Internet Werber müssen Podcasting kennen: Es wird ihre Strategien beeinflussen. Bericht vom 1. Schweizer Podcast-Tag.Medienmanager beobachten derzeit ein kurioses Phänomen. Es heisst Podcasting. User produzieren ohne grossen Aufwand eigene Radioshows und stellen sie ins Internet. Die Goldbach Media Gruppe lud letzten Donnerstag zum 1. Schweizer Podcast-Tag ein. Für die Referenten und die Organisatoren steht fest: Podcasting wird die Mediennutzung und letztlich die Werbung verändern und massgeblich beeinflussen.Doch was ist Podcasting? Obwohl das Wort Podcast letztes Jahr von den Redaktoren des New Oxford American Dictionary zum Wort des Jahres gekürt wurde, wussten viele Kommunikationsexperten an der Goldbach-Media- Veranstaltung nicht so recht, was man unter Podcasting genau verstehen muss. Als ein Teilnehmer fragte, ob ein Podcast als MP3 definiert werden könne, antwortete der Referent: «Wenn für Sie Papier eine Zeitung ist, ja.»
Kurz: Podcasting ist ein Kunstwort. Es setzt sich zusammen aus dem englischen Begriff «broadcasting» und dem Namen des populären Audioplayers iPod. Wikipedia definiert so: Podcasting bezeichnet das Produzieren und Anbieten von Mediendateien in einem Newsfeed über das Internet.
Konkret: Der Hörer von Podcasts kann über eine Empfangssoftware wie iTunes Audiobeiträge herunterladen und konsumieren. Zudem hat er die Möglichkeit, Podcasts zu abonnieren, sodass die Software automatisch nach neuen Episoden sucht und das Archiv aktualisiert. Ein Mikrofon und eine Produktionssoftware ermöglichen es aber auch, einfach und schnell eigene Radiosendungen zu produzieren und aufs Netz zu stellen. Experten sprechen daher oft auch vom Bürgerfunk. Ganz nach der Hörfunkidee Berthold Brechts.
Die Entwicklung und die Verbreitung von Podcasts macht den Verlegern Angst. Der deutsche Verleger Dr. Hubert Burda gilt als Vordenker und Pionier, wenn es um die Einbindung und Entwicklung von digitalen Medien geht: «Ich glaube, dass ich in den letzten 40 Jahren, in denen ich in diesem Geschäft bin, keinen Moment erlebt habe, der so im Umbruch ist und so viele Chancen und Risiken birgt, wie die Zeit, in der wir leben.» Burda meint mit Risiken die Verbreitung von Weblogs und die vielen neuen Angebote, die dank Breitband und Digitalisierung möglich geworden sind.
Die Mediennutzung, so waren sich auch die Referenten des Goldbach-Media-Anlasses einig, werde sich von Grund auf ändern. Denn noch nie war es so einfach, sich der Welt mitzuteilen. Und nie zuvor haben so viele Menschen diese Gelegenheit genutzt. Nach Beispielen muss man nicht lange suchen. Mehr als 35000 User laden täglich Videos auf Youtube.com. Tag für Tag werden diese mehr als 35 Millionen Mal abgerufen.
Es ist aber nicht nur die Technik, die zum Umdenken treibt. Für viele überraschend, sind aus den Zuschauern, Zuhörern und Lesern plötzlich eifrige Produzenten und damit auch Konkurrenten geworden. Seit die neue Generation iPod auf dem Markt ist, hat sich die Reichweite von Podcasts verdreifacht. Bereits sieben Prozent aller deutschen Internetuser sollen bereits täglich Podcasts hören. Nach Angaben des Verbandes der deutschen Internetwirtschaft (Eco) sollen es im Jahr 2010 mehr als drei Millionen sein.
Die Zahl der Podcasts ist nur schwer zu schätzen. Allein im Apple-Online-Store iTunes gibt es mehr als 40’000 davon, die regelmässig aktualisiert werden. Die Themen reichen von der Wissenschaft bis zur Comedy.
Beim Grossteil der derzeit erhältlichen Podcasts handelt es sich um Redebeiträge, wie man sie aus herkömmlichen Radiosendungen kennt. Beispielsweise berichtet Annik Rubens, Podcast-Pionierin aus München, in ihrem täglich aktualisierten Podcast «Schlaflos in München» vom Alltag in der Grossstadt. Thomas Wanhoff hat sich der «Wunderbaren Welt der Wissenschaft» verschrieben und klärt per Podcast über schwarze Löcher, Urzeitorganismen sowie die Wald- und Wiesenforschung in Jena auf. Daneben finden sich Sprachkurse, Hörspiele, Regionalnachrichten und vieles mehr.
Der typische Podcast-Nutzer, so beschreiben ihn die Experten, ist männlich, knapp 30 Jahre alt, überdurchschnittlich gebildet, lebt mit 50 Prozent Wahrscheinlichkeit als Single, verdient gut, abonniert acht Podcasts im Schnitt und lauscht rund dreieinhalb Stunden pro Woche Podcasts.
Dass die meisten Podcasts von Amateuren gemacht werden, ist hörbar. Da wird gehustet und gestottert. Für Thomas Wanhoff, Gastredner am 1. Schweizer Podcast-Tag und Podcast-Pionier der ersten Stunde, macht es das gerade aus. «Die Hörer schätzen die Authentizität», sagt er. Er glaubt, dass die Podcast-Szene die «cleanen» Beiträge eher verabscheue, weil sie Ehrlichkeit fordere.
Für Alexander Wunschel, Betreiber des Podcast «Markendreiklang», sei damit auch die Faszination Podcasting schnell und kurz zu erklären. «Der Trend zum Podcasting ist auch aus einem Massenmedienfrust entstanden, wo die Sprache und die Sendungen perfekt sind. Die Hörer von Podcasts wollen keine Schnitte. Sie wollen die Versprecher. Das schafft Vertrauen.»
Vertrauen sei für die Werbebranche interessant, sagt Wunschel. Podcasts seien gerade wegen ihrer Ehrlichkeit und ihrer Machart ein Medium, das die Markenbildung stark beeinflussen könne. Dank des Multiplikationseffekts könne ein Podcast mit einer Reichweite von 100 regelmässigen Hörern mehr leisten als teure Werbung in Form von Inseraten. Komme hinzu, dass 76 Prozent der Podcast-Hörer Werbung akzeptieren würden. Geld ist in der Podcast-Szene ein heikles Thema. Denn Podcaster produzieren in erster Linie für sich und ihre Community. «Das ist auch gut so», sagt Wanhoff, «Briefmarkensammler fragt man auch nicht, warum sie sammeln und wie sie Geld damit verdienen.»
Christian Lüscher