Pharma Xenical lässt Pfunde schmelzen, aber nicht genügend die Kasse klingeln. Jetzt will Zogg Kettiger Gasser das Medikament für Roche umpositionieren. Die legendäre Schauspielerin und Autorin Mae West soll einmal gesagt haben, dass alles Schöne im Leben einen Haken habe: «Es ist unmoralisch, illegal, oder es macht dick.» Vor allem dick. Denn trotz der ständig wachsenden Zahl von Light-Produkten, Ernährungsberatern und Fitnesscentern nimmt in der Bevölkerung der westlichen Länder der Anteil übergewichtiger und fettleibiger Menschen weiter zu.Eine weltweite Epidemie
Eine Studie des Center for Disease Control and Prevention in den USA zeigt: Rund ein Drittel aller Amerikaner sind fettleibig, ein weiteres Drittel übergewichtig. Diese nahezu 130 Millionen Dicken leiden oft an Unzufriedenheit, chronischen Krankheiten wie Diabetes oder Herzerkrankungen sowie an bestimmten Formen von Krebs. Und sie belasteten 2003 das amerikanische Gesundheitswesen mit über 75 Milliarden Dollar – so das Resultat einer Marktforschungsstudie des RTI International.
Die Volkskrankheit Fettsucht hat in der Heimat des Körperkults auch juristische Implikationen: So schob vor wenigen Wochen das Repräsentantenhaus der USA den Schadenersatzklagen gegen Fastfood-Ketten einen Riegel vor – mit einem Gesetz, das sich auf die Freiheit und Eigenverantwortung der Konsumenten beruft. Anderseits streicht eine Nahrungsmittelfirma nach der anderen ihre Maxi-Portionen aus dem Sortiment und ersetzt sie durch kleinere, aber margenstärkere Packungsgrössen. Und McDonald’s hat kürzlich gar eine Salat-Offensive gestartet.
Doch ist Fettleibigkeit längst nicht nur ein Problem der USA, sondern praktisch aller Wohlstandsnationen. Gemäss einer aktuellen Studie des Labors für Humanernährung der ETH Zürich ist jedes fünfte Kind in der Schweiz zwischen sechs und zwölf Jahren zu dick, vier Prozent der Kinder haben sogar massives Übergewicht. Eine Studie vom Bundesamt für Gesundheit (BAG) und von Nestlé besagt, dass 31 Prozent der Schweizer Bevölkerung übergewichtig sind, was eine Zunahme von 25 Prozent in acht Jahren bedeutet. Das BAG führt 13 Milliarden Franken oder rund ein Drittel aller Gesundheitskosten auf ernährungsbedingte Krankheiten zurück.
Gegen Fettsucht gibt es seit einigen Jahren Medikamente. Zu den bekanntesten Anti-Adipositas-Präparaten gehört unter anderen Xenical. Mit einem Umsatz von 618 Millionen Franken war es im Jahr 2003 das sechststärkste Produkt von Roche. Doch wer glaubt, dass sich die Erlöse des Powerbrands entsprechend dem Übergewichtsboom entwickelten, der irrt. Obschon der Umsatz der Medikamentengruppe in der Schweiz seit 1995 um satte 36 Prozent auf 26 Millionen Franken (2002) angestiegen ist, war der Trend alles andere als linear. So ging 2003 der Erlös von Xenical international um ganze 13 Prozent zurück; bei der Konkurrenz war der Knick zum Teil noch grösser. Der Grund: Offenbar setzen Patienten oft zu hohe Erwartungen in das Medikament, nehmen es als Lifestyle-Pille wahr oder befolgen die Einnahmevorschriften nicht richtig, wodurch unangenehme Nebenwirkungen auftreten. Dies führt häufig dazu, dass sie das Mittel vorzeitig absetzen.
Akzeptanzproblem bei Ärzten
Nicht nur weigern sich die beleibten Patienten zunehmend, solche Anti-Fettsucht-Präparate zu schlucken. Die beauftragte Agentur Zogg Kettiger Gasser (ZKG) hat in ihren Konsumenten- und Problemanalysen festgestellt, dass auch bei den Ärzten eine grosse Wahrnehmungsdiskrepanz klafft, die ebenso für den bescheidenen Erfolg von Xenical verantwortlich ist. So werde Übergewicht von vielen Ärzten nicht als Krankheit anerkannt und daher auch nicht medikamentös behandelt. «Viele halten diese Patienten für diät- und sportfaul», erklärt Max Winiger von der ZKG. Das führe dazu, dass die Ärzte jenen Fettsüchtigen, die nach Medikamenten fragen, gerne unterstellen, sie wollten ihre unnötigen Pfunde auf möglichst einfache Art verlieren. Hier fand Christoph Lögler, Group Product Manager bei Roche Pharma Schweiz, Korrekturbedarf: «Mit der Repositionierung von Xenical wollten wir zum einen weg vom Lifestyle-Image, hin zur medizinisch betreuten Therapie, zum anderen die Marke redynamisieren.»
Strategiewechsel in der Schweiz
Da Xenical – anders als Reductil – ein kassenpflichtiges Medikament ist, beschränken sich die Möglichkeiten auf Fachwerbung, sprich: auf die Ansprache von Ärzten. Das neue Kommunikationskonzept musste deshalb auf die erwähnten Vorurteile bei dieser Zielgruppe reagieren und gleichzeitig den Patienten Mut machen. Mit der deutlichen Werbebotschaft «Ich will» vermittelt die Kampagne jene Überzeugung, die Übergewichtige brauchen, um gegen ihre Krankheit anzugehen. Patienten, die sich für eine Xenical-Therapie entscheiden, werden überdies von einer Supportstelle begleitet, die darauf abzielt, mit unterhaltenden Elementen und in einem kollegialen Ton Verhaltensmuster zu verändern.
Mit demselben Claim und differenzierten Inhalten sollen die Ärzte in ihrer Hilfestellung und medizinischen Behandlung bestätigt und bestärkt werden. Zur Motivation der Ärzte führt Roche mit ZKG nebst den Patientenbroschüren das Mailing-Magazin Volo (lateinisch «Ich will») für Ärzte ein, in dem ein Coach den Ärzten Tipps gibt, wie sie mit Adipositas-Kranken umgehen können. In den Inseraten sind die beiden Krankheitsbegriffe – Adipositas und Diabetes Typ 2 – deutlich hervorgehoben, und auf die behandlungsbegleitende Diät wird deutlich hingewiesen. So soll das Syndrom «medizinalisiert» werden.
Eine glaubwürdigere Positionierung von Xenical verschafft sich der Pharmakonzern bei der Ärzteschaft aber vor allem mit der Einsicht, dass Gewichtsverlust nicht nur mit Medikamenten zu erreichen ist: In England führte Roche zusammen mit der Detailhandelskette Sainsbury ein Projekt durch, bei dem sie Übergewichtige und Fettleibige mit Erfolg zu einer gesünderen Ernährungsweise motivieren konnte.
Die Xenical-Kampagne von ZKG zeigt Adipositas-Patienten in intimer Distanz, um Vertrauen und Verständnis zu schaffen.
Sorgfältige Information führt die Patienten zur Xenical-Therapie hin, motivierende Begleitung hilft dabei, die Therapie durchzuhalten.
Wie Xenical auf den Stoffwechsel wirktDas Roche-Medikament Xenical mit dem Fettblocker Orlistat ist seit
September 1998 auf dem Schweizer Markt und wird zur Behandlung von Adipositas (Fettleibigkeit) verschrieben. Der Wirkungsmechanismus ist einzigartig, aber nur wirklich wirksam unter Einhaltung strenger Diätvorschriften. Anders als das nicht kassenpflichtige Konkurrenzprodukt Reductil, das übers Blut ein Sättigungsgefühl induziert und die Aufnahme von Serotonin und Noradrenalin verhindert, wirkt Xenical ausschliesslich im Magen-Darm-Trakt. Dort verringert es die Fettaufnahme und bewirkt, dass rund ein Drittel des Nahrungsfettes unverdaut über den Darm wieder ausgeschieden wird. In der Schweiz übernehmen die Krankenkassen die Therapiekosten von Xenical sowohl bei Typ-2-Diabetikern (Altersdiabetes) ab Body-Mass-Index (BMI) 28 wie auch bei übergewichtigen Personen ab BMI 35. In der vergangenen Woche hat die Europäische Kommission
für Xenical das Anwendungsgebiet erweitert. (la)
Luca Aloisi