einen oder anderen Land zu arbeiten und umgekehrt. Ich bin sicher, dass solche Ideen nicht nur bei den Kreativen in diesen Ländern auf Begeisterung stossen werden.
Wo werden Sie arbeiten?
Das Headquarter von Leo Burnett Europa befindet sich in Mailand. Dort ist auch der europäische CEO Giorgio Brenna stationiert. Ich will aber meinen Wohnsitz in Zürich behalten. Ich werde an der Ämtlerstrasse bei SFLB wie bisher mein kleines Büro haben. Von Zürich aus werde ich reisen und die Agenturen in ganz Europa besuchen.
Da darf man keine Flugangst haben.
Flugangst habe ich zum Glück keine. Ich bin schon seit eh und je immer mit einem Bein im Ausland tätig gewesen. Ich wirkte in New York ein paar Jahre als CD bei Young & Rubicam. Seit mehr als zehn Jahren bin ich im ADC Europe im Vorstand. Von dort her kenne ich schon ziemlich viele Leute in Europa und reise regelmässig herum. Für mich gehört es irgendwie zu meinem Leben, die Grenzen der Schweiz regelmässig zu überschreiten. Ich freue mich aber immer wieder auf das Zurückkommen.
Wie hat sich damals der Kontakt zu Leo Burnett ergeben?
Als Peter Felser und ich damals mit dem Gedanken gespielt haben, eine Agentur zu gründen, kam am Tag X Michael Conrad auf uns zu. Er wusste nichts von unseren Plänen, begann aber zu erzählen, dass Leo Burnett das international kreativste Netzwerk der Welt sei und als solches würde man auch in der Schweiz gerne «etwas haben». Seine Vorstellung war eine Agentur, mit der das Netzwerk kreativ an vorderster Stelle dabei sein könnte – eine Art «Center of Excellence» hier in Zürich. Michael Conrad hat dann in der Folge dieser Unterhaltung den Gedanken eingebracht, dass wir uns eventuell zusammentun könnten. Für Peter Felser und mich hat das Sinn gemacht. Auch wollten wir gleichzeitig einen Zugang, um Accounts von der Schweiz aus international betreuen zu können. Damit wir vor Ort auch im Ausland Abklärungen machen können. Für uns ist aber nur ein Zusammengehen mit einer absolut kreativen Agentur infrage gekommen. So ist am 1. Juli 2002 Spillmann Felser Leo Burnett entstanden als Partner im weltweiten Netzwerk mit heute 96 Agenturen in 84 Ländern.
Wie waren die Besitzverhältnisse?
Leo Burnett hatte eine Beteiligung von 20 Prozent bei unserer Gründung. Aber der Kontakt ist über die Jahre ständig gewachsen. Wir haben uns gegenseitig schätzen gelernt und man hat über die Jahre im Netzwerk auch grossen Respekt vor uns entwickelt. Das Einzigartige bei uns war das regelmässige und kontinuierliche Wachstum. Aber auch, dass wir kreativ in den letzten Jahren ständig unter den ersten drei waren und jetzt sogar die Nummer 1 im Kreativranking sind. Wir sind auch im Effie-Ranking 2012 wiederum die Nummer 1. Aus solchen Erfolgen resultiert Wachstum – und dies zeigt sich natürlich auch im BSW Ranking. Jetzt sind wir grössenmässig mit mittlerweile rund 90 Mitarbeitenden auf Rang 2 der Schweiz.
Wie erklärt sich dieser Erfolg?
Das Tolle daran ist, wenn man realisiert: Wer kreativ hochstehende Werbung macht, die auf einem wahren Kern basiert, welcher der Marke weiterhilft, macht auch effiziente Werbung. Wer so arbeitet, kommt im Kreativ-Ranking vorwärts. Dadurch bekommt man Reputation. Durch die hohe Reputation ergibt sich wieder New Business. Dadurch suchen auch immer wieder neue und gute Leute den Kontakt. So gesehen ist es irgendwie ein Rad, das sich wie automatisch ständig vorwärtsdreht. In diesem Sinn sind wir in Europa in den letzten Jahren im Netzwerk von Leo Burnett zu einem absoluten Vorzeige- Beispiel geworden. Das schlägt sich am Schluss auch monetär in einer guten Performance nieder. Und das ist auch der Grund, wieso das Netzwerk gerne mit mir weiterarbeitet.
Was bleibt von Ihrem Engagement in Zürich?
Ich werde bis auf weiteres meine Erfahrungen als VR-Präsident der Agentur zur Verfügung stellen. Zudem werde ich die Verantwortung in der Schweiz gleich wahrnehmen wie für die Länder, die ich aufgezählt habe. Ich werde vor allem dort vermehrt zuständig sein, wo ein Handlungsbedarf besteht. Weil ich für Europa aber von Zürich aus operativ tätig bin, wird Zürich immer ein bisschen mein Baby bleiben. In der Schweiz ist es aber so, dass Peter Felser und ich uns zunehmend zurückziehen, nachdem wir im letzten Jahr noch intensiv in Sachen New Business tätig waren und zum Beispiel für Marken wie Victorinox oder Chocolat Frey die Grundlagen für die Markenwerbung von der Positionierung bis zum kreativen Insight erarbeitet haben. Die Mitglieder der neuen Geschäftsleitung sollen SFLB nun weitgehend selbstständig führen und auch entsprechend Verantwortung übernehmen.
Haben Sie bereits konkrete Ideen für die Verwirklichung Ihrer internationalen Ziele?
Was ich bereits mache – und das basiert auf einer meiner absolut besten Ideen, die ich in der Vergangenheit hatte: Ich lanciere den sogenannten Kreativ- Tag. Den habe ich bereits 2002 in Zürich eingeführt, im ersten Jahr unserer Agentur. Der Kreativ-Tag findet einmal pro Monat statt. An diesem Tag werden alle Kreativen zusammengenommen und in Gruppen aufgeteilt – unabhängig von Alter, Funktionen und Titel. Da kann ein Stift mit dem CD zusammengewürfelt werden oder zwei AD und ein Texter. Alles wird durcheinandergemischt und so ergeben sich Teams mit Leuten, die sonst nie miteinander näher zu tun haben. Am Morgen um neun Uhr wird gebrieft. Und zwar auf einem realen Briefing von einem realen Kunden. Anschliessend wird in den Teams ein Tag lang nach Ideen gesucht. Um 17 Uhr kommt man wieder zusammen für die Präsentation. Hier müssen alle vor den anderen ihre Ideen zeigen. Auf diese Art sind bei uns im Haus schon ganz tolle Ideen entstanden wie zum Beispiel «Mary Woodbridge», «Ferien ohne Internet» oder «WOZ kauft UBS». Der grosse Gewinn dabei ist, dass die Kreativen einen Tag lang absolut ungestört arbeiten können und jeder eine Chance bekommt, auf einem inspirierenden Briefing sein Bestes zu geben.
Das wollen Sie international einführen?
Ja, das ist eine der Massnahmen, die ich auch in Europa einführen will. Natürlich wird das bei Grossagenturen nicht mehr mit allen Leuten auf einmal möglich sein. Ich denke an abwechslungsweise 18 Kreative, was sechs Gruppen zu jeweils drei Leuten ergibt. 18 Leute bilden eine Grösse der Gruppe, die immer noch Diskussionen zulässt und bei der sich jeder einbringen kann. Eine weitere Entwicklung ist, dieses Konzept nachher auch länderübergreifend zu initiieren. Ich will je drei Leute aus Italien, Spanien, Portugal, Deutschland und der Schweiz zusammenwürfeln und auf einem Briefing arbeiten lassen.
Die kreative Antwort auf die Globalisierung?
Man kann dem so sagen, ja.
Was erwarten Sie von diesem Input?
Damit lassen sich neue Talente entdecken. An unseren bisherigen Kreatagen war ich schon oft erstaunt, wer welche Ideen liefert. Plötzlich kommt eine Idee von jemandem, der bis jetzt noch nie aufgefallen ist, und dann stellt man erstaunt fest: Die tollen Ideen kommen gar nicht immer vom grossen Chef. Solche neu entdeckten Talente will ich dann fördern.
Und Sie als grosser Chef: Wird ein solcher in Paris oder Rom mit offenen Armen empfangen oder kommt jetzt halt der Inspektor aus der Schweiz?
Bei den ersten Kreatagen, die ich bereits durchgeführt habe, konnte ich tolle Reaktionen erleben. Die Kreativen sind begeistert von der Arbeit genauso wie die CDs begeistert sind von den entstandenen Ideen. Man redet über die gemachten Erfahrungen und will weiter solche machen. Dabei ist es entscheidend, dass die Workshops immer für einen echt existierenden Kunden stattfinden. Es dürfen keine Fakes erfunden werden, sondern Ideen auf realen Briefings relevanter Marken. So kann man es auch verantworten. Man wendet nicht Zeit auf, um irgendeinen Award für eine nicht existierende Aufgabe zu gewinnen, und stiehlt diese Zeit auch nicht von anderen Kunden. Man bündelt die Ressourcen für ein Problem, das man tatsächlich lösen will, und gibt dort für einen Kunden das Maximum.
Viele sagen, es gibt zu viele Awards.
Es hat sich eine grassierende Award-Flut entwickelt und wahrscheinlich muss unsere Branche irgendwann mal diejenigen herauskristallisieren, die eine Relevanz haben im Markt. Zugleich sind Awards trotzdem etwas Nötiges. Die Awards sind ein Benchmark für alle Beteiligten. Die besten Arbeiten sind intelligent, involvierend und machen Spass. Ausserdem kann man von ihnen auch lernen. Ein Award ist eine Motivation für viele Kreative, damit sie sich irgendwo messen und herausfinden können: Wo stehe ich in diesem weltweiten Ideen-Business?
Wie ist Ihre Macht definiert als europäischer CD? Daumen hoch oder runter zum Beispiel bei einer neuen Kampagne in Belgien?
Ich beurteile Ideen mit den zuständigen Leuten. Am Schluss gibt es von mir eine Empfehlung: Welche Kampagne würde ich weiterverfolgen und welche präsentieren? Ich diskutiere das mit den örtlichen Kreativchefs. Diese zeigen sich froh, dass jemand von aussen kommt und sagt, in welche Richtung man etwas entwickeln könnte. Das wird geschätzt.
Kann Martin Spillmann einen Stil für Leo Burnett Europa mit prägen?
Es geht nicht darum, einen einheitlichen Stil zu prägen, sondern es geht um eine Haltung. Wir wollen mit populären Kampagnen Marken bewegen. – Mit Kampagnen, die den Menschen respektiert und seine Bedürfnisse ins Zentrum stellt. Kampagnen, die als Ziel Verhaltensänderungen zum Wohl der Menschen beinhalten können. Ob die realisierten Kampagnen den gestellten Anforderungen entsprechen, beurteilen wir im Netzwerk viermal pro Jahr mittels des sogenannten «Global Product Committee»-Meetings unter der Leitung von Mark Tuttsel, dem weltweiten CD von Leo Burnett. Ein Meeting, das abwechslungsweise immer in einem anderen Land stattfindet und an dem das globale Netzwerk mit rund 20 seiner besten Kreativen vertreten ist. Dort werden die Arbeiten nach dem «7+System» juriert, das seinerzeit von Michael Conrad für Leo Burnett entwickelt wurde und auch dem ADC Schweiz als Entscheidungshilfe dient. Ergänzt wird dieses System heute durch «Human Kind», einer Philosophie von Leo Burnett, welche besonders jene Kampagnen und Massnahmen von Marken honoriert und fördert, welche einen relevanten Beitrag zu Problemlösungen unserer Zeit beinhalten. Dies sowohl in ökologischen, aber auch in sozialen Belangen. Meine Arbeit besteht nun im Coaching und Entwickeln neuer Markenideen, welche diesen Anforderungen entsprechen. So wird von mir verlangt, dass ich die Marke Leo Burnett mit präge und ganz klar sage, was gut und was weniger gut ist.
Gibt es aktuell Baustellen im Netzwerk?
55 Löwen hat das Netzwerk weltweit im letzten Jahr gewonnen. 7 sind nach Italien gegangen, 4 in die Schweiz, 3 nach Belgien. Das heisst eigentlich: Europa steht ganz gut da. Aber auch wir haben gewisse Länder, die sich momentan nicht so erfolgreich nach vorne bewegen. Dort muss ich analysieren, wie wir das weiter vorantreiben können. Vor allem aber geht es darum, diesen Standard der momentan erfolgreichen Agenturen wahren zu können oder nach Möglichkeit sogar hinaufzusetzen. Es gibt aber Länder, bei denen es nicht einfach wird. In Spanien oder Portugal leidet die Werbung sehr stark unter der schlechten Wirtschaftslage.
Was ist Ihre Motivation für diese Verantwortung?
Ich finde es schön, dass ich mich von etwas, das ich lange und gerne gemacht habe, wieder verlagern kann auf etwas Neues. Ich verspreche mir viel davon, im Austausch mit den verschiedenen Kreativen aus den verschiedenen Ländern und vor allem auch mit den jungen Talenten selber auch noch ein bisschen jung zu bleiben. Und ganz klar: Ich erwarte schon, dass Leo Burnett nach wie vor eine herausragende kreative Agentur bleibt – oder sogar noch besser wird. Ich will dazu meine Erfahrung, die ich in den vielen Jahren erarbeitet habe, anderen weitergeben können und zugänglich machen. Ich will die Grenzen, die zwischen den Ländern existieren, ein bisschen auflösen im Sinne von Zusammenarbeit: über verschiedene Grenzen hinaus mit verschiedenen Leuten gemeinsam etwas entwickeln, um das einem Kunden zugute kommen zu lassen. Das wäre mein Fernziel.
Im Vorwort zum letzten Epica-Buch haben Sie im Stil der «Wendesätze» ihrer Agentur geschrieben: «I never want to work in advertising is great.» Wie sind Sie eigentlich in die Werbung gekommen?
Es ist tatsächlich so gewesen, dass ich in jungen Jahren nicht in die Werbung wollte. Ich habe nach einer Grafikerlehre zuerst ein paar Jahre selbstständig gearbeitet. Ich habe illustriert und fotografiert und mich lange darum gewunden, wirklich in die Werbung zu gehen. Irgendwann bin ich als Freelancer trotzdem in die Agenturen gekommen und habe gemerkt, dass ich gerne mit Leuten zusammenarbeite, und zwar gerne mit vielen Leuten. Aber ich habe auch schnell gemerkt, dass das Ganze ein Ideen- Business ist und ich nicht gerne die Idee von jemandem anderen ausführe. Ich mache lieber das Umgekehrte und lasse meine Idee von jemand anderem ausführen. Von dem her ist «working in advertising» für mich inzwischen «great».
Die Werbung entwickelt sich rasant. Welche Formen werden aussterben?
Eigenwerbung, um das Gegenüber zu beeindrucken, wird es wahrscheinlich immer geben, sonst müsste die Menschheit aussterben.
Auch Sie wollen noch einmal weiter beeindrucken: Der Ruhestand kann warten?
Es geht mir nicht ums Beeindrucken, sondern darum, dass mir mein Beruf und die gesamte Branche gefällt und noch immer grossen Spass macht. Ich werde jedoch in Zukunft trotz den neuen Aufgaben versuchen, mehr Zeit für meine Familie und mich selber zu haben.
Interview: Andreas Panzeri