Bob Greenberg, Chairman, CEO und CCO von R/GA, ist ein Werber wie aus dem Bilderbuch. An einem Seminar in Cannes sprach er über Handy-Werbung, welche die dritte Dimension im Marketing darstellen kann, über «Digital Immigrant» und über Diskrepanzen zwischen den Vorstellungen der Agenturen und jenen der Nutzer. Werbewoche-Korrespondent Beat Fritsch berichtet von Greenbergs Präsentation. Bob Greenberg, Chairman, CEO und CCO von R/GA, ist ein Werber wie aus dem Bilderbuch. Immer schwarz angezogen, noch vor drei Jahren mit den werbetypischen Accessoires am Gürtel voll vernetzt: PDA, Handy, Digitalkamera und MP-3-Player gehörten zu seiner Grundausrüstung – heute allerdings nur noch mit einem Gerät unterwegs. Und das war auch das Thema von Greenbergs Präsentation «The third screen becomes the first screen», die er zusammen mit Anssi Vanjoki, Executive Vice President und General Manager Multimedia bei Nokia, abhielt.Die enge Beziehung zwischen Werber und Konsument ist von der Technologie aufgebrochen worden. Der dritte Bildschirm (i. e. das Handy-Display) wird zum ersten Bildschirm werden, so die Kernthese von Greenberg und Vanjoki. Dabei wird die Nutzungszeit des Mobile Devices diejenige des PC überholen.
Dazu müssen sich aber die Kreativen Gedanken machen, wie sie ihre Inhalte aufs Handy bringen. Denn das Fernsehen passt bekanntlich nicht in den PC, und der PC passt nicht ins Handy. TV ist ein narratives Medium, Storytelling fürs Massenpublikum also. Der PC ist mehrheitlich Arbeitsinstrument oder Spielzeug. Das Handy hingegen könnte schon zu Beginn des nächsten Jahrzehnts zum content-orientiertesten Werbemedium werden.
Das Stichwort heisst 3D-Marketing; 2D-Marketing würde heissen, die richtige Message zur richtigen Zeit – die Erweiterungsdimension heisst Location oder Standort. Denn die richtige Mobile-Werbung zur rechten Zeit am richtigen Standort kann einen sofortigen Werbe-Impact verursachen.
Dazu einige Zahlen, mit denen Greenberg das Potenzial von Mobile Marketing aufzeigte: Weltweit gibt es drei Milliarden Handy-User. Bis es eine Milliarde waren, vergingen 20 Jahre, die nächste Milliarde kam nach weiteren drei, die dritte Milliarde nur noch in zwei Jahren dazu. 50 Prozent der 18- bis 24-Jährigen sagen, sie könnten nicht ohne ihr Handy leben. Über ihr TV-Gerät sagten das nur 20 Prozent.
Die Werber müssen sich nun fragen, was das bedeutet, dass jeder sein Handy immer dabei hat. Es heisst beispielsweise, dass die Hälfte der Erdbevölkerung via Handy angesprochen werden kann.
Eine Schwierigkeit der Werber fürs Digitalverständnis ist, dass sie keine «Digital Natives» sind, sondern «Digital Immigrants». Die erste Generation der «Digital Natives» kommt jetzt aber ins konsumfähige Alter. Diese Tatsache wird oft komplett unterschätzt – es wird hier keinen fliessenden Übergang geben.
Bereits heute werden Handys nicht nur zum Telefonieren gebraucht. Für 76 Prozent ist es auch Kamera, für 64 Prozent ein Music-Player, für 54 Prozent eine portable Game-Konsole und für 48 Prozent ein Internet-Interface. Kurz: Das Handy wird dereinst die Hauptplattform für digitale Nutzung werden und vom Ohr weg vor die Augen wandern. Bereits heute werden monatlich 350 Milliarden SMS versendet, schon 2011 sollen aber die Spendings für Video-Anwendungen auf dem Handy diejenigen für SMS überflügelt haben.
Das Handy wird zum Konvergenzinstrument, dessen neue Einsatzmöglichkeiten die Werbung fundamental verändern werden, so Vanjoki. Das zeige auch der Werbe-Claim fürs neueste Nokia-Produkt N75: «It’s what the PC has become».
Was ist nun aber zu tun, wenn die besten Kreativideen durch technische Unzulänglichkeiten gekillt werden? Amerikaner bringen beispielsweise ein Gerät in den Laden zurück, wenn sie dessen Anwendungsmöglichkeiten nicht nach 20 Minuten gecheckt haben. Die Konsequenz ist, dass unbedingt eine Balance hergestellt werden muss zwischen Bedienerfreundlichkeit und technischer Machbarkeit, zwischen Inhalt und Interface. Denn, so Greenberg: «Die grossen narrativen Ideen, auf welchen unsere Industrie basiert, sind so gut wie irrelevant für die Mobile-Nutzer. Es gibt eine Diskrepanz zwischen den Inhalten, die die Agenturen entwickeln, und dem Content, den der Nutzer wirklich haben will.» Und macht noch schnell ein Foto vom Publikum mit seinem Handy.
Direktwerbespezialist Alex Schmid von der gleichnamigen Dialogmarketingagentur und in Cannes auch schon als Juror tätig, meinte zum Vortrag von Greenberg: «Bob bringts immer schön auf den Punkt. Vor allem der Einbezug der Dimension Standort ins Mobile Marketing ist enorm wichtig, schliesslich werden schon in nächster Zukunft Handy mit GPS-Applikationen erhältlich sein.» Er habe selbst schon für einen Kunden ein Location-basiertes Werbekonzept entwickelt, welches an der Fussball-EM nächstes Jahr zur Anwendung kommen sollte. Denn gerade mit der extrem rasanten Technikentwicklung müsse man im Mobile Marketing proaktiv Konzepte entwickeln, weil die entsprechende Technik schon morgen zur Verfügung stehen könnte, so Schmid. Keine schnelle Adaption, sondern vorausdenkend Technik einplanen, das ist die Zukunft der Werbung.