Marco Bernasconi, Direktor (l.), und Jürg Weber, Verwaltungsratspräsident der WEMF AG für Werbemedienforschung.
WW: Die TV-Branche ist seit bald einem halben Jahr ohne Nutzungsdaten. Wie würden Sie diese Situation bezeichnen?
Marco Bernasconi: Würde dasselbe uns passieren, wäre das für uns ein Super-GAU. Jürg Weber: Man kann es als Katastrophe bezeichnen. Denn die Auftraggeber, die auf die Daten angewiesen sind, stehen vor einer Black Box. Das ist dramatisch.
Der Printbranche steht ebenfalls eine neue Erhebungsmethodik bevor (siehe Kasten ). Ist eine solche Katastrophe auch möglich?
Bernasconi: Nicht im gleichen Ausmass. Im Gegensatz zu Mediapulse haben wir diverse Vorteile: Mit den Vorbereitungen haben wir schon vor drei Jahren angefangen. Und wir machten in den Wirtschaftsgebieten 43 (ZH) und 12 (VD) einen 1:1-Test, der aufzeigte, wie sich die neue Methodik auf die Resultate auswirkt. Die Zwischenresultate weisen nun genau in dieselbe Richtung. Das konnten wir in allen Gremien auch so kommunizieren. Da zudem nichts Unerklärliches auftauchte, wissen wir, dass die Methode valid ist. Ein weiterer Vorteil: Unsere Feldstudie ist seit Ende April abgeschlossen, alle Daten sind «im Kasten». Hinzu kommt, dass unsere Forschungskommission, die aus Wissenschaftlern und Marktforschern besteht, den ganzen Prozess von Anfang begleitete und jeden Schritt überprüfte. Trotzdem lassen wir aber den Champagner erst am 18. September knallen.
Grundsätzlich bestehen zwei mögliche Problemfelder: Zum einen kann bei der Methodik etwas schief laufen, zum andern weiss man nie, wie der Markt reagiert. Zum Ersten: Die Methodik haben wir im Griff. Aber man weiss nie, ob ein Kunde mit den Daten unzufrieden ist und den juristischen Weg beschreitet.
Eine superprovisorische Verfügung gegen die Freigabe der Daten schliessen Sie somit nicht aus.
Weber: Nein. Doch wenn jemand ein Resultat nicht nachvollziehen kann, dann vermutlich eines der eigenen Titel. Deshalb würde er wohl verlangen, dieses nicht zu publizieren. Es käme also kaum zu einer Totalblockade.
Bisher mussten die Verleger die halbjährliche Publikation der MACH Basic nicht abwarten: Sie konnten auch die vierteljährlichen Zwischenresultate beziehen und waren so über die Leserschaftsentwicklungen ihrer Titel ständig à jour. Wie ist dies nun vor der MACH3: Kennen die Verleger die Zwischenresultate schon?
Bernasconi: Ja, die meisten Verleger kennen ihre Gruppenwerte, aber nur auf der Basis der Sechs- und der Neun-Monatswerte. Die Werte der einzelnen Titel werden in diesen Tagen systematisch mitgeteilt. Immer mit dem Vorbehalt, dass sich noch etwas ändern kann.
Diese Vorabinformation ist ein wichtiger Unterschied zu Mediapulse.
Er ist sogar sehr wichtig. Ich hätte mir nicht vorstellen können, dass wir Daten publizieren, ohne die Kunden vorab zu informieren. Dafür ist die Sache zu komplex.
Gab es denn Verleger, die mit ihren Zwischenresultaten nicht einverstanden waren?
Weber: Ja. Im Unterschied zur TV-Branche ist es aber so, dass unser Gegenüber in der Regel mehrere Titel besitzt. Das ist ein Vorteil, weil sich die neue Erhebung dann im selben Verlag je nach Titel und Gegebenheit unterschiedlich auswirkt. Damit sind die Einflüsse der veränderten Parameter meist recht gut erklärbar. Ich nenne hier nur ein Beispiel: Weil die Befragten nun während den Interviews auch die Titellogos sehen, ist die Verwechslungsgefahr kleiner. Einige Titel leiden natürlich darunter.
Ist die Vermutung richtig, dass primär Verleger kleinauflagiger und regionaler Titeln mehr Mühe haben, die neuen Zahlen zu akzeptieren.
Bernasconi: Nein, das ist falsch.
Weber: Mein Eindruck ist, dass die regionalen und lokalen Titel recht stabil bleiben. Auch die Typologien bleiben in sich recht stabil. Es gibt aber einzelne Titel, bei denen verschiedene Faktoren mitspielen, insbesondere das verminderte Verwechslungspotenzial.
Einige Titel, die früher relativ viele Leser pro Exemplar hatten, haben nun weniger. Die Währung wird also härter.
Trotzdem, die neue Methode enthält auch Zündstoff: Die Zahl der Interviews wurde von bisher 23 500 auf 19 000 reduziert (-20%). Das vermindert die Fallzahlen insbesondere für kleinauflagige und regionale Titel.
Bernasconi: Das ist richtig. Die Interviews mussten wir aus Kostengründen reduzieren. Aber wir haben vorgesorgt, indem wir einerseits bei kleineren Titeln mehrere Erhebungsperioden zusammenfassen und einen rollierenden Prozess einführen und andererseits die bis anhin proportional über das Untersuchungsgebiet verteilte Stichprobe neu leicht disproportional aussteuern. Dadurch werden die Ergebnisse stabiler. Und mit 19 000 Interviews sind wir im internationalen Vergleich immer noch hervorragend.
Ein weiterer Punkt: Dank der neuen Rekrutierungsart können rund 20 Prozent der Bevölkerung, die bisher nicht mehr erreicht werden konnten, wieder kontaktiert werden. Damit entspricht das Universum wieder 100 Prozent der Bevölkerung. Gleichzeitig aber wurde die Zahl der Interviews um 20 Prozent reduziert. Beides zusammen bedeutet, dass nun jedes Interview deutlich mehr Personen repräsentiert und sich somit jede Antwort stärker als bisher auf das Ergebnis auswirkt.
Bernasconi: Die Stichprobenbasis wurde um vorher nicht erreichte Zielgruppen erweitert, das ist richtig. Damit ist die Befragung noch repräsentativer als früher. Das Universum hat sich allerdings – abgesehen vom normalen Bevölkerungszuwachs – nicht vergrössert. Durch die jetzt kleinere Stichprobengrösse wird aber natürlich die Anzahl Personen, für die ein Interview steht, grösser (früher ca. 270, neu ca. 330) und damit auch der Einfluss des einzelnen Interviews. Aber wie gesagt, auch bei diesem Verhältnis sind wir international sehr gut.
Einen grossen Teil der Verleger konnten Sie also schon über die Zwischenresultate informieren. Ist von keinem eine grundsätzliche Opposition zu erwarten?
Weber: Wer die Zahlen zum ersten Mal sieht, hat natürlich Fragen. Wenn man aber die veränderten Parameter aufzeigt, die in der Summe zu einem anderen Ergebnis führen können, wächst in der Regel die Akzeptanz.
Sie sagen in der Regel. Gibt es Ausnahmen?
Weber: In manchen Fällen mussten wir halt zwei oder drei Gespräche führen (lacht). Das ist verständlich. Denn es ist schwierig, einen Titel zu verkaufen, der einen tieferen Indexwert hat als vorher.
Bei den Gesprächen zeigen wir auf, wie transparent unsere Methode ist: Der Fragebogen ist einsehbar, und wir haben Kontrolleure, die bei den Marktforschungsinstituten unangemeldet in die Interviews reinhören. Man kann zudem jeden Prozessschritt nachvollziehen beziehungsweise den Prozess zurückverfolgen. Zudem arbeiten wir mit zwei verschiedenen Marktforschungsinstituten. Falls die beiden Institute für ein und denselben Titel völlig unterschiedliche Resultate bringen, wird die Ursache ergründet.
Und wie wappnen Sie sich nun für den 18. September hin?
Bernasconi: Wir haben eine internationale Expertin beauftragt, die derzeit die ganze Methodik überprüft. Am 18. September wird sie am Medienforschungstag referieren.
War dies sowieso geplant – oder ist das eine Lehre aus dem TV-Debakel?
Bernasconi: Es ist eine Lehre. Denn an sich würde uns die Forschungskommission, die uns wirklich sehr konsequent begleitet, genügen.
Zogen Sie weitere Lehren aus der Situation von Mediapulse?
Bernasconi: Wir legten von Anfang grossen Wert auf die Kommunikation – allerdings schon vorher. Dies wird von unseren Kunden sehr geschätzt. Aber die Probleme beim TV-Panel bestätigten uns, wie wichtig die Kommunikation in einem solchen Prozess ist. Und dass der direkte, frühzeitige Kundenkontakt nötig ist, ist sicher auch ein Learning aus Mediapulse. Deshalb bauen wir die Kommunikation noch aus: Die Verleger erhalten von uns ein Q&A (questions & answers) sowie weiteres Unterstützungsmaterial – dies als Argumentationshilfe für die Marketing&Sales-Abteilungen gegenüber den Media- und Werbeagenturen.
Herr Weber, hilft es bei der Kommunikation, dass Sie als Verleger der Neuen Luzerner Zeitung an der WEMF-Spitze stehen und sagen können: Auch ich habe mehrere Titel, unter denen der eine gewinnt, der andere verliert.
Weber: Natürlich ist es ein Vorteil, wenn man auf Grund von Erfahrungen im eigenen Portfolio argumentieren kann. Ich bin aber nicht der einzige Verleger im WEMF-Verwaltungsrat.
Bernasconi: Auch in der User Commission und in der Forschungskommission sind Leute, die aus den Verlagen dorthin delegiert wurden. All diese Personen sind jetzt auf der Piste und kommunizieren innerhalb ihres Verlages, aber natürlich auch innerhalb der Branche.
Weber: Hinzu kommt, dass wir vor etwa drei Jahren den Verwaltungsrat sowie die User Commission für die Auftraggeberseite geöffnet haben. Auch das erhöhte die Glaubwürdigkeit in der Kommunikation.
Apropos Verleger und Medienforschung: In der TV-Branche waren es primär die Verlegerfernsehen, die Mediapulse den Rücken kehrten – darunter auch Ihr Tele 1, Herr Weber. Heisst das, dass auch die MACH3 mit Verlegerwiderstand rechnen muss?
Weber: Ich glaube, es ist völlig legitim, dass man von Verlegerseite her kritisch ist gegenüber Zahlen, die man nicht nachvollziehen kann. Es war wirklich ein Problem, dass die TV-Sender von einem Tag auf den andern vor ein Fait accompli gestellt wurden. Sicherlich wurden zuvor auch falsche Erwartungen geschürt. Doch ein 1:1-Test wäre gescheiter gewesen – so hätte man wahrscheinlich die Situation entschärfen können.
Aber für Sie ist es doch eine heikle Situation: Sie sind Verwaltungsratspräsident eines Regional-TV, das gegen die neue TV-Forschung opponiert, gleichzeitig versuchen Sie, der Printbranche eine neue Forschungsmethode schmackhaft zu machen.
Weber: Fairerweise muss ich sagen, dass ich mich aus dem Problem mit der TV-Forschung raushalte. Ich überlasse das den operativen Leuten von Tele 1 und von Telesuisse, dem Verband der Regional-TV. Doch die Sache bei Mediapulse ist grundsätzlich anders abgelaufen, als sie bei uns ablaufen wird.
Färbt der Konflikt um die TV-Forschung imagemässig auch auf andere Medienforschungen ab, etwa auf jene der WEMF?
Bernasconi: Wir befürchten, dass dies – bis zu einem gewissen Grad – auf andere Branchenforschungsorganisationen abfärbt. Allerdings hat die WEMF ein sehr solides und vertrauenswürdiges Qualitätsimage. Die Verleger und die Werbeindustrie wissen, dass wir unabhängig und neutral sind und dass unsere Methoden den weltweiten Standards entsprechen. Allerdings mussten wir unsere Kommunikationsbemühungen auf Grund dieser Vorkommnisse noch verstärken und vor allem auch den Aspekt der WEMF-üblichen Transparenz unterstreichen.
Fassen wir zusammen: Das wichtigste Kapital der Medienforschung ist das Vertrauen. Wie stellt man dieses her?
Weber: Indem man zuvor schon jahrelang seriöse Werte liefert. Weiter gehören gute Vorbereitung und gute Kommunikation dazu – und dass man sich absichert mit Forschungskommission und Expertisen.
Bernasconi: Kontinuität ist wichtig, aber das Vertrauen baut auch auf Personen: Wir haben mit Harald Amschler einen Forschungsleiter, der international ein extrem gutes Renomée geniesst. Und dann kommt es einmal mehr auf die Kommunikation an: Wir kommunizierten frühzeitig, machten Ausblicke, zeigten fortwährend, wo wir im Entwicklungsprozess standen. Mit solcher Transparenz schafft man Vertrauen.
Interview: Markus Knöpfli