Eventbranche Vom Sauglattismus zum seriösen Marketing-Tool: Der Event-Markt will erwachsen werden. Freitag, der 13. Für Abergläubische kaum ein optimales Datum für einen Event, potenzielle Besucher könnten sich in den eigenen vier Wänden sicherer fühlen. Erst recht im eigenen Bett. Ikea, bekannt für seine schrägen Promotionen, macht sich die kalendarische Fügung zu Nutze: Am vermeintlichen Unglückstag bringt das Möbelhaus im Rahmen der «Complete Bedroom Party» den neuen Katalog unter die Freunde des schwedischen Wohnstils. Unter seinem Dietliker Dach will der grösste Einrichter der Welt Sortimentsneuheiten vorstellen, Schweizer Bettgeschichten erzählen und bei einem Schwedischen Buffet «auf süsse Träume anstossen».Indes wird Ikea mit dem Katalog-Launch-Fest am Unglückstag bei weitem nicht das einzige Unternehmen mit einem Event sein. Mit einer der relativ höchsten Dichten an Anlässen kommen die Veranstalter in der engen Schweiz kaum um solche Daten herum. Über 800 Anlässe mit jeweils über 6000 Besuchern mussten beispielsweise über das vergangene Jahr verteilt werden. Dabei sind die Sportveranstaltungen noch nicht berücksichtigt.
«Der Schweizer ist ein waschechter Festbruder», bringt Hansruedi Knöpfli, Schulleiter an der Swiss Marketing Academy, die Praxis auf den Punkt. Und wer würde es kurz nach dem Millionen-Public-Event Street Parade wagen, ihm zu widersprechen? Als Anbieter des praxisorientierten Diplomlehrgangs zum Event- und Sponsoringplaner will Knöpfli die Studierenden in alle Belange des Events einführen – vom Corporate Event für den Verwaltungsrat, über den B-to-B-Anlass für die Handelspartner, bis hin zur Launch-Veranstaltung für die Endverbraucher oder dem Public Event für die Prospects.
Trotz des allgemein hohen Interesses am Kurs, das auch Knöpfli als Zeichen einer wirtschaftlichen Erholung der Branche interpretiert, bringt er für die Vorbehalte der Kritiker ein gewisses Verständnis auf. «Innerhalb des Marketing-Mix hat Event als Spezialfach tatsächlich noch eine kurze Tradition. Weder sind im heimischen Markt verlässliche Zahlen vorhanden, noch kann von Markttransparenz die Rede sein», sagt Knöpfli. Doch der Bedarf an Konzept, Struktur und Controlling helfe mit, den Aufbau einer wissenschaftlichen Basis voranzutreiben. Dies erfordert jedoch noch einige Jahre skrupelloser Forschung, Auswertung und Einordnung der
gewonnenen Daten. Kosten, die gegenwärtig kaum jemand auf sich nehmen will.
Letztlich scheint die Materie Event weder für akademische Steilvorlagen noch als Marketing-Theorie geeignet zu sein. Ob ein Event kreativ ist und der Funke auf die Besucher überspringt oder nicht, hängt kaum vom theoretischen Konzept ab, weiss Hansruedi Knöpfli. Hingegen ermöglichen Konzepte aber ein besseres Handling der Planung, Logistik und juristischen Probleme.
Auch das SPRI reagiert mit seinem neuen Nachdiplomkurs Event-kommunikation auf die gestiegenen Ansprüche der Auftraggeber und Kunden im Eventbereich. Der Fokus liegt hier aber auf der Gesamtkommunikation und den Schlüsselmassnahmen für einen Anlass, erklärt Studienleiterin Marina Villa.
Positiver Trend im Messebereich
Wie wichtig dieses Rüstzeug ist, wird deutlich, wenn man die ökonomische Bedeutung der Event-branche in der Schweiz kennt. Gemäss Erhebungen von Expo & Event und MCI setzt diese mit weit über 700 Allround- und Spezial-Agenturen jährlich ungefähr eine Milliarde Franken um.
Messen und Ausstellungen tragen gemäss Wemf rund 240 Millionen Franken dazu bei (2003). Nach Angaben der Vereinigung Messen Schweiz, welche die Nettoeinnahmen aus der Vermietung der Hallenflächen berechnet, bedeutete dies gegenüber dem Vorjahr einen turnusgemässen Rückgang von 1,6 Prozent. Der werde aber in diesem Jahr voraussichtlich wieder aufgeholt, so der Verantwortliche Bruno Kleger.
Yuri Camagni vom Ausstellungsspezialisten Messerli führt die stabile bis positive Entwicklung unter anderem auch auf die Bereinigung der Messestrukturen in den letzten Jahren zurück. Dadurch sei bei den Ausstellern wieder Sicherheit und Motivation zurückgekehrt.
Von den Veränderungen und der Konzentration profitierten vor allem die etablierten Messebauunternehmen wie Messerli, das sein Angebot strategisch auf Event Services und Interior Design ausgebaut hat. Damit spricht Messerli jene Unternehmen an, die ihre Büros, Empfangsräume und Showrooms auf ein einheitliches CD trimmen und so die Marke, ihre Werte und Soft-Faktoren optisch noch prägnanter bei der Zielgruppe verankern wollen.
Gleichzeitig unterstützt Messerli Eventagenturen bei Ausstattung und Umsetzungsaufgaben. Der Trend zu mehr Raum für Austausch und Networking – weg vom schrillen und lauten Mega-Event mit reinem Unterhaltungswert – bestätigt mittlerweile den Aufbau solcher neuer Serviceunits. «Während bis vor wenigen Jahren nur progressive Branchen wie IT für ihre Anlässe auf Lounge-Atmosphäre sowie vor- und nachgelagerte Massnahmen setzten, kommt jetzt sogar der Industriesektor auf den Geschmack», sagt Yuri Camagni. An Messen stellt er nebst der emotionalen Bildwelt einen zusätzlichen Trend fest, der in dieselbe Richtung geht und der persönlichen, proaktiven Kundenbetreuung dient. «Viele Aussteller verstärken die Wirkung ihrer Messeteilnahme mit begleitenden aufwändigen Events oder Lounge-Areas. Hier lässt sich der Kontakt und das Geschäft unter Ausschluss der Konkurrenz in einer angenehmen Atmosphäre besser pflegen.»
Wie bei den Messen erlauben erhöhte Multimedialität und Professionalisierung auch der Kommunikationsarena Event neue Möglichkeiten der Erfolgsmessung und des Trackings. Im Wettstreit um die Budgetanteile konnten sich die Below-the-line-Agenturen dank dem Trend zur Interaktivität und zum Individualismus gegenüber den klassischen merklich steigern. «Die Kunden verlangen auch bei ‹Below the line›-Massnahmen mehr quantitative Messgrössen», weiss Polo Looser, Direktor von MCI Schweiz, zu berichten.
Für die Schweizer Markteinführung von Evra-Patches – in den USA bereits das am zweithäufigsten verwendete Verhütungsmittel – konzipierte MCI einen Anlass für 1500 Gäste im Zürcher Maag-Areal. «Von diesem Event konnten wir nun den Return on Investment berechnen», so Looser. In Zukunft würden solche Messdaten schon bei der Eventplanung einbezogen, ist er überzeugt. Die Benchmarks für die verschiedenen Branchen – von den Autos bis zu den fast moving consumer goods – werden eine noch grössere Rolle spielen.
Wirtschaftlichkeit, Sinnhaltigkeit
Im Unterschied zu früher werden heute auch mit Events ähnliche Ziele wie in der klassischen Werbung verfolgt: Marktanteilsgewinne, Trendsetting und Stärkung des Brands. Zudem, so Looser, umfasst das von Reflection Marketing und MCI gemeinsam entwickelte Messsystem Eventflector Kriterien wie Integration, Strategie- und Markenbezug, Eventumsetzung und so weiter. Die aus dem Eventflector gewonnenen Erkenntnisse münden in Lösungsvorschläge für weitere Massnahmen.
Nebst den bisherigen Eventelementen, wie dem Mix aus emotionalem Erlebnis, Information im Gruppenkreis, positives Umfeld und verstärkter Erinnerungseffekt, erklären solch neue Eventmessmodelle die wachsende Beliebtheit erlebnisorientierter Anlässe. Besonders Produkte mit starker Lifestyle-Orientierung wie Energy-Drinks (Red Bull) oder neue Medikamente werden vermehrt über Live-Kommunikation beworben, während die klassischen Werbemittel nur unterstützend zum Zug kommen und einen bescheideneren Teil des Budgets erhalten.
Entscheidend für diese positive Entwicklung sei aber auch die Ernüchterung nach dem Super-Hype Ende der 90er-Jahre gewesen und die Einsicht, dass Event-Marketing oft nur Mittel zum Selbstzweck war und damit sinn- und ziellos blieb, meint Christina Spindler, GL-Mitglied von Group Worldspan: «Die zentrale Frage ist heute die nach der Wirtschaftlichkeit und Sinnhaftigkeit eines Business-Anlasses.» Im Unterschied zu Deutschland stellt sie in der Schweizer Eventbranche bereits erste viel versprechende Umsatzanstiege fest. Trotz der labilen Wirtschaftslage sei erfreulich, dass «sich vor allem das Verhalten und die Einstellung der Kunden positiv verändert haben. Die Kunden suchen vermehrt die Agenturen von sich aus auf und nicht mehr umgekehrt. Auch die Anfragen für das Jahr 2005 sind sehr gut.» Immer häufiger lassen auch internationale Holdings, die sonst nur selten mit ihren Events in die Schweiz kommen, eine Veranstaltung hier realisieren.
Annette Weisskopf, Teilhaberin der Zürcher Action Agency, die für Kunden wie Swisscom Mobile oder Nokia vor allem im Jugendsegment tätig ist, unterscheidet Branchen mit grossem Eventpotenzial von solchen, die auf dem absteigenden Ast sind: «Sponsoring-Events im Modebereich sind in den letzten Jahren dramatisch zurückgegangen, weil sie oft die angepeilten Zielgruppen verfehlten. Dafür konnten Sport und Musik in Form von Openairs und Freestyle-Sport-Events nochmals kräftig zulegen.» Den Grund dafür sieht ihr Geschäftspartner Andreas Lehner in den Preisen der Schweizer Modeanlässe, die sogar den überregionalen Spill-over-Effekt verrechnen, und im Fakt, dass Sport- und Musik-Events trotz ihrer Tradition oft innovativer sind und deren Medienresponse oft breiter ausfällt.
Egal ob gesponserte Eigenproduktionen oder Business-Anlässe in Eigenregie, die Frage bleibt: Wird die Eventbranche vom Handicap der klassischen Werbemedien mit der Segmentierbarkeit der zunehmend multidimensionalen und individualisierten Produkte profitieren oder nicht? Die kürzlich gegründete IG der Eventauftraggeber Eventcircle.ch unternimmt jedenfalls als Erste den Versuch, das Jekami-Image der Eventbranche loszuwerden: durch klare Abgrenzung von anderen Disziplinen, eine grössere Markttransparenz sowie Ideen- und Kontaktbörsen unter externen und internen Dienstleistern. Die Ziele sind gesteckt, der Weg dorthin noch lang.
Prominente Moderatorin für den Ärzte-Event von Evra: Sandra Studer mit Verhütungspflaster.
Megaparty für eine Million Gäste und Dutzende von Event-partnern: Street Parade Zürich.
Am Freitag, 13. August, ists im Bett am sichersten. Ikeas Einladung zur «Complete Bedroom Party».
Trends in der Live-KommunikationAuf Grund einer GDI-Zukunftsstudie und interner Einschätzungen erarbeitet MCI-Direktor Polo Looser drei Trends zur Zukunft des Event-Marketing.
These 1: Der Megatrend der Erlebnisökonomie geht weiter: Emotionen kreieren, Erfahrungen machen, Spektakel erleben, Inszenierung mitgestalten, sich verführen, stimulieren oder faszinieren lassen.
These 2: In Zukunft werden Erlebnisse von den Teilnehmern miterarbeitet, weil Anchoring in der Erinnerung der Besucher nur durch hohes Involvement entsteht.
These 3: Der Inhalt des Events gewinnt inskünftig an Bedeutung. Statt Reizüberflutung sind vermehrt klare Storylines, Szenekompetenz sowie strategische Ziele gefragt. Die rasant voranschreitende Globalisierung verstärkt die aufgeführten Trends zusätzlich.
Luca Aloisi