Kommt das Branded Entertainment?
Crossmedia 2005 gewann Euro RSCG mit der erfolgreichen, vernetzten Kampagne für PostMail den Award der Goldbach Media Gruppe. Rätselraten: Wer wird den Crossmedia Award 06 erobern?
elektronischen Off- und Online-Medien Goldbach Media letztes Jahr eine
Auszeichnung eingeführt, mit der sie Werbeauftraggeber wie -agenturen
für die Vernetzung einer Kommunikationsidee über verschiedene Medien
gewinnen will. Anhand verschiedener Studien und Fallbeispiele zeigt sie
auf, dass crossmediale Kampagnen zu einem vertieften, interaktiven
Erlebnis einer Marke oder eines Angebotes führen und damit für die
Zielgruppe einen Mehrwert schaffen. So dürfte nicht nur die
Impact-starke, vernetzte Kampagne «Grosses beginnt mit einem Brief»
noch in bester Erinnerung geblieben sein. Auch die Finalisten wie Dove
oder Feldschlösschen Bier haben den Benchmark für die Nachfolger recht
hoch gesetzt.
Zwar ist Crossmedia wegen der Involvement generierenden Umsetzungen in
den verschiedenen Medien vor allem eine Aufgabe im kreativen Sinne. Die
Ausschreibung richtet sich aber an einen breiteren Personenkreis aus
Marketing und Kommunikation – also Planer, Beraterteams, Agenturen,
Kunden und Auftraggeber. Der Award wird im Rahmen der Mediarena am 17.
Mai verliehen. Noch bevor aber die Jury die – bis zum Einsendeschluss
vom 11. April – eingereichten Arbeiten beurteilt, wollte die Werbewoche
von Fachhochschul-Dozent Stefan Gürtler wissen, wie es um die
anspruchsvolle Disziplin und ihr Potenzial in der Schweiz steht.
WW: Welches waren für Sie im vergangenen Jahr die kreativsten Crossmedia-Konzepte?Stefan Gürtler: Vielleicht war 2005 nicht das Jahr der
Crossmedia-Kampagnen, vielleicht sind wir bereits zu Crossmedia-Snobs
mit überzogenen Ansprüchen geworden. Wirklich aufgefallen ist mir
nämlich nur eine Kampagne – die «Mary-Woodbridge»-Kampagne von Mammut.
WW:
Und was war an dieser besonders gewinnend beziehungsweise intelligent?Gürtler:
Intelligent daran ist, dass die Kampagne von den Nutzern – wenigstens
vom aktiven Teil – mitgestaltet wurde. Die Kommunikationskosten –
Planung, Logistik und Content – werden vom Sender zu Teilen oder ganz
auf die Empfänger übertragen. Das setzt Inhalte voraus, mit denen sich
die Empfänger beschäftigen wollen. Beim Kampagnenthema, Dilettantismus
und Selbstüberschätzung bei Everest-Besteigungen, und das ist das
zweite Intelligente an Mary Woodbridge, war das offensichtlich der Fall.
WW:
Besteht bei Crossmedia-Strategien nicht oft die Gefahr, dass man auf
Grund der faszinierenden Projekte leicht das Ziel aus den Augen
verliert, weil man von einer sehr hohen Medienkompetenz und
Involvement-Bereitschaft der Nutzer ausgeht?Gürtler:
Die kurzfristigen Effekte von Crossmedia-Strategien – Multiplying- und
Transfer-Effekt – sind seit 1967 erforscht und gelten als gesichert.
Eine laufende Studie unseres Instituts zeigt zudem in der Tendenz, dass
integrierte Kommunikation positive Effekte auf Bekanntheit,
Unternehmensimage und Geschäftserfolg im Branchenvergleich haben kann.
Zumindest was den kurzfristigen Erfolg ausmacht, darüber sollte also
Klarheit bestehen. Ebenso klar ist, und da gebe ich Ihnen Recht, dass
viele Kampagnen von falschen Voraussetzungen bei Mediennutzungswahrscheinlichkeit und Involvement ausgehen und kaum
Erfolg haben können.
WW: Die
Projekte peilen meist auf eine Hype-Generierung mittels viraler
Massnahmen, Events und Ähnlichem. Lässt sich hierfür die Zielgruppe der
30+ überhaupt gewinnen?Gürtler:
Solange Projekte darauf ausgelegt sind, junge Mediennomaden aufzufangen
oder die Selbstinszenierung der Teilnehmenden zum Inhalt zu machen, wie
die aktuellen Kampagnen von Swisslife oder Peugeot, werden sie Mühe
haben, die Zielgruppe der 30+ zu erreichen. Grundsätzlich gibt es für
Crossmedia-Kampagnen aber keine Altersguillotine, im Gegenteil: Ältere
Zielgruppen verfügen über ein gefestigteres so genanntes Relevant Set
an Medien, über die sie erreichbar sind. Auf dieser Basis ist die
Mediennutzungswahrscheinlichkeit in diesem Alterssegment eher
voraussag- und Kampagnen damit besser planbar.
WW:
Ich behaupte, dass nachhaltige Crossmedia-Kampagnen wegen der
zusätzlichen Kosten in Kreation, Media und Logistik ein ähnlich hohes
Budget benötigen wie konventionelle Kampagnen mit Direct Marketing als
Interaktions-Tool. Spricht das Preisargument überhaupt für crossmediale
Konzepte?Gürtler:
Eine gute Crossmedia-Kampagne muss interaktiv, individualisiert,
inhaltlich übereinstimmend und so weiter sein – die damit
verbundenen Komplexitätskosten machen Crossmedia zu einer tendenziell
teuren Vermarktungsform. Formen wie die erwähnte
Mary-Woodbridge-Kampagne sind deshalb auch eine Kostenalternative, weil
sie die Komplexität auf der Senderseite reduzieren und
Eigenleistungen der Empfänger einschliessen.
WW:
Oft hört man die Kritik – vor allem der Kreativen –, dass
Werbeauftraggeber Crossmedia-Strategien nur deshalb bevorzugen, weil
sie vor allem auf einen möglichst tiefen GRP-Preis schielen und deshalb
sehr gerne Below-the-line-Medien bedienen. Was halten Sie von diesem
Vorbehalt?Gürtler:
Es ist doch ein rationales Verhalten, in komplexen Situationen wie
einer Crossmedia-Kampagne von den wenigen sicheren Zahlen auszugehen –
und das sind nun einmal die Kosten. Sieht man sich unabhängig davon die
Grenzkosten der klassischen Werbung an, dann macht es vor allem bei
grösseren Kampagnen Sinn, einen Teil des Budgets in Below-the-line zu
investieren.
WW:
Unter welchen Umständen kann es den Nutzern zu viel werden, aus allen
Kanälen mit der gleichen Werbebotschaft bombardiert zu werden?
Wenn Crossmedia falsch verstanden wird und nichts anderes ist als das
Durchdrücken eines Inserats durch alle Kanäle. Richtig angewendet, ist
Crossmedia genau das Gegenteil – die mediengerechte Adaptation der
Botschaft an die Nutzungs- und Aktivierungsbedürfnisse der
Medienzielgruppen.
WW:
Ist die Kombination von klassischen und neuen Werbemedien schon bald ausgereizt?Gürtler:
Neue Medientechniken, zunehmende Medienkonvergenz und verändertes
Mediennutzungsverhalten werden für Crossmedia laufend veränderte
Ausgangssituationen schaffen. Dabei wird es immer wieder zu einer
kurzfristigen Überbewertung und Überbelegung von Kanälen oder Formen
kommen – gegenwärtig scheint ja keine Crossmedia-Kampagne ohne Podcasts
auszukommen. Aber an eine Ausreizung glaube ich nicht. Spezielle
Entwicklungspotenziale sehe ich im «branded entertainment» oder «brand
casting» – der Kombination von medialen Unterhaltungsformaten mit der
Unternehmens- oder Produktdarstellung und ergänzender Kommunikation.
Stefan Gürtler ist Dozent und stellvertretender
Leiter am Institut für Unternehmenskommunikation der Fachhochschule
Nordwestschweiz in Olten.
Interview: Luca Aloisi
