«Wir begrüssen Tamedia»

Pendlerzeitungen Peter Rothenbühler über rhetorische Knieschüsse und den Gratiskrieg gegen 20 Minuten.

Pendlerzeitungen Peter Rothenbühler, Le-Matin-Chefredaktor und Pate des Matin Bleu, über rhetorische Knieschüsse und den Gratiskrieg gegen 20 Minuten.WW: Wegen
der ausserordentlich hohen Leserzahlen von Le Matin ist deren
Gratis-
Line-Extension Matin Bleu für Tamedia-CEO Martin Kall bereits
die zweite Gratiszeitung der Westschweiz. Überrascht Sie diese
Provokation, Herr Rothenbühler?

Peter Rothenbühler: Kein
bisschen. Es ärgert mich aber auch nicht. Denn wer über die Anzahl
Leser polemisiert, die eine Bezahlzeitung nicht selbst gekauft haben,
schiesst sich ins eigene Knie. Beim Tages-Anzeiger liegt diese
Dunkelziffer sicher auch bei 60 Prozent. Mit solchen Argumenten
versuchte schon der Blick, 20 Minuten kleinzureden. Wo diese Haltung
hinführt, wissen wir heute.

WW: Jedenfalls sind dies die ersten Salven einer wohl bekannten Kriegsrhetorik …
Peter Rothenbühler: …
die hier schon damals beim Express-Projekt nicht so dramatisch
interpretiert wurden wie im sprachlich und ideologisch sensibleren
Zürich. Ich finde «guerre des gratuits» ein gutes und passendes Wort
für das, was uns hier bevorsteht.

WW: Bedeutet das, dass Sie nicht mit einer Wiederholung des Express-Syndroms rechnen?
Peter Rothenbühler: Nein,
diesmal dient die Ankündigung nicht nur einer Verbesserung der
Verhandlungsposition. 20 Minutes kommt, denn Tamedia will und muss
geografisch expandieren. Dass der erste Schritt ins «Ausland» in die
Romandie führt, ehrt uns.

WW: Militärisches
Vokabular bemüht auch die Freiburger La Liberté und deutet Le Matin
Bleu als von der Publicitas im Schulterschluss mit Edipresse errichtete
«Maginot-Linie» gegen Übergriffe aus der Deutschschweiz.
Peter Rothenbühler: Wie
ich unseren Verleger Pierre Lamunière kenne, ist es für ihn eine
Ehrensache, diese Auseinandersetzung ehrenvoll zu führen – und zu
gewinnen. Mit der P haben wir natürlich die beste aller Verbündeten.
Was nicht heisst, dass wir diesbezüglich irgendwelche Exklusivrechte
geniessen. Die grösste Anzeigenvermittlerin der Schweiz arbeitet
grundsätzlich überall mit allen zusammen. Gewinnen wird letztlich, wer
mehr Leser und die besseren Preise hat.

WW: Apropos
Preise: Die neuen nationalen Anzeigentarife von 20 Minuten sind für
Anfang Dezember angekündigt. Wie werden Sie darauf reagieren?
Peter Rothenbühler: Inhaltlich
werden keinerlei Anpassungen ans Konkurrenzprodukt stattfinden, weder
jetzt noch nächstes Jahr. Wir machen von Beginn weg eine optimale
Gratiszeitung. Und die Tarifstruktur haben wir so massgeschneidert,
dass kaum Rejustierungen nötig sein werden. Es gibt ja schon einen
Markt …

WW: …
bestehend aus unabhängigen oder von Ihrem französischen Erzkonkurrenten
Hersant gesteuerten Regionalzeitungen. Beiden potenziellen Partnern hat
Kall im oben bereits zitierten Le-Temps-Interview offizielle Avancen
gemacht.
Peter Rothenbühler: Viele
Leute inner- und ausserhalb der Branche sind froh, wenn ein neuer
publizistischer Player in die Romandie kommt. Auch wir begrüssen den
Markteintritt eines so bedeutenden Verlagshauses wie Tamedia.
Einerseits wegen der darin zum Ausdruck kommenden Wertschätzung unseres
Heimmarkts. Zum andern wurde es auch langsam lästig, ständig als
gefrässiger Monopolist angeprangert zu werden. Denn regionale
Zurückhaltung, wie wir sie uns deshalb verordnet haben, entspricht
nicht der Dynamik eines Grossverlags – und schon gar nicht der
Mentalität von Edipresse. Insofern freuen wir uns über Kalls
Kampfansage.

WW: Zu
verdanken haben Sie den neuen Wettbewerber nationalen Werbetreibenden.
Mit Ringier, der wohl bald die zweite Deutschschweizer Pendlerzeitung
startet, könnten Sie ja ein Gegenkombi zu 20 Minuten lancieren.
Peter Rothenbühler: Anzeigenraum
gesamtschweizerisch anbieten tönt einfach, ist in der
(sprach-)grenzübergreifenden Praxis aber das Gegenteil. Das wissen
Mediaplaner genauso gut wie Kreativagenturen. Auch wenn ein Anbieter
alles abzudecken glaubt, muss trotzdem differenziert geworben werden.

WW: Dennoch: Ist die Kooperation mit einem Zürcher Verlag eine strategische Option für Edipresse?
Peter Rothenbühler: Sicher
doch. Pierre Lamunière hat an der letzten Westschweizer Verlegertagung
in Lausanne ja gesagt, dass er in Zukunft gerne mit interessanten
Deutschschweizer Medienhäusern zusammenarbeiten oder diese gar
übernehmen möchte. Aber natürlich immer als führende Kraft im Deal.

Interview: Oliver Classen

Mariano Tschuor wird Chefredaktor von RTR

Der bisherige Leiter des rätoromanischen Fernsehens ist neu auch für das Radio zuständig.

Mariano Tschuor wird Chefredaktor der Radio e
Televisiun Rumantscha (RTR). Er leitet seit 2003 bereits das rätoromanische Fernsehen. Die Ernennung eines Chefredaktors RTR in Personalunion solle die zwei
Kulturen Radio und Fernsehen zusammenführen, zitiert die SDA aus einer Mitteilung. Somit werde das
Redaktionspotenzial besser ausgeschöpft. Tschuor übernimmt
die neue Funktion im Frühling nächsten Jahres mit dem Einzug der RTR in
das neue Medienhaus in Chur. Er war früher schon für Radio Rumantsch als Redaktor, Moderator und Programmleiter tätig.

Schumi bleibt Omega 5 weitere Jahre treu

Der siebenfache Formel-1-Weltmeister verlängert seine seit zehn Jahren bestehende Partnerschaft mit der Uhrenmarke.

Der siebenfache Formel-1-Weltmeister
Michael Schumacher verlängert seine seit zehn Jahren bestehende
Partnerschaft mit Omega. 1995 wurde er nach dem Gewinn seines ersten
Weltmeistertitels in der Formel 1 zum Aushängeschild für den Schweizer
Uhrenkonzern. Schumacher wird auch in den nächsten fünf Jahren als
internationaler Botschafter für Omega tätig sein.

Mike Gut übernimmt operative Leitung von Vitamin D

Dominique Ghilardi verstärkt das Team der Zuger Agentur, Rob den Otter geht von Bord.

Mike Gut übernimmt die operative Leitung
der Agentur Vitamin D Cultivate Emotions von CEO Daniel Schärer. Gut
ist seit Frühling bei der Agentur tätig, zuvor war er unter anderem Marketingleiter von Radio Z und nahm mit dem Projekt
Radio Max an der Ausschreibung für ein Zürcher Jugendradio teil.
Bei Vitamin D soll dank seines pragmatischen Stils die Qualität der
Projekte merklich zunehmen, wie einer Mitteilung zu entnehmen ist.
Schärer wird sich in Zukunft intensiver um Konzeption und Kreation von
Projekten kümmern und der Akquisition und Beratung widmen. Ein weiterer
Neuzugang im Team der Zuger Agentur ist Dominique Ghilardi. Sie wird im
Bereich grafische Arbeiten und Visualisierungen Unterstützung leisten
und einen Teil des Backoffices übernehmen. Rob den Otter, Projektleiter
Kommunikation, verlässt Vitamin D hingegen. Die Stelle werde nicht neu
besetzt, zurzeit würden verschiedene Lösungen zur Auslagerung der
Kommunikation geprüft, teilt die Agentur mit.

Ringier plant jungen Ableger der Schweizer Illustrierten

Die Schweizer Illustrierte könnte nächstes Jahr eine monatliche Tochter erhalten.

Die Schweizer Illustrierte könnte nächstes
Jahr eine Tochter erhalten. Laut einem Bericht von Persoenlich.com
arbeitet man bei Ringier unter dem Titel «Schweizer Illustrierte Young»
an einer Monatszeitschrift für Frauen von 20 bis 40. Sie solle mehr als
der Muttertitel aus der Welt der internationalen Stars berichten und
von einer unabhängigen Redaktion produziert werden, zitiert der
Branchendienst aus «gut unterrichteten Quellen». Der Start sei im
kommenden Frühling vorgesehen. Die Konzernleitung habe grünes Licht
gegeben, vom publizistischen Ausschuss müsse die SI Young noch
abgesegnet werden. Ringier-Sprecher Marco Castellaneta bestätigte die
Existenz des Projekts, relativierte gegenüber der Werbewoche aber wie
üblich: Man befinde sich erst in der Phase der Marktabklärung; das
Projekt sei also noch nicht durch alle nötigen Gremien durch. «Die
Chance, dass es nicht passiert, ist immer noch gross», so Castellaneta.

Hüllen für Dreckschleudern

Aufgefallen Im Vergleich zu Damenhöschen als Schuhgeschäftwerbung ist die Hinterteil-Selbstbegrapschung für Herrenslips geradezu eine Conditio sine qua non.

Unterwäsche In meinem letzten Beitrag
durfte ich Ihnen die strenge Halbordnung aufzeigen, wonach sich ein
rotes Damenhöschen an verrenkten Waden vorzüglich für
Schuhgeschäftwerbung eignet. Im Vergleich dazu ist die
Hinterteil-Selbstbegrapschung für Herrenslips geradezu eine Conditio
sine qua non. Alle Achtung, Herr Mey!
Doch schön der Reihe nach: Ich hab da mal in einem Buch über
Typenberatung geblättert. Sie wissen schon, Jahreszeit-Farbpaletten,
mit denen Mann mehr aus sich machen kann. Das ist gut gemeint, aber für
Heckpartien völlig unnötig. Bekanntlich verletzt die frei belüftete
Lendengegend bei den Herren der Schöpfung auch im 21. Jahrhundert die
Etikette nicht. Ganz nach dem Motto: «Wir tragen keine Unterhosen,
sondern Verantwortung». Für alle anderen – also Unverantwortliche mit
Problemzonen – hat der deutsche Textilfabrikant Mey ein textiles
«Gegenmittel» mit drei Löchern geschneidert. Und Werber Jockey
Schiesser (Name von der Redaktion geändert) eine facegeliftete Anzeige
dazu: zwei Gesässbacken, gut bekannt aus der SF-2-Late-Night-Show, und
eine Gebrauchsanweisung in der Copy. Absolut idiotensicher. Damit
sollten auch Dreck schleudernde Kukident-Rocker ihre Problemzonen in
den Griff kriegen. (la)

Gratis gibts die Angst dazu

Tageszeitungen Vor dem Start von Le Matin Bleu macht sich auf den Westschweizer Redaktionen Unsicherheit breit.

Tageszeitungen Am 31. Oktober startet Le Matin Bleu als Gratisvariante des Edipresse-Boulevardblatts Le Matin. Die Redaktionen fürchten Entlassungen.«Edipresse hat journalistisch gesehen kein
Projekt mehr!» Das Verdikt eines altgedienten Edipresse-Redaktors ist
hart: Die Lancierung der Gratiszeitung Le Matin Bleu durch Edipresse
sei eine rein unternehmerische Antwort auf die Gefahr, dass andere ein
Gratisblatt lancieren könnten. Statt die eigenen Titel zu stärken und
den Leser durch journalistische Qualität bei der Stange zu halten,
werde ihm die falsche Botschaft vermittelt, Information sei gratis.
«Die Lancierung eines Gratisblatts durch den Verleger ist eine
Kriegserklärung an die Redaktionen», fasst ein anderer Kollege die
Stimmung zusammen. In den von der Gratiskonkurrenz betroffenen
Zeitungen macht man sich auf Entlassungen gefasst.

Sparvarianten im Gespräch
Bei den beiden Edipresse-Regionalzeitungen 24 Heures und Tribune de
Genève werden verschiedene Sparvarianten diskutiert, bis hin zur
Zusammenlegung des ersten Bundes der beiden Zeitungen. Entscheide sind
allerdings noch keine gefallen. Gerüchteweise ist zu vernehmen, dass
bei 24 Heures 20 Stellen in Gefahr seien. Philippe Dumartheray, der
stellvertretende Chefredaktor von 24 Heures, bestätigt jedoch nur, dass
Sparmassnahmen unausweichlich seien und Entlassungen nicht
ausgeschlossen werden könnten: «Es liegen noch absolut keine Zahlen
vor.» Antoine Exchaquet, Verleger-Stellvertreter bei der Tribune de
Genève, kündigt eine Reduktion der Seitenzahl an, beruhigt aber: «Es
handelt sich nicht ausschliesslich um redaktionelle Seiten, und die
Massnahme ist zeitlich bis zum Jahresende begrenzt.» Auch Exchaquet
schliesst Entlassungen zu einem späteren Zeitpunkt nicht aus: «Im
Moment allerdings müssen wir stark und solide sein.» Man plane eine
«Revolution des Lokalteils», der in Genf gleichzeitig mikrolokal und
international sein müsse.
Die Unruhe hat auch andere Zeitungen als die direkt betroffenen in
Lausanne und Genf erfasst. Nun werde der Druck der Werbung auf den
Inhalt noch mehr zunehmen, klagen die Kollegen. Die Redaktion der
Freiburger La Liberté befürchtete gar, Verleger Albert Noth lasse sich
in den Kampf der Gratisblätter hineinziehen und sei versucht, eine
eigene zu lancieren. Albert Noth dementiert entsprechende
Presseberichte: «Es handelt sich um ein Missverständnis.» Er habe von
einem lokalen Gratisanzeiger gesprochen, der lanciert werden könnte,
falls ein anderer Verlag in Freiburg einen Gratisanzeiger lancieren
würde. Man habe nie von einer Pendlerzeitung gesprochen: «Wir kennen
doch unsere Grenzen!»
Einige Redaktionen beginnen bereits, über Gegenstrategien zu
diskutieren. Pierre Meyer, Wirtschaftsredaktor bei der Tribune de
Genève, entwirft ein optimistisches Szenario: «Es ist möglich, dass ein
neues Medium mit kurzen Texten, ohne Kommentar und mit viel
Dienstleistungen den traditionellen bezahlten Zeitungen neuen Schwung
gibt», schreibt er im Verbandsorgan journalistes.ch. Meyer hofft auf
eine mögliche Koexistenz zwischen Gratis- und bezahlten Zeitungen, wenn
sich Letztere auf ihre eigenen Stärken besinnen und nicht versuchen,
die Gratiszeitungen nachzuäffen. Dies sei aber nur möglich, «wenn ein
Teil der Werbeeinnahmen des künftigen orange-blauen Paars Le Matin und
Le Matin Bleu in die andern Zeitungen von Edipresse eingeschossen
wird». Mit dem Geld könnte die Qualität der bezahlten Zeitungen
ausgebaut und eine heilsame Differenzierung zwischen unterhaltendem und
seriösem Journalismus durchgesetzt werden.
Théo Bouchat, in der Verlagsleitung von Edipresse für «orange-bleu»
zuständig, will den Vorschlag nicht kommentieren. Bei Antoine Exchaquet
stösst Meyer auf offenere Ohren: «Wieso soll es innerhalb des gleichen
Verlags nicht kommunizierende Gefässe geben?», meint er, fügt jedoch
hinzu: «Im Moment ist das noch eine gewagte Idee.» Die «Doppelmarke»
Matin/Matin Bleu sei für die Schweiz etwas Neues, und die Gratiszeitung
müsse ja zuerst auch zeigen, ob sie Erfolg habe.

Verleger als Seifenverkäufer
Derweil zirkuliert in der Romandie ein offener Brief mit dem Titel:
«Information in Gefahr!». Eine Gruppe von Journalisten aus insgesamt
elf Redaktionen erarbeitete den Text. «Die Presse erfüllt ihre
Informationspflicht und ihre Aufgabe, Ereignisse kritisch zu
analysieren, immer weniger, sie setzt stattdessen auf Unterhaltung»,
heisst es im Brief. Und: «Information ist nicht mehr das Ziel,
Verführungs- und PR-Strategien ersetzen sie oder versuchen gar, mit ihr
zu verschmelzen.»
Christian Campiche, Wirtschaftsredaktor bei La Liberté, koordiniert die
Aktion. Er versteht den Brief nicht als reine Reaktion auf die
Pendlerblätter. Die Gratiszeitungen verstärkten den Druck auf die
bezahlten Blätter, aber sie seien nicht das einzige Problem. «Das
Problem ist, dass die Verleger vergessen haben, was ihre Aufgabe ist.
Statt dass sie eine unabhängige und glaubwürdige Information
garantieren, verkaufen sie Zeitungen, wie sie Seife verkaufen würden.»
Nun wollen die Verfasser des Briefs Druck ausüben: «Die Verleger müssen
sich auf ihren Beruf zurückbesinnen», fordert Campiche. Eine Idee liegt
in der Luft: Die Einberufung einer Tagung, an der der Berufsstand die
Lage überprüfen und über Massnahmen diskutieren kann.  

Helen Brügger

Die Fetzen fliegen

Kommentar René Worni über «la guerre des gratuits».

René Worni über «la guerre des gratuits».Auf zum fröhlichen Fetzenfliegen zwischen
dem blauen Gratisableger von Le Matin und 20 Minuten, neuerdings 20
(vingt) minutes. Da erübrigt sich zu fragen, ob sich Edipresse und
Tamedia nicht doch noch in letzter Minute auf ein gemeinsames Blatt
hätten einigen können. Offenbar wertet niemand mehr den Vorstoss der
Zürcher Strategen als blosse Drohgebärde mit Express-Effekt – Tamedia
macht Ernst.

So komme es denn zum «guerre des gratuits» in der Romandie, und möge
sich Le-Matin-Chef Peter Rothenbühler auf die geschätzte Konkurrenz aus
dem Deutschschweizer Ausland freuen, die das Haus Edipresse etwas von
seinem langjährigen Monopolistenimage befreit (Seite 19). So gesehen
ist jede Konkurrenz für Edipresse imagefördernd.

Etwas werden die Leserinnen und Leser von Le Matin Bleu dem
Deutschschweizer Publikum von 20 Minuten jedoch voraushaben: Den
Romands wird ihr Rezeptionsverhalten bewusster als anderen
Gratiszeitungslesern auf der Welt, denn sie werden den Unterschied
zwischen einer bezahlten und einer nicht zu bezahlenden Zeitung direkt
an den Zeitungsboxen verifizieren können. Orange kostet, Bleu ist
gratis. Was der Inhalt einer Zeitung (noch) wert ist, wird sich
exemplarisch in tagtäglicher Praxis entlang dem Genfersee und später
flächendeckend gegen den Röstigraben hin manifestieren. Ein schwieriges
Umfeld für den Newcomer aus Zürich.
 
Das Fetzenfliegen wird zusätzlich stimuliert durch die Überlegungen von
Michael Ringier, der jüngst im Standard eingestand, sein Verlag habe
die Lancierung eines eigenen Gratistitels verschlafen. Rechnet man
weitere Gerüchte hinzu, wonach einige Regionalzeitungen im Raum Bern,
Luzern, Basel, Zürich und St. Gallen an einem gemeinsamen
Pendlerzeitungsprojekt herumdenken (was immerhin sowohl in Luzern als
auch in Basel weder bestätigt noch dementiert wird), so ist mit
bürgerkriegsähnlichen Zuständen im Schweizer Zeitungswesen zu rechnen.

In der Westschweiz meldet sich dieser Tage das journalistische Gewissen
in einem offenen Brief, den Journalistinnen und Journalisten von elf
Redaktionen in Sorge um Qualitäts- und Stellenverlust unterzeichnet
haben (Seite 17): Die Verleger, die sich derzeit wie Seifenverkäufer
verhielten, hätten vergessen, was ihre Aufgabe sei: nämlich für
unabhängige und glaubwürdige Information zu sorgen.

René Worni

Scharfe Werbung

Nahrungsmittel Rassig war sie schon immer – die weltberühmte Maggi-Würze.

Nahrungsmittel Rassig war sie schon immer
– die weltberühmte Maggi-Würze. Um der neuen Sorte mit feurigem
Temperament das pikante Eigenprofil zu verleihen, lassen es die
Publicis-Kreativen in der Ankündigungsanzeige sehr heiss zugehen. Die
Flasche als Brandherd zeigt Wirkung auf die Pfefferschoten und auf die
Anzeige selbst. Denn angesengt wurde nicht nur der «Neu»-Stern, sondern
auch gleich das Heiligste: das Maggi-Logo. Wenn sich da die Werber nur
nicht die Zunge, pardon die Finger verbrennen …

Ein Mann, ein Wort – ein Bier

Alkoholgetränke Inhalt & Form holt mit einer süffig-virilen Positionierung die Biermarke Hürlimann aus der Versenkung.

Alkoholgetränke Inhalt & Form will mit
einer süffig-virilen Positionierung Feldschlösschens Biermarke
Hürlimann aus der Versenkung holen.«Was, die gibts noch?» Die häufigste
Reaktion widerspiegelt die Wahrnehmung und das aktuelle Profil der
Zürcher Traditionsbiermarke Hürlimann. Eine Strassenumfrage der
Werbeagentur Inhalt & Form, die den Etat in einer mehrstufigen
Konkurrenzpräsentation gewonnen hatte, förderte ein ähnliches Bild zu
Tage. Der Hürlimann-Stern, der 1996 zur Rheinfelder Bierfamilie
Feldschlösschen stiess, glänzt seit mehreren Jahren nur noch schwach.
Und das in einem geschrumpften Markt – der Pro-Kopf-Konsum sank 2004
auf 57,3 Liter, den tiefsten Wert seit 1990.
Doch der Trend geht ebenso in Richtung Lokalkolorit und damit zu einer
grösseren Vielfalt. Diese wächst jedoch seit Jahren vor allem dank
Nischenprodukten, sprich Spezialbieren. Und als solches kann man
Hürlimann nicht bezeichnen. Noch immer geniesst die Marke in fast allen
Altersgruppen eine hohe bis sehr hohe Bekanntheit, so Berater Jürg
Meyer. Doch ist von der Markenpersönlichkeit sowie deren Kern kaum mehr
etwas abrufbar. Nur noch Nostalgiker hängen dem Arbeiterbier und seinem
bodenständigen Image nach, das zusätzlich geprägt war vom
Pferdegespann, mit dem die Fässer an die Gastrobetriebe verteilt wurden.

Risikobereite Auftraggeber
Um das Gebräu zu relaunchen, fordert das Kreativteam um CD Serge
Riedener und AD Daniel Käser vom Auftraggeber eine gewisse
Risikobereitschaft. Viel Imagekapital gibts denn auch nicht zu
verlieren. Und so wird die bald 170-jährige Biergeschichte mit völlig
neuen Vorzeichen fortgesetzt, zumindest was den Werbeauftritt betrifft.
Ausgehend von der Tatsache, dass drei von vier Bierkonsumenten Männer
sind, formulierte man die zentrale Aussage und spitzte sie
Aufmerksamkeit erregend und amüsierend auf «Hürlimann – nur für Männer»
zu. Drei Worte für das Claim, das leicht merkbar und wieder erkennbar
ist und ausreichen soll, um das Bier von der Konkurrenz abzuheben.
Die Männerpositionierung wird «frei jeglichen Chauvinismus», so Meyer,
vorerst auf Plakat, Inserat und Kinospot umgesetzt. Natürlich erkennt
jedermann in der Werbeidee die Verwandtschaft mit der abgelösten
IWC-Machokampagne. Doch liegen Branchen und Zielsegmente so weit
auseinander, dass nach der ersten Irritation die Parallelitäten sogar
eher typischer für ein Bier erscheinen. Jedenfalls taucht in
internationalen Bierkampagnen immer häufiger hemdsärmelige
Schnoddrigkeit auf, die sich mit ihrer Antwort auf politische
Korrektheit vor allem beim jungen Publikum beliebt macht.
So einfach gestrickt wie die Männer präsentiert sich auch die
Hürlimann-Kampagne: Produkt – ob als Stange oder im Sixpack – vor rotem
Hintergrund, begleitet von einer kernigen Schlagzeile wie «Der
Höhepunkt für Männer. Und garantiert kein vorgetäuschter» oder «Der
Mensch überlebt drei Tage ohne Flüssigkeit. Echte Kerle keinen».
Ergänzt wird die Kampagne durch den neu gestalteten Internetauftritt,
der ebenfalls frecher und jünger sein wird. Hier darf mann im
Onlinetest seine Virilität messen. Wer durchfällt, landet auf der Site
von Betty Bossi.    

Luca Aloisi

Zweierlei Testberichte

Editorial Oliver Classen über Schweizer Medienblogs, chinesische Mauern und hybride Geschäfts-)Antriebe.

Oliver Classen über Schweizer Medienblogs, chinesische Mauern und hybride
(Geschäfts-)Antriebe.Schlimm genug, dass Das Magazin seinem
Starautor Max Küng acht satte Seiten für einen (notdürftig als
umweltpolitische Reportage getarnten) Autotest zur Verfügung stellt.
Dass die Rückseite der Ausgabe, in welcher das Loblied auf den neuen
Lexus mit Hybridmotor erschien, durch eine Anzeige für eben diese
Edelkarosse geziert wurde, «schlägt dem Fass jedoch den Boden aus» –
schreibt «Madman». Und meint damit natürlich die Glaubwürdigkeit
unserer aller Samstagsschmonzette.

Madman ist Medienblogger und verfügt als solcher über
Empörungspotenziale, um die ihn abgestumpfte, professionelle
Branchenbeobachter nur beneiden können. Er glaubt noch an das, was New
Yorker Broker 1929 «Chinese wall» tauften und bis heute das Mantra des
Journalismus ist. Okay, der Kommentar auf medienspiegel.ch ist nicht
sonderlich differenziert. (Natürlich ist dieser famose Fauxpas nicht wie von Madman vermutet auf
Kalls Renditeziele, sondern auf interne Fehlkoordination
zurückzuführen.) Doch er ist ehrlich, richtig und vor allem eine Art
«Leser-Testbericht», den die Verantwortlichen verdammt ernst nehmen
sollten.

Denn so wie Küng Stimmung für sein SUV macht, machen Madman & Co.
Stimmung gegen die Verwischung redaktioneller und kommerzieller Inhalte
und Interessen. Der auf 20 Minuten spezialisierte «Pendlerblog» führt
unter dem beziehungsreichen Titel «Gelbe Seiten» sogar schon eine Liste
solcher Vergehen am mündigen Leser. Zum Grimme-Preis, den das deutsche
Vorbild bildblog.de jüngst verliehen bekam, dürfte es zwar noch lange
nicht reichen. Aber ein Anfang ist auch hier zu Lande gemacht.

Die gute Nachricht also lautet: Die Blogosphäre übernimmt zunehmend
eine ergänzende, weil emotionale Kontrollfunktion über chinesische
Mauern und andere ethische Mindeststandards. Und die schlechte:
Verharmlosend «Lifestyle-Journalismus» genannte Produkte-PR ist aus der
meinungsbildenden Presse nicht mehr wegzudenken. Dennoch: Wir bleiben
dran und sind gespannt auf die nächsten Sumpfblüten aus den
Verlagstreibhäusern.

Oliver Classen, Redaktor

Denn das Gute liegt so nah

Fundraising RiveGauche\TBWA hat für Médecins sans Frontières die Probleme dieser Welt hautnah in der Schweiz dramatisiert.

Fundraising RiveGauche\TBWA Genève hat für Médecins sans Frontières Schweiz die Probleme dieser Welt hautnah in der Schweiz dramatisiert.Grosse Katastrophen auf dieser Welt
passieren meistens sehr weit weg. Man darf dann in der Schweiz mehr
oder weniger betroffen sein und entsprechend mehr oder weniger helfen.
Dann nimmt das Leben wieder seinen gewohnten Gang. Und wenn es einmal
nicht mehr so wäre? Wie würde es eigentlich aussehen, wenn das Elend
dieser Welt sich plötzlich hautnah vor unseren Augen abspielen müsste?
Vor einigen Wochen hat RiveGauche\TBWA Genève den Pitch um eine neue
Kampagne für Médecins sans Frontières Schweiz gewonnen. Nach der auch
international preisgekrönten Idee von Advico Young & Rubicam mit
den in Wunden «genähten» Botschaften sowie den eindrücklich wirkenden
«verletzten» Plakaten von Publicis im letzten Jahr, war RiveGauche
kreativ gefordert. – Und hat sich mit einer völlig neuen Idee
wirkungsvoll in die Reihe der erfolgreich aufrüttelnden Werbung
einbringen können.

Verwirrende Hingucker
Die Kampagne aus dem Team um CD Alphonse Garcia funktioniert in zwei
Phasen. In der ersten verblüffen Teaserplakate mit dramatisch
klingenden Meldungen über Katastrophen und ihre schlimmen Folgen. Auf
den ersten Blick «vertraute» Meldungen, wie sie uns in den täglichen
News deshalb kaum mehr gross aufschrecken können. Allerdings könnte die
Schreckensmeldung zum Hingucker werden, wenn dieses Elend plötzlich in
der Schweiz stattfindet.
«Amandine Favre, 10 Jahre. Unterernährt wegen des Ernteausfalls im
Kanton Waadt, verursacht durch Wanderheuschrecken und Dürre», verwirrt
uns zum Beispiel auf einem solchen Teaser. Die Aufklärung folgt dann in
der zweiten Phase mit dem beruhigenden Zusatz: «… Ist derzeit in
medizinischer Intensivbehandlung.» Dazu führt ein Link zur Sammelaktion
der grenzüberschreitend tätigen Ärzte mit dem Claim: «Anderswo
behandeln, was bei uns erträglich wäre.»
Die Kampagne arbeitet mit sieben Plakatsujets und sechs Spots. In
diesen Filmen sind, budgetbewusst und trotzdem emotionell eindrücklich
gestaltet, die gleichen Schicksalsfiguren wie auf den Plakaten zu
sehen. Dazu wird im Off auch der identische Text unterlegt, zum
Beispiel: «Manuela Rota, an Cholera erkrankt, als sie vor Tessiner
Rebellen über die Alpen floh. Wird in einer mobilen Pflegestation
notfallmässig behandelt.» Oder: «Marco Schmid, acht Jahre, von
bewaffneten Truppen aus Zürich nach ihrem Sieg über Luzerner Rebellen
vergewaltigt und gefoltert …»
In weiteren Sujets erhält eine  Aidswitwe mit fünf Kindern aus dem
Val de Travers in der örtlichen Krankenstation die notwendige
Behandlung oder ein Urs Liechti aus Basel seine notwendigen Mittel
gegen Malaria. Hier dank dem hoch entwickelten Schweizer
Gesundheitswesen. Jenseits der Grenze dank unseren Spenden für Médecins
sans Frontières.
    

Andreas Panzeri

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