Umsteiger Jürg Brechbühl über die Gründe, wieso er sich als CD bei Contexta vielleicht aus der Werbung zurückziehen und beruflich neu orientieren will.
WW: Nach einer erfolgreichen Karriere bei Advico Young & Rubicam, Spillmann Felser Leo Burnett und jetzt drei Jahren CD bei Contexta wollen Sie aus der Werbung aussteigen. Was folgt am Tag danach?Jürg Brechbühl: Bis an Weihnachten mache ich Pause. Neu orientieren. Ich will mir ein paar Wünsche erfüllen. Zum Beispiel einen Italienischkurs in Ravenna.WW: Ihr Ausstieg hat überrascht. Mit einer gewissen Narrenfreiheit können Sie jetzt reden. Was läuft schief in der Werbung?Jürg Brechbühl: Das kann nicht in einem Satz gesagt werden. Ich bin auch nicht in einer solchen Stimmung. Ich bin neugierig auf die nächsten drei Monate. Ich bin jetzt Anfang 50 in einem Alter, wo ich vielleicht zum letzten Mal noch einmal neue Weichen stellen kann. Ich habe nicht das Gefühl, ich müsste jetzt wie abrechnen mit der Werbung. WW: Das heisst: Sie haben die Werbung nicht vollständig satt?Jürg Brechbühl: Es ist für mich nicht so, dass ich die Werbung absolut satt habe. Die Branche bleibt spannend. Aber es hat sich einiges verändert in den letzten neun Jahren, seit ich als Quereinsteiger nach 20 Jahren Schulzimmer in die Werbung gewechselt habe.WW: Was hat sich verändert?Jürg Brechbühl: Werbung hat gesellschaftlich an Bedeutung verloren. Sie geniesst wenig Relevanz. Früher hat man über gute oder schlechte Werbung öffentlich diskutiert, hat sich aufgeregt. Heute ist bei Nichtwerbern die Werbung kein Thema mehr. Früher hat der Werbefilm oft die grossen Filme im Kino inspiriert. Heute kopieren die Werbefilmer die neuen Ideen aus dem Spielfilm. Werbung setzt keine Trends mehr. Das passiert in neuen Künsten und im Internet – aber kaum mehr in der Werbung. WW: Wo fehlt das Feuer?Jürg Brechbühl: Es hat sich sicher nicht alles negativ verändert. Ich muss auch sagen: Ich habe mich natürlich mit verändert. Das ist immer ein Zusammenspiel. Aber Cary Steinmann hat Recht, wenn er bei seinem Aussteigen sagte, der Spassfaktor sei ein bisschen abhanden gekommen. Als ich in den 90er-Jahren eingestiegen bin, hat man mit mehr Musse, Zeit und Spass arbeiten können. Was mich beunruhigt, ist, dass die Werbung trotz härterer Gangart aber nicht besser geworden ist. In den letzten Jahren sind wir an Ort stehen geblieben und pflegen eine gewisse Mittelmässigkeit.WW: Sie haben sofort in der höchsten Liga mittexten können. Was sind gute Erinnerungen aus dieser Zeit?Jürg Brechbühl: Schön für mich war, dass ich in einem fortgeschrittenen Alter wirklich noch einmal einen Beruf von Grund auf neu erlernen konnte. Das war spannend. Auch damals habe ich die Sekundarschule nicht sattgehabt. Ich sah aber eine neue Chance in der Werbung – und das musste ich packen. Es ist besser, aus einem Beruf auszusteigen, wenn man noch Lust hat, als einfach in ein Burn-out hineinzuwachsen. Ich spüre noch kein Burn-out. Wenn man eines hat, ist es dann immer zu spät. Es gibt Leute die sagen: Schade, hört der auf. Aber vielleicht heisst es in drei Jahren: Wann geht der endlich, der bringt es nicht mehr.WW: An was leiden Sie bereits jetzt?Jürg Brechbühl: In unserer Branche arbeitet man oft in einem luftleeren oder ein bisschen künstlichen Raum. Meine Frau ist Goldschmiedin. Sie hat in meinen Augen einen tollen Beruf. Sie macht etwas mit ihren Händen. Am anderen Tag findet der Kunde das Schmuckstück schön. Und das ist in der Werbung nicht immer so. Man kommt manchmal abends nach Hause und weiss gar nicht, was man tagsüber gemacht hat. Obwohl das vielleicht ein bisschen pointiert ausgedrückt ist.WW: Was hat Ihre Frau zum Aussteigen gesagt?Jürg Brechbühl: Da habe ich immer volle Unterstützung. WW: Was machen Sie ab Weihnachten?Jürg Brechbühl: Da ist noch nichts klar. Die nächsten drei Monate sollen zum Finden da sein: Bleibt es die Kommunikationsbranche, oder will ich zurück zu meinen Wurzeln als Lehrer. Allenfalls wäre es auch eine interessante Kombination beider Welten als Dozent am Sawi oder an einer Kunstgewerbeschule. Ich kann mir auch etwas im pädagogisch-sozialen Bereich vorstellen. WW: Was hat Sie damals für die Werbung motiviert?Jürg Brechbühl: Das war ein Jugendtraum von mir. Ich wollte schon als 16-Jähriger Werbetexter werden. Aber in den 60er-Jahren hat in dieser Branche niemand auf uns gewartet. So bin ich zuerst einmal Lehrer geworden und habe das sehr gerne gemacht. WW: Viele Leute durchlaufen inzwischen mehrere Berufe. Wieso ist Ihre Faszination für Werbung erloschen?Jürg Brechbühl: Ob der Traum ausgelebt ist? Ein bisschen schon, ja. Es geht wie mit vielen Träumen – es kommt auch das alltägliche Business dazu. Das ist oft härter, als man es erwartet hat. Wir sind ein Wirtschaftszweig, wo Geld verdient werden muss. Es muss rentieren, und da bleibt das Menschliche manchmal etwas zurück.WW: Sie liebäugeln mit einem sozialen Beruf. Wollen Sie die Werbung auch ethisch hinterfragen? Jürg Brechbühl: Eher mehr Lebenssinn finden. Werbung ethisch hinterfragen kann man nicht, wenn man so lange in der Werbung gearbeitet hat. Sonst wäre etwas falsch gelaufen. Vielleicht gibt es aber einen nachhaltigeren Sinn, wenn man zum Beispiel mit jungen Menschen arbeiten kann, als wenn ich eine tolle Kampagne mache.WW: Als Lehrer am Sawi könnten Sie junge Leute in eine richtige Richtung lenken?Jürg Brechbühl: Man könnte es probieren.WW: Aus welchen Gründen haben Sie Contexta verlassen ?Jürg Brechbühl: Es hat sich so ergeben. Die drei Jahre bei Contexta waren für mich sehr gute und spannende Jahre. Nicht nur mit «Beck & Bondi» haben wir grosse Erfolge feiern können. Da ist jetzt ein Team gewachsen. Contexta ist eine grosse Agentur, und ich finde, es ist absolut richtig, dass auch jüngere Leute ihre Chance bekommen. WW: Wie viel haben die Kunden zu Ihrer Enttäuschung in der Werbung beigetragen?Jürg Brechbühl: Es ist zu einfach zu sagen, die Kunden seien schuld. Man spürt aber immer mehr die Mentalität: Wer zahlt, befiehlt. Der wirtschaftliche Druck führt dazu, dass sich Kunden vermehrt in die Kreation einmischen. Sie texten eigene Headlines und wollen auch die Fotos selber bestimmen. Das Misstrauen hat klar zugenommen. Viele Kunden haben das Gefühl, die Agentur wolle ihnen etwas aufschwatzen unter dem Etikett «kreativ». Die Migros oder Swisscom sind für mich die positiven Ausnahmen, wo grosse Konzerne in der Schweiz noch echten Mut zu guter Werbung erlauben.WW: Die berühmten 50 Prozent, die man als Geld zum Fenster rauswirft …Jürg Brechbühl: Kreativität wird nach wie vor ausgespielt gegen Marktwirkung. Dabei ist es mehrfach bewiesen, dass kreative Werbung auch besser verkaufen kann. Trotzdem sind diese Vorurteile da, und Kunden wollen lieber mittelmässige Werbung. Klar: Wenn sie diese mit grossem finanziellem Druck einsetzen, kann die Wirkung nicht ausbleiben. Es ist in diesem Bereich auch schwieriger geworden, an die Entscheidungsträger heranzukommen. Es hat immer mehr Leute, die mitentscheiden, aber dabei auch grosse Angst haben. Die wirtschaftliche Situation ist ja auch so, dass viele Leute Angst haben müssen um ihre Jobs. Diese wollen auf keinen Fall einen Fehler machen. Und sicher keinen Fehler macht man, wenn man sich für nichts Neues entscheidet. Das hat man in den letzten drei Jahren extrem spüren können.WW: Sind Sie müde geworden zu kämpfen?Jürg Brechbühl: Es wäre viel zu einfach, nur die Kunden für die schlechte Werbung verantwortlich zu machen. Auch die meisten Agenturen kämpfen nicht mehr so richtig für ihre kreativen Würfe wie früher. Aus den gleichen Gründen. Es hat viele neue Agenturen gegeben, aber der Kuchen ist nicht grösser geworden. Der wirtschaftliche Druck auf die Agenturen hat sogar zugenommen. In den 90er-Jahren hat man einen Kunden ohne kreatives Verständnis noch wegschicken können. Eine Agentur mit 40 Leuten kann sich das heute nicht mehr leisten und muss auch oft seltsame Wünsche erfüllen. Heute werden von namhaften Agenturen Spots gemacht, für die sie früher sich noch geschämt hätten. Das ist aber nicht nur in der Werbung so. WW: Was sind gute Erinnerungen?Jürg Brechbühl: Es waren mehr schöne Momente als schlechte. Schön war, wenn wir eine gute Kampagne wirklich umsetzen konnten, einen Film machen, der beim Publikum ankommt. Noch mehr als Anerkennung vom ADC haben mich positive Rückmeldungen von Leuten ausserhalb der Branche gefreut. Das ist uns bei «Beck & Bondi» mehrmals passiert.WW: Welchen Tipp möchten Sie an junge Werber weitergeben?Jürg Brechbühl: Sich an den Besten zu orientieren.Interview: Andreas Panzeri