Regionalpresse Der multimediale Umbau der beiden Edipresse-Tageszeitungen Tribune de Genève und 24 Heures startet statt zur Jahreswende erst am 21. März – dafür mit einer Revolution.Die Revolution wird digital sein: Die zentrale Rolle bei der Umgestaltung der beiden Edipresse-Regionalzeitungen spielt der neue Internet-Auftritt. Die Zeiten sind vorbei, als sich die Online-Auftritte darauf beschränkten, die Zeitung im Internet zu kopieren. Neu auf dem Web gibt es kontinuierlich aktualisierte Tagesnews, ein englischsprachiges Fenster, Infos zu Freizeit und Kultur sowie eine Plattform mit Blogs von aussenstehenden Experten zu Politik, Wirtschaft und Kultur. Dazu kommt eine von vier Journalistinnen gestaltete Rubrik mit Aktualitäten aus frauenspezifischer Sicht, genannt «Les Quotidiennes», die eigentliche Trouvaille dieser Umgestaltung. «Die regionalen Infos sind je nach Zeitung verschieden, die nationalen und internationalen sind die gleichen, sofern nicht ein spezifischer Genfer oder Waadtländer Blickpunkt notwendig ist», erklärt David Moginier, der Chefredaktor der Régionaux online, der 22-köpfigen Online-Redaktion.Das heisst, beide Zeitungen behalten ihren eigenen Webauftritt, deren Inhalte aber von einer zentralen Redaktion bereitgestellt werden. Dazu kommen die Journalisten in den beiden Printredaktionen, die sich um die Online-Publikationen kümmern. Auch die Lokalredaktionen sind angehalten, die News im Hinblick auf ihre Eignung für mehrere Kanäle – Print, Web, Ton, Bild – zu verfolgen. «Das Ziel ist, auf dem Web sehr viel mehr und anderes zu haben als in den Zeitungen», definiert Thierry Meyer, Chefredaktor von 24 Heures. Und sein Genfer Kollege Pierre Ruetschi, Chefredaktor der Tribune de Genève, ergänzt: «Aufs Web kommen die News, in die Zeitung die vertiefenden Berichte, Kommentare und Analysen.»
Die Übernahme von Online-Inhalten bedingt Umgestaltungen bei den Zeitungen: «Wir wollen den Dialogaspekt, den das Web erlaubt, auch für die Zeitung entwickeln», sagt Ruetschi. Sichtbar wird das crossmediale Konzept mit neuen Rubriken und Gefässen in der Zeitung, aber auch in den durchgestalteten Unterschieden zwischen den beiden Medien. Ruetschi definiert es so: «Das Web ist ein kaltes Medium, mit kurzen standardisierten Artikeln. In der Zeitung kommt der sinnliche und emotionale Aspekt stärker zum Zug, mit verschiedenen, mehr subjektiven journalistischen Formen und graphischen Elementen und einem personalisierten Zugang zur Aktualität.»
Durch die Zusammenlegung der drei Rubriken Schweiz, Wirtschaft und Welt zwischen den beiden Zeitungen wurden Mittel und Kapazitäten freigemacht, die in die Qualität der Lokalberichterstattung investiert werden: «Die Lokalredaktion steht im Zentrum unseres Interesses», sagt Ruetschi.
Für seinen Lausanner Kollegen Thierry Meyer findet die Revolution «vor allem im Kopf» statt: «Unsere Journalisten müssen neue Reflexe entwickeln: Was ist gut fürs Web, was ist gut für Print?» Es gehe nicht darum, dass die Journalisten die gleiche Arbeit zweimal machen müssten, sondern darum, die Interaktion zwischen Zeitung und Web zu optimieren. Der Umbau von 24 Heures dient aber noch anderen Zielen. Die Zeitung hatte im Vorfeld der heutigen Umgestaltung den Schritt gewagt, in vier regionalen Splits zu erscheinen, die den ganzen Kanton Waadt abdecken. Das Konzept verlangte Anpassungen, weil viele Leser das Gefühl hatten, nicht mehr vollständig über kantonale Aktualitäten informiert zu sein. Anfang 2006 reagierte das Blatt mit Korrekturen im Seitenablauf. Jetzt ist der zweite Teil der Anpassung fällig. Sie ist zum einen optisch: Das Logo 24 Heures ist in der Splitausgabe stärker präsent, und der regionale Bund erscheint nicht mehr mit einer eigenen Aufschlagseite. Auch inhaltlich wird das Splitkonzept gemildert: «Es gibt mehr Platz für kantonale und andere gemeinsame Informationen», erklärt Meyer. Ausserdem ermöglichten die technischen Bedingungen nun unterschiedliche Seitenzahlen der Regionalausgaben. «Das ist wichtig, weil wir in der Lausanner Ausgabe mehr Werbung haben als in den andern. Es ist nicht einsichtig, dass das auf Kosten der redaktionellen Inhalte gehen soll.» Für Meyer ist entscheidend, die Leser von 24 Heures überzeugen zu können, dass sie in ihrer Zeitung «alle Informationen erhalten, die sie von einer Vollzeitung erwarten können, und dazu als Plus die lokalen und mikrolokalen Infos.»
Wie die Tribune setzt auch 24 Heures auf eine Personalisierung der regionalen Aktualität etwa in Form von Portraits. Mit Debatten und mit der Übernahme von Umfragen oder Lesermeinungen vom Web soll auch der Print interaktiven Charakter erhalten. Und schliesslich hat sich das Lausanner Blatt von Readerscan-Ergebnissen (elektronische Erfassung der Lesegewohnheiten durch Markierung gelesener Artikel mit einem elektronischen Stift) davon überzeugen lassen, die zweite Seite der Tribune, eine viel gelesene Sammlung von Kürzestnachrichten aus aller Welt, zu übernehmen. Werden die beiden grossen Tageszeitungen am Genfersee sich in Zukunft also – ausser in regionalen Aspekten – gleichen wie ein Ei dem andern? «Aber nein, die Marken Tribune de Genève und 24 Heures werden sogar noch stärker. Die Redaktionen breiten die Informationen so auf, dass sie für ihre Region und ihr Medium am relevantesten werden», versichert Meyer. Die Koordination zwischen den drei Redaktionen – den Printredaktionen einerseits, Print und Online andererseits – verspricht spannend zu werden. «Ganz einfach wird das nicht», gibt Meyer zu.
Feministisch nein, engagiert jaDie ehemalige Fernsehjournalistin Madeleine von Holzen
kümmert sich um die neue Online-Rubrik «les Quotidiennes». «Wir machen aber weder ein Frauen- noch ein feministisches Magazin», sagt sie. Das Ziel ist, die Aktualität aus frauenspezifischer Sicht aufzuarbeiten, mit Recherchen, aber auch in Form von täglichen Kommentaren, Foren, Portraits und Interviews. Hauptsächlich wird mit Text gearbeitet, aber auch – «in ganz bescheidenem Ausmass», so von Holzen – mit ein bisschen Ton und Bild. «Mir ist aufgefallen, dass viele junge Frauen Mühe mit einer Frauenrolle haben, die sich im Spannungsfeld zwischen Beruf und Familie sehr schnell verändert», sagt sie. In den «Quotidiennes» sollen die Frauen «stärker sichtbar» werden, die ihren eigenen Weg gefunden haben – sei es die Direktorin eines grossen Unternehmens, die Biobäuerin oder die Schauspielerin.
Ein weit gespanntes Netz von Politikerinnen, Chefinnen oder Wissenschaftlerinnen wird für den täglichen Kommentar angefragt, in den ebenfalls dauernd geführten Foren sollen grundsätzliche gesellschaftliche Themen behandelt werden. Einmal pro Woche wandern die «Quotidiennes» vom Web mit einer ganzen Seite in die beiden Zeitungen ab, ansonsten erfolgt die Zusammenarbeit punktuell und pragmatisch, je nach Thema. «Feministisch sind wir nicht», unterstreicht von Holzen, «aber engagiert ganz sicher!»
Helen Brügger