Die Adobe-Story oder: What you see is what you get
Publishing Die Übernahme von Macromedia ist die bisherige Krönung von Adobes Erfolgsgeschichte.
Publishing Die Übernahme von Macromedia ist die bisherige Krönung von Adobes Erfolgsgeschichte.
Es war einmal vor langer, langer Zeit in
einem fernen Land. Da wurden von einem Unternehmen ausgewiesene
Wissenschaftler an einem eigens ins Leben gerufenen Forschungszentrum
zusammengebracht und damit beauftragt, sich um den zukünftigen Umgang
mit der Information zu kümmern. Genauer: Sie sollten die «Architektur
der Information» entwickeln, erforschen oder definieren. Schon damals
war wohl abzusehen, dass die Informationsverarbeitung in der Zukunft
eine grosse und zentrale Rolle spielen würde.
Und so wurden, nun etwas präziser, am 1. Juli 1970, das «Xerox Palo
Alto Research Center» – kurz Parc – eröffnet. Die Wissenschaftler
konnten im kalifornischen Palo Alto (die Stadt ist Namensgeber des
Forschungscenters) mit ihrer Arbeit oder ihrem Auftrag beginnen. Ein
erstes Resultat der Forschungsanstrengungen am Parc war der Laserdruck.
Konkret wurde die Möglichkeit geschaffen, mittels Laser
lichtempfindliche Trommeln zu belichten, auf die sich Toner übertragen
lässt, der seinerseits auf einen Bedruckstoff gebracht werden kann.
Damit erklärt sich auch der erste Namensteil des Centers: Das
Unternehmen Xerox hat diese Technologie seither weiterentwickelt und
perfektioniert; doch das ist eine andere Geschichte – und soll ein
anderes Mal erzählt werden.
Geburtsstätte des DTP
1973 wurde am Parc der Computer «Alto» fertig gestellt – und nach und
nach auch die Basis moderner Betriebssysteme: Ein grafisches Interface
(GUI) samt Fenster, Pull-Down-Menus; alles ansteuerbar durch eine
Computermaus, die allerdings als «X-Y-Positions-Anzeiger für ein
Bildschirmsystem» bereits vom Ansatz her erfunden war. Ein Jahr später
wurde eine Technologie entwickelt, die vor allem für die
Satzherstellung beziehungsweise die Druckindustrie später grosse Folgen
haben sollte: Wysiwyg – die Abkürzung für What you see is what you get
– ermöglichte damals die Darstellung von Schriften, Bildern und
Grafiken in einer Qualität, die (nach heutigen Massstäben nur
annähernd) dem Ausdruck entsprach. Auf eine Aufzählung weiterer
Innovationen soll hier verzichtet werden; sie sind unter www.parc.com
nachzulesen.
Zwei Wissenschaftler des Parc, John Warnock und Chuck Geschke,
arbeiteten dort an einer interpretativen Seitenbeschreibungssprache.
Weil ihnen die Entwicklung am Parc offenbar zuweilen zu langsam
verlief, verliessen sie das Parc und gründeten Ende 1982 das
Unternehmen Adobe (benannt nach einem Bach).
Von PostScript bis zu Flash
Die Erfolgsgeschichte von Adobe beginnt dann mit der
Seitenbeschreibungssprache PostScript. Sie ermöglicht die
hochauflösende Ausgabe von Dokumenten auf kompatiblen Druckern und
später auch auf Filmbelichtern. Zur Text-Bild-Integration, der
Zusammenstellung von Bildern, Grafiken und von Text zu Seiten kam die
1985 von Aldus-Gründer Paul Brainerd entwickelte Applikation PageMaker
zum Einsatz. Diese Layout-Applikation ermöglichte erstmals, Bilder, Grafiken und Text
ohne entsprechende Fotosatz- und Bildverarbeitungssysteme zu
produzieren.
Um PostScript baute Adobe ein erfolgreiches Geschäftsmodell, indem das
Unternehmen die Technologie an Hersteller von Belichtern und Rip (das
sind die erforderlichen Arbeitsstationen zum Umrechnen von PostScript
in Ausgabesignale) lizenzierte. Quasi im Gegenzug kaufte Adobe beim
Schriftenhersteller Linotype Know-how und Technologie zur Erzeugung von
hochwertigen (PostScript-)Schriften ein. So war es denn 1985 erstmals
möglich, im DTP-Verfahren, so wird die moderne Text-Bild-Integration
seither genannt, produzierte Seiten auf Film zu belichten, der damals
als Zwischenschritt für die Herstellung von Druckplatten für den
Offsetdruck notwendig war. Film wird auch heute noch verwendet, wenn
auch dessen Bedeutung durch die Direktbebilderung der Druckform (CtP)
abgenommen hat.
Wachstum durch Übernahmen
Doch die Lizenzierung von PostScript und der Vertrieb von Schriften
waren erst der Anfang. Weitere wichtige Meilensteine des
Software-Konzerns waren die Entwicklung wichtiger Applikationen für das
DTP, dem Vektorgrafik-Tool Illustrator (1987) und
Bildbearbeitungsprogramm Photoshop (1990). 1991 kam mit Premiere einer
Videoschnitt-Software hinzu.
In der Folge baute Adobe sein Produktportfolio hauptsächlich durch
Übernahmen aus, um immer komplexere und umfassendere Lösungsangebote
für das Publishing anbieten zu können. So wurden 1994 Aldus (und damit
PageMaker), 1995 Frame Technology (und damit FrameMaker), 1999 GoLive
(und damit die gleichnamige Webpublishing-Software) sowie die in der
grafischen Fachwelt vielleicht etwas weniger bekannten Unternehmen
Fotiva (Bildmanagement), Accelio (serverbasierende Lösungen zur
Herstellung von elektronischen Formularen und zur Verarbeitung der
Formularinhalte) und Yellow Dragon (XML-Spezialist) übernommen.
Entwickler von Schlüsseltechnologien
Neben der für Adobe bis heute strategisch wichtigen Entwicklung von
PostScript hat das Unternehmen weitere Technologien geschaffen
beziehungsweise initiiert oder ist an der Entwicklung solcher
Technologien beteiligt. Die bekannteste ist hier das Dokumentenformat
PDF, das primär dazu gedacht war, digitale Dokumente
plattformübergreifend und originalgetreu verfügbar zu machen. Dies
führte zu einer generellen Flexibilität im Umgang mit digitalen
Dokumenten. Inzwischen wird das PDF-Format auch zur Übermittlung von
Druckvorlagen verwendet (hier zunehmend in Form so genannter
PDF-X-Dokumente).
Daneben etabliert sich die PDF-Technologie zunehmend
als wichtiges Element zur Abwicklung und/oder Dokumentation von
Geschäftsprozessen.
Ein wichtiges Element sind in diesem Zusammenhang die elektronischen
Formulare und die damit mögliche Interaktivität. So lassen sich
papierbasierte Prozesse in die automatisierten Prozesse der
Unternehmens-Software (von SAP, Oracle, IBM usw.) integrieren. In
Verbindung mit speziellen Server-Lösungen können so PDF-Dokumenten
weiter Zugriffsberechtigungen hinterlegt, «Ablaufdaten» definiert,
darin (für den berechtigten Empfänger) Funktionen freigeschaltet werden
und dergleichen mehr. Adobe spricht in diesem Zusammenhang von so
genannten Dokumenten-Lebenszyklen (Document Life Cycle). Auch hier hat
Adobe erst Mitte Januar diesen Jahres sein Portfolio durch die
Übernahme des Produkts FileLine ergänzt. Mit der DRM-Lösung (Digital
Rights Management) FileLine kann Adobe den Leistungsumfang seiner Adobe
LiveCycle Policy Server erweitern, womit sich geschäftskritische
Dokumente im PDF-, Microsoft Office- oder CAD-Format durch Vergabe von
Rechten schützen lassen.
Weiter ist Adobe neben Heidelberger Druckmaschinen, MAN Roland und Agfa
Mitinitiant der so genannten vernetzten Produktion, einem für die
Druckindustrie entwickelten Ansatz, der als Ziel die
computerunterstützte Produktion (CIM) auch in der grafischen Industrie
verfolgt. Als Mitglied des CIP4-Konsortiums, das für die
Weiterentwicklung sorgt, trägt Adobe damit dazu bei, dass sich heute
und in Zukunft Prozesse bei der Abwicklung von Drucksachen vernetzen
lassen, was zu einer optimierten Produktion führt.
Auch was die Integration von Vektorgrafiken in Webpublishingprogramme
zum Darstellen dieser Grafiken im Webbrowser angeht (womit sich dann
zum Beispiel auch statische Stadtpläne vergrössert darstellen lassen),
ist Adobe aktiv. Hier geht es um das Format SVG (Scalable Vector
Graphics), das die XML-Technologie für die Beschreibung grafischer,
zweidimensionaler Objekte nutzt. Die Verantwortung über SVG liegt
jedoch auch hier nicht bei Adobe selbst, sondern beim unabhängigen
W3-Konsortium, das die Webstandards definiert und deren Entwicklung
vorantreibt.
Macromedia bringt weitere Technologien und Produkte ein
Mit der Ende letzten Jahres abgeschlossenen Übernahme des
Software-Konzerns Macromedia hat sich Adobe weitere Technologien und
Produkte einverleibt.
Macromedia, 1992 gegründet, ist ebenfalls durch Übernahmen zu einem
führenden Software-Anbieter im Publishing-Umfeld geworden. So wurde die
bekannte Software Freehand – das Konkurrenzprodukt zu Adobes
Illustrator – durch Zukauf von Altsys ins Portfolio aufgenommen.
Altsys und Macromedia waren übrigens die Initianten des so genannten
EPS-Formats, das die Einbindung von Vektorgrafiken in Layout-Dokumente
erst ermöglichte. Somit hat auch Macromedia wichtige Standards im
Publishing-Umfeld erarbeitet respektive geschaffen. Altsys hat des
Weiteren das Vektorgrafikprogramm Freehand entwickelt, das später von
Aldus übernommen wurde. Nach der Übernahme von Aldus durch Adobe ging
Freehand aus kartellrechtlichen Gründen aber an Macromedia – bei der
jetzigen Übernahme muss Adobe indes kein Produkt aufgeben.
Flash, das wohl bekannteste Format von Macromedia samt seiner
gleichnamigen Entwicklerumgebung, wurde von Macromedia «nur»
weiterentwickelt; die Grundlagen legte das Unternehmen FutureWave,
welches vor etwas mehr als zehn Jahren von Macromedia geschluckt wurde.
Gleiches gilt für
die ColdFusion Markup Language (CFML) und das daraus entwickelte
Produkt ColdFusion, das die Entwicklung von komplexen Websites stark
vereinfacht: Erst die Übernahme der Allaire Corp. hat sowohl CFML als
auch ColdFusion unter das Dach von Macromedia gebracht.
Was bringt die Übernahme?
Die Übernahme von Macromedia ist für die beiden selbst auch durch
Übernahmen gewachsenen Unternehmen wahrscheinlich eine positive
Angelegenheit. Adobe kann durch die zusätzlichen Produkte sowie durch
weitere Schlüsseltechnologien die Reichweite seiner Lösungen erweitern.
Adobe hat nun auch Zugang zu einer erst im dritten Quartal 2005 von
Macromedia initiierten und inzwischen als «Adobe Lab» bezeichneten
Plattform. Das unter http:/labs.adobe.com/ zugängliche «Labor» stellt
Entwicklern und Kunden Produkte und Technologien vor, damit das
Unternehmen aus daraus gewonnenen Erkenntnissen und von entsprechendem
Feedback technisch durchgängige und homogene Applikationen entwickeln
kann. So wird im Adobe Lab seit wenigen Wochen eine Betaversion eines
möglichen, neuen Adobe-Produkts vorgestellt: «Adobe Lightroom» ist eine
speziell für die Bedürfnisse der Fotografen entwickelte Applikation,
mit der sich die Übernahme, Verwaltung, Verarbeitung und Ausgabe
(Slideshow und Print) von digitalen Bildern effizient erledigen lässt.
Ob und in welcher Form und unter welchem Namen die dort vorgestellte
Applikation allerdings auf den Markt kommt, ist bei den im Adobe Lab
vorgestellten Produkten und Technologien noch völlig offen.
Vermutlich wird auf dieser Plattform in Zukunft auch ein derzeit in
Entwicklung befindlicher «universal Client» vorgestellt, der die beiden
Technologien PDF und Flash (zusammen mit HTML, der Basissprache des
Internets) in irgendeiner Form zusammenfassen soll.
Bald alleine auf weiter Flur?
Durch die vielen Übernahmen gehen Adobe langsam die Mitbewerber im
Publishing-Umfeld aus. Die Gefahr des neuen, seit Dezember noch
grösseren Unternehmens Adobe ist nun, dass der Konzern seine
dominierende Position noch weiter ausbauen könnte und damit anderen
Unternehmen und Produkten keine Chancen mehr lässt. Wenn auch die in
letzter Zeit von Adobe geschnürten Pakete wie die «Creative Suite», das
ganz neue «Design Bundle» (entspricht Creative Suite Premium plus
Flash), das «Web Bundle» (entspricht Creative Suite Premium plus den
Macromedia-Applikationen Dreamweaver, Flash Professional, Fireworks, Contribute
und FlashPaper) oder das schon bald erhältliche «Video Bundle» (Inhalt
noch nicht definiert) ideale, äusserst leistungsfähige und insgesamt
gesehen preiswerte Pakete sind, so machen diese Bundles zusätzlich
deutlich, wie schwer es zukünftig andere Anbieter haben werden, dem
Giganten Adobe noch Paroli zu bieten.
Es bleibt abzuwarten, wie sich Apple, Quark und Microsoft mit Adobe
schlagen. Die erwähnte Software Adobe Lightroom steht in direkter
Konkurrenz zur erst kürzlich von Apple lancierten Applikation Aperture.
Hier ist zu vermuten, dass sich die beiden Unternehmen zukünftig noch
stärker konkurrenzieren – wobei Adobe den Vorteil hat, seine Produkte
auf beiden Plattformen (Win/Mac) anbieten zu können. Quark steht in den
Startlöchern mit XPress 7 und will Marktanteile zurückholen, die dem
Unternehmen durch InDesign respektive die Creative Suite verloren
gegangen sind. Spannend wird es, wenn Microsoft sein Betriebssystem
Vista auf den Markt bringt: Vor allem die unter dem Codenamen Metro
entwickelte, XML-basierende Seitenbeschreibungssprache ist ein
Frontalangriff auf Adobes PDF-Format.
Im professionellen Publishing-Bereich – mit Ausnahme des
Seitenlayout-Segments – führt nach der Übernahme von Macromedia an
Adobe nun kein Weg mehr vorbei. So gesehen macht die Übernahme für
Adobe noch viel mehr Sinn, als dies auf den ersten Blick vermuten
lässt.
Jürgen Franck
