Technologie Das elektronische Papier kommt schon in naher Zukunft – als Werbeplakat und wohl auch als Buch.Nachdem es sich Ida Schwyzer im Zugsabteil bequem gemacht hat, zieht sie eine Folie in A4-Grösse aus der Handtasche, hält ihr Handy daran und berührt am Folienrand ein Feld mit der Aufschrift «Update». Schon werden auf der Folie die News des Tages sichtbar. Was Schwyzer in Händen hält, ist eine elektronische Zeitung, in die sie sich nun vertiefen kann.Dieses Szenario ist nur zum Teil futuristisch. Zwar ist die elektronische Zeitung noch nicht erhältlich, doch Vorläuferprodukte aus so genanntem elektronischen Papier (Electronic Paper, E-Paper) sind seit einiger Zeit auf dem Markt. So brachten Sony und die US-Firma E Ink vor einem Jahr ein elektronisches Buch auf den Markt, das nicht grösser ist als ein dünnes Paperback, jedoch die Inhalte mehrerer Bücher gespeichert hat. «Geblättert» und gesucht wird mittels Tasten.
E-Paper aus Kunststofffolien
E-Paper gibt es in verschiedenen Varianten, das Grundprinzip ist – mit Verlaub gesagt – in etwa ähnlich. Beim elektronischen Papier der US-Firmen E Ink oder Gyricon handelt es sich um Kunststofffolien, in die Millionen kleiner Kügelchen eingebettet sind. Diese sind je zur Hälfte schwarz und weiss und schwimmen in einem Ölfilm. Mittels elektrischer Ladung lassen sie sich drehen, so dass entweder die weisse oder die schwarze Seite nach vorne gekehrt wird. Über ein Netz aus Elektroden, mit denen die Folien überzogen sind, wird die Ladung auf die einzelnen Kügelchen übertragen. Sobald diese in die gewünschte Position gedreht sind, erscheinen an der Oberfläche Texte oder Bilder. Mittlerweile sind auch vollfarbige E-Paper erhältlich. Diese funktionieren mit einzeln ansteuerbaren Farbfiltern, die über die Kügelchen zu liegen kommen.
Der Vorteil gegenüber herkömmlichem Papier: E-Paper ist immer wieder neu elektronisch beschreib- und löschbar – wie ein Computerbildschirm. Der Nachteil: Es lässt sich (noch) nicht falten, immerhin aber eng rollen, mittlerweile auf einen Radius von 5 Millimetern. Die Kügelchen sind im Übrigen so winzig, dass eine Auflösung von etwa 150 Punkten pro Quadratzentimeter erreicht werden kann – das ist doppelt so viel wie für ein Zeitungsbild benötigt wird. Philips hat zudem elektronisches Papier entwickelt, das Videoinhalte anzeigen kann. Es kommt bei Handy-Displays, Digital- und Videokameras zum Einsatz.
Da für den Betrieb von E-Paper keine Lichtquelle nötig ist, wird Strom einzig für den Speicher, für das «Blättern» sowie natürlich für das Abspielen von Animationen benötigt. Weitere Vorteile gegenüber einem LCD-Bildschirm: Das Geschriebene ist selbst bei grellem Licht und auch aus flachem Winkel gut lesbar. An der diesjährigen Baselworld stellten denn auch die Firmen Seiko und Epson erstmals eine Uhr mit Zifferblatt aus elektronischem Papier vor. Da E-Paper zudem kabellos ansteuerbar ist, ermöglicht es die Funktion als aktualisierbares Werbeplakat oder als Preisschild in einem Warenhaus. Beides wird seriell angeboten, unter anderem von der New Yorker Firma Magink.
Der Aussenwerber APG ist denn auch gerade auf die Plakate von Magink aufmerksam geworden und hat sich letztes Jahr intensiv damit befasst. Das Fazit: «Sie sind für uns interessant, weil sie günstiger sind als unsere LED-Wände in den Bahnhöfen», sagt CEO Christian Kauter. «Sie sind aber etwa punkto Farbigkeit noch nicht das Gelbe vom Ei.» Dennoch ist er sicher: E-Paper wird in der Aussenwerbung Einzug halten – zumindest an Stellen mit Elektroanschluss. Damit würden dann auch kurzfristige Sujetwechsel möglich – etwa wenn ein Shoppingcenter kurz vor Ladenschluss in seiner Umgebung verbilligte Erdbeeren anbieten will. Fest steht: Die APG ist vorbereitet. «Bei unserer Tochter E-Advertising haben wir das Know-how und eine funktionierende Software», sagt Kauter.
Medienunternehmen warten ab Ganz anders die Situation bei den grossen Zeitungsverlagen. Hier rechnet niemand mit einem raschen Aufkommen der elektronischen Zeitung. Das belegen die eben erst getätigten Rieseninvestitionen in neue Druckmaschinen. Eine Umfrage der Werbewoche zeigt: Überall wird die technische Entwicklung beobachtet, doch was dies schon heute verlagsstrategisch bedeuten könnte, etwa bezüglich Allianzen mit Telekommunikationsunternehmen, andern Verlagen, Online- und Mobilevermarktern, überlegen offenbar nur wenige, auf Verbandsebene schon gar nicht. Was heisst es aber für einen Verlag, wenn künftig in der Zeitung Bewegtbilder gezeigt werden können? Oder wenn die Zeitung zum Grossdisplay des Handys wird? Will der Konsument künftig noch eine Vollzeitung – oder stellt er Inhalte lieber individuell zusammen? Und was bedeutet die Entwicklung für Inserate, Beilagen und künftige Businessmodelle?
Einer der wenigen, der sich weitergehende Gedanken macht, ist Beat Lauber, Leiter Regionalzeitungen bei der NZZ. Zwar glaubt auch er nicht, dass elektronische Zeitungen vor fünf bis sieben Jahren Verbreitung finden werden. «Doch wenn das neue Medium kommt, dann kommt es relativ schnell», mahnt er. Die Kerntätigkeit der Zeitungen – das Beschaffen und Aufbereiten von Informationen – werde sich nicht ändern, neu müssten Redaktionen aber anders aufbereiten und online ständig aktualisieren. Der Umgang mit der Individualisierung der Information werde die Herausforderung für das heutige Geschäftsmodell. Da nach wie vor das Reizvolle an einer Zeitung auch die überraschende Konfrontation mit neuen Denkansätzen sei. Ähnliches gelte für die Werbung. Dennoch werde künftig immer häufiger der Konsument entscheiden, wie und welche Werbung er nutzen will. Grundsätzlich sieht Lauber zwei Geschäftsmodelle für Zeitungen: Entweder der Kunde bezahlt für gezielt bezogene Infos oder aber er erhält wie heute ein breites, weit gehend werbefinanziertes Informationspaket. Einsparungen beim Zeitungsvertrieb würden hingegen durch Kosten für die digitale Übermittlung in etwa wieder wettgemacht, warnt Lauber.
Beim NZZ-Partner PubliGroupe pflichtet Andreas Göldi, Leiter des Publi-Connect-Projektes, Lauber bei. Die PubliGroupe im Speziellen, die bereits im Online- und Mobile-Bereich tätig ist und im Bereich PubliDirect (Gelbe Seiten) eine erste, gut funktionierende Partnerschaft mit dem Mobile-Anbieter Swisscom aufweist, sieht Göldi zudem schon gut auf das neue Medium ausgerichtet. Als vordringliche P-Aufgabe scheint ihm aber die Koordination unter den Verlagen für gemeinsame Standards und für den Aufbau gemeinsamer Infrastrukturen – analog zu PrintOnline, dem digitalen Datenkurier von P, NZZ, Tamedia und Ringier. Ein Projekt im Bereich Online-Rubriken steht bevor.
Verlag mit Online-Produkten
Als Verleger am konsequentesten vorgespurt hat aber Urs Gossweiler, Herausgeber der Jungfrau-Zeitung in Brienz. «Wir haben in unserem Unternehmen anfangs Jahr einen strategischen Entscheid gefällt, der auch die Zukunft mit E-Paper mit einbezieht», sagt Gossweiler. Konkret: Sein Verlag richtet sich rundum als Online-Unternehmen aus, die virtuelle Distribution der Inhalte steht im Vordergrund. «Uns ist es egal, ob der Konsument mittels Handy, SMS oder Website auf unsere Inhalte zugreift, ob er sie auf Papier will oder dereinst auf sein E-Paper lädt», sagt Gossweiler.
Alle Inhalte stehen deshalb online zur Verfügung, auf Papier erscheint schon heute nur noch ein Bruchteil davon. Auch Primeurs gehören deshalb ins Web und werden nicht für die Zeitung aufgespart. Mit zu dieser Strategie gehört, dass Inhalte auf der Website gratis zugänglich sind. «Internet ist für uns kein Medium, sondern die Basis, darum kostet uns die Website keinen Rappen», hält Gossweiler fest. «Sobald der Konsument aber Inhalte per SMS oder auf Papier wünscht, muss er uns den Vertriebs- oder Verpackungsaufwand bezahlen.»
Auch der Jungfrau-Werbeverkauf ist online ausgerichtet. «Im Gespräch mit unseren Kunden verkaufen wir bewusst keine Inserate, sondern Kontakte, egal, über welches Medium», sagt Gossweiler. Damit will er die (lokalen) Kunden schon heute für die neuen und künftigen Werbemittel sensibilisieren. «Nach wie vor sind die Werbeauftraggeber aber eher bereit, für ein Printinserat zu bezahlen als für Online- oder Mobile-Werbung», hat Gossweiler festgestellt.
Genau darum kommt für ihn eine Auslagerung des Werbeverkaufs nicht in Frage: Als Verleger will er nahe am Puls der Kunden bleiben. «Noch wissen wir zum Beispiel nicht, wie wir online gleichviel Umsatz generieren können wie mit einem physischen Medium», sagt er. Mit seinen Leuten sucht Gossweiler deshalb unermüdlich nach neuen, geeigneteren Werbeformen.
Gebogen und erst noch gediegenDrei auf neun Zentimeter misst das gebogene elektronische Papier, das die Firmen Seiko Watch und Epson weltweit zum ersten Mal in eine Uhr einsetzten. Wie ein herkömmliches Display ist es in der Lage, die Zeit sowie sämtliche weiteren Funktionen anzuzeigen – dank stärkerem Kontrast und grösserem Betrachtungswinkel jedoch besser lesbar.
Die Uhr mit dem E-Paper-Display war an der Uhren- und Schmuckmesse Baselword 2005 ausgestellt und soll noch dieses Jahr in Japan auf den Markt kommen. (mk)
An der Weltausstellung in Japan zu sehen: E-Paper-Wandzeitung.
So dünn wie ein Paperback: das elektronische Buch von Sony.
E-Paper-Folie lässt sich zwar nicht falten, aber eng rollen.
Markus Knöpfli