Regionalpresse La Liberté und Le Nouvelliste atmen auf: Le Quotidien Jurassien bleibt unabhängig.Redaktorinnen und Redaktoren der Freiburger Liberté und des Walliser Nouvelliste atmeten auf, als bekannt wurde, dass der Quotidien Jurassien in Delémont unabhängig bleiben will. Verleger Michel Voisard hat dem «Projet Arc» (für arc jurassien) am Jurabogen eine deutliche Absage erteilt.Im Sommer wurde bekannt, dass sich am Jurabogen eine strategische Annäherung abzeichne: Die beiden Hersant-Blätter in La Chaux-de-Fonds und in Neuenburg, L’Impartial und L’Express, sowie das vom Bieler Verleger Marc Gassmann für den Berner Jura herausgegebene Journal du Jura wollen ab nächstem Februar einen gemeinsamen überregionalen Bund (Inland, Ausland, Sport und Kultur) produzieren. Das «Projet Arc» verlangt eine einheitliche grafische Erscheinung; die drei Blätter wollen in den Bereichen Redaktion, Technik, Logistik und Marketing eng zusammenarbeiten. Die Unabhängigkeit im regionalen Teil soll beibehalten werden. Auch gibt es keine finanzielle Beteiligung der Hersant-Gruppe am Bieler Blatt.
Als das Mantelprojekt schon aufgegleist war, wurde auch der Quotidien Jurassien angefragt. Dies geriet dem rebellischen jurassischen Verleger Michel Voisard in den falschen Hals. Die 1993 aus der Fusion von Pays und Démocrate entstandene Zeitung bleibe unabhängig, teilte Voisard den Strategen in Neuenburg vor kurzem mit. Denn dass der gemeinsame Bund aus Philippe Hersants Sicht nur der erste Schritt für eine gemeinsame Regionalzeitung am Jurabogen sein soll, ist allen klar.
Zweifel an Hersant als PartnerFür Pierre-André Chappatte, den Chefredaktor des Jura-Blattes, gaben drei Gründe den Ausschlag für das Nein. Man habe von ihnen verlangt, auf einen fahrenden Zug aufzuspringen und auf eine eigene grafische Erscheinung zu verzichten. Die projektierten Einsparungen seien nicht so bedeutend gewesen, als dass sich die unvermeidlichen Abstriche an der Qualität rechtfertigen liessen. Zudem bezweifle man in Delémont, dass die Hersant-Gruppe ein guter Partner für eine auf Unabhängigkeit und Qualität bedachte Zeitung sei.
Auch historische Gründe aus der Zeit des jurassischen Unabhängigkeitskampfs sprachen gegen die Beteiligung des Quotidien Jurassien am Hersant-Projekt: Michel Voisards Blatt ist im Jura, Marc Gassmanns Zeitung im Berner Jura angesiedelt. Auch die unterschiedliche journalistische Kultur ist nicht zu unterschätzen: Der Quotidien Jurassien steht mit seinem redaktionellen Selbstverständnis der Liberté näher als den Hersant-Blättern, bei denen ein Artikel mit 3500 Zeichen ein «grosser Beitrag» ist, wie Hersant-Journalisten klagen.
In der Westschweiz ist die Gretchenfrage «Wie hältst dus mit der Qualität?» noch nicht entschieden: Soll sich eine Regionalzeitung auf ihre Region konzentrieren und sich für den überregionalen Teil in den Schutz eines Mantels flüchten? Oder kann sie im Gegenteil nur überleben, wenn sie auf die Karte Vollzeitung und Qualitätsjournalismus mit Eigenleistungen auch im überregionalen Teil setzt? Die Freiburger Liberté und der Walliser Nouvelliste haben sich für letzteren Weg entschieden. Die Leserzahlen geben ihnen Recht (siehe unten).
Um die Eigenleistungen bezahlen zu können, fördert die Liberté seit Jahren den redaktionellen Austausch mit andern Zeitungen – speziell mit den sechs im Inseratecombi Romandie Combi (ROC) zusammenarbeitenden Zeitungen L’Impartial, L’Express, Journal du Jura, Quotidien Jurassien, Liberté und Nouvelliste.
Austausch fördert QualitätGemeinsame Bundeshaus-, Zürcher und Brüsseler Korrespondenten verfassen ihre Artikel für einen Pool, aus dem sich jede Zeitung bedient. ROC stammt aus der Zeit, als alle sechs Blätter noch in der Hand unabhängiger Verleger waren. Nun sind drei davon in der Hand beziehungsweise im Einflussbereich der mächtigen französischen Hersant-Gruppe.
Hätte sich auch noch Verleger Voisard zum Projet Arc gesellt, hätten die Liberté und der Nouvelliste allein dagestanden, die Redaktionen um das Überleben des gemeinsamen Redaktionspools gebangt. Nun atmet man in Freiburg erleichtert auf – wie auch in Sitten, wo der Nouvelliste-Chef Jean Bonnard ein gerüttelt Mass Erfahrung mit der Hersant-Gruppe hat. Letztere versucht seit Jahren und mit nicht immer koscheren Mitteln, ihren Einfluss im Nouvelliste-VR auszudehnen.
Trotz der guten Nachricht aus Delémont ist Jean Bonnard nicht ganz beruhigt: «Ich kann mir vorstellen, dass die Zusammenarbeit im Rahmen von ROC in Zukunft schnell auf eine Pattsituation hinausläuft: die Dreiergruppe am Jurabogen auf der einen, der Quotidien Jurassien, die Liberté und wir auf der andern Seite.» Generell fürchtet man bei den Unabhängigen verstärkten Druck des Neuenburger Marketings auf die redaktionellen Inhalte.
Enge Kooperation erwünschtSelbst beim Journal du Jura kommen leise Zweifel auf: Aus Sicht des bernjurassischen Blattes wäre ein Mantelteil zu viert einfacher zu bewerkstelligen gewesen als zu dritt. Jetzt ist das Fliegengewicht Journal du Jura allein mit dem Schwergewicht Hersant konfrontiert und muss sich zudem auf vermehrte Konkurrenz des Quotidien Jurassien gefasst machen.
Doch Beat Grossenbacher, der Chefredaktor des Journal du Jura, beruhigt: «Wir arbeiten seit 2003 im Regionalteil mit den Neuenburger Blättern zusammen. Wenn die Partnerschaft weiter geht wie bisher, haben wir keinen Anlass zu klagen – in den Redaktionen vom Impartial und Express sitzen Profis.» Auch was die Zukunft von ROC betrifft, gibt er sich zuversichtlich: «Alle Partner haben jedes Interesse an einer engen und intelligenten Zusammenarbeit.»
Eine Alternative zu HersantDie Liberté hat dem Quotidien Jurassien
bereits eine vollwertige und qualitativ interessante Alternative zu Hersants Mantelprojekt angeboten. Die Zeitung in Delémont, an welcher der Verleger der Liberté einen Minderheitsanteil besitzt, könnte den überregionalen Bund aus Freiburg übernehmen. Das Angebot werde diskutiert, entschieden sei jedoch noch nichts, sagt Liberté-Verleger Albert Noth. Mittelfristig sei die Herausforderung für alle Regionalzeitungen die gleiche: «Wie positionieren wir uns gegenüber den Gratiszeitungen?» Er sei überzeugt, dass es im Konkurrenzkampf mit den Gratisblättern nicht ausreiche, die gleichen Agenturmeldungen einfach ein bisschen ausführlicher zu bringen. «Es braucht Eigenleistungen, um ein Abonnement zu verkaufen.»
Auflageentwicklung meist negativZwischen 2002 und 2005
hat L’Impartial rund 5000, L’Express rund 4000 und Le Quotidien Jurassien rund 3000 Exemplare Auflage verloren. Le Nouvelliste ist mit einem Gewinn von ein paar hundert Exemplaren stabil, Le Journal du Jura mit einem Verlust von ein paar hundert Exemplaren ebenfalls. La Liberté hat fast 1000 Exemplare Auflage gewonnen.Der gleiche Trend gilt für den Vergleich zwischen 2004 und 2005: L’Express hat von 28’491 auf 25’115 verloren, L’Impartial von 20’434 auf 16’529. Le Journal du Jura musste einen Auflagenverlust von 13’146 auf 11’982 hinnehmen, Le Quotidien Jurassien einen solchen von 24’773 auf 22’015. Stabil bleiben La Liberté (38’628 auf 38’606) sowie Le Nouvelliste (43’822 auf 42’790), obwohl erstere den Druck der Gratiszeitungen voll zu spüren bekommt.
Helen Brügger