«Wir begrüssen Tamedia»
Pendlerzeitungen Peter Rothenbühler über rhetorische Knieschüsse und den Gratiskrieg gegen 20 Minuten.
der ausserordentlich hohen Leserzahlen von Le Matin ist deren
Gratis-
Line-Extension Matin Bleu für Tamedia-CEO Martin Kall bereits
die zweite Gratiszeitung der Westschweiz. Überrascht Sie diese
Provokation, Herr Rothenbühler?
Peter Rothenbühler: Kein
bisschen. Es ärgert mich aber auch nicht. Denn wer über die Anzahl
Leser polemisiert, die eine Bezahlzeitung nicht selbst gekauft haben,
schiesst sich ins eigene Knie. Beim Tages-Anzeiger liegt diese
Dunkelziffer sicher auch bei 60 Prozent. Mit solchen Argumenten
versuchte schon der Blick, 20 Minuten kleinzureden. Wo diese Haltung
hinführt, wissen wir heute.
WW: Jedenfalls sind dies die ersten Salven einer wohl bekannten Kriegsrhetorik …
Peter Rothenbühler: …
die hier schon damals beim Express-Projekt nicht so dramatisch
interpretiert wurden wie im sprachlich und ideologisch sensibleren
Zürich. Ich finde «guerre des gratuits» ein gutes und passendes Wort
für das, was uns hier bevorsteht.
WW: Bedeutet das, dass Sie nicht mit einer Wiederholung des Express-Syndroms rechnen?
Peter Rothenbühler: Nein,
diesmal dient die Ankündigung nicht nur einer Verbesserung der
Verhandlungsposition. 20 Minutes kommt, denn Tamedia will und muss
geografisch expandieren. Dass der erste Schritt ins «Ausland» in die
Romandie führt, ehrt uns.
WW: Militärisches
Vokabular bemüht auch die Freiburger La Liberté und deutet Le Matin
Bleu als von der Publicitas im Schulterschluss mit Edipresse errichtete
«Maginot-Linie» gegen Übergriffe aus der Deutschschweiz.
Peter Rothenbühler: Wie
ich unseren Verleger Pierre Lamunière kenne, ist es für ihn eine
Ehrensache, diese Auseinandersetzung ehrenvoll zu führen – und zu
gewinnen. Mit der P haben wir natürlich die beste aller Verbündeten.
Was nicht heisst, dass wir diesbezüglich irgendwelche Exklusivrechte
geniessen. Die grösste Anzeigenvermittlerin der Schweiz arbeitet
grundsätzlich überall mit allen zusammen. Gewinnen wird letztlich, wer
mehr Leser und die besseren Preise hat.
WW: Apropos
Preise: Die neuen nationalen Anzeigentarife von 20 Minuten sind für
Anfang Dezember angekündigt. Wie werden Sie darauf reagieren?
Peter Rothenbühler: Inhaltlich
werden keinerlei Anpassungen ans Konkurrenzprodukt stattfinden, weder
jetzt noch nächstes Jahr. Wir machen von Beginn weg eine optimale
Gratiszeitung. Und die Tarifstruktur haben wir so massgeschneidert,
dass kaum Rejustierungen nötig sein werden. Es gibt ja schon einen
Markt …
WW: …
bestehend aus unabhängigen oder von Ihrem französischen Erzkonkurrenten
Hersant gesteuerten Regionalzeitungen. Beiden potenziellen Partnern hat
Kall im oben bereits zitierten Le-Temps-Interview offizielle Avancen
gemacht.
Peter Rothenbühler: Viele
Leute inner- und ausserhalb der Branche sind froh, wenn ein neuer
publizistischer Player in die Romandie kommt. Auch wir begrüssen den
Markteintritt eines so bedeutenden Verlagshauses wie Tamedia.
Einerseits wegen der darin zum Ausdruck kommenden Wertschätzung unseres
Heimmarkts. Zum andern wurde es auch langsam lästig, ständig als
gefrässiger Monopolist angeprangert zu werden. Denn regionale
Zurückhaltung, wie wir sie uns deshalb verordnet haben, entspricht
nicht der Dynamik eines Grossverlags – und schon gar nicht der
Mentalität von Edipresse. Insofern freuen wir uns über Kalls
Kampfansage.
WW: Zu
verdanken haben Sie den neuen Wettbewerber nationalen Werbetreibenden.
Mit Ringier, der wohl bald die zweite Deutschschweizer Pendlerzeitung
startet, könnten Sie ja ein Gegenkombi zu 20 Minuten lancieren.
Peter Rothenbühler: Anzeigenraum
gesamtschweizerisch anbieten tönt einfach, ist in der
(sprach-)grenzübergreifenden Praxis aber das Gegenteil. Das wissen
Mediaplaner genauso gut wie Kreativagenturen. Auch wenn ein Anbieter
alles abzudecken glaubt, muss trotzdem differenziert geworben werden.
WW: Dennoch: Ist die Kooperation mit einem Zürcher Verlag eine strategische Option für Edipresse?
Peter Rothenbühler: Sicher
doch. Pierre Lamunière hat an der letzten Westschweizer Verlegertagung
in Lausanne ja gesagt, dass er in Zukunft gerne mit interessanten
Deutschschweizer Medienhäusern zusammenarbeiten oder diese gar
übernehmen möchte. Aber natürlich immer als führende Kraft im Deal.
Interview: Oliver Classen
