Apple hat's mit den Medienhypes rund um die Lancierung neuer iPhones vorgemacht, nun versucht Google, diesem Vorbild nachzueifern. Das Objekt, das frenetische Begierde wecken soll, heisst Google Glass: Ein Mini-Bildschirm wird mit einem Brillengestell (mit oder ohne Korrekturgläser) vors Auge gehängt. Wer so ausgerüstet ist, kann jederzeit mühelos aufs Netz zugreifen, um zu telefonieren, per Spracheingabe Suchanfragen zu starten, neue Mitteilungen zu lesen, Fotos oder Videos aufzunehmen und sich überhaupt die Welt erklären zu lassen. Eigentlich nichts, was mit einem modernen Smartphone nicht auch erledigt werden könnte, aber eben anders. Wer sich auf sein Smartphone konzentriere und auf dem Bildschirm herumwische, isoliere sich damit in der Gesellschaft, und es fühle sich irgendwie «entmännlichend» an, sagte Google-Co-Gründer Sergey Brin anlässlich eines Spontanauftritts an einer TED-Konferenz Ende Februar. Auch wolle man der Vision näher kommen, dass, wer Informationen brauche, dazu keine Suchanfragen mehr starten müsse, sondern sie einfach dann erhalte, wenn sie benötigt würden.
Wie «cool» sind wandelnde Überwachungskameras?
Doch anders als bei Apple, dessen iPhone mit Ästhetik überzeugte, bringen die aufkommenden Datenbrillen zum Teil ungewohnte Neuerungen mit sich, weshalb viele Zeitgenossen darauf ablehnend reagieren, und dies zwar zum Teil sehr heftig, wie ein Blick in die zahlreichen Blogeinträge und -kommentare erkennen lässt. So wird klar, dass die Lancierung von Google Glass von einem facettenreichen und tiefgreifenden gesellschaftlichen Diskurs über zum Teil fundamentale gesellschaftliche Fragen, wie etwa den Umgang mit der Privatsphäre im Zeit allgegenwärtiger und vernetzter Systeme, begleitet sein wird. Vor allem die eingebaute Kamera samt Mikrofon ruft besonders heftige Kontroversen hervor. Das war schon so, als mit den Smartphones Kameras allgegenwärtig wurden. Doch war es immer noch erkennbar, wenn jemand damit Aufnahmen machte, und es konnte darauf reagiert und allenfalls interveniert werden. Mit Glass ist nicht mehr erkennbar, ob nun Aufnahmen gemacht werden oder nicht. Wären solche Aufnahmen nur für den Eigengebrauch des Glass-Trägers bestimmt, würde das Thema wohl weniger heisse Köpfe hervorrufen. Doch eine Cyber-Brille kommt nicht allein: Glass funktioniert (per Bluetooth) zusammen mit dem Smartphone, und dieses wiederum ist über Datenfunk (WiFi oder GSM/UMTS/LTE) mit Rechnern in der ganzen Welt verbunden. Nur so lassen sich viele der «coolen» Anwendungen realisieren, die Daten- schützern das Blut in den Adern gefrieren oder kochen (je nach Temperament) lassen. Wer etwa als Tourist durch eine fremde Stadt wandelt und sich dabei per Glass die Sehenswürdigkeiten erklären und die angesagten Treffpunkte finden lässt, wird dazu Bild- und Geodaten zu Google übermitteln, damit die Bilderkennung und -auswertung vorgenommen werden kann. Kritiker monieren, dass dabei auch Personendaten (Gesichter) von Unbeteiligten mitausgewertet und solche Daten unkontrolliert lange gespeichert werden könnten, und dies erst noch im Ausland. Glass-Träger würden so zu potenziellen wandelnden Überwachungskameras und damit die schlimmsten Big-Brother-Vorstellungen übertroffen.
Und so offenbaren sich bei näherer Auseinandersetzung mit Glass zahlreiche weitere Bereiche, da Datenbrillen Veränderungen bringen, die zwar vorteilhaft, aber ungewohnt sind. Viele werden Datenschützer auf den Plan rufen, wie etwa die Verwendung der Videokamera. Das gilt auch für die Schweiz, wo die Videoüberwachung durch Privatpersonen durch das Bundesgesetz über den Datenschutz geregelt und zahlreichen Einschränkungen unterworfen ist. Bei der sich abzeichnenden Debatte um die Verwendung von Glass wird es nicht nur um rechtliche oder politische Fragen, sondern auch um gesellschaftliche Normen gehen: Ist es ok, jemanden in einem Vieraugengespräch mit aufgesetzter Datenbrille zu begegnen? Kann man eine solche Person auffordern, darauf zu verzichten? Wie ist es, wenn das Gegenüber etwa sehbehindert ist und die Datenbrille (auch) als Sehhilfe benutzt? Darf Glass im Strassenverkehr benutzt werden? Nach Ansicht von Google hat Glass ein «enormes Potenzial», um die Sicherheit auf unseren Strassen zu verbessern und die Zahl der Unfälle zu reduzieren. Doch bereits gibt es im US-Bundesstaat West Virginia eine Vorlage für eine Gesetzesänderung, mit der die Benutzung von Geräten wie Glass im Strassenverkehr untersagt werden soll. So wird klar, dass sich auch die Politik mit Glass wird befassen müssen. Dabei könnten gerade Politiker zu den häufigsten Anwendern von Datenbrillen zählen, was absehbarerweise unterschiedlich goutiert werden wird: Greifen sie etwa in Streitgesprächen (man denke an eine Arena-Runde) per Glass lediglich auf einige selbst verfasste Notizen zurück, oder erhalten sie dort laufend neue Argumente von ihrem Beraterstab samt dazugehörigen Lobbyisten zugespielt?
Keine Werbung auf Glass?
Google übernimmt mit Glass eine Vorreiterrolle und wird das Gros der Kritik auf sich ziehen. Das mag mutig oder naiv sein – falsch wäre es, die Thematik durch einen Google-Hass zu beschweren. Denn Digitalbrillen sind längst nicht nur eine Allüre der Google- Chefs. Es kursieren Gerüchte und Vermutungen, Microsoft werde 2014 mit einem ähnlichen Produkt auf den Markt kommen, und in China hat der grösste Suchmaschinenbetreiber Baidu angekündigt, mit Baidu Eye ein vergleichbares Produkt zu entwickeln. Und von Facebook-Chef Marc Zuckerberg wird berichtet, er könne es kaum erwarten, Google Glass zu benutzen, und habe dafür auch schon eine eigene Entwicklungsabteilung bereit gestellt. So erstaunt es denn nicht, dass erste Medienunternehmen, wie etwa die New York Times, begonnen haben, ihre Inhalte speziell für Glass aufzubereiten. Gemäss ersten Informationen zur Programmschnittstelle von Google können Informationsströme abonniert werden, die in so genannten Karten (cards) aufgeteilt sind, die auch Rich Media wie etwa Bilder enthalten können. Karten können zu Bündeln (bundles) zusammengefasst werden, und Optionen wie etwa «teilen» oder «vorlesen» erlauben verschiedene Interaktionen. Da kaum jemand grössere Texte wird konsumieren wollen, geht es vor allem um Schlagzeilen, damit Benutzer während des Tages, wann immer sie gerade Zeit dazu haben, sich über die Aktualität auf dem Laufenden halten können. Was interessiert, kann etwa auf das eigene Tablett geschickt werden, um dort später ausführlich konsumiert zu werden.
Wer über Werbung per Glass nachdenkt und dabei ins Träumen gerät, wird zuerst die Beteuerung von Google zur Kenntnis nehmen müssen, auf Glass werde es keine Werbung geben. Auf jeden Fall ist es einfach vorstellbar, dass etwa ein News-Angebot für Glass auch Karten mit Werbebotschaften enthält. Diese können die ganze Karte umfassen oder nur einen Teil davon und werden wohl immer auf das Profil des jeweiligen Benutzers abgestimmt sein. Doch darüber hinaus gibt es auch Werber-Phantasien über den Einsatz von Glass, die zumindest vorderhand skeptisch zu beurteilen sind. Etwa Rabatt- Coupons, um Kunden ins Geschäft zu locken, an dem sie gerade vorbei laufen. Oder per Bildanalyse anzeigen, wo das Kleid oder die Krawatte gekauft werden kann, die einem gerade begegnet ist. Oder die reale Welt in eine Spielumgebung verwandeln (Branded Entertainment mittels Augmented Reality). Solcherlei wird wohl deshalb noch auf längere Zeit Fiktion bleiben, weil die meisten Benutzer kaum bereit sein werden, ihre Aufenthaltsdaten freizugeben oder ihr kostbares Datentransferguthaben dafür einzusetzen, um laufend Videodaten an Google zu übermitteln, damit diese ausgewertet und per Profilabgleich zu Werbebotschaften führen, die den Benutzern im Glass-Bildschirm angezeigt werden. Kommt dazu, dass heute noch viele Webauftritte selbst bedeutender Marken noch nicht einmal für Smartphones optimiert sind und deshalb eine Adaptierung für Datenbrillen erst in Frage kommen wird, wenn die Aussicht gegeben ist, dass sich der Zusatzaufwand lohnen wird.
Das setzt voraus, dass Datenbrillen rasch massengängig werden. Glass-Enthusiasten verweisen darauf, dass neue Technologien sich immer rascher beim Publikum durchsetzen. So ist der Smartphone- Boom zehnmal schneller vonstatten gegangen als noch die PC-Revolution in den 1980er-Jahren. Noch ist offen, ob Glass zu einem Renner wird und wann die Geräte in der Schweiz in den Verkauf kommen werden (in den USA soll dies noch vor Ende dieses Jahres der Fall sein). Doch eines ist klar: Datenbrillen werden in den kommenden Monaten zunehmend zum Thema werden. Und so wird es interessant sein, das Thema Glass vor Augen zu behalten und zu beobachten, wie sich etwa diese Aspekte entwickeln werden: Wird Glass für Google zum Erfolg, oder wird damit die eigene Marke beschädigt? Wie (wenn überhaupt) werden Glass und Konsorten im Schweizer Markt auftauchen, und welche Debatten wird dies auslösen? Welche konkreten Chancen ergeben sich mit Datenbrillen für Medienunternehmen und die Werbung?
Christoph J. Walther
Als erstes Medienunternehmen hat die New York Times aufgezeigt, wie Google Glass im Medienbereich eingesetzt werden kann: Schön aufgemachte Schlagzeilen sollen die Benutzer während des Tages über das aktuelle Geschehen auf dem Laufenden halten.