Radio/TV-Forschung Matthias Steinmann, ehemaliger Leiter des Forschungsdienstes,
hat Bedenken gegen neueste Ideen zur Organisation der Radio- und TV-Forschung.Die Werbewoche hat in der Ausgabe 37 das
neue Organisationsmodell für die Radio- und Fernseh-Forschung
vorgestellt, die eine Ausgliederung aus der SRG vorsieht.
WW: Herr Steinmann, während
35 Jahren haben Sie die Radio- und TV-Forschung innerhalb der SRG
aufgebaut. Jetzt wollen SRG und Parlament die Forschung aus der SRG
ausgliedern. Ist dies ein Schritt in die richtige Richtung?
Matthias Steinmann: Ja, er
ist notwendig. Auch wenn beim Forschungsdienst (FD) und bei der SRG
hoch qualifizierte Personen arbeiten, die von der Sache her sicher
nicht Partei sind, ist es richtig, zum heutigen Zeitpunkt die Forschung
quasi per Gesetz zu objektivieren und zu neutralisieren. Erlauben Sie
mir aber eine persönliche Forderung: Die Forschung sollte auf einem
möglichst hohen qualitativen Niveau erfolgen, das heisst, es sollten
keine politischen Kompromisse in der Methodik stattfinden. Nur so kann
das entstehen, was wir Forschungsfrieden nennen – dass nämlich alle
gleichermassen an die Währung «glauben», die allen zur Verfügung steht.
WW: Beim
Aufbau der Forschung achteten Sie unter anderem auf eine
organisatorische Trennung der Daten-Erhebung und der Anwendung. Wie
sieht dieses Trennmodell aus?
Matthias Steinmann: Den
Grundsatz der Trennung von Anwendung und Forschung hatten wir zunächst
SRG-intern realisiert. Einerseits ist der Forschungsdienst für
die Erhebung zuständig, kontrolliert die Daten und stellt sie geordnet
zur Verfügung. Andererseits haben wir innerhalb der SRG zweierlei
Datenanwender: die Medienreferate, die die Daten etwa für
Programmoptimierungen bei den SRG-Radio- und -TV-Sendern heranziehen,
sowie die Publisuisse, welche die Daten für den Werbezeitverkauf
verwendet. Als dann die Privaten ebenfalls Daten beziehen wollten,
haben wir die Publica Data AG initiiert – mit demselben Grundgedanken:
Wir trennten die Anwendung für die Privaten vom Forschungsdienst. Somit
stehen heute Medienreferate, Publisuisse und Publica Data auf ein und
derselben Anwenderebene.
WW: Warum war Ihnen diese Trennung so wichtig?
Matthias Steinmann: Die
Datenbezüger können so die Daten nach ihren Bedürfnissen verwerten und
interpretieren. Mit dem Trennmodell haben wir zugleich erreicht, dass
die Methodik operationell unabhängig blieb. Es hat aber auch die
Forschung davon abgehalten, Einfluss auf die anwendungsorientierte
Auswertung und Distribution zu nehmen. Es wäre äusserst gefährlich,
wenn etwa der Forschungsdienst mit den Daten in irgendeiner Form die
Programmarbeit beeinflussen wollte. Wenn es aber um die Erarbeitung der
basalen Forschungsmethoden und -aufgaben geht, können alle drei
Anwender geordnet Einfluss nehmen.
WW: Nun
schlägt DRS-Radiodirektor Walter Rüegg vor, die Publica Data AG und die
Forschung auszugliedern und in einer neuen Firma zusammenzulegen (siehe
WW 37).
Matthias Steinmann: Ich
kenne die Motivation der SRG für dieses Modell nicht, ich beurteile es
nur von aussen. Aber ich habe Schwierigkeiten, es zu verstehen. Meine
zentrale Frage lautet: Warum nimmt das Modell Rüegg einen der drei
Anwender, in diesem Fall die Publica Data, und setzt ihn auf dieselbe
Ebene wie die Forschung, indem es beide miteinander fusioniert? Weshalb
will man vom nachweisbar erfolgreichen Trennmodell wegkommen und den
Forschungsfrieden gefährden?
WW: Worin konkret sehen Sie ihn gefährdet?
Matthias Steinmann: Indem
man die privaten Anwendungsbedürfnisse auf die Ebene der Datenerhebung
holt, nicht aber jene der SRG. Das ergibt eine Ungleichbehandlung der
SRG und beinhaltet ein Konfliktpotenzial. Würde man hingegen gleich
alle Anwenderbedürfnisse anheben, wird es ganz sicher problematischer,
als wenn man es nicht tut. Mit dem Modell Rüegg verändert man also sehr
viel, ohne sagen zu können, was daraus entsteht. Wenn man hingegen das
Trennmodell weiterführt, wird es wohl so weiterlaufen wie bisher. Das
war ja – von der Sache her – nicht schlecht.
WW: Sie befürchten also, dass die Interessen der Privaten zu viel Gewicht bekommen im Vergleich zu jenen der SRG.
Matthias Steinmann: Ja,
ich befürchte, dass sich dann die Thematik der Stiftung zu sehr auf die
Anwendung der Privaten verlagert und dass die Interessen der
Publisuisse und der Medienreferate vielleicht zu kurz kommen, weil sie
nicht mehr auf der gleichen Ebene behandelt werden. Ich meine, dass das
Trennmodell ganz im Interesse der SRG ist.
WW: Könnte die längerfristige Folge des Modells Rüegg sein, dass sich die SRG aus der gemeinsamen Forschung zurückzieht?
Matthias Steinmann: Das
kann ich nicht beurteilen, das hängt von den Personen ab. Aber ich
glaube, dass ein ausgewogenes Trennmodell, wie es das Stiftungsmodell
des Nationalrates ermöglicht, die Interessen der SRG und der Privaten
besser berücksichtigt.
WW: Aber in der Nationalrats-Version steht nichts von der Publica Data und den übrigen Anwendern.
Matthias Steinmann: Nein, weil das nationalrätliche Modell ja nur die Forschung und nicht die Anwendung regeln will.
WW: Was würde dann aber mit der Publica Data geschehen?
Matthias Steinmann: Das Beste wäre wohl, wenn sie voll in die Hände der Privaten überginge und diese dort die Verantwortung übernähmen.
WW: Nehmen
wir noch den Fall Radio Grischa (siehe WW 37): Dort hat doch das
Trennmodell eben gerade nicht gespielt, es wurden Daten bis heute
gesperrt.
Matthias Steinmann: Doch,
das Trennmodell hat im Prinzip gespielt: Die Daten wurden gesperrt –
eine Sache zwischen Publica Data und Kunde. Aussergewöhnlich war nur,
dass sich der Betroffene verständlicherweise an den höchstmöglichen
Einflussträger –den SRG-Generaldirektor – wandte. Im Fall einer
Forschungsstiftung hätte diese Möglichkeit nicht bestanden.
WW: An wen würde denn Radio Grischa beim Stiftungsmodell gelangen?
Matthias Steinmann: An
die Usercommission der Publica Data oder an deren Verwaltungsrat. Diese
wenden sich dann an die Stiftung. Werden sie nicht zufrieden gestellt,
können sie der medienwissenschaftlichen Kontrollkommission einen
Kontrollauftrag erteilen – auch an der Leitung des Forschungsdienstes
vorbei. So etwas müsste man auch im neuen Modell einrichten. Das
heutige System ist austariert. Man sollte es nicht völlig auf den Kopf
stellen.
Interview: Markus Knöpfli