Erwin Steiger will als neuer Vorsitzender der GL die Demoscope-Gruppe die Fähigkeiten der Mitarbeitenden als Potenzial nutzen.Eine verschworene Gemeinschaft kann viel erreichen. Davon ist Erwin Steiger überzeugt, wenn er jetzt als neu dazu gekommener Chef der Demoscope-Gruppe als Erstes mit allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern eine Stunde lang persönlich sprechen will. «Die Leute zusammen- schweissen», nennt er diese Aufgabe. «Wir geben uns eine neue Strategie und die kommt nicht von oben, sondern von unten», erklärt er dieses «Entwickeln via Mitarbeiter». Das habe er noch nie so gemacht, weil seine Bereiche dazu früher immer viel zu gross waren.
Bei Demoscope Research & Marketing sind rund 80 Mitarbeitende, unter anderem Psychologen, Soziologen, Ökonomen oder Juristen vollzeitlich beschäftigt. Dazu kommen je nach Auslastung noch 400 Face-to-Face-Befragerende und rund 800 freie Mitarbeitende in den drei grossen Telefonlabors mit total 280 Arbeitsstationen. Als eine Stärke des Unternehmens sieht Steiger die «gute Mischung zwischen jungen dynamischen Projektleitern und erfahrenen Marktforschungsspezialisten».
Genau ein solches überschaubares Unternehmen im Bereich KMU hat sich Erwin Steiger gesucht, nachdem er beim Versicherungsriesen Winterthur als Chef Schweiz bereits 6000 Mitarbeitende führte. Er sei nicht der Verwalter, sondern ein Führertyp, der die anderen mitreissen will.
Nach einem Monat bei Demoscope in Adligenswil hat Erwin Steiger bereits mehrere wichtige Kunden besucht. Früher hat er 80 Prozent seiner Zeit an Sitzungen teilnehmen müssen. «Jetzt bin ich wieder näher beim Kunden und Mitarbeiter.»
Nach seiner langen Karriere in einem Konzern gefällt dem neuen Vorsitzenden der Geschäftsleitung bei Demoscope auch, dass hier das Aktionariat noch überblickbar ist.
Mit dem Wesen der Marktforschung ist Steiger bestens vertraut. Er hat bei der Winterthur bereits als Kunde für mehrere grosse Aufträge nicht nur mit Demoscope zusammen-gearbeitet. Er weiss, welche Fragen aus Kundensicht die wichtigen sind. Und er weiss auch: «Die Marke Demoscope ist sehr gut positioniert.»
Die Frage nach dem USP sei schwierig. Es gibt in der Schweiz in etwa vier grosse Marktforschungsinstitute, die meisten sind Fullservice-Anbieter. Ob das auch in Zukunft so bleiben wird, ist noch offen. Neben sehr grossen Erfahrungen im quantitativen und qualitativen Marktforschungsbereich zeichnet sich Demoscope durch eine äusserst effiziente Umfragearbeit aus. In den Telefonlabors finden täglich Befragungen statt. «Innert sehr kurzer Zeit kommen wir zu Ergebnissen, mit denen der Kunde etwas anfangen kann, weiss der neue Chef die Qualität seiner Leute und Methoden zu unterstreichen.
Zu den grössten Projekten in der Vergangenheit zählte die letzte Volkszählung, an der man massgeblich beteiligt war. Im Markt bekannt sind auch Produkte wie Market Radar oder Brand Valuator. Im Bereich Human Capital hat man ein Instrument entwickelt, das den Firmen die Möglichkeit bietet, regelmässig die Mitarbeiterzufriedenheit zu messen und zu vergleichen. Aber auch zur Messung der Kundenbindung bietet Demoscope ein Instrument an, den Customer Orientation Monitor. «Man legt auf dem Markt noch zu wenig Wert darauf, dass Mitarbeiterzufriedenheit und Kundenzufriedenheit einen direkten Bezug haben», weiss Steiger. Die Möglichkeit, diesen Bezug herzustellen, bieten die beiden Tools an.
Auch in der Werbeforschung ist Demoscope sehr aktiv. Die Kosten für die Lancierung neuer Produkte sind enorm, weshalb es sich immer lohnt, die Marktchancen der Produkte, aber auch die Werbemittel und -kanäle marktforscherisch auszuloten.
Seit Marktforschung im grösseren Stil betrieben wird, sind zwar viele neue Methoden dazugekommen und die Befragung via Internet oder Intranet hat Einzug gehalten, aber immer noch sind Befrager in den Telefonlabors tätig oder im Feld mit Laptops unterwegs. Generell stellt man fest, dass die Befragten immer weniger Zeit haben, weshalb auch die Interviews kürzer werden müssen.
Ein Wachstumspotenzial sieht Steiger bei politischen oder gesellschaftlichen Umfragen. Auch wenn er nicht hofft, dass es in der Schweiz einmal so weit kommen wird wie in den USA. «Wenn Präsident Bush 90 Minuten zur Lage der Nation redet, haben seine Berater nach 45 Minuten die ersten Umfrageergebnisse erhoben und können die Fortsetzung der Rede umschreiben, je nach der Stimmung, die das Gesagte bisher ausgelöst hat.»
Erwin Steiger interessiert sich selber sehr stark für Politik. Jeder müsste etwas für das Allgemeinwohl tun, ob in der Gassenküche oder im Parlament. «Wenn jeder sich am Ganzen beteiligt, hätten wir viel weniger Probleme.» Steiger hat sich bereits mit 21 Jahren an seinem Wohnort Littau, mit 17 000 Einwohnern, im Gemeindeparlament engagiert, wurde mit 30 zum Gemeindepräsidenten gewählt und hatte das Amt zehn Jahre lang inne. Weitere Ambitionen hat er aber nicht. «Debattier Clubs sind nichts für mich. Ich bin mehr an exekutiven Aufgaben interessiert.»
Nach seinem Juristik-Studium in Zürich hat Erwin Steiger zwei Jahre auf einem Anwaltsbüro gearbeitet, bevor er zur Winterthur als Stabsjurist wechselte. Nach einer Weiterbildung im Bereich Risk Management führte er schon bald diese Abteilung. Als ihm auf der kontinuierlichen Karriereleiter nach dem Chef Schweiz die Beförderung ins weite Europa angeboten wurde, spielte es auch eine Rolle, dass er drei schulpflichtige Mädchen von 12, 15 und 16 Jahren hat. «Ich wollte nicht elf Monate pro Jahr im Ausland sein.»
Neben seiner Familie findet Steiger Erholung bei der Fussballmannschaft U80 in Littau. Das Team heisst so, damit der Name nicht ständig geändert werden muss, wenn die Spieler älter werden. Steiger trainiert regelmässig einmal pro Woche. Seine Rolle wird als «offensiver Aufbauer oder zurückhängender Mittelstürmer» definiert.
Erwin Steiger hat als neuer Chef der Demoscope-Gruppe das Ziel, die Mitarbeiter zusammen-zuschweissen.
Andreas Panzeri