Print Das St. Galler Tagblatt antwortet mit zwei Blättern aus seinem Verbundsystem auf die im Thurgau expandierende Tamedia.Als die Aktionäre der Thurgauer Zeitung
(TZ) Anfang September den Verkauf ihres Verlages an Tamedia, die
Herausgeberin des Tages-Anzeigers, bekannt gaben, war der Ärger beim
St.Galler Tagblatt (SGT) gross. Denn auch der St. Galler Grossverlag,
eine Tochter der NZZ-Gruppe, hatte mit der TZ über Kooperationen im
Druck- und Inseratebereich und später gar über eine Einbindung in das
SGT-Kopfblattsystem verhandelt. «Den Zuschlag hat schliesslich
überraschend der Zürcher Bewerber erhalten – aber nicht für ein
Kooperationsmodell, sondern für eine vollständige Übernahme», stellte
das SGT am 9. September, einen Tag nach Bekanntgabe des Deals,
verständnislos fest. In derselben Ausgabe gab Hans-Peter Klauser,
Vorsitzender der Geschäftsleitung, bekannt, dass sein Verlag «nun die
Expansion im Nachbarkanton auf anderem Weg suche: mit dem Ausbau des
bisherigen Angebots und einem prominenteren Auftritt für Thurgauer
Themen».
Eineinhalb Monate nach der Enttäuschung macht man sich nun in St.Gallen
daran, die skizzierten Ideen umzusetzen. Dies geschieht gemäss
SGT-Verlagsleiter Daniel Ehrat in zwei Phasen: Die erste beginnt am 28.
Oktober und umfasst eine Reihe Sofortmassnahmen. Für die zweite Phase,
die längerfristige Aktivitäten beinhaltet, höhere Geldbeträge benötigt
und frühestens 2006 einsetzt, wurden mehrere Szenarien ausgearbeitet.
Streudichten über 60 Prozent
Um zu verstehen, was bereits in der ersten Phase realisiert wird, muss
man sich die Ausgangslage vor Augen führen: Heute stehen sich im
Thurgau zwei Blätter mit unterschiedlichen Stärken gegenüber: Die
Thurgauer Zeitung ist stark im Westen, wobei sie in fünf der insgesamt
acht Bezirke Streudichten von über 40 Prozent, teilweise gar über 60
Prozent, ausweist. Demgegenüber hat das Tagblatt seine Leser primär in
den Ostbezirken Arbon (Streudichte 44 Prozent) und Bischofszell (27
Prozent), in den übrigen Gebieten erreicht es weniger als 10 Prozent
der Haushalte. Aktuell kommt die TZ-Normalauflage im WG 44 auf 69000
Leser, notabene 21000 weniger als nach der Fusion mit den
Ruckstuhl-Blättern im Jahr 2001. Das Tagblatt weist im selben Gebiet
33000 Leser auf, 11000 weniger als nach dem bisherigen Höchststand im
Jahr 2004. Südlich des Thurgau, in Wil, besteht aber noch ein drittes
Blatt, die Wiler Zeitung, die von der Druckerei Flawil herausgegeben
wird und ebenfalls zum SGT-System gehört. Schon heute nascht diese
unter dem Zaun hindurch in den Thurgau hinüber, wo sie im Bezirk
Münchwilen immerhin 9 Prozent der Haushalte erreicht.
Am 28. Oktober nun eröffnen sowohl das Tagblatt für den Kanton Thurgau
als auch die Wiler Zeitung gemeinsam eine Zweifronten-Offensive gegen
die Thurgauer Zeitung. In beiden Fällen werden die bestehenden
Zeitungen noch stärker als bisher «thurgauisiert», wie Ehrat sich
ausdrückt. So wird das Tagblatt für den Kanton Thurgau als einziges
SGT-Kopfblatt die Frontseite stärker mit eigenen Themen und Bildern
bestücken können. «Die Front muss eine thurgauische Anmutung erhalten»,
sagt dazu Chefredaktor Gottlieb Höpli. Zudem wird der Ostschweiz-Bund
für Mostindien so umgestellt, dass er neu mit einem zweiseitigen
Thurgau-Auftakt eröffnet. In den Regiobünden See, Thurtal und
Oberthurgau wird der Lokaljournalismus leicht ausgebaut und vor allem
die Berichterstattung aus der Kantonshauptstadt verstärkt.
Höpli betont, dass weniger quantitative denn qualitative Anstrengungen
nötig seien: «Innerhalb des SGT-Verbundes ist der Thurgau schon heute
jene Region, für die wir die grösste redaktionelle Leistung erbringen.»
Die Thurgauer Redaktion werde deshalb bei 20 Personen belassen. Die
Zeitung müsse aber noch stärker auf die Thurgauer Leserinnen und Leser
ausgerichtet werden.
Auch die Wiler Zeitung baut ihren Thurgau-Anteil aus: Statt einer Seite
Hinterthurgau wie bisher werden es künftig deren zwei sein, neu ergänzt
durch eine Seite zum Gesamtkanton Thurgau.
Dieser redaktionelle Fokus wird marketingmässig unterstützt mit einer
Plakatkampagne sowie Mailings in den fünf Bezirken Arbon, Bischofszell,
Weinfelden, Kreuzlingen und Münchwilen. Die dortigen 25000 potenziellen
Tagblatt-Abonnenten können wählen zwischen einem sechswöchigen
Gratisabo oder einem Jahresabo zum halben Preis – gleichzeitig nehmen
sie an der Verlosung eines Zeppelinfluges teil. «Das haben wir in
dieser Art noch nie gemacht», stellt Ehrat fest. Er erhofft sich davon
bis Ende dieses Jahres 2000 Probeabos und daraus dann mindestens 800
längerfristige Abos.
Kostenlose Todesanzeigen
Auch im Anzeigenbereich zieht Ehrat neue Saiten auf: So werden die
Thurgauer Todesanzeigen, mit denen das Tagblatt bisher mehr schlecht
als recht bestückt war, ab dem 28. Oktober «und sicher bis Ende 2006»
gratis angeboten. «Todesanzeigen weisen darauf hin, wie stark ein Titel
etabliert ist. Deshalb pushen wir diesen Bereich, indem wir auch an die
Gemeinden und Bestattungsunternehmen gelangen», sagt der Verlagsleiter.
Noch auf einer anderen Ebene will Ehrat ausbauen: bei den
Gemeindeseiten, einem Gefäss, in dem gegen ein kleines Entgelt jede
Gemeinde ihre Gemeinderats- und Vereinsmitteilungen einmal wöchentlich
unredigiert publizieren kann. An den Tagen, an denen die Seite
erscheint, wird das Tagblatt in den betreffenden Gemeinden wie ein
amtliches Publikationsorgan gestreut. Bisher machen aber lediglich drei
Gemeinden von diesem Angebot Gebrauch.
Weitere Pfeile im Köcher
Über die weiteren Ideen, die noch dem Verwaltungsrat vorgelegt werden,
ist Ehrat nur so viel zu entlocken: Das Szenarien-Paket beinhaltet
unter anderem eine fertig berechnete Grossauflage, wie sie auch die
Thurgauer Zeitung kennt, dann einen Namenwechsel zu Thurgauer Tagblatt,
was aber aus rechtlichen Gründen frühestens ab Januar 2008 möglich ist,
sowie Expansionen in weitere Bezirke, insbesondere nach Frauenfeld.
Offen ist zudem, ob per 2006 ein Inseratekombi mit den Schaffhauser
Nachrichten zu Stande kommt. «Wir haben dort jedenfalls
diverse Kombivarianten offeriert», sagt Ehrat.
Markus Knöpfli