Internet Die Statistik Net Audit der Wemf zeichnet ein verzerrtes Bild der Reichweite von Schweizer Sites. Sie weist Besuche ausländischer User nicht aus.Das Internet boomt, die zweite Internetwelle ist gerade im Begriff, über die Marktwirtschaft hereinzubrechen. Die Werbung hat das Worldwideweb nach dem Untergang der Dotcom-Ära erneut entdeckt und sucht nach wirkungsvollen Methoden, die virtuellen Märkte zu erschliessen. Doch die Sache ist knifflig, denn die Messdaten über den Beachtungsgrad von Internetseiten sind bis dato nicht zuverlässig. «Die Zahlen zwischen den einzelnen Messmethoden weichen bisweilen in absurden Dimensionen voneinander ab, so, als ob es so viele Reichweiten ein- und derselben Website gäbe, wie Reichweitenmessungen existieren», sagt Peter Wälty, der stellvertretende Chefredaktor von 20 Minuten.
Ein Vergleich zwischen NZZ und 20 Minuten zeigt: Gemäss der monatlich von der Wemf publizierten elektronischen Messung der Internetzugriffe brachte es NZZ online im vergangenen Mai auf 812000 Unique Clients (PCs, von denen auf eine Website zugegriffen wird). Wemf-Daten darf 20 Minuten aus statutarischen Gründen nicht publizieren, weil das Pendlerblatt die
Erhebung nicht mitfinanziert. Gemäss Werbevermarkterin Adlink weist jedoch 20 Minuten mit 288000 etwa 2,8-mal weniger Unique Clients aus als NZZ online.
Adlink stützt sich dabei auf das Tool «Dart» des weltweit operierenden Ad-Management-Spezialisten Doubleclick, dessen Werte gemäss Erfahrungen von Adlink mit Net-Audit-Zahlen vergleichbar sind. Auf diese Weise wird weiter ersichtlich, dass die NZZ auf ihrer Website auch etwa 3,3-mal mehr Visits (zusammengehöriger Nutzungsvorgang auf einer Website) als 20 Minuten verzeichnet.
Bei der ebenfalls von der Wemf mittels Publikumsbefragungen erhobenen MA Comis, bei der auch 20 Minuten dabei ist, verschieben sich die Relationen drastisch: Im September 2004 bezifferte die Wemf im MA Comis Jahresreport den weitesten Nutzerkreis von NZZ online mit 302000 Usern, jenen von 20 Minuten jedoch 1,3-mal höher (396000). Grund: Net Audit unterscheidet nicht zwischen Internetzugriffen aus dem Ausland und aus der Schweiz, während MA Comis ausschliesslich im Inland Internetgewohnheiten abfragt. Demnach ist es unmöglich, Internetseiten auf Grund ihrer schweizweiten Marktrelevanz miteinander zu vergleichen. «Diese Situation ist im Grunde unhaltbar, besonders für Werbeauftraggeber», sagt Wälty.
Schönen demnach international ausstrahlende Verlagshäuser die Statistiken ihrer Webportale, um auf dem Schweizer Markt Potenz zu markieren? Insider beziffern die Zugriffe ausländischer User auf NZZ online mit immerhin 25 Prozent. Kurt Busslinger, Web-Marketingchef der NZZ, will die Zahl korrigiert wissen: «Wir haben ungefähr zehn Prozent Zugriffe aus dem Ausland.» Das liege zur Hauptsache an der führenden Stellung der NZZ im deutschen Sprachraum, räumt Busslinger ein, bestätigt aber den «sehr grossen Unterschied» der beiden Wemf-Erhebungen.
Heute ist es technisch möglich, anhand der IP-Adresse zu 95 Prozent nachzuweisen, ob ein User aus dem Ausland oder dem Inland eine Website besucht. «Für Vergleiche wärs hilfreich, aber im Moment können wir das noch nicht», erklärt Christine Diemand, Projektleiterin von Net Audit.
«Die Aufregung der Verleger besteht zu Recht», sagt Vanessa Marr, Leiterin Internet Research bei SRG-Tochter Publica Data, zum gegenwärtigen Datendschungel. Zwar haben die neuen Messmethoden das Internet zum Boomen gebracht, doch die Werbebranche investiere der unterschiedlichen Messwerte wegen noch zu wenig, urteilt Marr. Heute kann zudem jeder seine Website selber messen und die Daten auch kommunizieren. Die Flut von unbeglaubigten Reichweiten-Hitparaden ist dabei eine zusätzliche Erschwernis, zu einheitlichen Daten und damit zu Messstandards zu kommen. In Deutschland funktioniert das bereits mit der Methode der Arbeitsgemeinschaft Online Forschung (Agof), welche sitezentrierte Daten und soziodemografische Erhebungen miteinander kombiniert.
Mit neuer Lösung im VerzugGegenwärtig laufen Verhandlungen zwischen den Protagonisten der beiden in der Schweiz vorherrschenden Forschungsrichtungen (siehe Werbewoche 17/05): einerseits der Wemf, zur Hauptsache mit Net Audit, sowie andererseits dem SRG Forschungsdienst mit MMXI, einem System, das Werte am Heimcomputer misst. Beide Systeme miteinander zu einem Modell wie Agof in Deutschland zu verbinden, ist das Ziel. Ein Entscheid wurde schon im Februar erwartet, jetzt rechnen die Beteiligten mit Juli.
Wegen der Datenunsicherheit machen einige der grossen Websitebetreiber insbesondere bei Net Audit der Wemf nicht mit. «Man ist sich nicht einmal einig über den Begriff ‹unique clients›», kommentiert Bernhard Wüthrich, Verlagsleiter von Blick online. Wüthrich lässt das Ringierportal, das über 26 Millionen Seitenaufrufe (page impressions) im Monat verzeichnet, in Deutschland bei Agof erheben: «Das sind im Prinzip Zahlen wie bei Net Audit.» Wüthrich fährt damit preislich günstiger als bei der Wemf. Auch bei Bluewin (141 Millionen Seitenaufrufe per Ende März) wertet man die verschiedenen Messansätze als problematisch und lässt daher durch Nielsen Netratings erheben.
Der Ball liegt bei einer Arbeitsgruppe, bestehend aus Verlegern (NZZ, Tamedia, Espace etc.), der Wemf, der SRG, aber auch aus Vermarktern (Adlink, PubliGroupe etc.). «In ein bis zwei Monaten wissen wir mehr», sagt Christine Diemand von der Wemf.
Auch Qualität zählt Als erste Mediaagentur hat Optimedia vor fünf Jahren das Internet in die Mediaplanung eingebaut und eine eigene Internetabteilung gegründet. «Es geht auch ohne genaue Zahlen», relativiert Patrick Theuss, Leiter der interaktiven Abteilung
bei Optimedia, die Bedeutung der Reichweite einer Website für die Werbung. «Natürlich wäre es wünschenswert, man hätte ein neutrales Tool, das vom Markt und von den Auftraggebern akzeptiert ist.» Viel wichtiger seien aber qualitative Überlegungen, sagt Theuss, etwa, wie man das Internet geschickt in den Werbemix einbringe. Die gegenwärtige Situation bedinge jedoch eine engere Zusammenarbeit mit den Vermarktern. (rw)
Welche Sites werden von wem besucht? Net Audit kann nicht zwischen Besuchern aus der Schweiz und dem Ausland unterscheiden.
René Worni