Tierische Verführer
Kampagnen Sie sind immer beliebt und in Aufmerksamkeitswerten nur durch Promis und Babys zu überbieten – Tiere in der Werbung. Neu setzen auch Sibir, Ragusa und «Österreich» auf Tatzen, Pfoten und Co.
Gelingt es den Kreativen, diese Vorzüge in der Kampagnenidee unterhaltend mit dem beworbenen Produkt zu verbinden, ist dem tierischen Sympathieträger und der Marke das Wohlwollen der Betrachter sicher. «Der Vorteil an Tieren in der Werbung ist ihre ulkige Art», weiss Hansjörg Zürcher, der geistige Vater der Milchkuh Lovely. Die Tatsache, dass Tiere sich nicht verstellen können, lasse die Betrachter oft vergessen, dass es sich eigentlich um Werbung handle. Deshalb würden gerade Spots mit Tieren immer wieder gern gesehen, ist Zürcher überzeugt.
In besonders aufmerksamkeitsstarken Fällen öffnen sich auch die redaktionellen Spalten der Medien. So schaffte vor einigen Jahren der treuherzige Migros-Hund Max als einziges Familienmitglied der Werbe-Sitcom den Sprung auf die Titelseite der Schweizer Illustrierten. Und in Aeschbachers Unterhaltungssendung «Casa Nostra» nahm der Vierbeiner als Interviewpartner im Sessel Platz.
Doch wo solch starke Emotionen ausgelöst werden, ist auch Vorsicht ratsam. Zu bedenken gibt Hansjörg Zürcher, dass man heute sehr behutsam mit den Tieren und ihrer Darstellung in der Werbung umgehen muss. Schnell handle man sich Ärger mit übereifrigen Tierschützern ein. Längst nicht alle gängigen Slapsticks aus der Welt der Tiertrickfilme werden auch in der Werbung akzeptiert. Auffallen um jeden Preis wird im Zusammenhang mit Tieren häufig von breiten Segmenten abgelehnt. Wie wenig es braucht, die Gefühle von sensiblen Tierfreunden zu verletzen, zeigt das Beispiel einer Kaugummikampagne, die im letzten Jahr mit grinsenden Tiermäulern den USP auf branchenunübliche Weise umgesetzt hatte. Wählten sie die einen Werbekonsumenten zur zweit- beliebtesten Kampagne des Jahres 2003 (WW 2/04), beklagten sich andererseits laut der Agentur nicht wenige über so viel Niedertracht. Einiges gewagt und gewonnen hat der Starkreative Markus Ruf. Ende der Neunzigerjahre entzweite er mit einem Motiv eines krepierten Wellensittichs, der für die langen Ferien mit SSR warb, das Land. Und mit rülpsenden Steinböcken und pinkelnden Murmeltieren lenkte er die Aufmerksamkeit des jungen Zielpublikums auf Calanda Viva.
Aber Ruf kennt auch die Schwachpunkte von Tieren in der Werbung. «Viel spricht dagegen, Tiere nur zu benutzen, um einen Jööh-Effekt zu erzielen. Denn so geht letztlich die Unterscheidbarkeit vor die Hunde», sagt er. Nicht selten gebe es Werber, die den Weg des geringsten Widerstands gingen. Denn: «Wer mit einem Tier aus der Streichelzoo-Abteilung wirbt, hat gute Chancen, dass die Kampagne nicht nur dem Werbeleiter, sondern auch seiner Frau gefällt», spottet Ruf.
Super Bowl mit vielen Tierspots
Zwar heben sich die weniger kuscheligen Tiere wie die Schweizer Muntermacherin Lovely oder ihre deutsche lila Ku(h)sine sehr gut vom Werbeeinerlei ab und machen «ihre» Marke unverwechselbar. Doch haben die «fotorealistischen» Berühmtheiten – selbst wenn computeranimiert – oft produktions- und kostenbedingte Nachteile. Erschwerend kommt hinzu, dass Tieren von Kulturkreis zu Kulturkreis unterschiedliche Bedeutungen zugeordnet sein können (heilige Kuh, unreines Schwein).
Die Kunst liegt nun darin, das richtige Mass zu finden. Wirbt ein Tier zu platt für ein nahe liegendes Produkt, geht der Überraschungseffekt verloren. Fehlt dem Tier in der Werbung die Glaubwürdigkeit, fühlt sich der Betrachter schnell an der Nase herumgeführt. Auch der Einsatz in einem allzu fremden Umfeld stiftet beim Zielpublikum nicht selten unterschwellig Verwirrung oder verhindert die Identifikation. Das wurde etwa der kuscheligen Eisbärenfamilie von Coca-Cola sowie Clive, dem trocken-sarkastischen Jaguar von Schweppes, zum Verhängnis.
Wer nun glaubt, dass Tiere und Getränke sowieso nicht zusammenpassen, sieht sich spätestens nach der diesjährigen Super Bowl im US-Fernsehen eines Besseren belehrt. Zur «Werbeweihnacht» 2004 hat sich die legendäre «Whazzup»-Marke Budweiser auf die Werte des Tierreiches besonnen und einen ausgewachsenen «Animal Farm»-Spot präsentiert. Mit seiner animalischen Umsetzung stand das Bier nicht alleine: Für das Spot-Spektakel der Superlative kam die US-Automarke Dodge auf den Affen, Honda auf die Wölfe und Pepsi – auf Grizzlybären, die Pepsi einkaufen gehen.
Keiner so langlebig wie der Tiger
Die heimischen Tier-Stars dagegen befanden sich bis vor kurzem auf dem Rückzug: Ausser den Cardinal-Eulen, den Bank-Leu-Löwen und den rot gefleckten Avia-Tieren waren im Schweizer Werbezirkus nur gelegentlich neue Tierrufe – meist als Komparsen – zu vernehmen.
So wie der Migros-Hund Max vor Jahren musste 2003 auch Maus Fredy, die für den Emmentaler weibelte, abtreten. Fälle wie in England, wo riesiger Protest aufkam, weil eine Teemarke ihre Teeparty-feiernde Schimpansenfamilie nach jahrelangem Einsatz schnöde absetzen wollte, sind in der Schweiz nicht aktenkundig.
Ebenso selten kann sich ein Tier so lange halten wie Essos Wappentier, der Tiger. Mitte der Dreissigerjahre des letzten Jahrhunderts gab er in England sein Debüt in der Esso-Werbung und wurde seither als Bestandteil der Marke immer wieder aufgefrischt. Laut Bertrand Cornaz, Esso-Mediensprecher, springt der Tiger im deutschsprachigen Raum gegenwärtig nicht mehr so häufig in den Tank wie früher. Dafür ist er als Figur an Tankstellen immer noch ein gern gesehener Sympathieträger. Nebst der Esso-Wertewelt hat das majestätische Tier auch das Sponsoring des Ölkonzerns geprägt: 1995 gründete ExxonMobil mit der britischen National Fish and Wildlife Foundation zusammen den «Save the Tigers Fund», um den Tiger vor dem Aussterben zu bewahren.
Österreich kommt auf den Pinguin
Zurück zu den «neuen» Tieren, die die Werbung in der Schweiz besiedeln. Eine in der Tourismusbranche eigenständige und unverwechselbare Werbeidee durfte Lowe GGK, Wien, für Österreich Werbung (ÖW) realisieren. Anstatt weiter auf Berge, Städte und Seen oder gar Prominenz zu setzen, stellt die kürzlich angelaufene Kampagne die Sehnsucht nach Ferien in Österreich durch eine Story dar. «Eine Geschichte, die poetisch mit den Werten der Marke aufgeladen ist», erklärt Werbeleiterin Susanne Winter. Dieses Story-Telling-Prinzip wird von Joe und Sally versinnbildlicht – den beiden Pinguinen, die der niederösterreichische Autor und Kunstfotograf Willy Puchner erstmals 1992 im Band «Die Sehnsucht der Pinguine» auf eine Weltreise geschickt hatte. Pinguine stehen für die Neugier, die Faszination und Reiselust. Da lag es auf der Hand, Österreich als Bühne ihres unverwechselbaren Charmes zu nutzen. Arthur Oberascher, ÖW-Chef, hofft über den Umweg von Impact und Differenzierung potenzielle Kunden aktivieren zu können. «Um sich im Infotainment-Zeitalter durchsetzen zu können, sollte die Werbung unterhaltsam sein. Deshalb enthält die liebenswürdige Metapher der beiden Pinguine einen behutsam eingesetzten Schuss Selbstironie.» Als erste Testimonials bei ÖW leisten Joe und Sally ganze Arbeit: Die beiden Helden helfen auf liebenswürdige Art und ohne Worte, Österreich als «charmantestes Ferienland der Welt» zu positionieren, resümiert Oberascher.
Ragusa prägnanter positionieren
Die Helden des neuen Ragusa-Plakatauftritts – Eichhörnchen, Bienen und Bernhardiner – springen in eine ähnliche Konzeptnische. «In einer Zeit, in der nicht nur die Schokoladenwerbung mit hohem Lifestyle-Appeal und starker Zielgruppen-Darstellung kommuniziert, wollten wir aus dem gängigen Ideenrepertoire ausbrechen», sagt Hans Tanner, CD bei cR DDB, Basel. Der Kreative, der Werbetierklassiker für Zürich-Versicherung und Key Club mit entwickelt hat, stellte die Eigenschaften der berühmten Schokoladenspezialität – von den erlesenen Rohstoffen bis zum Energiespender – mit einleuchtenden Tier-Analogien dar. Im Umfeld von Mitbewerbern, die über einen grösseren Werbedruck verfügen, wolle sich die Camille-Bloch-Marke mit den Tieren prägnanter positionieren als die Konkurrenz, begründet Tanner die Werbeidee.
Bei der Haushalttechnikmarke Sibir gab ein anderes Problem den Ausschlag für die Einführung eines Eisbären als emotionales Key Visual. Sibir wurde trotz erweitertem Sortiment weiterhin von den meisten Segmenten nur als Kühlschrankhersteller wahrgenommen. Das habe unter anderem damit zu tun, dass immer mehr Küchen en bloc geplant und geliefert werden, sagt Oskar Gasser von der Agentur Zogg Kettiger Gasser (ZKG). Da Kochherd und Backofen beim Küchenbau die zentrale Rolle spielen, wird sie quasi um diese zwei Apparate herum zusammengestellt. «Folglich sucht der Konsument vor allem Marken, die in dieser Gruppe Top of Mind sind», so Gasser.
Auch in diesem Fall musste ein aufmerksamkeitsstarkes Werbekonzept das im Vergleich zur Konkurrenz kleine Budget aufwiegen. Mit der Vorführung der Produkte wäre das kaum gelungen. Da Sibir früher schon mit dem Eisbären gearbeitet hatte, entschied man sich dafür, ihn in einer vitaleren und witzigeren Form zu neuem Leben zu erwecken – mit auffälliger Blues-Brothers-Brille. Ziel ist, dass Konsumenten auf die Marke reagieren, denen «menschliche Wärme» näher liegt als die letzten technischen oder ästhetischen Gimmicks. Damit würde sich Sibir in einem psychologischen Feld positionieren, das so von keinem Konkurrenten besetzt ist. «Wir mussten abwägen zwischen der Gefahr, dass der Eisbär die Assoziation mit der Kühlschrankmarke zementiert, und dem Nutzen, dass der Eisbär den Recall-Wert zu Sibir rasch erhöht», blickt Gasser zurück. «Wir haben Letzteren als wichtigeren Effekt gewertet.» Auf einer Basis von Bekanntheit und Sympathie liessen sich weitere Botschaften wie die des Gesamtsortiments leichter transportieren, glaubt man bei ZKG.
Nach einer ersten Phase, in der Sibirs starke Serviceorganisation enger an die eigene und nicht mehr allen Marken zugeordnet wird, soll der Eisbär auch für TV-Spots animiert werden. Kernstück ist ein reines Imagesujet – der Bär in der Corbusier-Liege. Es soll die Gesamtlösung mit allen Gerätekategorien sowie den komfortabel kompletten Service symbolisieren.
Sibirs Eisbär gabs schon mal. Zogg Kettiger Gasser machte ihn Disney-like.
Tier-Prominenz: Milchkuh Lovely, Milka-Kuh, Migros-Hund Max.
Lowe GGK, Wien, schickt das Pinguin-Paar Joe und Sally in die Ferien – natürlich nach Österreich.
cR DDB macht Ragusa zum Retter: Ein Branchli gegen den Hungerast.
Zogg Kettiger Gasser hat den Sibir-Eisbären aus der Versenkung geholt.
Mercedes-Benz erfüllt Jägerträume.
Post, Bank Leu: Tiere als Akteure oder als reine Image-Ikonen.
Luca Aloisi
