Sponsoring Die Marketing-Branche ist im Bann der Fussball-EM und der kommenden Olympischen Spiele. Bereits werten die Sponsoren die ersten Medienpräsenzstatistiken aus. Schon jetzt ist klar: Trittbrettfahrer werden immer mehr zum Problem.WW: Die Rede ist von Ambush-Marketing. Können Sie uns genau erklären, was man unter diesem Begriff versteht?
Elisa Bortoluzzi Dubach: Ambush-Marketing betreiben Aussenseiter ohne Sponsoring-Engagement, die vom Image eines Anlasses, eines Sponsorships profitieren, das andere organisiert und finanziert haben. Mit den Worten eines berühmten Schriftstellers könnte man von einer «Leichtigkeit des Werbens» ohne entsprechende Erleichterung des Portemonnaies sprechen.
Man könnte behaupten, dass all die kleinen und grossen Trittbrettfahrer auch zum Hype von Grossanlässen beitragen und so deren Wert vergrössern. Welchen Schaden richtet Ambush-Marketing den Veranstaltern und den Sponsoren an?
Die Ambushers vermitteln dem Konsumenten oft auf sehr kreative und sympathische Weise die Illusion, sie hätten mit dem fraglichen Event zu tun – und das häufig mit grossem Erfolg. Damit schaden sie einerseits den Organisatoren: Wer soll in Zukunft für etwas bezahlen, was für andere gratis zu haben ist? Geprellt sind andererseits auch die Sponsoren, deren Chance, die eigene Botschaft den Konsumenten zu vermitteln, sich verringert. Am Ende trifft es die Zuhörerinnen und Zuschauer. Die Ambushers lösen nämlich eine Kettenreaktion aus, die zu einer Überpräsenz von Werbebotschaften rund um einen Anlass führt. Der «Overkill» kostet viel Geld und kann störend wirken. Fazit: Ambush-Marketing ist kein Spiel, sondern eine Form des Parasitismus.
Gibt es verschiedene Formen von diesen Parasiten?Ich unterscheide fünf: jene, die den Anlass medial abdecken und Besucher und Mediennutzer im Glauben lassen, es handle sich um den Hauptsponsor. Co-Sponsoren einer Teilveranstaltung, die auftreten, als wären sie Hauptsponsoren. Sponsoren einzelner Mannschaften oder Spiele, die dies so intensiv kommunizieren, dass jeder Hauptsponsor des Anlasses dagegen verblasst. Ambush ist auch, eine umfangreiche Anzeigenkampagne zum kritischen Termin zu buchen, obwohl man nicht im Entferntesten daran denkt, als Sponsor einzusteigen, und die listige Version, bei welcher ein Unternehmen die Sponsoren mit einfallsreichen und fantasievollen Gegenstrategien austrickst.
Im Umfeld der EM gibt es unzählige Möglichkeiten der kommerzialisierten Sympathiebekundung – von den hauptsächlich inoffiziellen Mannschaftstrikots über die Schokokugeln in «Fussballpapier» bis hin zu den Gastrolokalen, die mit Grossmonitoren Gäste anlocken. Wo ziehen Sie die Grenze zwischen Ambush und altruistischer Verstärkung solcher Anlässe?
Sobald mit der Anfertigung von Produkten Geld verdient wird, das nicht dem Sport zugute kommt, kann man nicht mehr von «altruistischer Verstärkung» sprechen. Anders ist es, wenn man ohne systematischen finanziellen Nutzen den Fans eine Möglichkeit offeriert, von einem Fussballspiel gemeinsam zu profitieren. Es gibt Grauzonen, aber die Absichten sind meistens schnell erkennbar.
Wenn diese Grauzonen leicht zu durchleuchten sind, welche Schritte können die Betroffenen unternehmen, um Ambush-Marketing in Zukunft einen Riegel vorzuschieben?
Trademark- und Copyright-Registrierung, das Gesetz gegen den unlauteren Wettbewerb, Monitoring und Kontrolle rund um den Event, das sind Möglichkeiten, wie man rechtlich gegen Ambush ankämpfen kann. Dies bedingt allerdings eine enge Zusammenarbeit mit den Behörden und der Polizei vor Ort. Es gibt auch inhaltliche und kommunikative Schritte wie die Erhöhung der Nutzungsfrequenz durch die Sponsoren oder ihre Erhöhung der medialen und werblichen Präsenz. Beide Schritte sind nicht unproblematisch, etwa wenn wir an die Folgen für die Konsumenten denken. Ein letzter Schritt ist die Zusammenarbeit mit den Medien. Wenn sich das Bewusstsein durchsetzt, dass Ambush auch die finanzielle Belastung für die Gesellschaft erhöht sowie die Finanzierung von Sport und Kultur gefährdet, dann wäre dies ein wesentlicher Fortschritt. Noch immer sind die Ambushers die heimlichen Lieblinge des Publikums, vermeintliche Robin Hoods der Sponsoringszene. Solche sympathischen Piraten müssten aber entmystifiziert werden. Ihre Rolle ist nicht jene des sympathischen Schlitzohrs, sondern vielmehr jene des unbelehrbaren Profiteurs.
Gegen Piraten: Elisa Bortoluzzi Dubach ist Sponsoring- und Kommunikationsberaterin.
Interview: Luca Aloisi