TV-Werbung In den USA begegnet man mit gezielter Werbung der Fragmentierung des Publikums.Peter Chernin, Präsident des
amerikanischen Mediengiganten News Corporation, gilt als
risikofreudiger Vordenker der Branche. Letztes Jahr forderte er seine
Kollegen in den Vorstandsetagen der grossen Medienhäuser in einer Rede
auf dem Forrester Consumer Forum heraus, den derzeitigen Problemen in
der Fernsehbranche ins Auge zu sehen. Eines davon sei die
fortschreitende Fragmentierung des Fernsehpublikums. Chernins Vision
ist, dass Medienmacher und Werbetreibende zusammenarbeiten. Er
ermutigte sie, neue Technologien einzusetzen, um sich den Problemen der
Zukunft zu stellen. «Der Konsument lehnt Werbung nicht per se ab,
sondern Trägheit», sagte Chernin. «Die Werbeindustrie muss lediglich
ihre Methoden überholen, mit denen sie die Konsumenten anspricht.»
Differenzierung nach Regionen, Alters- und Einkommensgruppen
Die New Yorker Start-up-Firma Visible World verdankt Peter Chernins
Initiative ihren wohl grössten Erfolg. Das Technologieunternehmen hat
kürzlich eine Kooperation mit Fox Network, einem Ableger der News
Corporation, abgeschlossen. Künftig soll es endlich auch im Fernsehen
Werbung geben, die auf kleinste Zielgruppen zugeschnitten ist. Diese
spricht den Zuschauer weitaus direkter an, als jeder noch so
aufwändige, aber für ein Massenpublikum gemachte Werbespot.
«Printmedien und Radio machen das ja schon längst», sagt Bill Katz,
Chairman von Visible World, «es wird Zeit, dass das Fernsehen
nachzieht.»
Auch in Europa tut sich was: ProSieben Sat1 hat jetzt eine Kooperation
mit dem Unternehmen angekündigt, um eine entsprechende Software im
nächsten Jahr auf dem deutschen Markt einzuführen. Sie funktioniert
nach erstaunlich simplen Prinzipien. Man entwerfe den groben Rahmen
eines Werbespots, wie etwa: «Ab in die Ferien», mit dem betreffenden
Reiseanbieter im Mittelpunkt. Man füge Bilder von Leuten einer
gewünschten Altersgruppe ein. Am Ende wird ein konkretes Flugangebot
mit einem regionalen Flughafen eingeblendet. Es ist, je nach Region und
Budget der Konsumenten, beliebig austauschbar. Eine solche Kampagne hat
ProSieben Sat 1 gerade mit tui als Testpartner entworfen. «Das Konzept
sieht vor, dass der Kunde gar nicht merkt, dass es mehrere Versionen
des Werbespots gibt», sagt Katz. «Schliesslich soll er sich persönlich
angesprochen fühlen.»
Visible World arbeitet bereits mit Dutzenden von Unternehmen zusammen,
um solche Kampagnen für sie zu entwerfen. Für den Blumenlieferservice
1-800-flowers etwa wird der Werbeclip nicht nur nach Region
modifiziert, sondern auch nach Einkommensgruppe, je nachdem, wie
wohlhabend die Bewohner der entsprechenden Nachbarschaft sind. Andere
Werbeclips, wie etwa für die Ferieninsel Bermuda, werden je nach
Altersgruppe mit verschiedenartiger Musik unterlegt, und
dementsprechend wechselt auch der Rhythmus der Bilder. Auf diese Weise
verändert sich die Machart der Clips sogar von Kanal zu Kanal.
Marktstudien von Visible World zeigen, dass die Zuschauer auf den
persönlicheren Zuschnitt reagieren. So habe sich der Umsatz für
1-800-flowers um 79 Prozent erhöht, verglichen mit der TV-Kampagne, die
für alle Zuschauer gleich aussah. «Ich merke das ja auch an mir
selbst», sagt Tara Walpert, die Marketingchefin des Unternehmens. So
zum Beispiel, wenn sie Werbung für einen Finanzservice sieht, in der
nur Männer vorkommen: «Wäre eine Frau dabei,
käme das bei mir viel besser an.»
Promotionen mit wechselnden Internetadressen
Die Software erlaubt den Werbetreibenden auch, die Internetadresse der
eingeblendeten Produkte zu ändern. Katz demonstriert es mit dem
fiktiven Beispiel eines Dell-Laptops, für den während der Sendung
«Wetten dass …» geworben werden könnte. So wäre Dell in der Lage, ein
Sonderangebot zu promoten, das nur für die Zuschauer der
Gottschalk-Show gilt, und das über die Webadresse
www.dell.com/wetten_dass bestellt werden könnte. Auf diese Weise könne
der Computerhersteller genau verfolgen, wie viele Konsumenten auf den
Spot reagierten. «Es dreht sich alles um die drei Buchstaben: ROI»,
sagt Katz, was Return of Investment bedeutet.
Die Technologie von Visible World wird in den USA vom Kabelbetreiber
Comcast eingesetzt, der die Software in den meisten der 50 wichtigsten
Märkte nutzt und damit fast 30 Millionen Haushalte erreicht. «Die
Produkte helfen den Werbetreibenden, spezielle Werbebotschaften für
spezielle Zuschauergruppen zu schalten – und das alles mit einem
einzigen Kauf», sagt Dana Runnells, Marketingmanagerin von Comcast
Spotlight, dem Werbearm des Unternehmens. Bisher haben Marketer wie
Daimler, Sony, Toyota, Wendys, UPS und HBO erfolgreiche regionale
Kampagnen über Comcast durchgeführt.
Die Reaktionen aus der Branche klingen ermutigend. «Visible World
vergrössert den Effekt von Werbung, indem sie diese auf
kosteneffektive, schnell veränderbare Art und Weise auf einzelne
Zielgruppen zuschneidet», lobt Chris Rohr, Präsident
der Industrieorganisation Television Bureaus of Advertising. Eric
Schmitt, Analyst bei Forrester Research, glaubt, dass auch die meisten
anderen Kabelbetreiber derartige Technologien einführen werden. Eine
Forrester-Umfrage unter Unternehmenschefs bestätigt das Interesse: 69
Prozent der Befragten gaben an, sie seien an diesem so genannten
«Household level TV ad targeting» interessiert.
Gerti Schön
Für die Schweiz wenig wahrscheinlich
Ist in den USA die Rede von regionalisierter Fernsehwerbung, dann
fokussieren die Werber ein Publikum in der Grösse der Einwohnerschaft
von New York oder Los Angeles, Märkten mit annähernd doppelter Grösse
der Schweiz. Verglichen mit europäischen beziehungsweise Schweizer
Verhältnissen liegen die Dimensionen jenseits des Atlantik vollkommen
anders. Das Echo der Branche und in den Medien auf eine erste
Präsentation des Konzeptes nach Machart von Visible World im deutschen
Essen anlässlich des Branchenevents Big Picture fiel denn auch nicht
euphorisch aus und lässt bei Insidern Zweifel aufkommen, ob es mit
regionalisierter TV-Werbung für mehr als nur für einen Versuch reicht.
Für die Schweiz winkt Christian Gartmann, Geschäftsführer der ProSieben
Sat1-Gruppe Schweiz, ab: «Ich glaube nicht, dass das mit unserem Radio-
und Fernsehgesetz vereinbar wäre.» Abgesehen von den rechtlichen
Schranken schätzen Kenner, dass der Produktionsaufwand für die
Werbekunden sehr gross sein dürfte. So wird ein TV-Spot, der etwa
modular die vier Jahreszeiten berücksichtige, relativ aufwändig und
teuer. (rw)