Onlinerubriken Marcel Sennhauser,
Geschäftsführer der Kleinanzeigen-Plattform Piazza.ch, stellt sich den
Vorwürfen, dass Tamedia die konzerneigene Website mit fremden Inseraten
mäste.WW: Swissclick
wirft Piazza.ch vor, seit letztem Oktober nicht nur Daten von
Bazarclick abzusaugen, sondern auch deren Inserenten ungefragt E-Mails zu senden. Was sagen Sie dazu?
Marcel Sennhauser: Swissclick
leitet daraus ja gar den Vorwurf ab, wir würden Spamming betreiben. Ich
verstehe das nicht. Denn wir verschicken nicht massenweise
automatisiert gleich lautende E-Mails, sondern schreiben individuell
Leute an, die in diesem Bereich interessiert sind. Deshalb ist der
Spamming-Vorwurf nicht gerechtfertigt. Und was heisst absaugen: Es ist
nicht so, dass wir das Inserat integral übernehmen.
WW: Sondern?
Sennhauser: Wir
publizieren deren Inserat wie ein Abstract auf Piazza.ch. Für das
Ausfüllen des Kontaktformulars verlinken wir es aber mit jener
Plattform, von der es stammt. Dadurch generieren wir diesen Plattformen
sogar Mehr-Traffic. Danach kontaktieren wir deren Inserenten via
Kontaktformular und schreiben ihnen, dass sie die Möglichkeit haben,
ihr Inserat auch auf Piazza.ch gratis zu schalten. Entscheiden sie sich
dafür, wird der Link auf Drittplattformen gelöscht.
WW: Wie reagierten die Inserenten bisher?
Sennhauser: Weil
das Inserieren auf Piazza.ch gratis ist, erstaunt es nicht, dass die
meisten kontaktierten Verkäufer spontan zusagen. Wenn einer aber nein
sagt, dann gilt sein Nein. Reagiert er auf unser E-Mail nicht, lassen
wir sein Inserat auf Piazza.ch verlinkt auf die Drittplattform.
WW: Sie sehen also keinen Konflikt mit dem Datenschutzgesetz oder mit dem UWG, wie dies Swissclick moniert (siehe unten).
Sennhauser: Nein,
wie erwähnt schreiben wir die Inserenten an. Damit beweisen wir ja,
dass uns der Kontakt zum Inserenten wichtig ist. Wir stellen übrigens
fest: Andere schreiben Piazza.ch-Kunden ebenso an, um sie auf ihre
Plattformen aufmerksam zu machen. Dann sperren wir sie. Das ist
technisch kein Problem, jede Plattform kann dies, Swissclick offenbar
auch. Allerdings bin ich erstaunt: Erstens dauerte es drei Monate, bis
sie es bemerkten, dann monierten sie es öffentlich und hatten es
zumindest bis letzte Woche noch immer nicht unterbunden.
WW: Bei gecrawlten Inseraten ist meist unklar, wie aktuell sie sind. Darunter könnte das Image von Piazza.ch leiden.
Sennhauser: Richtig,
man weiss sowieso nie, ob ein angebotener Gegenstand schon verkauft
ist. Und es gibt leider viele Plattformen mit uralten Inseraten.
Deshalb haben wir ein Team von sieben Personen, die permanent die
Qualität kontrollieren. Jedes Inserat, das reinkommt – egal ob gecrawlt
oder direkt geschaltet – wird inhaltlich überprüft und je nachdem
abgelehnt. Wir kontrollieren, ob Text und Bild übereinstimmen, ob die
Inserate gesetzeskonform sind, und wir korrigieren Schreibfehler. Zudem
löschen wir Mehrfachinserate und testen, ob die Verlinkung noch
funktioniert. Und falls der Inserent seine Anzeige nicht selber löscht,
verschwindet sie auf Piazza.ch automatisch nach maximal 60 Tagen. Denn
Qualität ist aus unserer Sicht wirklich sehr entscheidend.
WW: Wie wichtig ist das Spidering für Piazza.ch?
Sennhauser: Es
war vor allem am Anfang wichtig. Denn es bringt nichts, am Anfang mit
viel Werbedruck auf eine Plattform hinzuweisen, die nur wenige Inserate
hat. Darum suchten wir nach Möglichkeiten, um ein minimales
Inseratevolumen zu bieten. Anfangs haben wir auf 100 Prozent
Fremdinserate referenziert, mittlerweile sind es weniger als 40
Prozent. Dieser Anteil wird noch weiter zurückgehen, denn über 60
Prozent der Inserenten schalten nun ihre Anzeigen direkt auf Piazza.ch.
Und das nach nur drei Monaten!
WW: Gemäss
Bundesgericht ist der Inserateklau per Spidering erlaubt, wenn ein
bestimmer Mehrwert generiert wird. Worin besteht dieser bei Piazza.ch?
Sennhauser: Das
Bundesgericht hatte den Fall «anzeiger.ch» zu beurteilen, eine Site,
die integral Inserate Dritter kopiert. Werden Inserate nicht integral
kopiert, sondern bloss verlinkt, stellt sich die Frage des Mehrwertes
gar nicht. Aus Businesssicht besteht unser Mehrwert aber darin, dass
wir jedes Inserat auf seine Qualität hin überprüfen, bevor wir es
freischalten. Tamedia kann sich nichts anderes leisten als eine
qualitativ hoch stehende Plattform zu bieten. Daher kommt wohl auch die
Unruhe bei Swissclick: Bisher waren Kleinanzeigenplattformen
Kleinanbietern überlassen, doch nun erschliesst mit Tamedia ein
professioneller Anbieter diesen Markt. Aus Sicht von Tamedia ist dieser
Schritt allerdings nichts als konsequent, denn Kleinanzeigen sind ein
klassisches Verlagsgeschäft.
WW: Die
Klage, die zum erwähnten Entscheid führte, hatte Tamedia damals mit
Swissclick und andern Anbietern angestrengt. Warum greifen Sie nun zu
einem Mittel, das Sie vorhin bekämpft haben?
Sennhauser: Damals
ging es wie erwähnt um einen effektiven Inserateklau. Darum ging man
auch bis zur letzten Instanz. Doch nun ist für uns klar: Wenn das
höchste Schweizer Gericht unter gewissen Voraussetzungen sogar das
integrale Kopieren von Inseraten erlaubt, dann gibt es für uns keinen
Grund, auf den Einsatz von Suchtechnologien zu verzichten.
WW: Torpedieren
Sie mit dem Inserateklau nicht Ihr künftiges Businessmodell? Dereinst
soll das Inserieren auf Piazza.ch ja kostenpflichtig werden.
Sennhauser: Sobald
wir die Kostenpflicht einführen, veröffentlichen wir keine gespiderten
Inserate mehr. Und wir werden sicher nur Geld für eigene Inserate auf
Piazza.ch verlangen. Wir crawlen nur in einem Markt, in dem wir noch
nicht tätig sind. Bei etablierten Plattformen im Stellen- und
Immobilienbereich tun wir das hingegen nicht.
WW: Wann ist es mit der Kostenpflicht bei Piazza.ch so weit?
Sennhauser: Sicher
nicht heute oder morgen. Piazza.ch ist eine nachhaltige Investition von
Tamedia, man will diese Plattform über mehrere Jahre entwickeln. Die
Einführung der Kostenpflicht wird ein entscheidender Moment sein: Dann
wird sich zeigen, was den Inserenten Qualität wert ist. Entscheidend
ist also, ob man es schafft, eine qualitative Plattform zu betreiben,
so dass man später auch die Kostenpflicht einführen kann. Und wohl noch
wichtiger ist, ob man die Kraft hat, eine Plattform bekannt zu machen.
Spidering und Spamming
Die Vorwürfe von Swissclick: Tamedia hole mit einer Suchmaschine
Inserate von Bazarclick, der Schnäppchenbörse von Swissclick (so
genanntes Spidering/Crawling) und publiziere sie auf Piazza.ch, der
eigenen Onlineplattform für Kleinanzeigen. Zudem versende Tamedia den
Bazarclick-Inserenten ungefragt E-Mails (Spamming) und mache sie auf
Piazza.ch aufmerksam. Dies schrieb Swissclick-CEO Roger Baltensweiler
letzte Woche. Er sieht darin Verstösse gegen das Datenschutzgesetz und
gegen das Gesetz gegen den unlauteren Wettbewerb (UWG) und prüft nun
rechtliche Schritte. (mk)
Markus Knöpfli