Fernseh-Werbung Publisuisse fordert die Verlage heraus. Dies mit einer Studie und mit vagen Werbebotschaften. Das kommt nicht überall gut an.Wenn diese Woche der Verband Schweizer Presse in St. Moritz tagt, wird die Atmosphäre möglicherweise von Anfang an gespannt sein. Denn die aktuelle Studie von Publisuisse, «Markenwert und Werbeverhalten: Eine intermediale Werbewirkungsstudie» (Werbewoche Online berichtete über die Studie am 7.9.06), sorgt für Gesprächsstoff. Grund: Publisuisse will wissenschaftlich bewiesen haben, dass TV-Werbung besser wirke als Print- und Plakatwerbung. Man muss nicht Publizistik studiert haben, um nachzuvollziehen, dass die Studie bei den Verlagen für rote Köpfe sorgt. Denn angesichts des gnadenlosen Kampfes um Werbeeinnahmen kann eine solche Studie letztlich über sehr viel Geld entscheiden. Begonnen hat alles am 3.Juli 2006, als Publisuisse erstmals mit der Meldung an die Öffentlichkeit gelangte, es sei jetzt wissenschaftlich bewiesen, dass TV-Werbung signifikant besser wirke als Print- und Plakatwerbung. Für den Verband Schweizer Presse hörte sich dies «sehr marktschreierisch» an. Der Verband reagierte am 22. August mit einem Schreiben an Publisuisse-Direktor Martin Schneider. Darin wirft Geschäftsführer Daniel Kaczynski Schneider vor, dass Publisuisse für eine Studie werbe, die wegen fehlender Angaben nicht kritisch überprüft werden könne, und zudem die Werbebotschaften (z.B. in der Fachpresse) ohne Fundament seien. Fazit: Das Vorgehen von Publisuisse sei unlauter.
Divergierende MeinungenZwei Wochen später, am vergangenen Mittwoch, lud Publisuisse zur Pressekonferenz im Hotel Savoy in Zürich ein. Neben den Vertretern der hiesigen Medienagenturen hörten auch Marketingleiter Toni Vetterli vom Verband Schweizer Presse und die Delegierten der Verlage den Autoren der Studie aufmerksam zu. Die Botschaften von Publisuisse: «TV-Werbung wirkt am stärksten. Möglichst hohe Anteile TV im Mix wirken am besten. Laufende TV-Investitionen stärken die Markenvitalität.»
Doch diesmal holte Publisuisse aus, präsentierte farbige Statistiken, liess Einblick in das komplizierte Studiendesign gewähren und stellte sich den wenigen, aber doch kritischen Fragen. Die Reaktionen hielten sich in Grenzen, und für die Mehrheit hörte sich die vorgestellte Studie auch plausibel an.
Professor Klaus Neusser von der Universität Bern, die wissenschaftliche Instanz der Studie, verwies auf die robusten Zahlen und erklärte verständlich, dass die Studie nicht einfach an den Haaren herbeigezogen sei. Ab hier würde der Laie die Studie als wahr und absolut klassifizieren. Denn obwohl auch diese Studie nicht alles beantworten kann, beispielsweise inwieweit Fernsehwerbung Einfluss auf den Umsatz einer Marke hat, gibt es im Prinzip keine Schwächen. Summa summarum legte Publisuisse eine interessante Studie vor.
Das sehen der Verband Schweizer Presse und die Print-Verlage anders. Die nehmen die Studie unter die Lupe. Da sie nun Zugang zum Studiendesign haben, engagierte beispielsweise Tamedia Spezialisten aus Deutschland, um die Studie auf Herz und Nieren zu überprüfen.
Für die Verlage ist der Slogan «Jetzt ist es wissenschaftlich bewiesen», mit dem Publisuisse seit Juli dieses Jahres wirbt, ein Dorn im Auge. Denn für sie hört sich die Werbebotschaft von Publisuisse mehr nach einem nicht korrekten Marketingspruch an. Für den Verband Schweizer Presse und die Verlage ist es noch verfrüht, von einem endgültigen Beweis zu sprechen. «Gerade im Bereich der Werbewirkungsforschung sind Ansätze und Methoden der Untersuchungen sehr umstritten, sodass die Anpreisung eines «wissenschaftlichen Beweises» etwas gewagt erscheint», schreibt Daniel Kaczynski im Brief an Publisuisse-Direktor Martin Schneider.
Eine Frage des MediamixesProfessor Klaus Neusser ist jedoch von seiner Arbeit und vom «wissenschaftlichen Beweis» überzeugt: «Ich glaube schon, dass die Print-Leute die Studie nicht so toll finden. Aber ich bin unvoreingenommen ans Werk gegangen, und die Resultate stechen klar hervor.» Neusser sagt auch explizit, dass der Mediamix entscheidend sei: «Eine hundertprozentige TV-Ausrichtung ist in vielen Fällen nicht die beste Lösung.» Das sehen die noch leisen Kritiker genauso. Hingegen die Art und Weise, wie Publisuisse für die Studie wirbt, sehen sie als nicht korrekt.
Den Vorwurf, dass Publisuisse nur einen Zusammenhang zwischen Markenbeurteilung und TV-Werbung gesucht habe, wirft Maja Traber, Leiterin Marketing Service von Publisuisse, zurück. Denn im Zentrum der Studie liege die Analyse des statistischen Zusammenhangs zwischen Mediamix und Markenwert. Traber: «Wir waren selber sehr kritisch und waren überrascht, was die Daten zeigten. Wir wollten schon den Mehrwert von TV aufzeigen. Das ist uns aber auf eine kritische Art und Weise gelungen.»
Und wie geht es weiter? Diese Woche treffen sich die Mitglieder des Verbands Schweizer Presse in St. Moritz und werden über das weitere Vorgehen beraten. Toni Vetterli: «An der Leitungsausschuss-Sitzung des Departements Werbemarkt wird sicher über die Methodik und die daraus gezogenen Aussagen der Studie diskutiert und allenfalls über das weitere Vorgehen entschieden.»
Und bei Tamedia will man in zwei Wochen so weit sein, dass man auf gleicher Augenhöhe mit Publisuisse diskutieren kann.
Auch wenn die Studie von Publisuisse die Werbestrategien der Unternehmen nicht auf den Kopf stellen wird, liegt einmal mehr eines auf der Hand: Der Kampf um Werbegelder ist im vollen Gang.
Christian Lüscher