Multimediale Allrounder
Mediamatiker werden als Alleskönner gehandelt, die in der multimedialen Kommunikationswelt vielseitig einsetzbar sind. Auch in Agenturen und bei Medienproduzenten? Die Werbewoche hat bei Kommunikationsdienstleistern nachgefragt, die Mediamatiker-Lehrlinge ausbilden.
Kommunikation ist multimedial. Das hört sich trivial an. Die Umsetzung ist hingegen alles andere als einfach. Auf Websites präsentieren sich Unternehmen nicht nur mit Bild, Grafik und Text, sondern auch mit Film und Ton. Über Suchmaschinen wollen sie gefunden werden, ihre Kundenbeziehung über Social Media pflegen, gedruckte Mailings versenden und Onlinewerbung schalten. Dafür braucht es Fachspezialisten: Programmierer, die komplexe Suchalgorithmen entwerfen; Kommunikationsspezialisten, die verständlich und elegant formulieren; Grafiker, die gestalten; Regisseure und Produzenten, die entsprechende Filme liefern.
Neben all den Spezialisten sind jedoch auch Fachkräfte nötig, die die Lücke zwischen den Disziplinen schliessen. Solche, die von allen Bereichen etwas verstehen. Diesen Anspruch hat der Beruf des Mediamatikers. Mediamatiker sind Allrounder, die sich in Informatik, Technologie und Multimedia genauso auskennen wie in Marketing, Gestaltung und Administration. Sie bilden die Schnittstelle zwischen Anwender und Spezialist. Einfache Programmierungen übernehmen Mediamatiker gleich selbst, sie designen und betreuen Websites und bereiten Bilder und Filme fürs Web vor. Mit dem Grafiker besprechen sie, wie ein Flyer gestaltet und gedruckt werden soll, oder sie diskutieren mit einem Kunden über ein neues Marketingprojekt.
Durch ihre vielseitigen Kenntnisse sind Mediamatiker in den unterschiedlichsten Bereichen beschäftigt. In der Marketingabteilung eines KMU, bei Telecomdienstleistern, in einer Druckerei oder bei Kommunikationsdienstleistern. Wie gut sind die Allrounder bei Letzteren aufgehoben? Die Werbewoche hat sich bei Web-, Kreativ- und Kommunikationsagenturen sowie einer Produktionsfirma erkundigt, die Mediamatiker-Lehrstellen anbieten – und dabei Agenturleiter und die Lehrlinge selbst zu Wort kommen lassen.
Konzeption, Kreativität und Technik
«Die Kompetenzen von Mediamatikern in den Bereichen Multimedia, Design, Marketing, Informatik und Administration lassen sich sehr gut in einem Medienproduktionsunternehmen wie Condor Films einsetzen», erklärt Markus Röthl, Head Business Technology bei Condor Films den Grund, weshalb das Unternehmen seit letzten Sommer einen Mediamatiker- Lehrling beschäftigt. Als «technisch Kreative » könnten Mediamatiker mit allen sprechen. So arbeitet der Mediamatiker-Lehrling bei Condor Films in Projekten mit Konzeptern, Grafikern, Videoeditoren, Motion-Graphics-Designern und Audio-Video- Technikern zusammen. Bereits den zweiten Mediamatiker-Lehrling bildet Wirz Werbung aus. Dass Wirz als Werbeagentur nicht nur den konzeptionellen Bereich abdeckt, sondern auch die Umsetzung übernimmt, passe gut zum Berufsbild Mediamatiker, meint Colmar von der Goltz, Beratungsgruppenleiter bei Wirz Werbung. «Mediamatiker sind konzeptionell und technisch gefordert.» Konkret bedeutet dies, dass der Mediamatiker-Lehrling bei Wirz beispielsweise die Gestaltung von Websites übernimmt, programmiert, gleichzeitig aber in die Konzeption involviert ist. «Die Technologie als Teil der kreativen Wertschöpfung ist für eine qualitativ hochstehende Umsetzung essenziell», ist von der Goltz überzeugt. Maxomedia hatte ursprünglich mit einem Informatiker geliebäugelt. Schliesslich entschied sich die Berner Agentur aber dafür, per August einen Mediamatiker-Lehrplatz zu schaffen. Maxomedia verkörpere sämtliche Bereiche, mit denen sich Mediamatiker befassten, begründet Philipp Tellenbach, Leiter HR und Finanzen, den Entscheid zugunsten des Mediamatikers. «Das Kreative – durch eine starke Kreation, das Digitale – durch eine Inhouse-Entwicklungsabteilung sowie das Betriebswirtschaftliche beziehungsweise Kaufmännische – durch die Beratung und unsere Service-Unit.»
Ähnlich sieht man es bei Dotpulse. «Als Webagentur arbeiten wir im Dreieck Informatik, Gestaltung und Beratung beziehungsweise Projektmanagement. Mediamatiker sind Generalisten und dadurch offen für alle diese Bereiche», so Creative Director Christian Erni. Als mögliche Einsatzbereiche eines Mediamatikers nennt Erni unter anderem Front-End-Programmierung, die Website-Pflege, Auftragsabwicklung und administrative Tätigkeiten wie Aufträge bearbeiten und abwickeln.
Der erste Lehrling wird bei Dotpulse im Sommer beginnen. Doch bereits überlegt man sich, eine weitere Lehrstelle zu schaffen. «An solchen Arbeitskräften mangelt es», sagt Erni. Dies unterstreicht man auch bei der Agentur Eyekon, die seit letztem August einen Mediamatiker-Lehrling ausbildet und damit nicht zuletzt dem Fachkräftemangel entgegenwirken will. Allerdings tönt es hier etwas anders: Als Webagentur sei Eyekon insbesondere auf Fachspezialisten angewiesen, wie Jonas Fahrni, technischer Leiter und Berater bei Eyekon sagt. Von Generalis ten auf Unternehmerseite würde dagegen auch die Agentur profitieren, ergänzt Fahrni. Denn ein Ansprechpartner auf Kundenseite, der sich mit Medien auskennt, erleichtere die Zusammenarbeit.
Zuerst die Schulbank drücken
Unabhängig vom Lehrbetrieb: Die vierjährige Lehre beginnt für viele Mediamatiker mit einem sogenannten Basislehrjahr. Das weitverbreitete Modell wird in verschiedenen Kantonen angeboten, in Bern etwa durch das ICT Berufsbildungscenter, in Zürich durch ZLI Zürcher Lehrbetriebsverband ICT. Bevor die Lehrlinge in die Arbeitswelt einsteigen, erarbeiten sie in der Schule die Grundkenntnisse in Technik, Gestaltung und Konzeption. Der Vorteil liegt auf der Hand: Wenn die angehenden Mediamatiker danach in den Betrieb wechseln, müssen nicht mehr von Grund auf alles lernen. Im Basislehrjahr haben sie bereits das eine oder andere Projekt umgesetzt, die Palette der Adobe-Programme kennen gelernt und Grundkenntnisse in Webtechnologien erworben.
Das Basislehrjahr stellt insbesondere für kleinere und mittlere Lehrbetriebe eine Entlastung dar. Vier der sechs angefragten Agenturen haben sich denn auch für dieses Modell entschieden. Die Lehrlinge bei Dotpulse, Wirz Werbung und Condor Films haben alle das Basislehrjahr besucht – oder sind momentan daran. Bei der Online-Kommunikationsagentur Notch Interactive hat Lehrling Jack Benz sogar zwei Jahre lang die Schulbank gedrückt. Ein spezielles Modell, wie es die Privatschule SBW Neue Medien in Romanshorn anbietet. Erst im dritten Lehrjahr ist Benz bei Notch Interactive in der Kreation eingestiegen, wo er derzeit im Bereich Screen- Design tätig ist.
Auf ein Basislehrjahr verzichtet haben dagegen Maxomedia und Eyekon. «Maxomedia hat sich dafür entschieden, den Lehrling von Beginn weg im Betrieb auszubilden», so Tellenbach. «Wir können alle Themenbereiche abdecken, die für die Mediamatiker- Ausbildung von Bedeutung sind.» Ohne Basislehrjahr auszukommen bedeutet allerdings mehr Aufwand für den Lehrbetrieb, wie man bei der Agentur Eyekon weiss, deren Lehrling letzten Sommer direkt im Betrieb gestartet ist. «Der Aufwand ist überproportional – insbesondere im ersten Lehrjahr », erklärt Fahrni. «Erst im Laufe der Lehrzeit werden sich die Bemühungen rechnen, wenn einzelne Teilprojekte an den Lehrling abgegeben werden können.» Für einen nächsten Lehrling würde die Agentur deshalb ein Basislehrjahr ins Auge fassen. Gar nicht traurig darüber, das Basislehrjahr verpasst zu haben, ist dagegen Lehrling Armon Ruetz. Dass er sofort bei Eyekon beginnen konnte, betrachtet er als einen Vorteil. So habe er vom ersten Lehrtag jene Kompetenzen erwerben können, die in der Agentur gefragt sind.
Vom Allrounder zum Spezialisten
Verglichen wird die Mediamatiker-Lehre gerne mit der kaufmännischen Ausbildung. Denn gleich wie die KV-Lehre bietet auch die Mediamatiker-Ausbildung eine weitgefächerte Grundausbildung, nach der den Lehrlingen viele Türen offen stehen. Mindestens 60 Prozent der Lehrlinge absolvieren bereits während der Lehre die Berufsmittelschule, wie Simon Hefti, Teamleiter Basislehrjahr Mediamatik beim ZLI Zürcher Lehrbetriebsverband ICT erklärt. Danach bildet sich ein hoher Anteil auf Bachelor- Stufe weiter, studiert an einer Fachhochschule, zum Beispiel Wirtschaftsinformatik, Multimedia Production oder Marketing – oder besucht an der Fachhochschule Nordwestschweiz (FHNW) den Informatik- Studiengang «iCompetence», der die Bereiche Informatik, Design und Management verbindet. Neben den Fachhochschulen stehen den Lehrabgängern Weiterbildung an höheren Fachschulen oder der Erwerb des eidgenössischen Fachausweises offen. Wer sich nicht ausserbetrieblich weiterbildet, spezialisiert sich on the job. Bei Maxomedia etwa sind zwei ausgebildete Mediamatiker im Front-End- Bereich als Web-Entwickler beschäftigt. In welche Richtung es nach der Lehre auch gehen mag. Eines bleibt für alle Abgänger gleich. Wer in der sich rasant entwickelnden Branche bestehen will, muss flexibel und neugierig sein. «Mediamatiker müssen Leidenschaft für die digitale Kommunikation mitbringen», ist Peter van der Touw, CEO bei der Onlineagentur Notch Interactive, überzeugt. «Wer nicht die nötige Passion mitbringt und sich mit Freude mit dem Thema auseinandersetzt, ist schnell weg vom Fenster.»
Isabel Imper















