Daniel Kraft will sich als neuer Teilhaber von Scholtysik Niederberger Kraft für eine nuancierte Betrachtungsweise von Marken einsetzen.Die Schuhe müssen das richtige Logo haben, die Getreideflocken auf dem Frühstückstisch die genau im Trend liegenden Gadgets in der Packung versteckt halten, und gespielt wird nicht mit irgendeinem namenlosen Game. Seine beiden Buben von sechs und neun Jahren haben, wie die meisten Kinder heute, ein ausgeprägtes Markenbewusstsein. Trotzdem kann ihnen ihr Vater nur schwer erklären, was er den ganzen Tag und oftmals auch länger in seinem Büro macht.Daniel Kraft «entwickelt und pflegt die Identität von Marken», steht auf seiner Visitenkarte. Und er weiss, was diese Arbeit auslöst. «Die Besessenheit auf Markenartikel – man will alles haben, was einflussreiche Kinder auch haben – zwingt viele Eltern dazu, sehr viel Druck aushalten und abfedern zu können.» Allerdings: «Wir machen nicht nur begehrenswerte Marken, damit man nachher für einen Tennisschuh mehr bezahlt», will Daniel Kraft das grösste Missverständnis seiner Berufskunst ausräumen. Und er spricht jetzt für Erwachsene.
Dem neuen, gleichberechtigten Teilhaber bei Scholtysik Niederberger Kraft in Zürich gefällt an seinem Beruf, dass er immer mehr das Geheimnis entdeckt, wie Impulse und Signale aufgenommen werden. «Nach welchen Kriterien verhalten wir uns?», ist seine wichtigste Frage. Die Antwort in Bezug auf Markenführung heisst: Ordnung im kollektiven Bewusstsein schaffen durch Vereinfachen und Bündeln der vielen Informationen, die bei einem Unternehmen und seinen Produkten alle gleichzeitig an die Oberfläche wollen. «Jede Information will die wichtigste sein. Der Markenspezialist versucht deshalb, das Mass vorzugeben und Strukturen zu schaffen.»
Dass dieses «Heimatfinden» einer Marke mit «Mehrpreis erzeugen» meistens zuerst einmal fehlinterpretiert wird, zeigt für Kraft die Marke Aldi. Die Leute gehen dorthin, weil ihnen die Marke billigere Einkäufe verspricht. Wenn Aldi deswegen von immer mehr Kunden überrannt wird, könnte die Ladenkette mit dem Preis allerdings wieder zu spielen beginnen.
Solche Strategien verstehen und dafür in der Kommunikation die richtige Bühne und das passende Auftreten finden, ist eine Herausforderung, die den früheren Grafikerlehrling Daniel Kraft länger denn mehr fasziniert hat. Solche Ideen und Werte durch die Zeit hindurch in Bilder, Geschichten, Worte und Taten umsetzen zu können, definiert das Selbstverständnis seiner Agentur.
«Wir sind keine Werbeagentur für aktuelle Kampagnen, sondern wollen nachhaltige und langfristige Mechanismen einführen, mit einem fliessenden Übergang von Inhalt zu Form und Taten», meint Daniel Kraft. Massnahmen sind für ihn nach einiger Zeit vergessen, was zurückbleibt ist ein inneres Bild, das einen an die Marke bindet. Kraft hat eine Lehre als Grafiker beim Zürcher Atelier Scheller absolviert, wo nach bewährter Tradition der Schweizer Grafik Logos für die Kantonalbank oder Sporthilfe entstanden sind. Später hat er sich in den USA weitergebildet. Er machte den Master of Fine Arts, hat an einer Kunstschule an der Ostküste auch Graphic Design unterrichtet und von 1989 bis 1992 bei der etablierten Agentur Malcolm Grear Designers als Designer gearbeitet. Nach seiner Rückkehr in die Schweiz durfte er beim später legendären Börsenstar Day das Design prägen, als das Unternehmen noch klein war und mehr Richtung Multimedia gegangen ist.
1996 wechselte er zu Interbrand Zintzmeyer & Lux. Hier wirkte er acht Jahre. Als Senior-Designer und Teamleiter hat Kraft Kunden betreut wie DieMobiliar, Schweizerische Nationalbank, BASF, Thai Airways. Besonders stolz sind er und sein Team auf die Entwicklung des neuen Bildzeichens von Mini im 1999. Bei Interbrand hat Kraft auch seine jetzigen Partner kennen gelernt. «Wir kommen alle drei aus dem Design und haben die Interbrand-Schule sehr genossen, weil Zintzmeyer ein Vorreiter in der Branche ist, ein Erfinder, Visionär und charismatischer Typ.» 1996 gründete Carsten Scholtysik in Basel seine eigene Agentur. Ihm folgte vor fünf Jahren Armin Niederberger und im Juni 2004 Daniel Kraft. Rückwirkend per 1. Januar 2005 ist dieser jetzt teilhabender Partner bei Scholtysik Niederberger Kraft. Heute kümmern sich alle drei Partner gleichzeitig um das operative Geschäft, Design, Konzept, Strategie und Unternehmensführung. Auf den 1. Juli sind auch die Büros von Basel am neuen Hauptsitz an der Marktgasse im Zürcher Niederdorf konzentriert worden, wo 20 Leute arbeiten.
So schnell gewachsen sei man vor allem dank der UBS, für welche Scholtysik Niederberger Kraft als Leadagentur für die Visual Identity verantwortlich zeichnet. «Unser Team hat die Single-Brand-Marken-Implementierung 2003 konzeptionell-gestalterisch begleitet. Seither sorgen wir für die weltweite Umsetzung mittels Online-Guidelines, Schulung und Mitarbeiterkommunikation.» Eine Aufgabe mit einer Verpflichtung, denn die UBS gilt als eine der wertvollsten Marken weltweit und wird im jährlich von Business Week veröffentlichten Ranking unter den «100 Best Global Brands» eingestuft. Der qualitative Sprung in der Bewertung wird vor allem auf die neue Single-Brand-Strategie und deren überaus konsequente Umsetzung zurückgeführt.
Einen weiteren erfolgreichen Markenauftritt lancierte die Agentur vor vier Jahren für das neue Uhrenlabel von Carl F. Bucherer. Aber auch zahlreiche KMU lassen sich ihre Marke an der Marktgasse prägen. «Solche Business-to-Business-Marken sind für die breite Öffentlichkeit nicht spektakulär, aber für uns genauso attraktiv.»
Marke kommt von Merken. In diesem Sinne arbeitet Scholtysik Niederberger Kraft auch am Auftritt für die «Stadt Zürich». Die Bevölkerung soll «merken», was ihnen die Stadt bietet. Die Dachmarkenstrategie soll der Tendenz Einhalt gebieten, dass jede Stelle sich selber eine Identität verpasst und dadurch das Leistungsspektrum der Stadt verwässert wird. Hinter dem Theater Spektakel und der Kehrichtentsorgung steht schlussendlich das gleiche «Unternehmen».
Daniel Kraft will «langfristige und nachhaltige Mechanismen einführen».
Andreas Panzeri