Mach doch einfach einen «Brasilianer»
Press & Outdoor Bildwitze nach Brasilianer Art sind in Cannes keine Erfolgsgarantie mehr.
Press & Outdoor Bildwitze nach Brasilianer Art sind in Cannes keine Erfolgsgarantie mehr. Dabei sein ist alles – dieses sportliche Prinzip gilt nicht für die Olympiade der Werbung. Denn wer in Cannes einfach nur dabei ist, wird bei 20000 Einsendungen glatt übersehen. Deshalb haben die Agenturen rund um den Globus fleissig ihre Hausaufgaben gemacht und senden ein, was den Juroren gefallen könnte. Besonders beliebt bei diesem Spiel ist die Kategorie Press & Outdoor. Denn hier herrscht unverändert die Meinung: Je brasilianischer eine Anzeige, desto höher die Gewinnchance. Sprich: Pack einen lustigen Bildwitz aufs Papier und schon gibt es einen Löwen.Doch so einfach funktioniert das Spielchen nicht mehr. Wie überall in der Werbung gilt mittlerweile: Wenn es alle gut machen, ist es eigentlich schon wieder schlecht. Oder zumindest mittelmässig. Und tatsächlich wird es immer schwerer, mit so genannten «Brasilianern» ein Zeichen zu setzen. Das könnte ebenfalls die Erklärung sein, dass es nur drei der 208 Schweizer Einsendungen in dieser Kategorie auf die Shortlist geschafft haben.Bei dem Motiv «Prince of Wales Tea» für das Hotel Dolder Waldhaus ist es mehr als fraglich, ob es für einen Löwen reicht. Das von Ruf Lanz kreierte Sujet stellt eine Anspielung auf die Segelohren des britischen Thronfolgers H. R. M. The Prince of Wales dar. Das ist zwar originell und lädt zum Schmunzeln ein, aber es ist weit weg von dem, was ein echter Cannes-Winner sein sollte: innovativ, ungewöhnlich in seiner Bildsprache, nie zuvor gesehen. Diese Kritierien erfüllt die Anzeige nicht. Sie deutet allerdings an, dass die Schweizer begriffen haben, wie erfolgreiche und kreative Werbung aussehen muss: In Tonalität und Exekution muss sie gewissen internationalen Standards genügen, um überhaupt wahrgenommen zu werden. Das ist hier sicherlich gelungen. In ihrer Qualität unterscheidet sich die Anzeige kaum von denen erfolgreicher Print-Nationen wie Brasilien oder dem grossen Nachbarn Deutschland, der bei der Press-&-Outdoor-Löwenbilanz inzwischen gar an erster Stelle rangiert.Auch die beiden Motive für die Snowboard-Schule Laax von KSSJ, die auf der Shortlist sind, erfüllen informelle Wettbewerbskriterien punkto Humor und internationalen Standard ganz bestimmt. Die Sujets zielen darauf ab, dass moderne Eltern lieber coole Kids haben. Hier wird auf überraschende Weise mit Klischees gespielt. Doch wieder gilt: Punkto Bildsprache wird nichts wirklich Neues geboten. Vielleicht reicht es dennoch für die begehrte Trophäe. Es wäre Krieg Schlupp Springer & Jacoby zu wünschen. Charmant und originell genug sind die Sujets allemal.Redaktorin Ressort Agenturen & Kreation Horizont, Deutschland, aus CannesZwei wie Pech und Schwefel: Matthias Luchsinger (r.) und Jean-Claude Bruhin – ein Zeichen, dass auch der beste CEO mal eine starke Schulter braucht.Wer hier nicht sofort Prinz Charles sieht, kriegt was auf die Ohren: Ruf-Lanz-Kampagne für das Hotel Dolder Waldhaus.Bubi bläst Flöte – oh, Graus! Er golft – der feine Pinkel! Da schicken ihn Papi und Mami doch lieber beizeiten in die Snowboard-Schule, finden Krieg Schlupp Springer & Jacoby. Matter & Partner gewinnt für ihre charmant mit tierischen Vorlieben spielende DM-Kampagne für die Hundeschule Tribis einen Löwen in Bronze.Direct-Löwen für die Schweiz Ruf Lanz holt bei der Werbe-Weltmeisterschaft in Cannes gleich ein Pärchen der begehrten Löwen. Ein Silber-Lion geht an den «Recruiting pencil» mit dem überlangen Radiergummi, der auf überraschende Art und Weise zeigt: McKinsey sucht Hochschulabsolventen, die nicht mit der erstbesten Lösung zufrieden sind. Den Bronze-Lion erhält Ruf Lanz für die Anschlagbrett-Aktion «Phone numbers» von McKinsey & Company. Bärbel Unckrich
