Zu guter Letzt: Krokodilstränen im Täschligate
Eine Krokodil-Tasche geht um die Welt. Dafür, dass es Aussage gegen Aussage steht, fuhr Schweiz Tourismus eigentlich ziemlich happiges Geschütz auf beim verzweifelten Versuch einer Image-Korrektur.
Immerhin wurde das Sommerloch 2013 kurz vor dem Ende doch noch gestopft – mit einer dümmlichen Geschichte: Frau Winfrey, Tierschützerin des Jahres 2008, wollte in Zürich eine teure Tasche kaufen, für die drei Krokodilen bei lebendigem Leibe die Haut über die Ohren gezogen wurde (Tagesanzeiger.ch/Newsnet berichtet). Das gute Stück (die Tasche, nicht die Frau) war so teuer, dass die Verkäuferin ihr (der Frau, nicht der Tasche) den Kauf gar nicht so recht zutrauen wollte. Behauptet Winfrey – und sah sich sofort mit Rassismus konfrontiert.
Das Medienecho war gewaltig – und die Schuldige sofort gefunden: Die Verkäuferin. In vorauseilendem Gehorsam twitterte sich Schweiz Tourismus mit einem klaren Schuldspruch den Frust von der Seele: «Wir schäumen vor Wut – diese Person handelte völlig falsch. Wir entschuldigen uns für das, was Oprah passierte.» Huch?

Auf die Idee einer Gegendarstellung kam selbstverständlich niemand – immerhin hatte man es mit der übermächtigen Talkmasterin Oprah Winfrey zu tun. Obwohl Boutique-Besitzerin Trudi Götz von der ersten Minute an auf allen Kanälen etwas unbeholfen beteuerte, ihre Mitarbeiterin habe sich nichts zuschulden lassen kommen und sei über ein kommunikatives Missverständnis gestolpert.
Der Sonntagsblick hat es dann endlich geschafft, die Verursacherin des «Täschligates» direkt zu befragen. Man hat sie sich etwas anders vorgestellt – eine fiese, giftspeiende Zicke, welche ihre Mitmenschen herablassend behandelt und an Arroganz nicht zu überbieten ist. Stattdessen entpuppte sie sich als eingeschüchterte Frau am Boden, die seit Tagen nicht mehr schlafen kann und völlig überfordert ist mit der aktuellen Situation («Es ist Horror, was da passiert»). Und ihre glaubwürdig wirkende Schilderung hat relativ wenig mit der Shitstorm-Story zu tun, die momentan in der Weltpresse die Runde macht. Die Version von Winfrey bezeichnet sie als falsch und «absurd».
Sie muss es ja wissen, schliesslich ist sie neben der Milliardärin die einzige Zeugin. Nicht wissen konnte es die vor Wut schäumende Marketingorganisation Schweiz Tourismus, die mit dem Bücklings-Tweet die Schuldfrage klärte, bevor überhaupt irgendwelche Abklärungen gemacht wurden. Egal wer Recht hat: Es steht Aussage gegen Aussage und es gilt die Unschuldsvermutung. Wenn sich Schweiz Tourismus wieder etwas beruhigt und den Wutschaum abgewischt hat, könnte man durchaus eine weitere Entschuldigung in Betracht ziehen – die Verkäuferin, die Angst hat, auf der Strasse angegangen zu werden, würde sich wohl freuen. Und Kniefall-Übung hat man ja schon.
Oder man macht sich Gedanken, was man aus den hunderten von Leserkommentaren, die sich bei der Gelegenheit darüber beklagten, in Schweizer Geschäften unfreundlich, herablassend oder überhaupt nicht bedient worden zu sein, schliessen kann. Etwas Nachhilfe punkto Gastfreundschaft und Herzlichkeit könnte der Schweiz im Tourismus-Wettstreit mit Österreich sicherlich nicht schaden.
Thomas Häusermann
Bild: Keystone













