Branding Kevin Roberts, CEO von Saatchi & Saatchi, erklärt in «Lovemarks» – auch – seinen eigenen Erfolg.
Kevin Roberts hat in seinem Leben schon so ziemlich alles verkauft: Nassrasierer, koffeinhaltige Limonaden, Waschmittel. Und am liebsten und besten seine eigene Person. Als Selbstdarsteller ist er stets für medienwirksame Auftritte gut. Zum Beispiel als Geschäftsführer von Pepsi in Kanada, als er am Ende einer Rede ein Gewehr in die Hand nahm und einen auf der Bühne aufgebauten Coca-Cola-Automaten standesrechtlich erschoss. Das Publikum flüchtete panikartig, die Medien berichteten tagelang – und Pepsi steigerte seinen Marktanteil in Kanada dramatisch.Diese Anekdote erzählt Roberts gerne. Auch in «Lovemarks». Denn sie beschreibt treffend seinen Charakter: «All or nothing at all». Das spürt, wer dieses Buch liest. Roberts überzeugt, weil er glaubt, was er schreibt, weil er liebt, was er tut. Darum sind die etwas mehr als 200 Seiten lesenswert, auch wenn die Idee dahinter alles andere als neu ist. Aber keiner vor ihm hat sie so geschickt verkauft – weder Marc Gobé in «Emotional Branding» (2001) noch Tim Sanders mit «Love Is The Killer App» (2002). Und wichtiger noch: Keiner hat einen so schönen Namen dafür gefunden.
Love is the answer
Warum zahlt jemand doppelt so viel für ein Motorrad, das nur halb so viel leistet? Warum warten Menschen, die es immer eiliger haben, monatelang auf einen Computer? Weil Harley-Davidson und Apple aus ihren Produkten nicht nur Trademarks oder Trustmarks gemacht haben, sondern Lovemarks – für Roberts die Zukunft aller Markenbildung und -führung. In unseren erfolgs- und effizienzorientierten Gesellschaften herrscht eine emotionale Leere, die Menschen anderweitig nach Wärme, Geborgenheit, Liebe suchen lässt. Und die finden sie laut Roberts weniger bei Partner, Freundin oder Kollegen als bei Lovemarks.
Diese sind nämlich nicht nur pflegeleicht und immer verfügbar, sondern vor allem sinnlich, geheimnisvoll und doch vertraut. Das unterscheidet sie von anderen Produkten, die vielleicht sogar besser oder günstiger sind, aber nicht so begehrenswert. Was zu Lovemarks wird, entscheiden Kunden demnach mit dem Herzen, nicht mit dem Kopf. Laut Roberts brauchen sie dafür kaum drei Sekunden. Entweder sie spüren ein Prickeln, wenn ein Mini vorbeifährt, und sie haben Schmetterlinge im Bauch, wenn sie einen Montblanc-Füller in Händen halten, oder eben nicht. Reicht es allerdings zum Flirt, wird daraus häufig eine tragfähige Beziehung, die länger hält als viele Ehen.
Love is in the air
Wie aber bringt man mehr oder minder vernünftige Menschen dazu, an und für sich seelenlose Produkte zu lieben? Des selbstverliebten Autors vulgärpsychologische Antwort darauf lautet: Nur wer liebt, wird geliebt. Woraus folgt, dass Kundinnen und Kunden nur jene Produkte als Lovemarks adeln, hinter denen Menschen stehen, die ihre Arbeit mit viel Herzblut und Identifikation machen. Willie G. Davidson (Harley) und Steven Jobs (Apple) sind lebende Beweise dafür.
Gelegentlich macht es sich Roberts aber doch zu einfach. Seine Tipps zum Beispiel, wie aus Kunden Liebhaber werden, sind etwas gar banal. Ein Beispiel: «Kontaktieren Sie jede Woche mindestens drei Kunden. Die einzige Chance, herauszufinden, was diese wirklich denken, ist, mit ihnen zu reden und ihnen zuzuhören.» Darauf wären wir vermutlich nie gekommen …
All you need is love
Wegen Roberts ansteckendem Enthusiamus haben Lovemarks dennoch das Zeug zum Trend. Darum sollte, wer für sich oder andere wirbt, dieses Buch lesen. Obwohl darin vor allem Kampagnen und Kunden von Saatchi & Saatchi vorkommen, und obwohl das Layout mehr verwirrt als ordnet und keinem Sinn stiftenden Konzept folgt.
Die locker geschriebenen Texte, welche der Neuseeländer in bester US-Manier mit bunten Beispielen und amüsanten Anekdoten garniert, evozieren trotzdem den einen oder anderen Gedanken. Nicht nur über die Liebe. Aber auch. Vor allem jedoch über die Zukunft des Branding und der Gebrandeten.
Ist das Glas halb voll oder halb leer? Für Berufsoptimisten wie Kevin Roberts ist der Fall klar, und der Erfolg gibt ihrer Philosophie Recht.
Roger Hausmann – Der Rezensent ist selbstständiger Texter und Publizist. Auf schreibwerkstatt.ch empfiehlt er regelmässig Bücher aus Marketing und Kommunikation.