Rubrikenmarkt Das Projekt Class ist tot –
nun stehen manche Verleger ratlos vor dem anziehenden Rubrikengeschäft.
Tool-Anbieter bieten mittlerweile den Verlegern allerlei Lösungen an.
AuchPubliGroupe bietet mit. Noch liegen für 2005 keine
Ganzjahreszahlen zum Inserateaufkommen vor. Doch die
Wemf-Inseratestatistik vom November 2005 lässt erahnen, dass die
gesamte verkaufte Tages- und Regionalpresse bei den kommerziellen
Inseraten erneut einen Rückgang um mindestens 5 Prozent hinnehmen muss.
Im Rubrikenmarkt dagegen gibt es Anzeichen für eine Besserung: Der
Rückgang hat nachgelassen und in einigen Bereichen, vor allem bei den
Stellen und teilweise auch bei den Immobilien, ist ein – teils sogar
deutliches – Wachstum festzustellen. So legte das Stellenvolumen der
verkauften Tages- und Regionalpresse, kumuliert von Januar bis November
2005, um 7,3 Prozent zu, im Immobilienbereich konnte das Volumen
immerhin knapp gehalten werden (–0,6%).
Gerangel um Branchenlösung
Kein Wunder, überlegen sich auch die Verleger seit einiger Zeit, wie
sie am besten am prosperierenden Onlinerubrikenmarkt partizipieren
können, gerade weil sie wissen, dass nur ein Teil des verlorenen
Rubrikenvolumens wieder zu Print zurückkehrt. Dabei ist klar, dass nur
eine crossmediale Strategie (Print und Online, allenfalls kombiniert
mit Mobile) Erfolg versprechend sein kann. Als im letzten Mai eine
Branchenlösung namens Class lanciert wurde, sprangen PubliPresse und
sechs Verlage (Espace Media Group, Basler Zeitung Medien, Gassmann AG,
Südostschweiz, NZZ, Mittelland Zeitung) darauf an. Class hätte am Ende
als eigenständige Firma die nötige Infrastruktur entwickeln sollen, um
den angeschlossenen Unternehmen (Werbeauftraggeber, Publicitas,
Verlage, Onlinemarktplätze) eine möglichst reibungslose Verarbeitung
der Rubrikeninserate sowohl in Print als auch in Online zu ermöglichen.
Doch mitten in die noch zögerliche Erholung des Rubrikenmarktes platzte
kurz vor Weihnachten die Nachricht, dass das Bemühen der sieben
Class-Partner gescheitert sei. Offiziell hiess es, die von den sieben
Unternehmen zugesagten finanziellen Beiträge hätten für die
Finanzierung nicht ausgereicht. Doch das ist offenbar nur die halbe
Wahrheit.
Albert P. Stäheli, VR-Delegierter der Espace Media Group und Ini-tiant
von Class, nennt einen weiteren Grund für das Scheitern: «Anders als
ursprünglich vereinbart, war PubliPresse nicht mehr bereit, die
Lizenzen und Applikationen in die Class Service AG einzubringen
und selber zum Bezüger von Class zu werden. Damit aber wäre die Class
Service AG in die unerwünschte Abhängigkeit der P geraten, was der
Grundidee einer neutralen Branchenplattform absolut nicht mehr
entsprochen hätte.»
Dass dies dem Herausgeber des Eigenregietitels Berner Zeitung nicht
passen konnte, ist klar. Doch er scheint sich nicht als einziger Verlag
quergestellt zu haben. «Schade ist, dass die Umstände einmal mehr eine
vernünftige Branchenlösung verunmöglicht haben», bedauert Stäheli. Die
Folge sei wohl, dass die Verlage nun Einzellösungen für die
verschiedenen Rubrikenbereiche suchen oder entwickeln würden oder im
Fall der Pachtverlage an die P-Lösung gebunden würden. Auch Espace
Media blieb nicht untätig: Für den Immobilienbereich hat das
Unternehmen eine eigene Lösung entwickelt, und im Stellenbereich wird
es mit dem Applikationshersteller Prospective, der Schwesterfirma von
Jobs.ch, kooperieren.
Branche ist sensibilisiert
Obwohl die Branchenlösung nicht zu Stande kommt, hält sich Stäheli
dennoch zu Gute: «Ich glaube, dass die Idee von Class mindestens einen
rechten Sensibilisierungsschub in der Printbranche ausgelöst hat», sagt
er. Das wird auch andernorts bestätigt. «Das Positive an Class war,
dass die Verlage für das Thema sensibilisiert wurden. Dadurch haben
diese auch Alternativen evaluiert», meint etwa Peter B. Müller, CEO von
Unio, Lösungsanbieter für crossmediales Inserate- und Druckmanagement.
«Class hat zwar die strategische Diskussion der Verleger längere Zeit
gelähmt, jetzt aber haben alle ihre Augen und Ohren für Lösungen
offen», sagt auch Roger Wernli, CEO der Previon AG, die ebenfalls eine
Softwarelösung anbietet. Ähnliches ist auch von weiteren
Applikationsherstellern wie Prospective oder X-Media
(Softwarezulieferer der Scout24-Gruppe) zu hören.
Darum überrascht es auch nicht, dass sie alle in den letzten Wochen und
Monaten tüchtig aufgerüstet haben und nun in das Vakuum, das Class bei
vielen Verlegern hinterlassen hat, vorzustossen versuchen. So lancierte
der mit X-Media verbundene Onlinemarktplatz Scout24 auf Neujahr
motoscout24.ch, einen neuen Marktplatz für Motorräder, und geht mit
erhöhtem Marketingbudget in die Offensive. Previon wiederum ging mit
der deutschen Evolver Media eine strategische Partnerschaft ein, um
sich den Rücken zu stärken und sowohl den schweizerischen als auch den
deutschen Markt besser bearbeiten zu können.
Unio, bisher reiner Toolanbieter, sieht sich neuerdings nach Partnern
unter den Onlinemarktplätzen um – aus der Erkenntnis heraus, dass die
beste Applikation für die Verlage nur dann attraktiv genug ist, wenn
der neu erstellte Onlinemarktplatz von Beginn weg auch einen Grundstock
an Inseraten enthält. Aber auch die PubliPresse-Unit Publiconnect war
aktiv: Zunächst warb sie von der Konkurrenz TopJobScout24.ch
ausgerechnet deren CEO Markus Bieri ab – als Nachfolger von
Class-Projektleiter und Publiconnect-Geschäftsführer Andreas Göldi.
Zudem trieb sie seit Mai 2005 die Weiterentwicklung einer neuen
Applikation voran, so weit, dass sie sich – wie am 9. Januar
verlautbart – trotz des Scheiterns von Class nun mit dem Tool
Publisherconnect doch unter die Softwareanbieter mischen und sich den
Verlagen als potenzielle Partnerin präsentieren kann. Einen anderen Weg
schlägt die nur im Stellenbereich aktive Prospective AG ein: Als
Mediaagentur für Stelleninserate wirbt die Firma andern Konkurrenten
grosse Stellenkunden ab und bindet diese mit dem eigenen, webbasierten
Tool an sich. Der jüngste Erfolg von CEO Matthias Zimmermann: Die
Eidgenössische Bundesverwaltung wechselte per 1. Januar 2006 von der
PubliGroupe zu Prospective. Dem Vernehmen nach wird ihr auch die SBB
folgen.
Entscheidung wohl Mitte Jahr
Alle Softwareanbieter geben denn auch an, mit den Verlagen in
intensiven Gesprächen zu stehen. Einige trumpfen schon mit Partnern
auf: Unio, das bereits von Tamedia und AZ Medien auserwählt wurde, ist
gemäss Peter B. Müller auch bei andern Wunschkandidat Nummer eins,
X-Media weist für ihre Applikation MediaManager über 100
Whitelabelpartner aus, laut CEO Daniel Grossen sollen weitere folgen.
Publiconnect verfügt gemäss Markus Bieri bereits über zwei
unterschriebene Verträge und kann das neue Tool Publisherconnect noch
im ersten Quartal 2006 beim St. Galler Tagblatt und bei der Société
Neuchâteloise de la Presse (limpartial.ch, lexpress.ch, archebdo.ch,
lacote.ch) implementieren. Und Prospective kooperiert – wie erwähnt –
mit der Espace Media Groupe.
Das Rennen ist jedenfalls spätestens seit dem Tod von Class so richtig
eröffnet und wohl schon Mitte Jahr wird sich zeigen, wer von den
Softwareanbietern in welchem Rubrikenbereich die Nase vorne haben und
am meisten Kunden und Partner wird vorweisen können. Besonders viel
steht dabei für PubliPresse auf dem Spiel. Nicht nur, weil sie
zunehmend Rubrikeninserenten an andere Anbieter verliert, sondern auch,
weil einige Pacht- oder Regieverlage die neue Situation nützen könnten,
sich zumindest im Rubrikenmarkt von der P zu lösen oder zu emanzipieren.
Roger Wernli von Previon jedenfalls drückt es so aus: «Wir rechnen uns
durchaus grosse Chancen aus, denn die Verleger werden sich hüten, sich
noch einmal in die Abhängigkeit eines Vermittlers zu begeben.»
Markus Knöpfli
Bildlegende:
gross: Markus Bieri, CEO Publiconnect
klein, o.l.: Peter B. Müller, CEO Unio
klein, o.r.: Matthias Zimmermann, CEO Prospective
klein, u.l.: Roger Wernli, CEO Previon
klein, u.r.: Daniel Grossen, CEO X-Media