Mach Basic K-Tipp, SI und Beobachter liefern sich ein Kopf-an-Kopf-Rennen, der Sonntagsmarkt ist gesättigt, und die Wirtschaftspresse verliert weiter an Reichweite.Service: Langfristige Analyse der Tages- und Sonntagspresse sowie der regionalen Gratispresse im
Artikel «Schleichende Entwicklung»
von Ueli Custer aus dem Mach Special des Media Trend Journals.Die neuen Leserzahlen zeigen gemäss Wemf, dass 90,9 Prozent der Schweizer Bevölkerung mehr oder weniger regelmässig mindestens eine Zeitung lesen, 93,1 Prozent lesen mindestens eine Zeitschrift. Diese Werte sind seit dem Jahr 2000 stabil geblieben.Erstmals liegen mit der Mach Basic 2005, 2006-1 und 2006-2 drei halbjährliche Reichweitenstudien vor. Diese wurden alle während zwölf Monaten erhoben, jedoch jeweils um sechs Monate verschoben. Die Mach Basic 2006-2 wurde zwischen dem 12. April 2005 und dem 26. März 2006 durchgeführt.
Erstaunlich ist, dass bloss etwa die Hälfte der Titel in diesen drei Studien kontinuierliche Entwicklungen aufweist. Viele in der Auswertung 2006-1 durchlebten ein mehr oder weniger ausgeprägtes «Zwischenhoch» oder «Zwischentief». Das heisst: Die aktuellen Werte sind häufig denen von 2005 ähnlich. Diese Zwischenhochs und -tiefs lagen zwar immer im Vertrauensbereich, aber es zeigt sich doch, dass bei der heutigen Messmethodik für Printreichweiten mit häufigeren Publikationen allein noch keine höhere Genauigkeit erhältlich ist. Aus diesem Grund konzentrieren wir uns in dieser Analyse primär auf einen Vergleich der Werte 2006-2 zu 2005.
Bei der abonnierten Tagespresse ist weitgehend Stabilität im Trend: Sowohl im Halbjahres- als auch im Jahresvergleich weist kein einziger grösserer Titel signifikante Veränderungen auf. Allerdings hinterlassen die neuen Pendlerzeitungen in der Westschweiz erste Flurschäden.
Tagi bleibt im SinkflugDie einzige grössere Tageszeitung, die in der Deutschschweiz signifikant zulegen konnte, ist erneut der Gratistitel 20 Minuten, was primär auf dessen Expansion nach St. Gallen (Juni 2005) zurückzuführen ist. Vermutlich hat das Pendlerblatt nun aber in der Deutschschweiz seinen Zenit erreicht. Es wird sich jetzt zeigen, ob es diese Reichweite wird halten können oder ob es gar dem Abendblatt Heute und der Gratiswirtschaftstageszeitung Cash Daily – beide aus dem Hause Ringier – Leser abtreten muss. Dem St. Galler Tagblatt hat 20 Minuten übrigens kaum etwas anhaben können – und der Neuen Luzerner Zeitung gar nichts.
Ein kräftiges Plus von 60’000 Lesern weist die Mittelland Zeitung aus, doch Vorsicht, das ist kein wirklicher «Gewinn», sondern ein cleverer Marketingtrick, der erst in zwei Tagen Realität wird: Am 16. September 2006 tritt die Basellandschaftliche Zeitung (bz) dem Zeitungsverbund bei, weshalb die MZ die bz-Leserschaft bereits zur eigenen Reichweite hinzurechnen liess.
Weiterhin sinkende Tendenz weist hingegen der Tages-Anzeiger auf, seit 2000 hat sich seine Nettoreichweite von 15,3 auf neu 13,2 Prozent reduziert. Auch die Berner Zeitung erodiert: trotz Integration des Bunds, trotz Zuwachs im Berner Oberland sowie Expansion im Kanton Solothurn verlor der Titel seit 2003 insgesamt 10 Prozent seiner Leserschaft und rutscht nun wieder unter die 400’000er-Marke.
Dagegen legt die Aargauer Zeitung etwas zu, wohl dank dem Neukonzept vor einem Jahr. Die Basler Zeitung hat sich seit ihrem Relaunch vor zwei Jahren gefangen, und der Blick zeigt sich ebenfalls stabiler als vor einem Jahr, das Tabloidformat ist offenbar verdaut. Bei der NZZ macht hingegen das Minus von 19’000 Lesern stutzig. Doch die Alte Tante wies in den letzten Jahren immer wieder Gewinne und Verluste in dieser Art aus, langfristig gesehen blieb der Titel aber stabil.
Trendwende bei CashKeine markanten Veränderungen ergaben sich unter den Sonntagstiteln, dieser Markt dürfte nun gesättigt sein. Letztes Jahr hatten noch alle Titel zugelegt, die NZZ am Sonntag sogar signifikant. Nun beginnen Grabenkämpfe: Die leichten Verluste zweier Titel tauchen beim Dritten als Gewinn auf. Welchen Einfluss wird wohl das neue regionale Sonntagsblatt der Südostschweiz, das seit Mai erscheint, auf diese drei Titel haben?
Nachdenklich stimmt die Entwicklung bei der Wirtschaftspresse. Einmal mehr verliert diese Gattung Kontakte – seit 2000 kontinuierlich. Dies gilt auch ohne den methodisch nicht vergleichbaren Leserrückgang der Bilanz (siehe unten). Stocks hingegen ist ein klarer Verlierer, mit neu 52’000 Lesern steht es schlechter da als 2002, als der junge Titel zum ersten Mal in der Mach Basic ausgewiesen wurde. Hingegen ist bei Cash eine Trendwende eingetreten: Nach zwei happigen Verlustjahren ist es der einzige Wirtschaftstitel mit einem leichten Plus. Ob das auch mit Cash Daily so bleibt, ist hingegen abzuwarten.
Spannend ist, was sich derzeit bei den reichweitenstärksten Bezahl-Zeitschriften abspielt: Der K-Tipp bleibt zwar die Nummer eins, doch er hat in bloss einem halben Jahr 75’000 Leser verloren und liegt nur noch knapp vor der Schweizer Illustrierten und dem Beobachter. Letzterer verliert ebenfalls Leser und Image: Jahrelang lag er vor der SI, nun reduziert sich seine Reichweite signifikant, und er muss dem Ringiertitel die Silbermedaille überlassen. Die SI scheint ebenfalls ihren Zenit erreicht zu haben und setzt zum Sinkflug an. Wie sich SI Style auswirkt, das seit März auf dem Markt ist, bleibt abzuwarten.
Riesiger Aderlass bei DuFacts ist es gelungen, sich nach grossen Verlusten zu stabilisieren. Noch kein Wendepunkt ist hingegen bei Das Beste von Reader’s Digest in Sicht: Das Monatsmagazin verliert erneut markant – auch in der Westschweiz. Die Kulturzeitschrift Du hat ebenfalls massive Probleme, ihre Leserschaft reduziert sich um 20 Prozent. Freude herrscht hingegen bei den Frauenzeitschriften: Joy luchst der Freundin die Leserinnen ab und setzt sich auf deren Platz.
Enttäuschend ist das Abschneiden der linken WOZ, sie fällt unter die psychologisch wichtige Marke von 100’000 Lesern. Das Magazin hingegen legt zu, allerdings nur, weil es seit Herbst 2004 auch der Basler Zeitung und der Berner Zeitung beiliegt. Das kommt nun erstmals voll zum Tragen.
In der Romandie ist vor allem Tout compte fait zu erwähnen: Es konnte innerhalb eines Jahres signifikant zulegen und erreicht jetzt beinahe 100’000 Leser. Und in der Italienisch sprechenden Schweiz wird man die Verbandszeitschrift Touring im Auge behalten müssen: Sie ist im Tessin der einzige Titel überhaupt, der signifikant Leserinnen und Leser verliert – erstmals zwar, doch in der Deutschschweiz verzeichnet der Titel schon länger einen starken Abwärtstrend.
Achtung, Vertrauensbereich!Für die Mach Basic 2006-2
stellt die Wohnbevölkerung der Schweiz und des Fürstentums Liechtenstein ab 14 Jahren die Grundgesamtheit dar. Total sind dies 5,8 Millionen Personen. Insgesamt wurden für die Studie 23’816 Interviews durchgeführt, davon 17’178 in der Deutschschweiz, 5534 in der Romandie und 1104 im Tessin.Die anhand der Stichprobe gewonnenen Ergebnisse gelten aber für die Grundgesamtheit nur innerhalb eines bestimmten Vertrauensbereichs. Bei einem Sicherheitsgrad von 95,5 Prozent weist der Vertrauensbereich in der Mach Basic 2005 maximal folgende Werte auf: Für die ganze Schweiz (inkl. Fürstentum Liechtenstein) plus/minus 0,7 Prozent, für die deutsche Sprachgruppe plus/minus 0,8 Prozent, für die französische Sprachgruppe plus/minus 1,4 Prozent und für die italienische Sprachgruppe plus/minus 3,0 Prozent.
Rhythmusstörungen bei der BilanzAnfang 2005
änderte das Wirtschaftsmagazin Bilanz seinen Erscheinungsrhythmus von monatlich auf vierzehntäglich. Kurz zuvor wurde noch die Auflage bereinigt und um 19 Prozent reduziert. Dass diese Massnahmen bei der Reichweite, die 2004 noch 417’000 Leser betrug, Spuren hinterlassen würden, war klar und wurde auch kommuniziert (auch wenn die Zahlen aus methodischen Gründen nicht direkt verglichen werden dürfen). Die Bilanz fiel aber tiefer als erwartet. Verlagsleiterin Sandra Geiger rechnete noch Mitte Mai damit, dass die Reichweite ihres Titels auf etwa 270’000 Leser absinken würde (WW 19/06). Nun sind es gar 28’000 Leser weniger. Dennoch zeigt sie sich «nicht erschüttert». «Ja, wir haben uns verschätzt», gesteht sie unumwunden, doch es sei feststellbar, dass nun die Talsohle erreicht sei. «Im Abokanal wächst die Bilanz wieder leicht, bei der Auflage werden wir bereits wieder zulegen», sagt sie. Vermutlich werde sich die Reichweite bei etwa 250’000 Lesern einpendeln. «Das ergibt dann sechs bis sieben Leser pro Exemplar – ein vernünftiger Wert gegenüber früher, als wir 10 bis 12 Leser pro Exemplar hatten», sagt Geiger.
Auch beim Westschweizer Paralleltitel Bilan (Edipresse), der zur selben Zeit wie die Bilanz denselben Kadenzwechsel vorgenommen hatte, erodiert die Reichweite noch immer, aber im Vertrauensbereich. Wie Geiger spricht auch Théo Bouchat, Direktor Edipresse, von erneut steigender Reichweite: «Die Mach Basic 2006-2 zeichnet noch ein Bild der Vergangenheit.»
Markus Knöpfli