Nahsehen statt Rückblende
Lokalfernsehen Hugo Bigi hat zum 10-Jahr-Jubiläum von TeleZüri ein Lehrbuch statt eine Festschrift verfasst.
Lokalfernsehen Hugo Bigi hat zum 10-Jahr-Jubiläum von TeleZüri ein Lehrbuch statt eine Festschrift verfasst. WW: Das Buch «Nahsehen» wirkt stilistisch wie eine gedruckte «People»-Sendung. Trotzdem könnte man es auch als Lehrbuch für TV-Journalismus verkaufen. Didaktische Absicht?Hugo Bigi: Ein Buchkritiker sagte, mein «Nahsehen» sei eine «Medienanalyse als Homestory». Dem würde ich zustimmen. Der Prozess des Fernsehmachens ist auf verschiedene Personen bezogen. Es wird anhand einer konkreten Geschichte beschrieben, wie ein einzelner Videojournalist (VJ) für einen Bericht bestimmend sein kann. Was bringt er aus seinem Umfeld mit, wie arbeitet er? Ich formulierte es leicht überspitzt: «Jeder VJ ist ein kleiner Programmdirektor.» Diese Analyse wollte ich aber nicht nur akademisch als Lehrbuch präsentieren, sondern auch unterhaltend.
Geschichten statt ein Geschichtsbuch?
Ursprünglich wollte ich mehr auf die Historie fokussieren, merkte aber bald: Es ist nicht die Geschichte, die ausschlaggebend ist bei TeleZüri. Es geht vielmehr darum: Wie werden Geschichten gemacht? Jedes Ereignis wird bei uns in eine Geschichte verpackt. Das merkt man bei der Umsetzung in der Redaktion wie auch in der Wahrnehmung beim Publikum. Dieses sitzt mitten in der Geschichte drin, weil sie aus seinem regionalen Umfeld stammt. Das wird konsequent durchgezogen in der Redaktionsarbeit bei TeleZüri. Deshalb reden wir intern auch ständig von Geschichten statt von Beiträgen. Mit «Nahsehen» habe ich versucht, sowohl in der Sprache wie vom Tempo her «TeleZüri in Buchform» zu schaffen. Ich wollte aufzeigen, wie solche Geschichten entstehen und was sie bewirken.
Sie sind auch Dozent für Fernsehjournalismus am MAZ sowie am Institut für angewandte Medienwissenschaften an der Zürcher Hochschule Winterthur. Wie wichtig ist das neben dem Moderationsjob?
Eine Zukunft in diese Richtung kann ich mir gut vorstellen. Ich will aber nie den Bezug zur journalistischen Praxis verlieren. Seit 20 Jahren bin ich an der Front tätig und versuche jetzt, von beiden Seiten etwas herauszunehmen und vielleicht auch eine Brücke zu schlagen. In der Schweiz gibt es immer noch einen tiefen Graben zwischen Journalisten in der Praxis und der Akademie.
Sie wollen im Frühling 2005 auch ein Studium der Kommunikationswissenschaften am Center for Mass Communication Research an der University of Leicester abschliessen. Was motiviert Sie dazu?
Das Research Center in Leicester erforscht Medien nicht nur akademisch, sondern auch sehr praxisorientiert. Ich könnte mir durchaus vorstellen, dort noch ein wenig weiterzumachen oder meine Lehrtätigkeit mehr in diese Richtung auszubauen. Es ist spannend zu sehen, wie im angelsächsischen Raum viel mehr Medien und Medienrezeption als bei uns gelehrt wird. Die Medien entwickeln sich rasant, deshalb ist es wichtig, dass man lernt, wie man mit ihnen umgehen soll.
Ihre Master-Dissertation hat den Titel «Videojournalism and the Sociology of News Production». Was heisst das?
Es geht um Mediensoziologie. Ich will den Videojournalismus, den TeleZüri als Erste in der Schweiz eingeführt hat, von der Macherseite her analysieren. Herausfinden, wie und wieso diese VJs arbeiten. Welchen Zwängen sind sie ausgesetzt? Politisch, gesetzlich, ökonomisch.
Einer dieser Zwänge heisst Werbung. Was interessiert Sie daran?
Werbung ist ein wichtiger Teil unserer Alltagskultur. So war es auch klar, dass Werbung im Buch vorkommen musste. Werbung ist bei TeleZüri viel näher präsent als bei einer Zeitung. Das wollte ich sichtbar machen. Einerseits haben wir so das Buch mit rund 20 Seiten «Unterbrecherwerbung» finanziert. Das war ein schöner Nebeneffekt. Provokativ – aber in diesem Buch gerechtfertigt.
Sie schreiben auch über Spots. Was ist hier Ihre These?
TeleZüri ist darauf angewiesen, die lokale Werbung ans Fernsehen zu holen. So hat unser Sender auch mit gewissen Exponenten das «Nah-
sehen in der Werbung» realisieren können. Ernst Fischer von der Bettwarenfabrik in Wädenswil ist ein Werbestar. Kenny Eichenberger von Kenny’s Autocenter in Wettingen ist der Trendsetter dieser personalisierten Werbung. Das ist eine neue Werbesprache, wenn Persönlichkeiten wie Fischer oder Eichenberger hinstehen und sagen: «Vertraut mir!»
Wie gross ist der Anteil von lokaler Werbung auf TeleZüri?Lokale Werbung macht rund 15 Prozent des Gesamtvolumens aus. Der Anteil an nationaler Werbung nimmt weiterhin konstant zu. Vorher mussten wir aber eine neue Form für lokale Werbung entwickeln. Hier unterscheidet sich das Lokalfernsehen von den Radios. Im Radio hat sich die Lokalwerbung als günstiges Medium schon längst etabliert. Beim Fernsehen ist alles viel teurer und da musste man sich für Spots zuerst einen neuen Stil ausdenken und diesen herausbilden, eine andere Art von Kreativität. Deshalb wollte ich im Buch diese Figuren vorstellen und zeigen, was diese Art von Werbung auslösen kann.
«Ich habe mit dem Buch ‹Nahsehen› versucht, vom Tempo und von der Sprache her TeleZüri in Buchform zu schaffen.»
Geschichten statt ein Geschichtsbuch?
Ursprünglich wollte ich mehr auf die Historie fokussieren, merkte aber bald: Es ist nicht die Geschichte, die ausschlaggebend ist bei TeleZüri. Es geht vielmehr darum: Wie werden Geschichten gemacht? Jedes Ereignis wird bei uns in eine Geschichte verpackt. Das merkt man bei der Umsetzung in der Redaktion wie auch in der Wahrnehmung beim Publikum. Dieses sitzt mitten in der Geschichte drin, weil sie aus seinem regionalen Umfeld stammt. Das wird konsequent durchgezogen in der Redaktionsarbeit bei TeleZüri. Deshalb reden wir intern auch ständig von Geschichten statt von Beiträgen. Mit «Nahsehen» habe ich versucht, sowohl in der Sprache wie vom Tempo her «TeleZüri in Buchform» zu schaffen. Ich wollte aufzeigen, wie solche Geschichten entstehen und was sie bewirken.
Sie sind auch Dozent für Fernsehjournalismus am MAZ sowie am Institut für angewandte Medienwissenschaften an der Zürcher Hochschule Winterthur. Wie wichtig ist das neben dem Moderationsjob?
Eine Zukunft in diese Richtung kann ich mir gut vorstellen. Ich will aber nie den Bezug zur journalistischen Praxis verlieren. Seit 20 Jahren bin ich an der Front tätig und versuche jetzt, von beiden Seiten etwas herauszunehmen und vielleicht auch eine Brücke zu schlagen. In der Schweiz gibt es immer noch einen tiefen Graben zwischen Journalisten in der Praxis und der Akademie.
Sie wollen im Frühling 2005 auch ein Studium der Kommunikationswissenschaften am Center for Mass Communication Research an der University of Leicester abschliessen. Was motiviert Sie dazu?
Das Research Center in Leicester erforscht Medien nicht nur akademisch, sondern auch sehr praxisorientiert. Ich könnte mir durchaus vorstellen, dort noch ein wenig weiterzumachen oder meine Lehrtätigkeit mehr in diese Richtung auszubauen. Es ist spannend zu sehen, wie im angelsächsischen Raum viel mehr Medien und Medienrezeption als bei uns gelehrt wird. Die Medien entwickeln sich rasant, deshalb ist es wichtig, dass man lernt, wie man mit ihnen umgehen soll.
Ihre Master-Dissertation hat den Titel «Videojournalism and the Sociology of News Production». Was heisst das?
Es geht um Mediensoziologie. Ich will den Videojournalismus, den TeleZüri als Erste in der Schweiz eingeführt hat, von der Macherseite her analysieren. Herausfinden, wie und wieso diese VJs arbeiten. Welchen Zwängen sind sie ausgesetzt? Politisch, gesetzlich, ökonomisch.
Einer dieser Zwänge heisst Werbung. Was interessiert Sie daran?
Werbung ist ein wichtiger Teil unserer Alltagskultur. So war es auch klar, dass Werbung im Buch vorkommen musste. Werbung ist bei TeleZüri viel näher präsent als bei einer Zeitung. Das wollte ich sichtbar machen. Einerseits haben wir so das Buch mit rund 20 Seiten «Unterbrecherwerbung» finanziert. Das war ein schöner Nebeneffekt. Provokativ – aber in diesem Buch gerechtfertigt.
Sie schreiben auch über Spots. Was ist hier Ihre These?
TeleZüri ist darauf angewiesen, die lokale Werbung ans Fernsehen zu holen. So hat unser Sender auch mit gewissen Exponenten das «Nah-
sehen in der Werbung» realisieren können. Ernst Fischer von der Bettwarenfabrik in Wädenswil ist ein Werbestar. Kenny Eichenberger von Kenny’s Autocenter in Wettingen ist der Trendsetter dieser personalisierten Werbung. Das ist eine neue Werbesprache, wenn Persönlichkeiten wie Fischer oder Eichenberger hinstehen und sagen: «Vertraut mir!»
Wie gross ist der Anteil von lokaler Werbung auf TeleZüri?Lokale Werbung macht rund 15 Prozent des Gesamtvolumens aus. Der Anteil an nationaler Werbung nimmt weiterhin konstant zu. Vorher mussten wir aber eine neue Form für lokale Werbung entwickeln. Hier unterscheidet sich das Lokalfernsehen von den Radios. Im Radio hat sich die Lokalwerbung als günstiges Medium schon längst etabliert. Beim Fernsehen ist alles viel teurer und da musste man sich für Spots zuerst einen neuen Stil ausdenken und diesen herausbilden, eine andere Art von Kreativität. Deshalb wollte ich im Buch diese Figuren vorstellen und zeigen, was diese Art von Werbung auslösen kann.
«Ich habe mit dem Buch ‹Nahsehen› versucht, vom Tempo und von der Sprache her TeleZüri in Buchform zu schaffen.»
Hugo Bigi, Anchorman von TeleZüri
Interview: Andreas Panzeri
