Zickzack am Blick vorbei
Gratiszeitungen Ringier ist es mit seinem Gratisprojekt ernst. Was sind die Anforderungen an einen neuen Titel im Zeitalter von 20 Minuten?
Gratisprojekt ernst. Was sind die Anforderungen an einen neuen Titel im
Zeitalter von 20 Minuten? Es ist ein offenes Geheimnis, dass im
Hause Ringier an einem eigenen Gratisblatt unter dem Arbeitstitel «Day»
gewerkelt wird. Bis jetzt hielten sich die Verantwortlichen jedoch über
Konzept und Lancierungstermine bedeckt. Zeitungschef Bernhard Weissberg
zum Beispiel erklärt nur, es sei das Ziel, ein Gratisblatt noch in
diesem Jahr zu launchen. CEO Martin Werfeli hält im Interview in der
jüngsten Ausgabe der Ringier-Hauspostille Domo fest, dass man auf
Hochtouren an einem entsprechenden Projekt arbeite: «Ich persönlich
gehe davon aus, dass es uns gelingt, eine Schweizer Gratiszeitung zu
realisieren.» No News.
Auch bei den SBB hält man sich zurück. Die Bundesbahnen hatten im
vergangenen Sommer die Standorte der Zeitungsboxen auf Bahnhöfen neu
ausgeschrieben, mit Nutzungsbeginn ab 1. Januar. Welche von zwei,
möglicherweise drei Bewerbern einen Zuschlag erhalten – untrügliches
Indiz für Launchpläne –, ist in der Deutschschweiz offen. «Der
Entscheid fällt in den nächsten Wochen», sagt SBB-Sprecher Roland Binz.
Ende Oktober des letzten Jahres hat Ringier in Tschechien sein erstes
Experiment im Gratisgeschäft mit 24 hodin (24 Stunden) gewagt, um – wie
es hiess – Erfahrungen zu sammeln. Man stand dort mit 200000 Exemplaren
Konkurrentin Metro (160000 Exemplare) gegenüber, die seit 1997 auf dem
Markt ist. Unterdessen wird Metro national verbreitet, ein Szenario,
das laut Unternehmenssprecher Marco Castellaneta absehbar gewesen sei,
doch 24 hodin entwickle sich gut. Analogien für das Verhalten im
Schweizer Markt lassen sich daraus nicht ableiten. Dieser wird vom
derzeit erfolgreichsten und Tamedia gehörenden Printtitel 20 Minuten
beherrscht.
Die zusätzliche Schwierigkeit besteht darin, das in die roten Zahlen
schlingernde Boulevard-Flaggschiff Blick nicht zu kannibalisieren. Weil
Blick keine echte Boulevardpostille ist, sondern in den Untiefen des
«seriösen Boulevard» mäandriert, müssen neue Blätter drumherum
gebastelt werden. Doch Verleger Michael Ringier, der an der
Verlegertagung im vergangenen September noch meinte, journalistische
Inhalte dürften nicht gratis abgegeben werden, scheint seine
Beisshemmung überwunden zu haben. Welche Optionen gibt es?
Sechs mögliche SzenarienDirekte Konkurrenz mit einer zweiten Pendlerzeitung:
Die Situation
bestand bereits während zweier Jahre zwischen 20 Minuten und Metropol.
Dieses verschwand 2002 vom Markt. Ab dem 8. März wird sich die
Konstellation unter anderen Vorzeichen zwischen Le Matin Bleu
(Edipresse) und 20 minutes (Tamedia) am Genfersee wiederholen. Wer das
Leseverhalten von Pendlern beobachtet, stellt fest, dass 20 Minuten bei
allen Altersgruppen Zuspruch findet und nicht mehr ein Jugendphänomen
ist. Der Fokus auf eine Zielgruppe ist damit schwieriger geworden.
Blick wird gratis:
Ein hübsches Gedankenspiel von
Weltwoche-Medienkolumnist Kurt W. Zimmermann. Allerdings verkaufen sich
gegen 60 Prozent der Auflage (262262 Exemplare) im Abonnement, warum
also diese Leserbindungen lösen? Was hätte Ringier einstigen
Blick-Abonnentinnen und -Abonnenten als Ersatz anzubieten? Würde die
Gratisversion scheitern, wäre die Marke Blick zudem für immer verloren.
Ringiers Projekt «Neue Zeitung» kombiniert mit Gratis-Blick: Die
Blick-Abos werden in Abos einer (wie auch immer gearteten) neuen
Zeitung umgewandelt, gratis gibts den Blick dazu. Um die «neue Zeitung»
ist es jedoch auffallend still geworden. Boulevard müsste zudem neu
definiert und eher auf ein urbanes Publikum ausgerichtet werden. Denn
die Blick-Stammleserschaft lebt mehrheitlich in ländlichen Gebieten und
hat ein relativ hohes Durchschnittsalter. Zu den gängigen
Verteilkanälen (analog 20 Minuten) käme der Postversand an ein nicht
beziehungsweise nicht mit dem öffentlichen Verkehr pendelndes Publikum.
Blick light: Analog zu Le Matin Bleu bestünde die Herausforderung
darin, der Leserschaft den Unterschied zwischen einer Bezahlzeitung und
einem Gratisableger klar zu machen (ansonsten siehe oben).
Abendzeitung:
Hier begibt man sich in eine Nische. Seit Mitte der 90er
Jahre hat kein Verlag mehr den Sprung ins Abendgeschäft gewagt. Ein
Konzept gibt es jedoch mit Cash Daily, dem multimedialen
Ringier-Projekt, das unter anderem als Abendblatt ab 16 Uhr angedacht
ist. Beim Launch von 20 Minuten wurde die Idee verworfen, weil der
Vormittag zu wenig Aktualität generiert. Es ist fraglich, ob Inserenten
wie etwa die Detailhandelsriesen Migros und Coop den Abend attraktiv
finden. Ein Abendblatt böte jedoch die Möglichkeit, thematische Akzente
zu setzen: Wirtschaft, Kultur, Ausgehagenda, Aufarbeiten einzelner News der Konkurrenz und so fort.
Blick am Abend:
Die Idee Abendzeitung wär auch in der Version
Abend-Blick denkbar, vorausgesetzt, das urbane Publikum würde stärker
berücksichtigt. Ob dadurch Leserinnen und Leser wieder eher zum
Mutterblatt greifen würden, sei dahingestellt.
Die Gretchenfrage, wie ein künftiger Gratistitel schonend am
Blick vorbeimanövriert werden soll, ist jedoch mit keinem der genannten
Beispiele schlüssig beantwortet.
Das sagen Experten
Josef Trappel, Medienwissenschaftler und Leiter von IPMZ Transfer am
Medieninstitut der Uni Zürich, bezeichnet Ringiers Absichten als extrem
schwierig. Die Pendler am Abend während der Rückreise abzuholen,
bewertet er als eher aussichtsreich, als etwa den Blick in ein
Gratisblatt umzuwandeln.
Unternehmensberater Klaus J. Stöhlker sieht Ringiers «Flucht ins
Gratisgeschäft» als «schrecklichen Irrtum», 20 Minuten für «fast
perfekt». Ein neuer Gratistitel müsste Konsumfreude vermitteln oder als
Abendblatt «heiss gekocht» werden.
Für Kommunikationsberater Sacha Wigdorovits, Ex-Blick-Chefredaktor und seinerzeit für Konzept und
Start von 20 Minuten Schweiz verantwortlich, entscheiden Inhaltskonzept
sowie Finanzkraft und Durchhaltewillen des neuen Konkurrenten über den
Erfolg. Wigdorovits schätzt die Investitionskosten auf 50 bis 120 Millionen Franken, Marketing und Vertrieb mit eingerechnet.
Er glaubt, dass neben 20 Minuten ein zweiter Titel Platz hätte.
René Worni
