Zeitungen Der neue Landbote ist bis auf seinen Namen nicht wiederzuerkennen: Winterthur erhält eine moderne Tageszeitung.Am 16. September erscheint der Landbote, unterdessen in seinem 169. Jahrgang, in vollkommen neuer Aufmachung. «Es ist der bisher kräftigste und entscheidendste Relaunch», sagt Chefredaktor Rudolf Gerber, der bereits zum fünften Mal innerhalb der vergangenen zwei Jahrzehnte eine Blattkorrektur mitmacht. Gerber geht mit einem guten Gefühl in die neue Ära, obwohl Leserinnen und Leser nicht mehr allzu viel Vertrautes vorfinden werden. Eine 16-seitige Landbote-Mini-Nullnummer wurde am vergangenen Mittwoch den Medien vorgestellt. Sie kommt direkt aus dem Tamedia-Druckzentrum, wo das Blatt seit der im letzten Jahr vereinbarten Kooperation zwischen Ziegler Druck und Tamedia gedruckt wird. Verglichen mit dem altbekannten Landboten ist es in Form und Inhalt ein ganz und gar neues Produkt, das selbst auf den Titel in Fraktur verzichtet. Doch neue Seiten, neue Gefässe, veränderte Blattarchitektur und klarere Bildsprache in einem modernen, farbigen und dennoch zurückhaltenden Layout – für die Verantwortlichen «inhaltlich und gestalterisch ein Quantensprung» – dürften beim Publikum kaum auf Widerstand stossen.
Das fünfspaltige Layout der Vierbundzeitung stammt vom 38-jährigen Zürcher Grafiker Jürg Candrian, sein bisher grösstes Projekt, für das er sich von amerikanischen und englischen Vorbildern inspirieren liess.
Die Blattarchitektur wartet mit einer Neuerung auf, welche es so in der Schweizer Zeitungslandschaft noch nicht gibt: Seite 2, die «Tagesschau», bietet für Schnellleser eine Übersicht der wichtigsten Ereignisse des vorherigen Tages. Zusammen mit der Frontseite ist man so rasch über das Wesentliche informiert – ein kleiner «20-Minuten-Effekt», geschickt in die Vollzeitung verpackt. Das kommt nicht von ungefähr, denn die Winterthurer orten zusätzliches Lesepublikum zwar nicht unmittelbar bei der Jugend, aber doch bei der etwas jüngeren Leserschaft: «Unsere Analysen haben gezeigt, dass der Landbote in der Altersgruppe zwischen 30 und 50 noch Wachstumspotenzial hat», sagt Lothar Dostal, Geschäftsleiter der Ziegler Druck- und Verlags-AG. Diese mittlere Lesergeneration stelle seit Internet und 20 Minuten veränderte Ansprüche an eine Zeitung. «Sie wollen wir mit dem neuen Landboten zu Stammlesern machen», hofft Dostal. Auf dieses Segment zielt besonders der Themenmix im dritten Bund «Leben» mit Kulturbeiträgen und einer Reihe von täglich wechselnden Serviceseiten (zum Beispiel Mode, Reisen, Konsum, Lifestyle, Multimedia).
Redaktion baut ausMehr Lesernähe lautet das Credo der Macher. Lokales soll sich vor allem im zweiten Bund «Lokal» abspielen. Dort fungiert die Bundauftaktseite mit der wichtigsten Geschichte als Fenster ins örtliche Geschehen. Der lokale Fokus soll aber auch vermehrt auf der Front gepflegt werden und sich möglichst durch alle Zeitungsseiten ziehen.
Was vor allem grössere Tageszeitungen kennen, führt auch der Landbote ein: Ein Newsdesk mit Themen setzenden und produzierenden Blattmachern und sauber recherchierenden Journalistinnen und Journalisten ermöglicht der Redaktion flexibles Reagieren auf die aktuelle Newslage. Das geht allerdings nur mit einer massiven Erweiterung der Redaktion, konkret mit 550 zusätzlichen Stellenprozenten. «Dafür stellen wir schweren Herzens das wöchentliche Magazin ‹Spots› ein», erklärt Verlagsleiterin Denise Pernet. Die Inhalte, namentlich Kultur- und Veranstaltungsbeiträge, wandern dadurch in den dritten Bund. Auf www.landbote.ch wird zudem eine komplette Ausgeh-Agenda aufgeschaltet. Dostal denkt auch bereits über ein monatliches Kulturmagazin zusammen mit Winterthurer Veranstaltern nach. Gleichzeitig mit dem Relaunch des Blattes geht jener der Website einher, die entschlackt mit News, Veranstaltungskalender, Leserforum, Ausgehtipps und mit einem für Winterthur neuen SMS-Service aufwartet.
Serviceorientierte WebsiteIm Zuge schwindender Werbeeinnahmen buhlt der neue Landbote selbstredend auch um kommerzielle Kunden, etwa mit der Neugestaltung der Tarifstruktur oder mit der neuen Website, die das Zusammenstellen massgeschneiderter Crossmedia-Angebote erleichtern soll.
Derzeit stagnieren die Landbote-Leserzahlen bei 69000 Leserinnen und Lesern (Auflage rund 38000). «In den kommenden fünf Jahren möchten wir unsere Reichweite auf rund 86500 Leser erweitern», erklärt Denise Pernet. Sie ist Mitglied der hauptsächlich redaktionell bestückten Projektgruppe, die seit vergangenem Herbst intensiv am Relaunch arbeitet und von der Kommunikationsagentur Contract Media Publishing AG (CMP) auf Grund einer vorausgegangenen Analyse gecoacht wird. Mit Erfolg: So lassen sich Experten wie Rolf Bollmann oder Karl Lüönd wohlwollend bis verhalten euphorisch in der Nullnummer zitieren.
Im September steigt die nächtliche Relaunchparty im Winterthurer Salzhaus, allerdings ohne Angelina Jolie. Sie fungiert zwar als Nummerngirl im decolletierten Lederoberteil auf der «Leben»-Auftaktseite der Nullnummer, in der sechstgrössten Schweizer Stadt wird die Schauspielerin aber weiterhin bloss auf der Kinoleinwand zu sehen sein.
Einig im Schatten der GrossenPlötzlich geht, was vorher lange Jahre nicht vorstellbar war: Nicht nur der Landbote (Einflussbereich Tamedia) liftet sein Gesicht, auch die anderen drei Zürcher Landzeitungen Unterländer, Oberländer und Zürichsee-Zeitung (Einflussbereich NZZ/PubliGroupe) haben zu einem neuen Layout zusammengefunden. Sie drucken im gemeinsamen Druckzentrum DZO in Oetwil – nach der Übernahme von 20 Prozent seitens Tamedia am Landboten ohne diesen. Voraussichtlich am 23. August erscheinen die Landzeitungen erstmals im individuell anpassbaren Einheitslook. «Der wird allerdings konservativer sein als jener des Landboten», schätzt Benjamin Geiger, Chefredaktor der Zürichsee-Zeitung.
Dennoch hindert die Chefredaktoren nichts an ihren informellen Treffen in Winterthur, wo sie über Synergien plaudern und zum Beispiel gemeinsame Autobeilagen planen. «Seit dem 1. Juli haben wir auch die Radio- und TV-Seiten gemeinsam», berichtet Landbote-Chefredaktor Rudolf Gerber. (rw)
Offensichtliche Steigerung: Rudolf Gerber und Denise Pernet mit dem alten und neuen Landboten.
René Worni