Produktion Was Agenturen über die neuen Ansätze der vernetzten Produktion wissen sollten…Das Konzept einer vernetzten Produktion ist schnell erklärt: Die Bereiche Sachbearbeitung/Kalkulation, Vorstufe, Druck und Weiterverarbeitung sollen sich mittels technischer Hilfsmittel zu einem grossen Ganzen zusammenfassen lassen. Über jeden Teilprozess lassen sich Stati rückmelden, nachverfolgen oder andere (Teil-)Prozesse anstossen. Denkbar wäre damit eine gläserne Drucksachenproduktion, bei der Auftraggeber selbst den Status einsehen könnten.Erste konkrete Ansätze, die der grafischen Industrie zu einer derart durchgängigen Vernetzung verhelfen sollen, gehen auf das Jahr 1995 zurück. Unter der Federführung der Heidelberger Druckmaschinen AG und gemeinsam mit führenden Firmen aus den Bereichen Druck (z. B. KBA, MAN Roland, Komori), Druckvorstufe (z. B. Adobe, Agfa, Creo, Screen) und Weiterverarbeitung (z. B. Müller Martini, Polar-Mohr, Wohlenberg) wurde das Fraunhofer Institut Grafische Datenverarbeitung (Fraunhofer IGD) in D-Darmstadt damit beauftragt, einen Standard zu definieren, zu begleiten und zu überwachen, der – getragen durch diese Lieferanten – der grafischen Industrie zu einer vernetzten und damit effizienteren Produktion verhelfen sollte. Verfolgt wird dabei der auch als CIM bzw. Computer Integrated Manufacturing bekannte Ansatz, den auch andere Industrien kennen und anwenden.
CIP3 – der erste StreichDa das Fraunhofer IGD noch andere Aufgaben wahrnimmt, wurde innerhalb des Instituts und zusammen mit den Initianten ein Konsortium gegründet. CIP3 – als Abkürzung für «Cooperation for the Integration of Prepress, Press and Postpress» – sollte den drei Bereichen Vorstufe, Druck und Weiterverarbeitung bzw. den «3P» zum Durchbruch verhelfen. Sollte, denn der Ansatz blieb lange ein solcher. Dennoch schaffte es ein kleiner Teil innerhalb dieses Vernetzungskonzepts, in der Branche Furore zu machen. Konkreter wurde der vom Fraunhofer IGD entwickelte Datencontainer PPF (Print Production Format) als Transportwerkzeug für Maschineneinstellungen verwendet. Da dieser Ansatz nur schon Sinn macht, weil sich Druckereien ein teures Plattenlesegerät sparen können und sich zusätzlich die Rüstzeiten an Druckmaschinen deutlich verkürzen lassen, war CIP3 in der grafischen Industrie plötzlich ein Thema. Das CIP3-Konsortium hat es in der Folge nicht verstanden, dass in der Branche der Name der Organisation und die Funktion des Datencontainers auseinandergehalten wurden. Lange wurden CIP3- statt richtigerweise PPF-Daten zwischen Systemen ausgetauscht.
Für die administrative Verknüpfung der drei Bereiche Vorstufe, Druck und Druckweiterverarbeitung war eine elektronische Auftragstasche zuständig. Dieses «portable Jobticket», kurz PJTF, war dafür zuständig, die nicht-technischen administrativen Daten von einem zum anderen Bereich weiterzuleiten – also nicht die Daten zur Maschinensteuerung, sondern die auftragsbegleitenden Informationen wie Auflage, Papierqualiäten, Grammatur und Kontaktadressen des Auftraggebers.
Vernetzung 2.0Seit der Formierung des CIP3-Konsortiums ist viel passiert. Das Datenformat PDF hat sich in der Vorstufe seinen Platz als Ausgabeformat erkämpft, das Internet samt seinen Technologien hat sich etabliert. Und der «Datencontainer-Transport» via PPF wurde zum Auslaufmodell. Erneut hat sich eine Interessensgruppe formiert – dieses Mal die Unternehmen Heidelberger Druckmaschinen, MAN Roland, Adobe und Agfa –, um den veränderten Bedingungen Rechnung zu tragen und um den Vernetzungsansatz auf neue, standfestere Beine zu stellen.
Aus diesem Ansatz wurde aber nicht CIP3.1, sondern CIP4. Der Namenswechsel geht mit dem neuen Ansatz einher, die Prozesse (damit erklärt sich das vierte «P») stärker in den Vordergrund zu rücken. Und von diesen Prozessen wurden unter dem Dach der «Cooperation for the Integration of the Processes of Prepress, Press and Postpress» seit seiner offiziellen Vorstellung im Jahre 1999 unzählige definiert.
Auch der Ansatz bei CIP4 ist ein ganz anderer. Nicht mehr an einem linear, von «links nach rechts» bzw. von Pre- nach Postpress verlaufenden Modell soll sich die Drucksachenproduktion in Zukunft orientieren, sondern an einem netzartigen Konzept, das unterschiedlichste Prozesse in sämtlichen Richtungen miteinander verknüpft. Paradigmenwechsel auch bei der Technologie: Der PPF-Datencontainer samt begleitendem Jobticket wurde durch ein auf einem modernen, XML (eXtended Markup Language) basierenden Job Definition Format (JDF) ersetzt, das den zu produzierenden Druckauftrag gänzlich beschreibt.
Aus heutiger Sicht lässt sich festhalten, dass das, was unter dem Schlagwort Web 2.0 zusammengefasst ist – also die Weblog- und Podcast-Ansätze samt der damit einhergehenden Technologien wie etwa RSS oder Ajax –, in der grafischen Industrie mit dem Relaunch der vernetzten Produktion innerhalb CIP4 einhergeht. So kann man bei CIP4 durchaus von einer «Vernetzung 2.0» sprechen.
Wozu das Ganze?Zum einen werden Druckereien und Verpackungsbetriebe dank Technologien wie das vom CIP4-Konsortium mit- und weiter entwickelte Format Job Definition und das ergänzende Job Messaging Format (JDF/JMF; siehe Kasten) in die Lage versetzt, die Abwicklung von Druckaufträgen effizienter zu gestalten. Weniger Leerläufe, kürzere Einrichtzeiten bedeuten höherere Produktivität. Diese Vorteile dürften anfänglich aber knapp die Aufwendungen decken, die von den Unternehmen getragen werden müssen, um die Investitionen in JDF-kompatible Maschinen zu finanzieren. Mittel- und langfristig dürften die Druckereien von der «vernetzten Produktion» profitieren – und sei es nur in Form einer verbesserten Kundenbindung.
Dank dem Vernetzungsansatz wird die Druckerei bezüglich ihrer Auskunftsfähigkeit aussagekräftiger, da die Stati einzelner Prozesse (Platten belichtet? Druck fertig?) jederzeit abgefragt werden können. Interessanterweise wird diesem Aspekt noch zu wenig Beachtung geschenkt. Dabei interessiert neben dem Preis doch der Produktionsstatus die Drucksacheneinkäufer in Agenturen und Unternehmen am meisten.
Jürgen Franck
Job Definition und Job Messaging Format spannen zusammenBasis des Job Definition Format (JDF)
ist XML (eXtensible Markup Languge). Dank dieser standardisierten Markierungssprache ist ein Datenaustausch zwischen verschiedenen Systemen möglich. JDF verbindet auftragsbeschreibende Daten (Auflage, Kunde, Termine etc.) mit produktionsrelevanten Daten (Formate, Farbzonenparameter, Papierdicken, Prepressparameter) und integriert die bis dahin für spezifische Anwendungen entwickelten Formate wie Jobtickets (PJTF), Print Production Format (PPF) und IFRAtrack (ursprünglich speziell für die Bedürfnisse der Zeitungsproduktion entwickeltes Format). Zu den mehr produktionsorientierten Prozessen können nun auch die kaufmännischen Prozesse (Arbeitsvorbereitung, Vor-/Nachkalkulation) abgebildet und integriert werden. Der Hauptvorteil dieses Standards liegt darin, dass JDF gleichzeitig auch eine Schnittstelle ist und sich via dieser Systeme und Technologien unterschiedlicher Hersteller zu einem Workflow zusammenfassen lassen. Voraussetzung ist ein so genannter Interoperability-Test, den jedes Produkt/jede Lösung absolvieren muss, um JDF-konform zu sein.JMF ist die nicht weniger interessante Komponente.
Da auch das Job Messaging Format XML-basierend ist und sich, wie der schon Name verrät, um die Kommunikation kümmert, sind dank dieser Komponente zukünftig viele Optionen offen. So ist es möglich, via dieser Schnittstelle zum Beispiel Webseiten zu aktualisieren (zum Beispiel zum Anzeigen eines Status) oder gar SMS- oder E-Mail-Meldungen zu versenden. XML erlaubt zudem die Verbindung von Produktionssystemen mit zum Beispiel Warenwirtschaftssystemen, was weitere Möglichkeiten erschliesst. (jf)