Marken So schlecht war der Ruf vieler US-Brands seit langem nicht mehr. Der Grund dafür liegt vor allem in der Politik des Landes.Amerikanische Marken standen jahrzehntelang für all die Hoffnungen und Träume, mit denen das Land selbst gerne für sich wirbt: Amerika, so das Versprechen, steht für Freiheit, unbegrenzte Möglichkeiten und die Chance, Glück und Wohlstand zu erreichen. Die unendlichen Freiheiten des Marlboro-Mannes und die Privilegien, die eine American-Express-Karte verheisst, haben sich über viele Jahre hinweg ins weltweite Gedächtnis eingeprägt. Doch die unangetastete Top-position, die viele US-Konzerne und ihre Marken im weltweiten Wettbewerb lange eingenommen haben und mit ihr das positive Image ihrer Produkte, ist in Gefahr geraten. Dabei geht es gegenwärtig nicht mehr nur darum, ob McDonald’s die Schuld an der zunehmenden Verfettung der westlichen Bevölkerung trägt. Auch die kontroverse Aussenpolitik der Regierung Bush spielt laut einiger neuer Untersuchungen zunehmend eine Rolle. «Eine ganze Reihe von Marken sind davon betroffen, auch wenn viele Unternehmen darin nicht den Grund sehen wollen», sagt Allyson Stewart-Allen, Marketing Consultant und Autorin des Buches «Working with Americans».
Image- und UmsatzrückgangTatsächlich belegen zwei neue Studien klar, dass amerikanische Produkte grössere Imageprobleme haben als früher. Eine Umfrage der New Yorker Marktforschungsfirma NOP World bei rund 30000 Menschen in 30 Ländern auf allen Kontinenten ergab, dass das Vertrauen in Unternehmen wie Microsoft, Coca-Cola, McDonald’s und Nike zwischen 2003 und 2004 um jeweils drei Prozent gesunken ist, während die Werte in den Jahren zuvor stabil geblieben waren. «Der Rückgang der Zahlen ist signifikant», meint Cary Silvers, Vice President von NOP World. «Wir wissen aus Erfahrung, dass eine Veränderung in der Einstellung in der Regel einer Veränderung im Verhalten vorausgeht.»
Eine weitere Umfrage, diesmal von der GMI World Poll mit 8000 Befragten aus den G-7-Staaten, zeigt, dass viele Konsumenten es inzwischen vermeiden, amerikanische Produkte zu kaufen. Ein Fünftel aller befragten Europäer gab diese Meinung zu Protokoll und deutete dabei vor allem auf Marken wie Marlboro, AOL oder American Airlines. 35 Prozent gaben an, dass ihr Bild von Amerika derzeit vor allem von der US-Aussenpolitik beeinflusst werde.
Der Negativtrend schlägt sich teilweise auch in den Verkaufszahlen nieder. Laut Angaben von GMI verbuchte zum Beispiel General Motors mit seinen Automarken auf dem europäischen Markt im dritten Quartal letzten Jahres einen Verlust von 236 Millionen Dollar.
Vor allem in Deutschland und Frankreich sind im Vergleich zum Vorjahr deutliche Einbrüche zu verzeichnen. Coca-Cola Deutschland verkaufte im gleichen Quartal 16 Prozent weniger als im Vorjahr, das Bekleidungshaus Gap zog sich ganz aus Deutschland zurück, und auch Wal-Mart musste hohe Einbussen hinnehmen. Auch McDonald’s, Barbie-Hersteller Matell und Altria (ehemals Philip Morris) verbuchten Verkaufsrückgänge. Doch während die Unternehmen selbst in der Regel auf die hohe Arbeitslosigkeit, die Steuerbelastungen und die schwierige Marktkonditionen verweisen, glauben Skeptiker, dass es die Ökonomie allein nicht sein kann.
Konzerne sollen Einfluss nutzenKeith Reinhard ist sich sicher, die Lage schon vor Monaten durchschaut zu haben: «Wir glauben, dass der amerikanische Kongress dringend seine diplomatischen Bemühungen überholen muss», sagte der Chairman der Agentur DDB Worldwide vor dem Komitee für Sicherheit und internationale Beziehungen des US-Kongresses. Reinhard ging noch weiter: «Wir glauben ausserdem, dass amerikanische Konzerne, vor allem wenn sie weltweit operieren, Verantwortung dafür tragen, ihren enormen Einfluss zu nutzen, um das Image unseres Landes zu verbessern.»
Um dieses ehrgeizige Ziel zu erreichen, hat Reinhard das Projekt «Business for Diplomatic Action» gegründet, das die Werbeunternehmen aufruft, ihre Kontakte in die Industrie zu nutzen und das Problem von einer Marketingperspektive aus anzugehen. Ein Produkt der Initiative ist etwa der World Citizens Guide, der US-Studenten, die in Übersee studieren, mit den Sensibilitäten ihrer Gastländer vertraut macht. Im April wurde ausserdem eine Kooperation mit der National Business Travel Association (NBTA) bekannt gegeben, bei der die NBTA-Mitglieder lernen sollen, wie Unternehmen auf ihre Weise öffentliche Diplomatie für Amerika betreiben können.
Einige Konzerne nutzen ihre globale Stellung bereits und bemühen sich verstärkt darum, ihren Produkten eine regionale Färbung zu verleihen, ohne dabei ihren amerikanischen Hintergrund zu verleugnen. Nike ewa sponsert in den Niederlanden einheimische Sportteams und versucht damit, «sich zu einer Mischung aus einer regionalen und einer amerikanischen Marke zu machen», sagt Simon Anholt, Marketing Consultant und Autor des Buches «Brand America». Andere Unternehmen kaufen regionale Firmen auf, ohne es gross an die Öffentlichkeit dringen zu lassen. So besitzt etwa Coca-Cola Produkte wie Almdudler in Österreich oder Malvern in England, das nach einer Region benannt wird, ohne dass der Verbraucher auf die Idee kommen würde, dies seien Produkte einer US-Firma. Selbst McDonald’s hat die Zeichen der Zeit erkannt und seine Menüs den regionalen Geschmäckern angepasst und um Angebote wie Salate, Curry oder Lamm erweitert.
Ein weiterer Grund, warum die Dominanz amerikanischer Marken abnimmt, liegt nach Ansicht des Reputation Institutes in New York darin, dass es in vielen Nationen inzwischen Konkurrenzprodukte zu den US-Angeboten gibt. «In vielen europäischen Ländern haben jene Unternehmen eine hohe Visibilität, die von der Herkunft her dem jeweiligen Land zugeordnet werden können», sagt Klaus-Peter Wiedmann, Marketingprofessor an der Universität Hannover und Deutschland-Direktor des Reputation Institutes. So liegen etwa Marken wie Porsche, Aldi und BMW in Deutschland ganz vorne, während es nur zwei US-Unternehmen, Microsoft und McDonald’s, in die Top 10 geschafft haben.
Um den guten Ruf der US-Konzerne in Deutschland wiederherzustellen, schlägt Wiedmann als Geste der Versöhnung Kooperationen zwischen deutschen und US-Firmen vor: «Das würde die Bevölkerung gut finden.» US-Marketingleute halten dies, bei allem Verständnis, freilich für illusorisch. «Das würde bedeuten, dass sich die Business Community für die Aktionen unserer Regierung entschuldigen würde», meint Allyson Stewart-Allen, und Cary Silvers stimmt zu: «Markenunternehmen haben die Fehler öffentlicher Politik noch nie wieder ausbügeln können.»
Das Vertrauen in viele US-Unternehmen ist in letzter Zeit signifikant gesunken.
Gerti Schön