Wettbewerb Die Leserinnen und Leser der Werbewoche haben abgestimmt und Peter Felser, CEO Spillmann Felser Leo Burnett, mit 28 Prozent zum Werber des Jahres gewählt. Der Stratege und Topkreative verrät uns, was es mit seiner Karriere auf sich hat.Über seinen Einstieg in die Werbung:«Viele sagen, sie hätten es immer gewusst, dass sie in die Werbung wollten. Ich nicht. Es war ein Zufall. Ich habe in Fribourg Wirtschaft studiert und am Schluss des Studiums noch kein konkretes Berufsziel angestrebt. Das war natürlich auch eine Zeit, in der es einfach war, einen Job zu finden. Wir haben es wirklich schön gehabt. Ich durfte entscheiden: Will ich zur UBS, zu Nestlé oder zu IBM? Dann habe ich zufällig gehört, dass Advico einen Doktoranden in der Marketingabteilung sucht. Einen, der 50 Prozent arbeitet und 50 Prozent an seiner Dissertation schreibt. Ich fand, das tönt eigentlich gut, vor allem nur 50 Prozent dort arbeiten und so langsam in die Arbeitswelt einsteigen. Dann habe ich die Agentur angeschaut – und es hat mich fasziniert, dass ich für sehr viel verschiedene Branchen arbeiten konnte. Werbung ist tatsächlich sehr abwechslungsreich. Deshalb bin ich der Werbebranche treu geblieben.»
Über den Kampf Kreation gegen Marktforschung:«Damals, 1986, gab es einen Glaubenskrieg zwischen den Kreativen und den Marktforschern. Diese wurden hochstilisiert als die Kreativitätskiller, die Werbetester, die alles Kreative kaputttesten. Ich wollte deshalb in meiner Doktorarbeit untersuchen, wieso die einen testen und viel Werbeforschung betreiben und andere nicht. Mit dieser empirischen Untersuchung habe ich mich einerseits intensiv mit Werbeforschung beschäftigen können und gleichzeitig Einblick bekommen in die verschiedensten Branchen. Zusammenfassend habe ich herausgefunden: Werbeforschung wird gemacht, weil die Auftraggeber eine Absicherung suchen. Es hat keinen Zusammenhang mit der Branche oder dem Know-how, sondern mehr mit der Struktur des Unternehmens. Einfach ausgedrückt: Je mehr Hierarchien es gibt, desto mehr wird getestet. Wenn der Inhaber selber entscheiden kann, dann sagt er schneller: Komm, das machen wir.»
Über 16 Jahre bei Advico:«Bei Advico habe ich als Junior Marketing Assistent angefangen und 16 Jahre später als CEO und Delegierter des Verwaltungsrates aufgehört. Eigentlich ein langweiliger Lebenslauf. Oder auf jeden Fall einer, der nicht unbedingt den Management-Büchern entspricht, in denen steht, dass man alle drei bis vier Jahre die Unternehmung wechseln soll, um möglichst viele verschiedene Einblicke zu erhalten. Ich habe aber festgestellt: Man kann auch verschiedene Erfahrungen machen, wenn man am gleichen Ort bleibt und alle anderen wechseln. Das Erlebnis ist das gleiche. Vielleicht ist es sogar noch besser, wenn man am gleichen Ort bleibt, weil man dann auch selber ausbaden muss, was man angerichtet hat – aber auch sehen kann, was man bewirkt.»
Über sein Bewirken:«Bei Advico habe ich 1989 die Fusion mit Young & Rubicam erlebt. Wir sind von der schweizerischen Agentur zu einem internationalem Unternehmen gestossen. Young & Rubicam waren die kreativen Überflieger und Advico eher strukturiert und bodenständig. Zusammen eine gute Ergänzung, was damals die Agentur sicher nach vorne gebracht hat. 1991 habe ich die strategische Planung aufgebaut – Account Planning. Das war die erste solche Abteilung, die es in der Schweiz gegeben hat. Wir haben uns ganz intensiv mit Strategien befasst, Studien über das Konsumentenverhalten realisiert und den Brand Asset Valuator entwickelt. Das hat mir sicher geholfen, ein persönliches Verständnis für Markenführung aufzubauen. »
Über die Agenturgründung:«Wir fühlten uns wohl bei AY&R und haben uns auch sehr stark mit der Agentur identifiziert. Dann hat sich die Situation verändert, eine britische Finanzholding hat die Agentur übernommen, und ab diesem Zeitpunkt gab es unterschiedliche Auffassungen über die strategische Ausrichtung der Agentur. Als Vollblutwerber war unsere Entscheidung schnell klar. Am 1. Juli 2002 haben wir die eigene Agentur gegründet. Im Nachhinein können wir sagen, es war ein sehr guter Entscheid, ein tollkühner auch. Aber es war richtig, und wir haben genau das erreicht, was wir wollten: eine schöne Agentur. Wir sind selbstständig, unser eigener Herr und Meister – und das macht wirklich Spass.»
Über Wachstum:«Angefangen haben wir mit zehn Leuten. Heute sind wir über 50. Das starke Wachstum macht uns allerdings kein Bauchweh. Wir haben schon mal eine über 100-köpfige Agentur erfolgreich geführt. Die Grenzen setzen wir uns auch selbst mit der Grösse des Agenturgebäudes. Wir fühlen uns sehr wohl an der Aemtlerstrasse und wollen nicht mehr umziehen. Wir haben bald eine optimale Grösse erreicht.»
Über feste Strukturen:«Es braucht eine gewisse Grösse, um überhaupt wirken zu können. Uns ist auch wichtig, dass wir die Mitarbeiter um uns haben können. Man kann ihnen in die Augen schauen und nicht nur über ein virtuelles Netzwerk verkehren. Die direkte Anwesenheit ist gut, weil die Mitarbeiter verantwortungsbewusster arbeiten. Man badet aus, was man angerichtet hat, und man arbeitet auch langfristiger mit den Kunden zusammen. Immer nur dieses situative Zusammenwürfeln – daran zweifle ich.»
Über Teamarbeit:«Mit Martin Spillmann und Rolf Zimmermann arbeite ich seit 20 Jahren zusammen. Wir sind ein Team von Partnern, die für Werberverhältnisse bereits Lichtjahre erfolgreich zusammenarbeiten. Dieses gut eingespielte Team ist sicher ein wesentlicher Grund für den Erfolg. Wir verstehen uns blind. Das realisieren und schätzen unsere Kunden.»
Über das Netzwerk:«Die Zusammenarbeit mit Leo Burnett ist von gegenseitigem Respekt geprägt. Mit dem Netzwerk können wir auch etwelche Kunden von hier aus weltweit betreuen, zum Beispiel Mammut, Carl F. Bucherer oder Schweiz Tourismus, für welche wir weltweite Projekte betreuen.»
Über Michael Conrad:«Der ehemalige Kreativchef von Leo Burnett ist Mitglied unseres Verwaltungsrates. Wir fanden, dass wir im Verwaltungsrat auch Aussenstehende haben sollten – und da hat man gerne Leute, die etwas vom Geschäft verstehen, Werber sind und nicht nur Anwälte oder Banker. Er ist für uns die ideale Besetzung für einen Verwaltungsrat.»
Über den Wandel seiner Arbeit:«Im Gegensatz zu gewissen Netzwerkagenturen vergeuden wir unsere Zeit nicht mit internen Reportings. Hier kann ich meine Kräfte und Energie wieder voll auf die Kunden konzentrieren. Alle Partner setzen 100 Prozent ihrer Zeit für unsere Kunden ein, und wir haben intern herzlich wenig Diskussionen. Wir reden intern auch wenig über unsere Agenturphilosophie, weil es für uns völlig klar ist, in welche Richtung wir gehen wollen. Und wir müssen auch nicht bei Leo Burnett international rapportieren. Also können wir richtig arbeiten für unsere Kunden.»
Über das Ziel:«Ja, wir wollen an die Spitze. Als wir unsere Agentur gegründet haben, sagten wir klar: Wir wollen die beste Agentur der Schweiz werden und nicht irgendwie Nummer 12 oder 25. Unter «bester Agentur» verstehen wir die optimale Kombination von fundierter Strategie, herausragender Kreativität und unternehmerischer Beratung. Dazu braucht es auch eine gewisse Grösse.»
Über seine schönsten Arbeiten?«Stolz bin ich auf Kampagnen, die einen klaren Kerngedanken haben und über Jahre erfolgreich laufen. Ich denke an die Spots für die Kantonalbanken («Gemeinsam wachsen»), an die Annabelle-Kampagne («Frauen sind so.») oder an den Swiss-Life-Auftritt («Bereit für die Zukunft.»). Die schönsten Arbeiten sind allerdings auch immer die aktuellsten: Mammut (Mary Woodbridge), Schweiz Tourismus (WM-Spot), Migros Mode (Models) und die Tages-Anzeiger-Kampagne mit den Gemeindewappen.»
Über den Stil der Agentur:«Wir versuchen die zu bewerbende Marke immer in den Vordergrund zu stellen, was dann die Tonalität und den Stil ergibt. Was wir allerdings wollen, ist, jedes Mal das Maximum rauszuholen. Möglichst gute Werbung machen. Gute Werbung bewegt etwas, berührt. Das kann einmal mit Humor sein, ein anderes Mal arbeiten wir mit grossen Emotionen, ein drittes Mal ist es überraschend, macht betroffen und ist sehr ernsthaft. Wir wollten nie einen typischen SFLB-Stil haben.»
Über die Medienwirkung von Werbung:«Absicht ist es schon, aber man kann es nicht strategisch steuern. Man kann mithelfen, dass es passiert, indem Themen aufgegriffen werden, die relevant sind. Wenn wir das schaffen, dann nehmen die Medien unsere Werbung auf. Mammut war diesbezüglich ein Renner und hat weltweit Diskussionen ausgelöst. Der Film für Schweiz Tourismus ebenso. Über diesen Spot wurde viel berichtet. Die Wirkung wurde somit redaktionell verlängert. Dies führte weltweit zu sage und schreibe zusätzlichen 750 Millionen Kontakten.»
Über Veränderungen in der Werbung:«Dass es neue Kanäle gibt, neue Methoden, um an den Konsumenten zu kommen, ist unbestritten. Das sind grosse Veränderungen. Aber ob die Denke deswegen eine ganz andere sein muss, bin ich nicht sicher. Es geht nach wie vor darum, den Konsumenten effizient zu erreichen und mit der richtigen Botschaft begeistern zu können. Ob dann die Idee im Internet, im Kino oder auf einem Plakat zum Tragen kommt, ist sekundär. Nach meinem Gefühl überschätzt man auch die Kreativität der Konsumenten. Es gibt Leute, die sagen, die Kreativität werde vom Konsumenten eingebracht, Stichwort MySpace, YouTube. Es ist nicht so, dass alles, was dort drin ist, einfach zum riesigen Erfolg wird und Millionen Leute das sehen wollen. Es hat ein paar tolle Ideen, aber es gibt auch Millionen von Flops. Einfach zu glauben, man könne die Markenführung dem Konsumenten überlassen, das finde ich zumindest fragwürdig.»
Über sein Engagement als Dozent:«Wie viele andere auch, habe ich am Sawi bei den Werbeleitern unterrichtet. Zusammen mit meinen Kollegen von der Account Planning Group habe ich das Intensivseminar Strategische Beratung für den BSW auf die Beine gestellt. Jetzt werden wir ein neues Seminar zum Thema Werbewirkungsforschung initiieren. Es ist wichtig, dass Werber wissen, wie man den Erfolg messen kann. Ich unterrichte auch an den Fachhochschulen Olten und Winterthur sowie an der Universität St. Gallen. Das ist eine Bereicherung. Der Erfahrungsaustausch ist hochinteressant.»
Über persönliche Ziele:«Wir wollen auch Spass an der Arbeit haben. Das war eine der Hauptmotivationen, wieso wir selber angefangen haben. Wir wollen bestimmen können, für wen wir arbeiten – und für wen nicht. Und da kann ich sagen: Wir haben ein ganz tolles Kundenportfolio. Kunden, die zu uns passen. Das hat auch etwas mit dem Alter zu tun. Wir sagen uns: Wir sind noch zu jung, um frustriert einfach irgendetwas durchziehen zu müssen. Aber wir sind auch zu alt, um uns immer wieder zu nerven. Wir sind in einem Alter, wo wir sagen wollen: Es muss stimmen.»
Über seine Orientierung:«Ich habe früher intensiv Orientierungsläufe bestritten, über 50 Wettkämpfe pro Jahr. Insgesamt habe ich etwa 700 Wettkämpfe auf dem Buckel. Am Orientierungslauf gefällt mir, dass man körperlich gefordert wird. Aber man muss auch den Kopf dabeihaben. Ich war mehrfacher Freiburger Meister, bin an nationalen Läufen vorne mitgelaufen und habe gerne in Schweden und Finnland mehrtägige internationale Wettkämpfe bestritten.»
Über seine Familie:«Als Familienvater mit zwei Töchtern (15 und 16) wird es nie langweilig. Das intensive Familienleben hilft mir auch, mit beiden Beinen auf dem Boden zu bleiben und Medienberichte über «die Jugend von heute» richtig einordnen zu können.»
Interview: Andreas Panzeri