Weiterbildung Das BSW-Seminar für Strategische Planung wird erweitert und gemeinsam mit der Hochschule St. Gallen alle zwei Jahre durchgeführt. Dominique von Matt und Professor Torsten Tomczak zum neuen Angebot.Herr von Matt, Herr Tomczak, Information und Planung sind wohl jedem Werber geläufige Aufgaben. Wozu das neue BSW-Seminar für Strategische Planung?Dominique von Matt: Unser Seminar will das Vakuum auffüllen, das für die Wettbewerbsfähigkeit der hiesigen Kommunikationsagenturen ein echtes Problem darstellt. Das ist dringend nötig, weil wir in einem internationalen Wettbewerb stehen, zunehmend internationale Budgets ans Ausland verlieren und umgekehrt nur selten einen internationalen Etat in die Schweiz holen. Eigentlich ist das grotesk: Welches Land wäre durch seine Kompetenz in Sachen Mentalitätsunterschiede, Grafiktradition und sein Bildungs-niveau prädestinierter für solche Aufträge als die Schweiz. Andere Branchen schaffen es auch, weltweit mit Erfolg zu operieren. Weshalb wir nicht?
Ihre Seminarreihe scheint die Ant-wort darauf zu haben: Die Schweiz hat ein grosses Defizit im Strategic Planning.
von Matt: Es gibt sicher auch in anderen Bereichen Defizite und Probleme. Sicher ist, aber dass wir im High-End-Bereich des Kommunikations-Know-how hinterherhinken.
Torsten Tomczak: Das ist der Punkt: High-End-Ausbildung. Was früher hervorragend funktioniert hatte, kann heute schon überholt sein. Es besteht kein Zweifel, dass die Herausforderungen für die Werbeagenturen gewachsen sind und weiter wachsen werden. In einer Agentur hat der Strategische Planer die wichtige Scharnierfunktion zwischen den Bedürfnissen der Kreation und der Kundschaft zu erfüllen. Aus meinem Blickwinkel war es früher ausreichend einfach, gute beziehungsweise sehr gute Werbekampagnen zu machen. Heute muss die Agentur in der Tiefe verstanden haben, wie das Marketing und das Markenmanagement ihres Kunden funktionieren. Als Strategischer Planer muss ich heute in der Lage sein, den Kunden in seiner Markenarchitektur, Kommunikation, im Distributions- und Preismanagement und so weiter zu beraten. Und hier stellt sich die Frage, passt das noch mit der traditionellen Ausbildung zusammen? Aus Erfahrung kann ich sagen, dass die Zeiten des reinen Bauchgefühls vorbei sind. Natürlich braucht es dieses auch weiterhin – immerhin sind wir ja in einer Branche tätig, in der das wichtigste Gut die Kreativität ist –, aber wenn ich das mit fundierten Fakten nicht hinterlegen kann, dann habe ich heute sicher mehr Probleme, mich gegenüber dem Kunden zu artikulieren. Kommt hinzu, dass Kommunikation mit der tradierten Arbeitsteilung nach Disziplinen heute chancenlos ist. Gefragt ist breiteres, tieferes Know-how.
Die integrierte Kommunikation stellt für den Schweizer Strategen doch kein neues Phänomen dar?
von Matt: Natürlich nicht. Es geht uns aber nicht um den Beruf des Strategischen Planers in einer Agentur – davon gibt es auf Grund der Marktgrösse sehr wenige –, sondern um seine Funktion. Die muss in jeder Agentur von bestimmten Exponenten übernommen werden. Konnte sich der klassische Werbeberater bis vor zehn Jahren noch durch-
mogeln, so hat er heute ein Problem, wenn er die Vernetzung nicht im Griff hat – den Begriff der integrierten Kommunikation können wir alle nicht mehr hören. Hier setzt unser Kurs an. Und das Generalthema, das darüber steht, ist – als wichtigster Asset in jedem Unternehmen – die Markenführung, die überall in der Ausbildung an Bedeutung gewinnt.
Was können die Teilnehmer nach Besuch Ihres Seminars besser als zuvor?Tomczak: Wir sind sicher, dass sie die Spitze der Entwicklung in jeder Disziplin kennen lernen werden, da wir das Seminar auf die Bedürfnisse der Werbe- und Mediaagenturen massgeschneidert haben und auf die spezifischen strategischen Fragestellungen der Kommunikationsbranche eingehen können. Zudem werden wir einen sehr intensiven Erfahrungsaustausch pflegen. Konkret: Sie werden in der Lage sein, vernetzte Kommunikationskonzepte zu entwickeln. Methodisch werden sie Strategie-Tools zur Entwicklung von Kampagnen erhalten und die Führung dieses Prozesses trainieren.
von Matt: Vergleichbare Angebote für Experten in Strategischer Planung sind selbst international schwer zu finden. Wir sind hier nicht nur ganz hart am Thema Markenführung, sondern haben darin den aktuellen State of the Art. So wird eine typisch schweizerische Problemstellung sein: Wie begleite ich meinen Kunden ins Ausland und entwickle internationale Kommunikationskonzepte.
Das klingt jetzt so, als hätten die Agenturen ihre Mandate bisher völlig planungs- und führungslos betreut.
Tomczak: Unsere Annahme als Institut ist niemals, dass wir es mit Menschen zu tun haben, die keine Ahnung haben. Dinge ändern und erweitern sich. Deshalb heisst eine Herausforderung, gleichgültig in welchem Bereich ich beruflich tätig bin: permanente Weiterbildung.
von Matt: Es ist auch nicht so, dass die Branche etwas verschlafen hätte. Eigentlich hat man schon vor Jahren dieses Defizit festgestellt, weshalb der BSW ein sehr erfolgreiches Planning-Seminar ins Leben gerufen hatte. Wir bauen jetzt jenen Kurs aus und stellen ihn auf eine höhere Ebene. Auch wenn die Branche seit einigen Jahren einen starken Gegenwind spürt, dürfen wir nicht aufhören, die langfristigen Strukturprobleme zu lösen.
Dann verfolgen Sie auch höher gelagerte Zielebenen?
von Matt: Es ist tatsächlich so, dass wir gegen den Trend der Verlagerung von Entscheidungszentren ins Ausland kämpfen müssen. Diese Internationalisierung beobachten wir nicht nur im Falle von Fusionen, sondern immer häufiger bei der Werbung selbst. Wegen des extremen Kostendrucks bearbeiten Unternehmen ganze Sprachräume mit einer einzigen Kampagne. Gerade im Markt schnell drehender Konsumgüter deckt heute meist eine Agentur in Frankfurt, Paris oder London mehrere Länder ab. Dagegen müssen wir mit überragender Kompetenz in die Offensive gehen.
Dann war die Abwanderung von Werbeetats eher eine Frage der Kosten denn der Strategischen Planung?
von Matt: Einerseits – andererseits ist es vielleicht zu wenig gelungen, die internationalen Marketer von der Effizienz eines lokalen Ansatzes zu überzeugen.
Der Strategische Planer müsste ja noch viel mehr können als das. Wie kann er aber bei der Informationsflut und den intransparenten Märkten langfristige Strategien planen?
Tomczak: Das ist tatsächlich der kritische Punkt. Natürlich war früher die Planung etwas einfacher, weil Umfeldentwicklungen absehbarer waren. Das wird künftig ohne Frage schwieriger werden. Umso notwendiger ist es, dass ich noch besser verstehe, wie sich Trends entwickeln können. Eine Antwort lautet, dass wir sicherlich nicht mit starren Konzepten mit dieser Zukunft umgehen dürfen, sondern von vornherein Flexibilität in unsere Konzepte einbauen müssen. Was wir tun können, ist die Validität der Prognosen zu verbessern und mit diesen besser umgehen. Der Trend geht aber auch in Richtung kürzerer Planungszyklen.
Lassen sich in solchen Zeitspannen überhaupt noch Wettbewerbsvorteile erarbeiten?
von Matt: Die Kunst – und bei uns immer mehr der Alltag – ist, ein Konzept so flexibel auszustatten, dass es auf verschiedenste Trend-
szenarien schnell reagieren kann. Das ist eine neue Anforderung.
Tomczak: Ihre Frage ist das zentrale Thema unseres Seminars. Im Rahmen des Seminars nähern wir uns diesen Fragen aus den unterschiedlichsten Blickwinkeln. Ich denke, dass gerade eine starke Marke angesichts der Dynamisierung und steigenden Komplexität die entscheidende Konstante ist. Das erklärt, weshalb selbst in den typischsten B-to-B-Branchen die Unternehmen zunehmend Geld in den Aufbau einer starken Marke investieren. Meine Vision sieht folgendermassen aus: Der Strategische Planer ist zwar nicht der wahre Vater einer Marke, weil diese ja dem Kunden gehört; aber er sollte zumindest ihr guter Anwalt sein und zwar in allen Belangen und da reicht dann eben nicht nur die gute Werbekampagne. Er muss das Geschäft des Kunden komplett verstehen.
Der Strategische Planer sollte die Marke also von der Botschafterin hin zur Wertschöpferin entwickeln.
von Matt: Die Erkenntnis, dass die Investition in die Marke nachhaltig ist, hat sich durchgesetzt. Bei hoch erfolgreichen Unternehmen ist die Marke in der Geschäftsführung längst angekommen …
… und von dort wieder an Agenturen und Consultants outgesourcet worden, obwohl diese häufig mit ihrem Hype zur Schwächung von Marken beigetragen haben.
Tomczak: Die komplette Markenführung extern einzukaufen, ist meistens ein Fehler. Erfolgreiche Unternehmen kaufen ganz gezielt Beratungsleistung ein, insbesondere in der Kommunikation, wo ein wunderbar funktionierender Markt existiert.
von Matt: Der Pilot muss ja sein Flugzeug nicht selber bauen können. Er muss wissen, wohin er will und die Maschine dort sicher auf den Boden bringen. Je mehr er unterstützt wird, desto mehr kann er sich auf seine Arbeit konzentrieren.
Exklusivseminar für Werbestrategen1999 führte der Branchenverband Schweizer Werbe- und Kommunikationsagenturen (BSW) erstmals ein Seminar für Strategische Planung durch. Inzwischen wurde die Account Planning Group Switzerland gegründet. Sie setzt sich auch zum Ziel, eine umfassendere Weiterbildung anzubieten. Die beiden Seminarleiter Cary Steinmann, CEO TBWA Switzerland, und Joachim Kernstock, Leiter des Kompetenzzentrums Brand Management an der Hochschule St. Gallen, haben Theorie und Praxis verbunden und nebst profilierten Universitätsdozenten auch namhafte Exponenten der Wirtschaft für den 12-tägigen Kurs (vier dreitägige Blöcke) verpflichten können. In interaktiven Vorträgen, Teamwork und Projektarbeit sowie dem optionalen Block «Best Practice London» werden Cases präsentiert und das neuste Wissen in Marketing-, Marken- und Kommunikations- sowie Agentur- und Kampagnenmanagement vermittelt und vertieft. Informationen: www.imh.unisg.ch/weiterbildung oder bei Petra Eichholzer, Telefon: 071 227 62 82 (ab 30. März: 071 224 71 50), E-Mail:
[email protected] (la)
Luca Aloisi