Magazine Neuerdings verkauft der Beobachter Wein. Die Glaubwürdigkeit leide nicht darunter, meinen Verlag wie Redaktion. Auch soll das Beratungsangebot teils kostenpflichtig werden. Die «Auswahl ausgesuchter Schweizer Weine im preisgünstigen Degustierpaket» stammt weder von einem Winzer, noch von einem Weinhändler. Absender des Werbefaltblattes ist der Beobachter, das Konsumentenmagazin aus dem Jean Frey Verlag. Die Tropfen werden gar «vom Beobachter sorgfältig selektioniert und empfohlen». Haben sich ein paar Redaktoren nach Feierabend als Testtrinker zur Verfügung gestellt und für die Leserschaft die besten Weine gezwitschert? Mitnichten. Auch wenn auf Grund der expliziten Empfehlung ein anderer Eindruck entstehen mag, bei der Weinaktion handelt es sich um ein Vorhaben des Verlags. «Die Chefredaktion war von Anfang an darüber informiert und hatte nichts dagegen einzuwenden», sagt Beobachter-Verlagsleiter Roland Wahrenberger. Das bestätigt Chefredaktor Balz Hosang.
Trotz dieser Transparenz gab die neue Rolle als Weinhandlung intern Anlass zu Diskussionen. Dem Unbehagen darüber, dass der Verlag des renommierten Blattes selbst ein Produkt verkauft, das normalerweise von der Redaktion kritisch begutachtet wird, soll künftig Rechnung getragen werden. «Vor weiteren Aktionen möchte die Redaktion eine grundsätzliche Diskussion mit dem Verlag führen», sagt Hosang.
Weitere Angebote beschlossenass weitere Aktionen folgen werden, ist beschlossene Sache. So steht es auch in der Werbung für die «ausgesuchten Schweizer Weine»: «Regelmässig stellen wir für Sie Angebote aus den verschiedensten Bereichen zusammen.» Noch haben die Verantwortlichen nicht entschieden, was sie der Leserschaft als Nächstes andrehen wollen. «Natürlich nicht irgendetwas», so Wahrenberger, «sondern Sachen, die unsere Leserschaft goutiert. Dabei steht die Qualität im Vordergrund.» Die Weinaktion sei ein «erstmaliger Test». Nur ein kleiner Teil der Abonnenten habe die Werbung erhalten. Negative Reaktionen seien ihm nur vereinzelte bekannt, so der Verlagsleiter, «aber das ist normal». Auch dem Chefredaktor ist kaum Kritik bekannt: «Das Produkt scheint insgesamt gut angekommen zu sein.» Balz Hosang ist zudem überzeugt, dass die Glaubwürdigkeit der Marke Beobachter auf Grund der neuen Leseraktionen nicht gefährdet sei.
Auf Einnahmen aus dem Weinverkauf ist der Beobachter offenbar nicht angewiesen. Bei der Aktion gehe es in erster Linie um Leserbindung. «Wenn sie zusätzlich etwas Geld abwirft», so Verlagsleiter Wahrenberger, «kommt uns das durchaus gelegen.»
Unabhängigkeit gefährdetFür die Konkurrenz kämen Aktionen, wie sie der Beobachter nun eingeführt hat, nie in Frage. Unabhängigkeit sei für eine Konsumentenzeitschrift zentral, sagt René Schuhmacher, publizistischer Leiter des Magazins K-Tipp. «Als Zeitschrift, die regelmässig Tests veröffentlicht, sind wir nur dann glaubwürdig, wenn wir alle Anbieter gleich behandeln. Das wäre nicht mehr der Fall, wenn wir mit einzelnen zusammenarbeiten, mit andern nicht.» Für unproblematisch hält Schuhmacher den Verkauf von Büchern oder anderen Informationsträgern, die Inhalte aus der Zeitschrift aufgreifen oder vertiefen. «Informieren ist eine Aufgabe, verkaufen eine andere», so der K-Tipp-Chef. «Wir beschränken uns aufs Informieren.»
Kostenpflichtige BeratungNicht nur der Verkauf von Wein und weiteren Produkten wird mittelfristig ein paar zusätzliche Franken in die Beobachter-Kasse spülen. Einnahmen generieren wird möglicherweise auch ein neues Beratungsangebot. Chefredaktor Hosang bestätigt: «Wir prüfen die Einführung von kostenpflichtigen Beratungen.» Gratis bleiben soll das aktuelle Angebot. Wer den Beobachter-Experten jedoch ein komplexeres Anliegen unterbreitet, müsste künftig in die Tasche greifen. Mit den Gebühren soll ein Beitrag an den Personalaufwand des Beratungszentrums – gegenwärtig drei Millionen Franken pro Jahr – geleistet werden. Preismodelle sowie eine Definition, ab wann eine Anfrage als «komplexer» gilt, sind noch nicht bekannt.
Nick Lüthi
Angsttriebe beim Beobachter?Stagnierende Reichweiten und sinkendes Image
bereiten dem angesehenen Magazin, das in breiten Kreisen der Bevölkerung als Institution gilt, Sorgen. Laut Wemf hat die Schweizer Illustrierte den langjährig zweitplatzierten Beobachter an Reichweite überrundet. Kein Wunder, greifen die Macher zu Leserbindungsaktionen und versuchen, in Nebengeschäften das Heil zu suchen, um die Leserschaft bei Laune zu halten. Offenbar liessen sich die Macher
von der Süddeutschen Zeitung inspirieren, die vor kurzem in den Weinhandel eingestiegen ist. Wie weit sich die Markendehnung bewährt, bleibt abzuwarten. Der seit Jahrzehnten tätige Beobachter-Beratungs- und Rechtsdienst soll teilweise kostenpflichtig werden, ein weiteres Indiz dafür, dass man es mit alteingesessener Beobachter-Tradition weniger ernst nimmt. (rw) Scharf beobachteter BeobachterWie die Zürcher Wochenzeitung WoZ
unlängst berichtete, will der Jean Frey Verlag ab 1. Januar 2007 seinen Mitarbeitern – und damit auch der Redaktion des Beobachters – bei der Arbeit genauer auf die Finger schauen. Von «Big-Brother-Praktiken» ist die Rede im WoZ-Artikel. In einem Papier, das Jean-Frey-CEO Filippo Leutenegger seinen Angestellten zukommen liess, wird festgehalten, dass «bei Bedarf» die Protokollierung des E-Mail-Verkehrs, der Telefonate sowie der Internet-Nutzung vorgesehen sei. Man wolle sich so vor «allfälligem Missbrauch» schützen, lautet die Begründung für die Überwachungsmassnahmen. Der Zürcher Datenschützer Bruno Baeriswyl
kritisiert das Vorhaben. Die Richtlinie sehe eine sehr weitgehende Überwachung vor, «ohne klare Abgrenzung zum Schutz der Privatsphäre der Mitarbeitenden.» (nl)