Werbung mit universitären Weihen
Forschung Werbung ist nun auch akademisch etabliert. Wie sehr, zeigte eine Fachtagung in Bern.
Forschung Werbung ist nun auch akademisch etabliert. Wie sehr, zeigte eine Fachtagung in Bern.
Was ist das, wenn vor der Eigernordwand das grösste Firmenplakat der Welt in der Luft schwebt oder in einer Soap am Schweizer Fernsehen Markenprodukte ins beste Studiolicht gerückt werden? «Werbung», meint der Laie. «Public Relations» und «Product Placement», sagen Branchenspezialisten. Und die Medienwissenschaft spricht von einer «Hybridisierung der Kommunikationsangebote» und «mehrdimensionalen Persuasionsprozessen», mittels derer weiter versucht wird, noch mehr Botschaften unters informationsüberlastete Volk zu bringen.Bemerkenswerter noch als diese elaborierte Wortwahl – die manchmal auch einfacher ausfällt – ist die Tatsache, dass sich akademische Forscherinnen und Dozenten überhaupt mit Werbung als Teil der Wirtschaftskommunikation befassen. Lange existierten nämlich «starke Berührungsängste» zwischen Geistes- und Kommunikationsarbeitern, weiss Matthias Steinmann, CEO der Telecontrol Group und Co-Direktor des Instituts für Medienwissenschaft an der Universität Bern. Dass diese Vorbehalte mittlerweile einer regen Neugier gewichen sind, verdeutlichte eine Tagung der Schweizerischen Gesellschaft für Kommunikations- und Medienwissenschaft (siehe Kasten) in Bern.
Die Trennung von kommerziellen und redaktionellen Inhalten gehörte einst zu den ehernen medialen Grundgesetzen. Den Werbetreibenden fällt es jedoch immer schwerer, in der steigenden Flut textlicher, akustischer und visueller Reize noch Aufmerksamkeit zu erregen. Zumal die Leserin einfach weiterblättern und der TV-Zuschauer wegzappen kann. Die Folge ist zugleich auch die Gegenstrategie: Eine zunehmende Integration von Werbung in redaktionelle Inhalte. Oder wie es die Zürcher Publizistikprofessorin Gabriele Siegert formuliert: «Die Werbung kommt ins Programm.»
Erste Forschungsresultate Wenn von Auftraggeber- respektive Agenturenseite die ehemals unüberwindbare Mauer durchlöchert wird, müssen sich Medienwissenschaftler mit den daraus resultierenden Problemen und Fragestellungen befassen. So untersucht etwa die Universität Zürich, wie sich Werbeprofis zu den diversen neuen «Sonderwerbeformen» stellen. Erste Ergebnisse fördern durchaus Erstaunliches zu Tage: Neuere Werbeformen wie Sponsoring, Gameshows oder Tele-Shopping werden von den Produzenten nur bedingt als zukunftsweisend angesehen. Einige urteilen noch direkter: «Jede solche Vermischung ist letztlich kontraproduktiv und zudem schlicht verlogen», so eines der Werber-Statements.
Die Kommunikationswissenschaft liefert neben qualitativen auch quantitative Resultate – mit zum Teil gegenläufiger Tendenz. So haben zwei Zürcher Publizistikstudenten das Product Placement in den Formaten «Fascht e Familie» und «Lüthi und Blanc» untersucht. Dabei diagnostizierten sie nicht nur acht verschiedene Platzierungstypen – von «Corporate» über «Image» bis zu «Music Placement» –, sondern auch eine Verdreifachung dieser Werbeform im Vergleich zwischen (früherer) Sitcom und (späterer) Soap Opera.
Manchmal ist Medienwissenschaft auch Sozialforschung: Noëmi Ranft von der Universität Bern untersuchte intertextuelle Bezüge der Werbung. Eines ihrer analysierten Beispiele ist die Kampagne der Schweizerischen Mobiliar Versicherung mit den Schadensskizzen in Form von Kinderzeichnungen. Ranft interpretiert diesen Bezug zu einer uns allen vertrauten Darstellungsweise als Versuch, den Umgang mit Versicherungen im Allgemeinen und der Mobiliar im Speziellen als etwas Sympathisches und Einfaches zu positionieren.
Solche Taktiken werden in der definitionsfreudigen Wissenschaft als «Gleitmittel für Werbebotschaften» bezeichnet.
Doch welche Werbeformen werden in Zukunft dominieren? Und von wem gehen künftige Innovationen aus: den Werbetreibenden oder den Werbeträgern? Der Blick zurück fällt den Medienwissenschaftlern nach wie vor leichter als die Trendprognose.
Matthias Steinmann, Co-Direktor des Instituts für Medienwissenschaft; Publizistikprofessorin Gabriele Siegert.
Was ist das, wenn vor der Eigernordwand das grösste Firmenplakat der Welt in der Luft schwebt oder in einer Soap am Schweizer Fernsehen Markenprodukte ins beste Studiolicht gerückt werden? «Werbung», meint der Laie. «Public Relations» und «Product Placement», sagen Branchenspezialisten. Und die Medienwissenschaft spricht von einer «Hybridisierung der Kommunikationsangebote» und «mehrdimensionalen Persuasionsprozessen», mittels derer weiter versucht wird, noch mehr Botschaften unters informationsüberlastete Volk zu bringen.Bemerkenswerter noch als diese elaborierte Wortwahl – die manchmal auch einfacher ausfällt – ist die Tatsache, dass sich akademische Forscherinnen und Dozenten überhaupt mit Werbung als Teil der Wirtschaftskommunikation befassen. Lange existierten nämlich «starke Berührungsängste» zwischen Geistes- und Kommunikationsarbeitern, weiss Matthias Steinmann, CEO der Telecontrol Group und Co-Direktor des Instituts für Medienwissenschaft an der Universität Bern. Dass diese Vorbehalte mittlerweile einer regen Neugier gewichen sind, verdeutlichte eine Tagung der Schweizerischen Gesellschaft für Kommunikations- und Medienwissenschaft (siehe Kasten) in Bern.
Die Trennung von kommerziellen und redaktionellen Inhalten gehörte einst zu den ehernen medialen Grundgesetzen. Den Werbetreibenden fällt es jedoch immer schwerer, in der steigenden Flut textlicher, akustischer und visueller Reize noch Aufmerksamkeit zu erregen. Zumal die Leserin einfach weiterblättern und der TV-Zuschauer wegzappen kann. Die Folge ist zugleich auch die Gegenstrategie: Eine zunehmende Integration von Werbung in redaktionelle Inhalte. Oder wie es die Zürcher Publizistikprofessorin Gabriele Siegert formuliert: «Die Werbung kommt ins Programm.»
Erste Forschungsresultate Wenn von Auftraggeber- respektive Agenturenseite die ehemals unüberwindbare Mauer durchlöchert wird, müssen sich Medienwissenschaftler mit den daraus resultierenden Problemen und Fragestellungen befassen. So untersucht etwa die Universität Zürich, wie sich Werbeprofis zu den diversen neuen «Sonderwerbeformen» stellen. Erste Ergebnisse fördern durchaus Erstaunliches zu Tage: Neuere Werbeformen wie Sponsoring, Gameshows oder Tele-Shopping werden von den Produzenten nur bedingt als zukunftsweisend angesehen. Einige urteilen noch direkter: «Jede solche Vermischung ist letztlich kontraproduktiv und zudem schlicht verlogen», so eines der Werber-Statements.
Die Kommunikationswissenschaft liefert neben qualitativen auch quantitative Resultate – mit zum Teil gegenläufiger Tendenz. So haben zwei Zürcher Publizistikstudenten das Product Placement in den Formaten «Fascht e Familie» und «Lüthi und Blanc» untersucht. Dabei diagnostizierten sie nicht nur acht verschiedene Platzierungstypen – von «Corporate» über «Image» bis zu «Music Placement» –, sondern auch eine Verdreifachung dieser Werbeform im Vergleich zwischen (früherer) Sitcom und (späterer) Soap Opera.
Manchmal ist Medienwissenschaft auch Sozialforschung: Noëmi Ranft von der Universität Bern untersuchte intertextuelle Bezüge der Werbung. Eines ihrer analysierten Beispiele ist die Kampagne der Schweizerischen Mobiliar Versicherung mit den Schadensskizzen in Form von Kinderzeichnungen. Ranft interpretiert diesen Bezug zu einer uns allen vertrauten Darstellungsweise als Versuch, den Umgang mit Versicherungen im Allgemeinen und der Mobiliar im Speziellen als etwas Sympathisches und Einfaches zu positionieren.
Solche Taktiken werden in der definitionsfreudigen Wissenschaft als «Gleitmittel für Werbebotschaften» bezeichnet.
Doch welche Werbeformen werden in Zukunft dominieren? Und von wem gehen künftige Innovationen aus: den Werbetreibenden oder den Werbeträgern? Der Blick zurück fällt den Medienwissenschaftlern nach wie vor leichter als die Trendprognose.
Matthias Steinmann, Co-Direktor des Instituts für Medienwissenschaft; Publizistikprofessorin Gabriele Siegert.
Patrick Steinemann
