Raummodell Wemf-Chef René Schmutz muss mit seinem neuen Modell über die Bücher. Hauptgrund ist die heftige Opposition.WW Nicht nur etliche Verleger haben sich vehement gegen das neue Raummodell ausgesprochen. Auch Westschweizer Politiker und der Journalistenverband Impressum schlossen sich der Attacke an. Wurden Sie vom Ausmass der Kritik überrascht?René Schmutz Überrascht hat mich am meisten, wie emotional die ganze Diskussion geführt wurde und wie unprofessionell die Kritik teilweise daherkam. Dass man gegen unseren Vorschlag sein kann, ist ja klar. Aber wir haben Argumente erwartet und nicht Attacken.
Was haben Sie daraus gelernt?
Ich habe zumindest eine neue Erfahrung gemacht, denn so starke Opposition habe ich bisher noch bei keinem Projekt der Wemf erlebt. Wirklich beeindruckt haben mich aber die Argumente, die gekommen sind, und nicht die heftige Art, mit der einige Votanten diese vorbrachten.
Welches waren die Einwände, die schliesslich den Ausschlag für die
Revision des Modells gaben?
Wenn man Aussagen machen will über das Einkaufsverhalten der Bevölkerung, dann braucht man andere Daten als nur die Befragung der Schlüsselpersonen und den Einbezug der Arbeitspendlerströme. Gegen diesen Einwand habe ich keine Gegenargumente
Offenbar hat aber auch das Gutachten von Prof. Dr. Peter Gräf das
Modell kritisiert. Demnach war die Wissenschaftlichkeit des vorgeschlagenen Raummodells doch nicht über alle Zweifel erhaben?
Wir waren der Meinung, dass die Befragung der Schlüsselpersonen auch für unser Raummodell funktioniert, denn in anderen Bereichen ist diese Methode üblich. In dem Moment, wo sich die Opposition aber derart verdichtet, muss man reagieren. Eine Bevölkerungsumfrage, wie sie der Mach Basic zu Grunde liegt, ist sicher viel weniger angreifbar als eine Schlüsselpersonenbefragung.
Aber was sagte dann das wissenschaftliche Gutachten zu genau diesem Punkt?
Ich möchte nicht im Detail darauf eingehen, wer sich wie geäussert hat. Das Gutachten von Professor Gräf ist nur ein einzelnes Element der ganzen Vernehmlassung. Insgesamt kam bei dieser heraus, dass für die Definition der Wirtschaftsgebiete das Einkaufsverhalten zentral ist. Dahinter steckt andererseits aber auch nichts Neues. Und die Opposition gegen unseren Vorschlag ist ja erst gekommen, nachdem man das Resultat gesehen hatte. Tatsache ist, dass es keine allgemein anerkannte Methode gibt, wie Wirtschaftsgebiete zu definieren sind.
Durch den Aufwand, der nun nötig wird, stellen Sie auch weitere hohe Kosten in Aussicht. Halten Sie es für möglich, dass diese das ganze Projekt am Schluss definitiv kippen könnten?
Das werden wir sehen. Zusätzliche Kosten werden anfallen. Wie das Ganze finanziert wird, ist heute noch nicht klar. Aber es müsste möglich sein. Denn die Wirtschaftsgebiete sind nun einmal 40 Jahre alt, und wenn man es mit den vorgesehenen Kosten nicht machen kann, dann kommt man um den zusätzlichen Aufwand nicht herum. Sonst würden die veralteten Wirtschaftsgebiete in Kraft bleiben, und das kann ja auch nicht die Lösung sein.
Sind denn die Ansätze, mit denen das Modell korrigiert werden soll, methodisch abgesichert, oder ist mit weiteren Hindernissen zu rechnen?
Im Moment sehe ich dafür keinen Grund. Aber dies zu beantworten, ist ja Gegenstand der Abklärungen, die nun folgen werden. Erst danach lässt sich die Frage beantworten, ob sich die Korrekturen im geplanten Sinne umsetzen lassen und wie viel es kostet.
Es besteht also durchaus eine Gefahr, dass keine Lösung zu Stande kommt und die Wemf am Schluss vor einem Scherbenhaufen steht?
Was heisst Scherbenhaufen? Die Wemf hat die Wirtschaftsgebiete vor vierzig Jahren selber entwickelt. Und sie wurden immer kritisiert, wenn auch nie ganz klar wurde, was denn eigentlich falsch war. Inzwischen kann man mit guten Gründen kritisieren, dass sich die Welt und damit auch die Wirtschaftsgebiete verändert haben. Die Frage ist jetzt, wie man sie neu definiert. Die Berufspendlersaldi sind zu wenig geeignet für die Abgrenzung von Wirtschaftsgebieten, welche für die Mediaplanung taugen. Denn Letztere hat mit Konsum zu tun, und deshalb sind Konsumdaten besser als Pendlersaldi. Diese Daten stehen aber nicht in der erforderlichen Feinheit zur Verfügung, deshalb müssen wir sie zuerst beschaffen.
Im 2005 geht das revidierte Modell erneut in die Vernehmlassung. Können Sie davon ausgehen, dass die angemeldeten Bedenken dann aus dem Weg geräumt sein werden?
Das wird sich zeigen. Die beiden zentralen Kritikpunkte nehmen wir im neuen Modell auf. Es gab aber auch noch weitere Einwände, auf die ich jetzt nicht im Detail eingehen möchte.
Eine andere Frage ist, ob man denn ein 40 Jahre altes Raummodell, in dem ja auch die Geschäftsmodelle der Zeitungen verwurzelt sind, überhaupt abändern kann, ohne dabei zahlreiche Aufschreie zu provozieren.
Man kann nicht den Bär waschen, ohne das Fell nass zu machen. Wenn man die Wirtschaftsgebiete revidieren muss, gibt es unweigerlich Änderungen. Im Klartext heisst das: Wenn ein Gebiet etwas grösser wird, dann muss ein anderes kleiner werden. Das ist einfach so.
Als Partner der Verlage ist die Wemf aber Empfindlichkeiten ausgesetzt, um die sie sich nicht so einfach foutieren kann.
Die Frage ist doch, ob die Sache wissenschaftlich abgestützt ist oder nicht. Unser Schirm war nicht stark genug für den Sturm, der mit der Vernehmlassung auf uns zugekommen ist. Doch ich kann damit leben, denn wie bereits gesagt, habe ich keine Gegenargumente gegen die beiden vorgebrachten zentralen Einwände.
In den Vorjahren konnte die Wemf praktisch ohne Begleitlärm oder in den Weg gestellte Hindernisse diverse neue Forschungssysteme aufgleisen, wie etwa die Mach 2 oder die Internetforschung. In der jüngsten Vergangenheit ist nun aber weder der Advertising Index Switzerland (AIS) noch das neue Raumkonzept wunschgemäss zu Stande gekommen.
Der AIS ist ein Spezialfall, denn dort begaben wir uns in Konkurrenz zu anderen Anbietern. Damit war auch klar, dass sich diese wehren und alles in Gang setzen würden, um ihn zu verhindern, mit diesen und anderen Methoden. Das ist aber auch in anderen Märkten ein völlig normaler Vorgang.
Und das Raummodell: Hätte es auch in den wirtschaftlich guten Jahren dieselbe heftige Kritik geerntet?
Das kann ich nicht sagen. Ich weiss nur, dass es den Printmedien im Moment nicht so gut geht. Insofern ist verständlich, wenn die Reaktionen relativ vehement ausfallen.
Im Kreuzfeuer der Kritik: Wemf-Chef René Schmutz.
Modell wird ergänztDer Begleitlärm rund um die «Neuen Kommunikationsräume und Wirtschaftsgebiete der Schweiz» hat es bereits ahnen lassen: Das neue Modell wird in der vorgeschlagenen Form nicht in Kraft gesetzt.
Bis zum Ablauf der Vernehmlassungsfrist am 30. Juni seien bei der Wemf eine Reihe sachlich abgefasster und mit Fakten begründete Reaktionen sowie ein Gutachten vom Wirtschaftgeografen Prof. Dr. Peter Gräf von der Technischen Hochschule Aachen eingegangen. Kritik erntete vor allem die Methode zur Simulation des Einkaufsverhaltens mittels Schlüsselpersonenbefragung und Erfassung der Pendlerströme. Der Wemf-VR hat deshalb die Geschäftsstelle beauftragt, in
Zusammenarbeit mit der Publicom zu überprüfen, wie das Modell an Stelle der Schlüsselpersonenbefragung durch eine repräsentative Befragung sowie den Einbezug konsumbezogener Daten ergänzt werden kann.
Das Ergebnis der Überprüfung kann voraussichtlich im Jahr 2005 in eine weitere Vernehmlassung geschickt werden. Falls dieses Konzept auf Zustimmung stösst und die notwendigen finanziellen Mittel zur Verfügung stehen, können die Erhebungsarbeiten 2006 beginnen, schreibt die Wemf. Mit Ergebnissen ist nicht vor 2007 zu rechnen. Bis dahin bleiben die «alten» WGs in Kraft. (dse)
Interview: Daniel Schifferle