Food-Marketing Die Zusammenarbeit der Molkerei in Bever mit dem Nobelkurort St. Moritz ist unkonventionell – hat aber jetzt schon Erfolg.Die hochgealpte Schweizer Braunviehkuh blickt selbstbewusst in die Kamera. Im Hintergrund grüsst die Oberengadiner Seenlandschaft, die sich dank Ferdinand Hodlers Gemälden und der Markenpflege des legendären St. Moritzer Kurdirektors, Hanspeter Danuser, ins kollektive Unterbewusste der Schweizer eingraviert hat. Die Kombination wirkt heiter mit einem Hauch unfreiwilliger Ironie. Entstanden ist die Kampagne durch einen Kontakt des Geschäftsführers der Lataria Engiadinaisa in Bever, Hans Feller, mit Tourismusprofi Hanspeter Danuser. «Er war sofort begeistert, als wir ihm die Idee einer Zusammenarbeit vortrugen», erinnert sich auch der Marketingchef der Molkerei, Renato Bacchini. Die Kooperation ist eigentlich nahe liegend, denn St. Moritz nennt sich ohne falsche Bescheidenheit «Top of the World» und die Lataria, auf 1700 Meter über Meer gelegen, ist die höchstgelegene Molkerei Europas, was beste Voraussetzungen für einen Imagetransfer bietet. Da bekanntlich St. Moritz kaum je mit seinen Appartementburgen und Häuserschluchten wirbt, sondern vorwiegend mit der blauen Seenkette, den sattgrünen Matten und den verschneiten Bergen, wirkt die Kuh als Imageträgerin nicht deplatziert. Bemäkeln könnte man höchstens den Werbespruch: «Allegra im Land, wo Milch, Jogurt und Käse fliessen». Die hochalpine Molkerei produziert ausschliesslich Hartkäse …
ZungenbrecherDer rätoromanische Name Lataria Engiadinaisa SA ist für die meisten Eidgenossen ein ziemlicher Zungenbrecher, weshalb die Molkerei mit dem Kürzel LESA wirbt, das von zwei stilisierten Engadiner Blumen eingerahmt wird. Der Betrieb verarbeitet die Milch von rund siebzig Oberengadiner Bauernbetrieben und liegt beim Bahnhof Bever nur wenige Kilometer östlich von St. Moritz.
Die Lataria Engiadinaisa SA ist eine Aktiengesellschaft mit einem Aktienkapital von 1,5 Millionen Franken; Hauptaktionärin ist mit 55 Prozent die Emmi-Gruppe. Die Genossenschaft der Landwirte, die Chascharia Engiadinaisa, hält 20 Prozent, weitere 20 Prozent der Aktien sind im Besitz von Volg und der Rest gehört der Firma Nutritec in Hochdorf, die auch die Überschussmilch abnimmt.
Das modern ausgestattete Sennerei- und Lagergebäude ist im Besitz der landwirtschaftlichen Genossenschaft, welcher die Aktiengesellschaft Miete zahlt. Die komplexen Besitzverhältnisse hinderten jedoch die Verantwortlichen nicht daran, die Zukunft auch ohne die zusammengebrochene Vermarktungsorganisation Käseunion beherzt an die Hand zu nehmen und ihre Produkte innovativ zu positionieren.
Wirtschaftsfaktor
Die Lataria Engiadinaisa ist wichtig für das Oberengadin, verwertet sie doch lokal den Rohstoff aller Milchbauern des Hochtales und beschäftigt in der Produktion und der Administration vierzehn Personen. Das Unternehmen brilliert mit einem Jahresumsatz von rund 8,5 Millionen Franken und schreibt schwarze Zahlen. «Wir wollen nichts verschreien, denn die Zusammenarbeit mit dem Kurverein St. Moritz läuft erst seit Mai», sagt Bacchini, «doch das Echo auf unseren neuen Werbeauftritt und die Marketingstrategie ist sehr gut.»
Die Lataria stellt jetzt ihr gesamtes Erscheinungsbild um, die Kuh ziert nun auch die Briefköpfe, daneben stehen das LESA-Label und die Logos Engadin und Graubünden. Um das Logo Engadin nutzen zu können, musste die LESA ein Copyright bezahlen, ebenso für die Rechte des Fotografen am Kuhkonterfei. «Das war nicht ganz billig für eine Firma, die mit kleinen Margen rechnen muss», erklärt Bacchini, «aber es hat sich gelohnt.» Das Plakat hat die Agentur Äxplosiv in Chur, von Mike Wielath als Einmannbetrieb geführt, kreiert. Das Sujet erscheint in Kombination mit den verschiedenen Produkten als Plakat, als Inserat oder auch als Tischset in Engadiner Restaurants.
Nationale Verbreitung dank CoopDie Produktpalette der Lataria Engiadinaisa umfasst acht Sorten Bergkäse vom Engiadina Vollfett über den viertelfetten Bündner Bergkäse bis zum Bio Engadin. 350 Tonnen Käse werden in Bever pro Jahr produziert, von denen beträchtliche Mengen im Kanton Graubünden verkauft werden. Die Sortenorganisation Bündner Bergkäse baut den Kontakt zu den Grossverteilern auf, um weitere Absatzkanäle zu erschliessen.
Netzwerke sind auch bei der Verbindung von Top of the World und Europas höchstgelegener Molkerei nützlich. Kurdirektor Danuser half, den Kontakt zu Coop, Hauptsponsor des Engadiner Marathons, zu knüpfen. Vom Trend zu Nahrungsmitteln mit lokalem Profil profitieren auch die Grossverteiler, deren einschlägige Sortimente überdurchschnittlich wachsen. Coop nimmt seit kurzem Engadiner Bio Bergkäse landesweit ins Sortiment auf und kennzeichnet ihn mit einem Engadiner Haus und dem Label Engadin.
Mit St. Moritz Tourismus an die Basler Herbstmesse
Die Lataria hätte lieber die Kuh und die Seenlandschaft als Label gesehen, doch Coop will für seine nationalen Labelprodukte aus den verschiedenen Regionen des Landes ein einheitliches Erscheinungsbild. Der Grossverteiler verbindet die Promotion des Engadiner Käses mit einem Wettbewerb, wo Winterferien in St. Moritz zu gewinnen sind.
Verschiedene Jogurtsorten, auch in Grossgebinden für die Hotellerie, sowie Bündner Vollmilch und Rahm runden das vielseitige Sortiment ab. Sie tragen die geschützten rätoromanischen Markennamen Ladina und Seraina.
Dank der Zusammenarbeit mit dem Verkehrsverein St. Moritz konnte der Bekanntheitsgrad der Produkte aus der Lataria Engiadinaisa trotz grosser Konkurrenz markant erhöht werden. Neuartige Synergien entstehen. So werden die Engadiner Käser gemeinsam mit St. Moritz Tourismus an der Basler Herbstmesse präsent sein; die Touristiker verkaufen Hotelbetten, die Lataria Engiadinaisa ihren Käse. Für St. Moritz, das zunehmend auch seine ökologischen Taten – wie die steigende Nutzung von Solarenergie – ins rechte Licht rückt, ist die Assoziation zu den Naturprodukten aus der Lataria Engiadinaisa sehr willkommen.
LESA-Geschäftsführer Hans Feller betont, dass die hochalpine Molkerei nicht über den Preis, sondern nur durch Qualität und gutes Image Marktanteile gewinnen könne. Trotz kleinerer Transportdistanzen sind die Produkte aus Bever auch im Engadin eher teurer als die importierten Konkurrenzprodukte. Ursache sind die im Vergleich zu den Massenanbietern kleineren Mengen und die Produktionsbedingungen in dieser Höhe. Für die Verteilung in der ganzen Schweiz nutzt die LESA die Infrastruktur und die Logistik von Emmi.
Nicht zuletzt dank der Schützenhilfe des Kurvereins konnten immer mehr Oberengadiner Hotels für die Produkte aus Bever gewonnen werden. Jürg Degiacomi, Direktor des edlen Hotels Chesa Salis in Bever, bekommt die Produkte jeden Tag frisch aus der LESA angeliefert. «Manche Gäste erwarten die regionalen Spezialitäten in guten Hotels und Restaurants», sagt Küchenchef Toni Huser, «das kann Gämspfeffer, Kräutertee oder eben Alpkäse sein.» Ob Hotel Waldhaus in St. Moritz oder Cresta Palace in Celerina, die Gäste schätzen den Engiadina Natura Vollfett oder einen fruchtigen Seraina Bündner Jogurt auf dem Frühstücksbuffet. Und vom Tischset grüsst die selbstbewusste Oberengadiner Kuh.
Ein erfolgreiches Gespann: Hans Feller, Geschäftsführer der Lataria Engiadinaisa (LESA), und Hanspeter Danuser, Kurdirektor St. Moritz. Die höchstgelegene Molkerei Europas in Bever im Oberengadin ist ein hochmoderner Betrieb.
Das Kuhkonterfei gehört zum neuen Erscheinungsbild der Lataria in Bever.
Die Molkerei wirbt mit Engadiner Dorfidylle für ihre Produkte.
Werner Catrina