Zeitungen Mit der Umstellung auf Tabloid führt Blick ein neues Anzeigensystem ein – und oft höhere Tarife.«Knausrig» findet Oskar Gasser, Mitinhaber von Zogg, Kettiger, Gasser, die Tarifreduktionen, die Blick seinen Kunden im Zug der definitiven Umstellung auf das Tabloid-Format anbietet. «Blick wird ja neu mehr ganze Seiten zu verkaufen haben, da hätte Ringier die Anzeigenpreise durchaus stärker reduzieren können», argumentiert er. «Enttäuscht» zeigt sich auch Jürg Siegrist, Direktor vom Verband Schweizerischer Werbeauftraggeber (SWA). «Die Auftraggeber haben klar mehr erwartet, denn dem Verlag entstehen ja tiefere Materialkosten, und der Werbekunde erhält eine geringere Werbewirkung», sagt er. Eine lineare Preissenkung wäre deshalb gerechtfertigt gewesen. Eine Reduktion bloss auf ganz- und doppelseitige Anzeigen sei hingegen «schlicht zu wenig».Beim kleinformatigen Blick tritt an Stelle des Millimeterpreises eine modulare Tarifstruktur. Eine Seite vierfarbig kostet neu 28700 Franken (–9,2 Prozent), zwei ganze Seiten (Panorama) kosten 60500 Franken (–10,4 Prozent). Alle übrigen Anzeigenformate werden hingegen teurer: Für eine Dreiviertel-Seite quer bezahlt man neu 27800 Franken (+6 Prozent), für eine halbe Seite quer 18900 Franken (+0,5 Prozent).
Gemäss Bernhard Weissberg, bei Ringier Leiter Zeitungen, ging man bei Blick von einer McKinsey-Studie mit Eyetracking aus. Demnach werden kleinformatige Inserate auf einer Tabloidseite eher mehr beachtet als im Broadsheet-Format. Zudem weiss er, «dass alle Verlage, die auf Tabloid umstellten und dabei massive Preisreduktionen vornahmen, dies im Nachhinein bereuten.» Und schliesslich, so Weissberg weiter, sehe selbst Hanspeter Rohner, CEO der PubliGroupe, keinen Grund, bloss aus Formatgründen tiefere Preise anzubieten.
Leser erhalten mehr Blick
Gleichzeitig mit dem Übergang zum neuen Format wird das Layout des Blick überarbeitet und der redaktionelle Inhalt ausgebaut. Neben dem aktuellen Teil und dem Sportteil wird es einen erweiterten Serviceteil mit zusätzlichen TV-Tipps und Horoskopen geben. Die Specialseiten zu Auto, Computer, Reisen oder Rock und Pop werden neu zwar kleiner, sie erscheinen aber dafür täglich. Die Weekend-Beilage bleibt im grossen Format und wird gefaltet beigelegt – wegen dem Riesenrätsel, das bei den Lesern Erfolg hat.
Der Tabloid-Blick wird als gehefteter Einbund erscheinen. Das hat den Nachteil, dass er nicht mehr zum Lesen aufgeteilt werden kann. «Es stimmt, das ist bei den Leuten ein Thema», sagt Weissberg, aber eine deutliche Mehrheit ziehe eine kleine Einbundzeitung der grossen Zweibundzeitung trotzdem vor. «Die Leser werden sich daran gewöhnen», meint er. Ein weiteres logistisches Problem muss der Blick-Verlag darüber hinaus noch lösen: Die Restaurants brauchen neue Zeitungshalter, die bisherigen können das dickere Heft nicht fassen.
Der Wechsel auf Tabloid lag nach den Ergebnissen des Mai-Testlaufs nahe: An den 3000 Verkaufsstellen mit beiden Formaten hatten sich 69 Prozent der Käufer für Tabloid entschieden. In einer Umfrage bezeichneten zudem
75 Prozent der Einzelkäufer und Abonnenten das Kleinformat als besser. 90 Prozent konnten sich gut vorstellen, in Zukunft den Blick nur noch als Tabloid zu lesen. Und von über 5000 direkten Meinungsäusserungen seien rund 80 Prozent vom neuen Format begeistert gewesen. Zudem konnte der Einzelverkauf in der Testphase um 5 bis 10 Prozent gesteigert werden.
Bei Werbern, Mediaplanern und Werbekunden fällt das Echo auf das neue Format zurückhaltender aus. Wenig erfreut über das kleine Format ist Oskar Gasser. «Der Blick verliert seinen Zeitungscharakter und ist dann bloss noch ein Blättli», kritisiert er. Auch als Inserent kann er dem kleineren Format wenig abgewinnen: «Im Broadsheet-Format kommt eine ganze Seite wuchtig her, im Tabloid verliert sie eher.»
Inhalt zählt, nicht das FormatJürg Siegrist, Direktor des Verban-
des Schweizerischer Werbeauftraggeber (SWA) akzeptiert den Entscheid der Blick-Leser. «Für mich gilt aber immer noch, dass der Inhalt zählt und nicht das Format», sagt er. Das modulare System für die Anzeigen begrüsst er.
David Honegger, CEO von Mc Cann-Erickson, findet, dass das kleinere Format dem Blick besser gerecht werde: er sei eine Zeitung, die man mehrheitlich unterwegs liest. Erstaunt ist Honegger aber, dass Ringier überhaupt eine Testphase benötigt hat. Und als CEO einer Agentur, die derzeit 20 Minuten zu den Kunden zählt, witzelt er: «Der Vorteil am Tabloid ist, dass man jetzt den Blick noch besser im Tagi oder in der NZZ verstecken kann.»
Nicht vorbehaltlos begeistert über den kleinen Blick ist Andy Lehmann, Geschäftsführer der Aegis Media Group Schweiz. «Ich hätte mir ein grösseres Tabloid gewünscht, so wie das Original Cash war», sagt er. So aber laufe der Blick Gefahr, noch stärker mit 20 Minuten verglichen zu werden. Zudem wirke Ringiers Nachziehen in Sachen Format reaktiv und strahle wenig Selbstbewusstsein aus.
Den Schritt zum kleineren Format findet er jedoch logisch und attraktiv für die Werbeauftraggeber. Die inhaltliche Umsetzung sei aber eine «anspruchsvolle Übung». «Ich glaube, dass es eine völlig neue Zeitung gibt, wobei die Redaktion radikal neu denken und gewichten muss.» Dies sei den Lesern angesichts der Kampagne «Blick bleibt Blick» kaum bewusst. «So gesehen steht die grosse Herausforderung für Ringier noch bevor», sagt Lehmann.
Basler Zeitung: Seite ist SeiteAnders als der Blick stellt die Basler Zeitung am 4. September nur gerade den Kulturteil auf Tabloid um. Noch steht der Tarif nicht. «Momentan arbeiten wir noch am Pricing für die Inserate», sagt BaZ-Verlagsleiter Daniel Sommer. «Wir gehen heute aber davon aus, dass der Preis einer 1/1-Seite im Broadsheet- und im Magazinteil unserer Zeitung derselbe sein wird.» Eine Seite sei eine Seite, ihre Werbewirkung sei nicht dadurch geringer, weil sie kleiner ist. Sommer: «Es gibt ja auch grosse und kleine Fernsehgeräte, ohne dass das einen Einfluss auf die Werbepreise für
TV-Spots hat.» (mk)
Blick: Das Urteil über das Tabloid-Format ist geteilt, die Reaktionen auf die Anzeigentarife sind eindeutig.
Markus Knöpfli