Nicht junge Wilde, aber Wilde
Awards Nur gerade vier Schweizer Agenturen haben seit 1991 die Auszeichnung «Newcomer-Agentur des Jahres» erhalten: Als fünfte wurde heuer KSSJ gewählt.
Wollishofen, eingezwängt zwischen Seestrasse und Bahnlinie, in einem
wuchtigen, fast 100-jährigen Gebäude hat sie ihren Sitz – die 2004
gegründete Agentur Krieg Schlupp Springer & Jacoby oder einfacher
KSSJ. Hier hecken seit gut eineinhalb Jahren gewiefte
Kommunikationsstrategen in nüchtern eingerichteten Grossraumbüros
Werbekonzepte aus, die man zu den kreativsten der Schweiz zählen darf.
Steckten anfangs noch die beiden Gründer ihre Köpfe zusammen, so sind
dies nach rund 20 Monaten bereits 35, die ihr Know-how für klingende
Marken wie die Wirtschaftsprüfungsfirma KPMG Schweiz, die
Beratungsorganisation Malik Management Zentrum St. Gallen oder den
Detailhändler Coop einsetzen: Die kurze Historie der
Kommunikationsagentur ist bereits eine eindrückliche unternehmerische
Erfolgsgeschichte.
Nicht Tochter, sondern Partner
Wer nun glaubt, dass sich Springer & Jacoby (S&J), die
kreativste Werbeagentur Deutschlands 2005 (W&V, 50/51, 2005), auch
mit Hilfe
der Zürcher Agentur leichter aus der wirtschaftlichen Bredouille
befreit, täuscht sich über die tatsächlichen Besitzverhältnisse. Denn
das deutsche Netzwerk war bei der Gründung am 1. April 2004 lediglich
mit einer Minderheitsbeteiligung von zehn Prozent und dem Goodwill in
Form des Start-up-Coaches Thomas Löw eingestiegen. Als Aufbauhelfer und
Geschäftsführer Beratung heuerte der Managing Director von S&J für
einige Monate befristet bei KSSJ in Zürich an. Bei KSSJ handelt es sich
also um eine inhabergeführte Schweizer Agentur, die zu 90 Prozent den
beiden Gründern und kreativen Köpfen Daniel Krieg und Uwe Schlupp sowie
dem Geschäftspartner Beratung Christoph Bürge gehört. Also keine
Filiale, sondern eine Partneragentur. Mit Elan ist es ihnen gelungen,
in nur 20 Monaten das Honorarvolumen
von rund drei Millionen Franken im ersten auf gegen zehn Millionen
Franken im laufenden Geschäftsjahr zu verdreifachen. Gemäss
inoffiziellem Agentur-Ranking zählt KSSJ damit bereits zu den 15
grössten Agenturen der Schweiz.
Aber darum gehe es ihnen nicht, meint Daniel Krieg. Was er mit KSSJ
erreichen will, lässt sich nicht quantifizieren und messen. Dafür in
der Markenbibel «Let’s rock» mit den Markenwerten von KSSJ nachlesen:
«Wir stehen jeden Morgen auf, um gute Werbung zu machen. Damit wir
stolz sein können auf unsere Arbeit. Und damit unsere Kunden Werbung
bekommen, die ihnen wirklich weiterhilft und Mehrwert bringt.» Und auch
die Herleitung bleibt uns das Inhabertrio nicht schuldig: Schliesslich
sei Werbung wie Sex. Wenn gut, gut. Wenn schlecht, dann eben schlecht.
Wie Berserker losgelegt
Nur: Bekannt für kreative Werbekonzepte waren alle drei, lange bevor
sie sich selbstständig gemacht haben. Insgesamt sind die beiden
Kreativen Krieg und Schlupp mit über 400 nationalen und internationalen
Awards dekoriert und schon in diverse Award-Jurys berufen worden. Und
Christoph Bürge hatte als strategischer Planer schon für verschiedene
Auftraggeber die Markenpersönlichkeiten ihrer Produkte erfolgreich
geformt. Es drängt sich deshalb die Frage auf: Weshalb haben sie
ausgerechnet in der schweren Krise der Schweizer Werbebranche ihre
komfortablen Positionen bei den bekannten Agenturen Publicis und Matter
& Partner aufgegeben, um sich auf eine Firmengründung einzulassen?
Der Weggang von ihren ehemaligen Arbeitgebern habe nichts mit diesen zu tun, sondern mit der beruflichen
Standortbestimmung und der Selbstfrage: «Wohin jetzt?», versichert Uwe
Schlupp.
Auf diese Frage habe es für sie, die alle Chargen und Chancen in
verschiedenen führenden Agenturen wahrnehmen durften und die noch neue
Ziele erreichen wollten, nur eine Antwort gegeben: die
Selbstständigkeit. «Eine Rezession ist doch ideal für einen Start-up.
Da macht man sich gleich von Beginn weg keine Illusionen. Und wenn sich
dann der Markt erholt, umso besser», drückt sich der studierte
Betriebswirtschafter Daniel Krieg populärwissenschaftlich über das
antizyklische Verhalten aus. «Mittelfristig hatten wir keine Angst,
weil wir Kontakte und Opportunities hatten. Zudem haben wir wie die
Berserker losgelegt», blickt Krieg zurück. Bereits nach sechs Wochen
sei mehr Geld herein- als hinausgeflossen.
Auch wenn die beiden Gründer aus der kreativen Ecke stammen und
beteuern, sie wären auch heute noch keine Verwalter oder Buchhalter,
ihr Masterplan hatte von Beginn weg die Züge einer Outperformance. In
ihrem straffen Geschäftsplan waren die Ziele wie optimales
Kundenportfolio, ideale Belegschaftsgrösse für eine
Full-Service-Agentur oder Rentabilitätsgrenze genauso festgelegt wie
die möglichen Rettungswege – für den Fall, dass das Projekt trotz der
Must-Win-Deals gescheitert wäre. Doch die einzelnen Stationen beim
Unternehmensaufbau erreichten sie praktisch immer vor dem ohnehin
ambitiösen Zeitplan.
Zum Erfolgsrezept kommt auch die stimmende Chemie zwischen den
Geschäftsleitern, weil sie sich perfekt ergänzen. Jeder von ihnen sei
in allen betrieblichen Funktionsfeldern sattelfest. Doch wenn es nach
den jeweiligen Vorlieben gehe, dann sei Uwe Schlupp AD, Texter und
Berater, Daniel Krieg Texter, Berater und AD und Christoph Bürge
Berater, Texter und AD. «The perfect match also», spasst Krieg. So
unterschiedlich die drei Chefs sind – Krieg, die Zicke mit Herz,
Schlupp, der Schlagfertige mit Charme und Bürge, der Vielseitige mit
Humor –, so gut passen sie charakterlich und geistig als Team zusammen.
Dass die Kombinationsformel stimmt, stellten Krieg und Schlupp schon
1996 fest, als sich ihre Wege bei der damals erfolgreichsten Schweizer
Agentur Weber Hodel Schmid in Zürich (Newcomer-Agentur 1992) erstmals
kreuzten. Als Daniel Krieg als Texter/Konzepter bei WHS einstieg,
konnte er auf eine abwechslungsreiche Karriere zurückblicken:
BWL-Studium an der Uni St. Gallen, Anstellungen bei Philips, Credit
Suisse und dem Wirtschaftsblatt Cash sowie selbstständiger
Generalimporteur von zwei Sportfashion-Marken. 30-jährig und mit einem
grossen Wissens- und Erfahrungsrucksack startete er seine Laufbahn in
der Werbung bei der GGK Zürich. Von dort an wechselte er im
Zweijahresrhythmus – zu Farner Publicis FCB, zu WHS und zuletzt 1998
wieder zu Publicis, wo er als Texter/Konzepter und Creative Director
und erneut mit Uwe Schlupp als AD und CD die kreativen Stricke in die
Hand nehmen konnte. Letzterer war 1989 mit seinem Studienabschluss als
Diplom-Designer direkt von der Fachhochschule Düsseldorf in die Werbung
eingetreten und blieb ihr seither treu. Seiner nahen Heimat dagegen
nicht. Denn als WHS ihn nach Zürich lockte, wurde er schon nach zwei
Jahren mit der Geschäftsführung und kreativen Direktion bei der WHS
Smart Factory für sein Können belohnt.
Behäbige Branche wachgerüttelt
Der Dritte im Bunde, der diplomierte Werbeleiter Christoph Bürge, ist
zwar der Jüngste, doch mit bald zwei Jahrzehnten im Werbegeschäft der
Dienstälteste. Entsprechend weit hat ihn seine Agenturentournee
gebracht. Sein Handwerk lernte er in Zürich, Hamburg und als Account
Director bei Ammirati Puris Lintas selbst in Shanghai. Und das Mitte
der 90er-Jahre, als China in Sachen Marketingkommunikation noch als
Entwicklungsland galt.
Bevor Bürge und die KSSJ-Gründer sich gefunden haben, gingen mehrere
Treffen über die Bühne. Beide Seiten wollten sicher sein, dass sie auch
wirklich gleich ticken und prüften intensiv ihre Ziele,
Geschäftsführungsmethoden und Fähigkeiten auf Deckungsgleichheit. Wie
sich bald herausstellte, waren nicht nur die Vorstellungen darüber
kongruent. Auch für den potenziellen Key-Account Coop, an dessen
mehrstufigem Pitch sich KSSJ gegen etablierte Grossagenturen
durchsetzte, wuchs mit der sich anbahnenden Agenturkonstellation ein
Dreamteam heran. Während Krieg und Schlupp den Grossverteiler mit ihrem
Kreativkonzept zu überzeugen vermochten, wartete Bürge mit seinem
Wissen und Verständnis über Detailhandel auf, das er sich in drei
Jahren bei der AY&R-Retailagentur Exxtra für die Marktleaderin
Migros angeeignet hatte.
Mit dem Gewinn des Gesamtetats im Juni 2005 landete die junge
Werbefirma volumenmässig einen der grössten Coups der Schweizer
Werbegeschichte. Immerhin konzentriert Coop als Schweizer Nummer zwei
bei den Werbeausgaben (gut 250 Millionen Franken) erstmals alle
relevanten Werbemassnahmen bei einer Agentur. Machte KSSJ vor dem
Gewinn des Werbekolosses höchstens mit guten Arbeiten von sich reden,
hatte sich das nun schlagartig geändert. In der Agentur sah man nun
plötzlich eine sehr ernst zu nehmende Konkurrentin – gerade auch bei
Pitches um grössere Kunden.
Einzigartigkeit für alle Kunden
Was für die Agentur ein Quantensprung war, zeichnet sich inzwischen
auch für Coop als eine markante und nachhaltige Vitalisierung der Marke
ab. Zu Jahresbeginn startete die Imageauffrischung mit dem völlig neuen
Markenauftritt und -Claim in einer gross angelegten TV-, Print- und
Posterkampagne. Die neue Kommunikationsplattform «Für mich und dich»
soll laut Jürg Peritz, Coops Leiter der Direktion
Marketing/Beschaffung, die einzigartige Angebotsvielfalt als zentrales
Versprechen vermitteln. Formatübergreifend und über die ganze
Angebotsleistung wird dieses in einer sympathischen
Coop-Welt-Atmosphäre inszeniert und dramatisiert. Kurzum: Die neue
Coop-Kampagne sagt künftig mit jedem Stück Werbung, dass Coop alles für
alle hat. Dazu liessen die Kreativen von KSSJ fürs Erste den
Coop-Kunden in die Hauptrolle schlüpfen. In mehreren witzigen
Werbespots und Anzeigenmotiven soll mit Alltagsszenen und einer grossen
Portion Charme, Emotion und Cleverness der normale Einkauf zum Erlebnis
und Coop zum «King of hearts» gemacht werden. Der neue Auftritt
integriert praktisch alle Werbekanäle bis hinunter zu den kleinsten
POS-Tools und umfasst alle Ladenkategorien vom Megastore über die Bau-
und Hobby-Märkte bis hin zu den Tankstellenshops.
Unkonventionell bedienen die Kreativen von der Seestrasse 367 auch
Kunde Siemens Mobile Phones. Crossmedial und abverkaufsstark lancierten
sie mit einer ironischen, angeteaserten Gender-Kampagne die Modelle M75
speziell für Männer und das CL75 speziell für Frauen. Am parallel dazu
durchgeführten Wettbewerb nahmen mehrere Tausend mit eigenen Sprüchen
teil, bevor die grosse Leserschaft der Pendlerzeitung 20 Minuten zehn
Gewinner bestimmte. Zum krönenden Abschluss gab das Motiv mit den bösen
Männer- und Frauensprüchen wieder viel zu reden und vor allem zu lachen.
Doch nicht nur Auftraggeber mit Renommee und entsprechendem Geldbeutel
dürfen bei KSSJ mit einzigartigen und effizienten Werbekonzepten
rechnen. Im Kundenportfolio finden sich auch «Kleinkunden» wie der VZF
Verein Zürich für den Film. Mit einer Kampagne, die auch in den Medien
eine breite Resonanz fand, konnte die aufstrebende Agentur allen
Filmschaffenden zum Gewinn einer eminent wichtigen Volksabstimmung
verhelfen. Ein weiteres Beispiel: Für die Snowboardfahrschule Laax
kreieren Krieg und Schlupp seit WHS-Zeiten die Werbeauftritte. «Das
sind unsere Freunde, die Spass haben an verrückter Werbung, die via PR
das Mediageld vervielfacht», sagt Daniel Krieg.
Arriviert, aber nicht am Ziel
Obschon sehr verschieden, tragen alle Kampagnen einen KSSJ-Stempel, der
sie aussergewöhnlich macht. Nur mit einzigartiger Werbung seien
einzigartige Resultate möglich, ist man bei der Agentur überzeugt.
Dieses zentrale Kundenversprechen löst KSSJ mit ihrem Arbeits- und
Managementprinzip ein, das an die Agenturphilosophie von
Springer&Jacoby anlehnt. Beschreiben lasse sich das Wertemodell mit
acht Buchstaben: 4 e und 4 K. Erstere reflektieren ihre Arbeit:
einfach, exakt, einfallsreich und einzigartig. «So denken, arbeiten und
sind wir. Egal, ob in der Kreation, in der Beratung oder in den
Services», erklärt Krieg. Nachhaltiger und langfristiger Erfolg hänge
von den 4 K – Kunde, Kreation, Kultur und Kasse – ab. Deshalb sind sie
bestrebt, diese immer auf hohem Niveau und in einem dynamischen
Gleichgewicht zu halten.
Stimmt eine Komponente nicht, leidet das ganze System. Mit welcher
Konsequenz sie sich daran halten? «Was wir denken, sagen wir auch. Was
wir sagen, tun wir auch. Was wir tun, tun wir schnell», heisst es in
der Agenturbibel unter dem Stichwort Haltung. In ihrer «emotionalen
Bindung an das S&J-Netzwerk» sieht sich KSSJ wohl gerade wegen
ihrer strikten Einhaltung der Normen bestätigt. Der Erfolg beweist,
dass das ein guter Entscheid war.
Auf die Frage, wie es bei der Agentur weitergehen soll, scheint auch
Klarheit zu herrschen: Genauso wie bisher. So bereiten sie sich derzeit
auf drei weitere Pitches vor, zu denen sie von den jeweiligen
Aufsichtsräten eingeladen worden sind. KSSJ hat sich zum Ziel gesetzt,
in allen Bewertungslisten der Branche auf die vordersten Plätze zu
kommen und nicht mehr als die «jungen Wilden» wahrgenommen zu werden,
sondern nur noch als «die Wilden». Das kreative Potenzial ist
vorhanden. Um es auszuschöpfen, kämen verschiedene Traumkunden in
Frage, meint Christoph Bürge: «Wir können uns eine Automarke genauso
gut vorstellen wie ein Verlagsprodukt, eine Bank oder eine
Versicherung.»
Luca Aloisi
