Fotografie Um im übersättigten Digitalkameramarkt zu bestehen, setzen die Anbieter auf Spiegelreflexkameras.Am 1. Oktober schlossen in Köln die Tore der Photokina. Die Messeleitung geizte dabei nicht mit Superlativen und bezeichnete die diesjährige Auflage der alle zwei Jahre stattfindenden «Weltmesse des Bilds» als die «grösste Photokina aller Zeiten». Grösse zeigten vor allem die Marktführer im Fotobereich, die mehr Quadratmeter für immer mehr Produkte beanspruchten. Einige Anbieter waren hingegen nicht mehr vertreten, auch im Fotobereich hat eine Konsolidierung stattgefunden. Konica Minolta etwa wurde von Sony geschluckt, die High-End-Anbieter Leaf und Sinar gehören heute zu Kodak und Leica (siehe unten).
Es gibt immer weniger reine Kamerahersteller. Ob Canon, Epson, Fujifilm, HP, Kodak Panasonic oder Sony: Alle sind riesige Konzerne, der Fotobereich ist oft nur ein Teil des Angebots. Die Produktpalette dieser Anbieter reicht von der Kompaktkamera und dem Tischdrucker für den Hobbyfotografen bis zur digitalen Spiegelreflex mit Auflösungen im zweistelligen Megapixelbereich und professionellen Grossformatdruckern.
Je nach Herkunft verfolgt jedes Unternehmen eine andere Strategie. Kodak, aus der Filmfabrikation kommend, ist durch Übernahmen diverser Firmen zum grossen Digitaldruckanbieter geworden; der in der Unterhaltungselektronik führende Konzern Sony wurde durch die erwähnte Integration von Konica Minolta quasi über Nacht mit zum führenden Digitalkamera-Anbieter.
Kompakte haben ZukunftAm meisten Innovationen waren in Köln bei den Kompaktkameras auszumachen. Mit technischen Neuerungen versuchen die Anbieter, sich in einem gesättigten Markt zu behaupten. So verfügen die Kompaktkameras meistens über gleiche und gar höhere Auflösungen als die digitalen Spiegelreflexkameras und werden mit neusten Bildverbesserungs- und Bildaufnahmetechniken ausgestattet. Auflösungen von sieben oder zehn Megapixel sind in dieser Kategorie keine Rarität mehr. Die immer kleiner werdenden Kameras sind zudem nicht selten mit bis zu zehn- oder gar zwölffachen optischen Zooms ausgestattet.
Erstmals waren an der Photokina Kompaktkameras zu sehen, die sich vollständig über den rückseitigen Monitor bedienen lassen, der damit nicht nur zur Bildvisualisierung, sondern auch als Touchscreen fungiert. Wohin die Reise bei den Kompakten führen könnte, zeigte Sony: Verbindet man deren Cybershot T50 mit einem kompatiblen GPS-Modul (ermöglicht die satellitengestützte Positionsangabe), dann lassen sich die aktuellen GPS-Koordinaten mit in das Bild einbinden. Eine mitgelieferte Software sortiert die Fotos geografisch und zeigt zu Hause am PC den Aufnahmestandort anhand von Google-Karten und Stadtplänen.
Zwischen den WeltenMit der Erstarkung der Spiegelreflexkameras haben die Superzoom-Kameras – auch Megazooms genannt – an Bedeutung verloren. Hersteller, die bisher im oberen Amateur-/Semiprofisegment auf diesen Zwitter aus Spiegelreflex- und Kompaktkamera setzten, haben ihre Produktepalette inzwischen um digitale Spiegelreflexkameras (DSLR) erweitert. Panasonic hat dies durch neu entwickelte Modelle wie die Lumix L1 erreicht – Sony mit der a 100 durch die Integration von Konica Minolta.
Dennoch wurden während oder kurz vor der Photokina auch neue Superzooms vor- bzw. ausgestellt. Drei Beispiele: Kodak stellte auf der Photokina mit der mit einem 7,1 MP-Chip ausgestatteten Kodak EasyShare Z710 das neueste Modell seiner Megazoom-Digitalkameras vor. Mit einem 10 MP-Sensor, Bildstabilisator und Prozessor für die Gesichtserkennung (um darauf die Belichtung einzustellen) geht die neue PowerShot G7 von Canon ins Rennen um die Gunst des Käufers. Die neue «My Category»-Funktion indiziert und sortiert die Fotos automatisch nach Kategorien – je nachdem, welche Aufnahmeeinstellung benutzt wurde. Panasonic zeigte mit der Lumix DMC-FZ50 bereits Mitte Jahr den Nachfolger der Lumix DMC-FZ30 vor. Es handelt sich dabei um eine Superzoom-Kamera für das «Prosumer»-Marktsegment – mit 12¥-Zoom-Objektiv und 10 MP Auflösung.
Spiegelreflexkameras im TrendDie digitalen Spiegelreflexkameras (DSLR) liegen derzeit im Trend und genossen an der Photokina die grösste Aufmerksamkeit. Bei keinem anderen Kameratyp sind derzeit die Wachstumsraten so hoch wie bei den DSLR. Das kommt nicht von ungefähr, denn DSLR sind Kompaktkameras weit überlegen. Mit ihrem bewährten Konzept und vor allem dank den auswechselbaren Objektiven lassen sich mit DSLR (abgesehen von den hier nicht berücksichtigten Kamerabacks) die besten Resultate erzielen.
Was die Objektive angeht, versuchen verschiedene Hersteller einen Standard zu etablieren. Dieser von Olympus und Kodak ins Leben gerufene und von Fuji, Leica, Panasonic, Sanyo und Sigma mitgetragene «Four Thirds Standard» soll ermöglichen, dass sich Objektive mit unterschiedlichen Kameras verwenden lassen.
Sämtliche Hersteller von Spiegelreflexkameras bieten inzwischen auch preisattraktive Produkte für ambitionierte Hobby- und semiprofessionelle Fotografen an. Etablierte Hersteller von DSLR-Kameras wie Canon (EOS 400D), Fuji (FinePix S6500fd), Nikon (D80), Olympus (E-400), Sigma (SD14) und (wieder) Pentax (K10) können sich nicht zurücklehnen. Im Gegenteil, sie müssen sich den Markt mit Panasonic (Lumix), Samsung (GX-10) und vor allem Sony (a 100) teilen.
High-Tech ist inzwischen überall anzutreffen. Der Bogen reicht von Staubentfernungssystemen und Anti-Shake-Einrichtungen über die auch in den Kompaktkameras eingeführten Möglichkeiten zur automatischen Gesichtserkennung und entsprechenden Aufnahmeunterstützungen.
Abzuwarten bleibt, wie sich die Kameras mit Live-MOS-Sensoren entwickeln, die das Darstellen von Livebildern auf den Displays ermöglichen. Diese Visualisierung ist bei traditionellen DSLR nicht möglich, da der vor dem CCD- oder CMOS-Sensor sitzende Spiegel im Kameragehäuse ein Livebild verunmöglicht.
Der Kampf um kleine und kleinste Unterschiede zwischen den Anbietern erstreckt sich vom Gewicht (Olympus E-400 als die leichteste und kleinste DSLR) über den Sensor (höhere Auflösungen; neuer Live-MOS-Sensor bei Panasonic und Olympus) bis zu technischen Features (Bildverwacklungsstabilisatoren etc.) und dem Zugang zu einem riesigen Angebot an Objektiven (Canon, Nikon, Sigma, Sony). Praktisch und fast von allen Anbietern zu haben sind neue Lösungen, die dem Staub an den Kragen gehen, der sich beim Objektivwechsel unweigerlich im Gehäuse verirrt.
Design und PixelDie Ambitionen beim Gehäusedesign halten sich bei den DSLR in Grenzen – lediglich DSLR-Neueinsteiger Panasonic vermochte hier mit einem schlichten und gleichzeitig eleganten Gehäuse zu überraschen. So kann deren Lumix L1 gar als DSLR im Retrodesign bezeichnet werden. Auch die Anbieter von Kompaktkameras versuchen, beim Design besondere Akzente zu setzen. Das führt leider dazu, dass sich die Gehäuse immer ähnlicher werden. So war auf der Photokina, was das Kameradesign betrifft, kein eigentlicher Trend oder gar eine einzige wirkliche Überraschung auszumachen. Metallisch glänzende Gehäuse, hie und da auch in Farbe bei den Kompaktkameras, und schwarze Gehäuse bei den DSLR.
Geblieben ist der offenbar unaufhaltsame Trend, den Kameras immer höher auflösende CCD-Zellen einzusetzen. Waren vor noch nicht allzu langer Zeit 5 Megapixel das Mass aller Dinge bei den Kompaktkameras, so waren 7 oder gar 10 MP an der Photokina zumindest keine Seltenheit mehr.
Doch neben den höher auflösenden Chips wird vor allem den kompakten Digitalkameras immer mehr Technologie implantiert. Meist handelt es sich dabei um digitale Hilfsmittel, die zu besseren Bildern führen. Der Bogen spannt sich von Korrekturen des «Rote Augen»-Effekts über Anti-Shake-Technik zur Vermeidung von Verwacklungen bis zu Gesichtserkennungen (samt entsprechender Belichtungskorrektur) oder höheren ISO-Empfindlichkeiten (um das Aufhellen von dunklen Hintergründen zu ermöglichen).
Als ein kommender Trend könnte sich das 16:9-Bildformat abzeichnen. Panasonic hat hier mit der Lumix LX2 bereits das Nachfolgemodell einer 16:9-Kamera vorgestellt – bei der Sony T2 kann auf Wunsch im 16:9-Format fotografiert werden. Sinn macht dieses Bildformat durchaus, denn bei den für die Bildvisualisierung eingesetzten TV-Geräten und Laptops setzt sich dieses Format immer mehr durch.
Wohin mit den Daten?Durch die grösseren Auflösungen wachsen die Datenmengen exorbitant. Zudem wird digital viel mehr fotografiert … es kostet ja nichts. Das Problem beginnt mit dem Speichern und der Auswahl bzw. dem Verwalten der Bilder.
Epson und Canon (neu: Canon Media Storage Viewer) haben hier Geräte im Markt, die den Anwender vom PC befreien: Mit 30 und mehr Gigabyte grossen Festplatten und mehreren Zoll grossen Displays ausgestattet eignen sich diese Geräte als portable Speicherlösung. Acht Gigabyte lassen neue, teilweise erstmals vorgestellte Flash-Speicher zu. Gekoppelt mit den hohen Akkuleistungen der Kameras muss sich der ambitionierte Fotograf nun kaum mehr Sorgen um Speicherplatz und Kameraverfügbarkeit machen.
Adobe und Apple haben an der Photokina ihre High-End-Lösungen für die Verwaltung und das Organisieren von Fotos vorgestellt. Konkret stellte Apple das kostenlose (und notwendige) 1.5-Update der Software Aperture vor, das in allen Bereichen des gesamten Workflows verbessert wurde. Adobe zeigte seine neue und ebenfalls verbesserte Betaversion Adobe Photoshop Lightroom, die sich Interessenten gratis vom Internet herunterladen und eine beschränkte Zeit testen können.
Drucken ohne PC – Videos schauen am DruckerDie Digitalkamera emanzipiert sich mehr und mehr vom PC. Das klassische Verbinden der Kamera via USB-Kabel mit dem Computer, um zu Bildausdrucken zu kommen, ist vor allem dank immer ausgefeilteren Druckern kaum mehr notwendig. So können einfache Bildverfremdungen und die Wahl von Ausschnitten entweder an der Kamera oder zunehmend, wie es auf der Photokina teilweise zu sehen war, auch am Drucker vorgenommen werden.
Kleine Displays an den Druckern erlauben vielfältige Möglichkeiten: Neben dem Zusammenstellen von Bildern zu einem Bogen können auch schon mal – zumindest bei den Modellen von HP – von der Kamera überspielte Videosequenzen abgespielt werden.
Dass der Fotodruck am heimischen Inkjetdrucker nicht unbedingt der günstigste Weg ist, um zu Bildern zu kommen, ist bekannt. Alle etablierten Fotodienstleister bieten hier Lösungen an, damit der Anwender sich die Bilder per Post zustellen lassen oder etwa bei seiner Filiale vom Grossverteiler abholen kann. Preislich dazwischen liegen Bilder, die mit so genannten Fotokiosk- oder Fototerminallösungen hergestellt wurden, die man an immer mehr Standorten findet. Vor Ort im Laden kann der Hobbyfotograf damit ab seiner mitgebrachten CD oder von der Speicherkarte seine Bilder selbst ausdrucken. An der Photokina war kaum ein grosser Drucker- und (ehemaliger) Filmanbieter präsent, der nicht auch solche Kiosklösungen vorstellte.
Run auf die PortaleEin grosses Problem für die Hersteller von Druckern ist die Tatsache, dass die Bilder der Anwender sehr oft auf den Festplatten verbleiben. Wer sie nicht gleich oder in nützlicher Frist organisiert, wird dies wohl kaum mehr tun. Und damit werden diese Bilder auch nicht ausgedruckt.
HP, ein führender Anbieter von Computern und Druckern, will hier nun seine Kompetenzen verbinden. Das Unternehmen hat Lösungen entwickelt, womit der Privatanwender seine Bilder auf Servern bei HP speichern und sich von dort jederzeit Fotoabzüge erstellen lassen kann. Damit wird gemäss HP ein weiteres Problem gelöst: Die Bilddaten sind sicherer vor einem Verlust. Denn: Bilder sind Erinnerungen. Naturkatastrophen wie Katrina belegten, so war bei HP zu erfahren, dass Bilder den Menschen nach solchen Ereignissen am meisten fehlten.
Um Kunden enger an sich und ihre Drucksysteme zu binden, unternehmen die führenden Anbieter von Digitaldrucksystemen noch andere Anstrengungen. Durch Übernahmen oder Partnerschaften sichern sich diese mehr und mehr den Zugang zu entsprechenden Webportalen. So hat HP im letzten Jahr das im englischen Sprachraum führende Portal Snapfish.com und in jüngerer Vergangenheit das deutsche Portal Pixaco (das ebenfalls in Snapfish umbenannt werden soll) übernommen.
Xerox ist mit myphotofun.com im Rennen und stellte ein Automatic Image Enhancement genanntes, automatisches System vor, das mangelhafte Bilder verbessert, ohne dass gute Fotos dabei leiden. Kodak setzt hier etwa auf seine eigene Website Kodak EasyShare Gallery – und bei der Ausgabe auf das Kodak-Nexpress-Digitaldrucksystem.
Wächst zusammen, was zusammengehört?Besucher der nächsten Photokina 2008, die sich nur für die Fotografie interessieren, seien bereits heute vorgewarnt: Reine Digitalkameras, die «nur» fotografieren können, werden sich dann vermutlich in der Minderheit befinden. Der Trend hin zu Fotohandys, zu integrierten, musikspielenden Playern für Diashows, zu mit GPS-Systemen verknüpften Devices ist unaufhaltsam. Beim Kampf um den Konsumenten werden dabei die Brands immer wichtiger. Es bleibt abzuwarten, ob sich die ehemals reinen Fotoapparate- oder Filmhersteller langfristig gegen die Foto-Newcomer aus dem Handy-Segment durchzusetzen vermögen.
Etwas anders im Profibereich. Hier sind Kompatibilität, Verlässlichkeit und eine einfache Bedienung wichtiger als das Abspielen von Diashows. So werden sich auch auf der Photokina 2008 zwischen den kompakten Kameras und den DSLR bezüglich der Ausstattung wohl tiefe Gräben auftun.
Vermutlich wird das Navi-MP3-Fotohandy an der nächsten Photokina allgegenwärtig sein. Einen Vorgeschmack, wie solche Geräte aussehen können, gab wie erwähnt Sony mit der Cybershot T50 – hier fehlt nur noch die Handyintegration.
ZusammenschlussAm Eröffnungstag der Messe
gab Leica Camera den Kauf des bislang von Jenoptik gehaltenen 51-Prozent-Anteils am Schweizer Unternehmen Sinar – einem Hersteller von Mittel- und Grossformatkameras – bekannt. Postwendend haben Leaf, ein zur Kodak Graphics Communication Group gehörender Entwickler, Hersteller und Anbieter von digitalen Kamerarückteilen für Profifotografen, und Jenoptik «ihr Engagement für eine langfristige Geschäfts- und Technologiepartnerschaft» angekündigt. Jürgen Franck