Lindo Ganarin will mit seiner Agentur Himbeer keine Werbung nach jedermanns Geschmack machen.Eine Himbeere kann süss oder sauer sein,
stachelig und fröhlich – immer aber hat sie etwas Verspieltes und
Naives. Ist Himbeer damit ein ideales Label für eine Agentur?
«Lindo Ganarin: Text, Konzept, Idee» stand über dem ersten
Firmenkonzept. Das hat Ganarin aber schnell wieder eingestampft, weil
es ihm zu langweilig schien. Jetzt hat der Paradiesvogel unter dem
Namen der roten Beere seine Agentur medial durchstarten lassen.
Adresse: Hintere Engehaldenstrasse in der Berner Tiefenau. «Hinten, eng
und auf der Halde: gleich drei Begriffe, die man nicht auf der
Visitenkarte lesen möchte. Aber leider gibt es in Bern halt keinen
Broadway… noch nicht.»
Wie muss man sich positionieren als Texter und Konzepter? Lindo
Ganarin, ADC-Gold-Gewinner und Mitbegründer der Extravaganza Fashion
Events, wollte für seine Agentur einen Fantasienamen, weil er Fantasie
als das wichtigste Element seines Wirkens betrachtet. Zudem hat Himbeer
für ihn ein ganz bestimmtes Aroma, «das man entweder mag oder eben
nicht». Werbung nach jedermanns Geschmack ist für Himbeer kaum von
Interesse.
«Ich will nicht alles machen, sondern mich spezialisieren. Für reines
Handwerk könnte ich mich auch wieder anstellen lassen», meint Ganarin.
Dass er damit «den Kopf etwas weiter aus dem Fenster streckt», ist ihm
bewusst. Aber: «Ich habe den Mut gefasst, eigenwillig aufzutreten. Und
damit auch ehrlich.»
Lindo Ganarin hat in Schwarzenburg mit einer KV-Lehre angefangen.
Später jobbte er dort in der Buchhaltung der Druckerei Gerber, die
unter Werbeagenturen für aufwändige Ausrüstarbeiten bekannt war. Das
Interesse war geweckt. In Bern konnte er sich in einer frisch
gegründeten Firma für Desktop-Publishing weiter entwickeln. Die
Grafiker hatten ihre Büros zufällig über den Räumen der Werbeagentur
Grimm. Ganarin bekam eine Chance als Berater, machte am Sawi die
Ausbildung – aber empfand das immer noch nicht als Happy End. «Es zog
mich ins Rampenlicht.»
Da der Hamlet in der Schauspielschule ihn nur kurz faszinierte, hat
sich der Traum etwas unterhaltender mit «Palace of Grace»
konkretisiert. Zusammen mit dem Werbefotografen Robert Lenz hat Ganarin
im Berner Gaskessel die berühmten «Kitschpartys» organisiert. Sie
wurden in den Neunzigern zum Kult und bildeten den Grundstein für die
Eventagentur Nabel. Deren Spezialität waren und sind die inszenierten
Ideen. «Es genügt nicht, einen Event nur zu organisieren. Es braucht
eine Dramaturgie, bei welcher der Gast an die Hand genommen und durch
den Abend geführt wird». Ein nachhaltiger Erfolg von Nabel war 1999 die
Lancierung der Extravaganza. «Die erste grosse Berner Fashion Show war
etwas, mit dem wir uns identifizieren konnten: Glamour und
Entertainment», erklärt Ganarin.
Unterhaltung ist inzwischen auch zu seinem Anliegen in der Werbung
geworden. Zwar hat Ganarin in den drei Jahren als Texter bei Contexta
auch an den ernsthaften Seiten des Werbehandwerks sein Gefallen
gefunden. An seiner Berufung hegt er jedoch keine Zweifel: «Die leichte
Muse ist meine grösste Stärke.» Wie ernst es Ganarin mit dem
Spassmachen meint, zeigt ein Blick ins Internet: Auf www.himbeer.ch
läuft zur Geschäftseröffnung das «unnötigste Gewinnspiel der Welt».
Ein Volltreffer ist Himbeers erster Kunde: ein Kostümverleih. Auch die
Agentur Nabel will weiter von seinen Ideen für unkonventionelle Events
profitieren. In Biel textet Ganarin zurzeit für Erdmannpeisker, weitere
Anfragen sind hängig. «Aber über ungelegte Eier soll man bekanntlich
nicht gackern», meint Ganarin, der überzeugt ist: «Es ist natürlich
frech, wenn ich daher- komme und die Filetstücke verlange. Aber es wäre
für viele Agenturen manchmal ein Gewinn, eine gewagte Idee extern
finden zu lassen.» Bei jemandem, der weniger Hemmungen hat und sich
nicht um die politische Korrektness schert – trotzdem aber weiss, dass
Werbung «eine Dienstleistung ist, bei der man etwas leisten muss».
Andreas Panzeri