Magazine Der Spiegel sitzt mit seiner Extrabeilage über die Schweiz vielen, allzuvielen Klischees auf. Lesen wollen das wohl vor allem Deutsche.Besser kann man am Zielpublikum nicht vorbeischreiben, so lautet schnell und reihum das Verdikt über die erste und vorerst einzige Ausgabe einer Schweizer Beilage des Magazins aller Magazine aus Hamburg. Das Matterhorn als Titelbild, Christoph Blocher unter der Axt seines Hodler-Holzfällers, der Zürcher Paradeplatz (den Hort des Bankgeheimnisses illustrierend), die Schweizer Garde in Rom (mit dem tausendfach schon abgedruckten Verrückten, der vergeblich aufs Papamobil zu hechten versucht), DJ Bobo als Uno-Botschafter in Äthiopien, eine rülpsende (Methan verströmende) Kuh auf dem Urner Boden: Die Häufung von Klischees ist beim ersten Blättern geradezu beklemmend. Beim Titel «Weltmacht Schweiz» mögen jene Einheimischen eine (verspätete) Genugtuung empfinden, die sich bisher vom deutschen Blatt eher als reaktionär, steif und überkorrekt porträtiert sahen. Möglich, dass die Redaktion auch selber drauf kam, dass es das ferne Schweizerländle an der EU-Randzone in der Geschichte des Spiegels noch nie mit einem Thema auf die Front geschafft hat.Gewohnt professionellBei allen Klischees kommt die Beilage in gewohnt professionellem Spiegel-Understatement daher, sind die Texte sorgsam recherchiert und autentisch. Die Autoren äussern sich im Editorial, gleich Expeditionsleitern im gefährlichen Dschungel, auch über die Begleitumstände ihrer Nachforschungen. (Redakteur Mathieu von Rohr etwa musste um sieben in der Früh zum Interview mit Frühaufsteher Blocher antreten), allein es fehlt im Blatt am Synonym für die Marke Spiegel, an überraschender Enthüllung. Die Redaktion macht mit ihrem Schweizer Erstling behutsam und gleichsam auf unbekanntem Terrain auf Völkerverständigung. Man knüpft mit einer Exklusivumfrage an die zum Jahresbeginn vom Blick losgetretene Serie über die Invasion der Deutschen in der Schweiz an mit dem Befund, dass es so schlimm nicht sei mit dem Klischee über das schlechte Verhältnis zwischen Schweizern und Deutschen. Immerhin halten 88 Prozent der Schweizer die Deutschen für gastfreundlich. Was das kleine Alpenland zur internationalen Wirtschaftsmacht kürt, illustriert eine doppelseitige Grafik. Spiegel-Korrespondenten haben in Ruanda, Nordkorea, China, Israel, USA, Russland und Nordindien Schweizerinnen und Schweizer in der Fremde ausfindig gemacht und porträtiert, das Befinden von Schweizer Auswanderern in Deutschland darf da natürlich nicht fehlen.
Ebensowenig mangelt es an Opinionleadern vornehmlich aus der Wirtschaft. Spitzenmanager plaudern recht locker aus dem Nähkästchen, über die Vor- und Nachteile des Wirtschaftsstandorts Schweiz im internationalen Vergleich (Vasella, Brabeck, Hayek, Jacobs, Ospel), so, wie sie das gegenüber Schweizer Printmedien nicht unbedingt tun würden. In der Beilage, die sich auch als eine Art Vademecum für Deutsche in der Schweiz lesen lässt, fehlt natürlich auch die Thematisierung des Bankgeheimnisses nicht. Warum allerdings die Schweizer Garde erneut aufgewärmt wird, bleibt nach der schier endlosen Serie bereits erschienener hiesiger Medienbeiträge anlässlich ihres Jubiläums unverständlich. Die Rolle des russischen Milliardärs und Investors Viktor Vekselberg mit seinem flinken Berater und Ex-Botschafter Thomas Borer hier zu Lande ist hingegen eine klassische Spiegel-Story, wie man sie eher im Hauptblatt gewohnt ist. Ob dem Aspekt Kultur, hier mit einem Selbstporträt der Schauspielerin Yangzom Brauen (praktisch eins zu eins der Rubrik «Ein Tag im Leben von» im Magazin des Tages-Anzeigers abgekupfert) zu genügen vermag, sei dahingestellt.
Einmaliger Testversuch?Über die Intentionen der Macher auf dem Schweizer Printmedienparkett halten diese sich weitgehend bedeckt und qualifizieren den Schweizer Split, in der Mitte des Heftes als herausnehmbare 50-seitige Beilage, als vorerst einmaligen Testversuch. Für den Inhalt zeichnen vor allem die Schweizer Fraktion der Hamburger Redaktion (Samiha Shafy, Beat Balzli, Sebastian Ramspeck und Mathieu von Rohr) sowie verschiedene Auslandkorrespondenten.
Auf die 50 Seiten entfallen sieben Seiten Inserate (Mobiliar, Coop, Ernst und Young, TV 3plus, Neue Zürcher Zeitung, Clariant und Orange), wobei davon auszugehen ist, dass – vorausgesetzt der Test war erfolgreich – der Schweizer Split dem Spiegel vornehmlich zur besseren Erschliessung des hiesigen Werbemarktes dienen wird. Nachdem Gespräche über mögliche Kooperationsmodelle zwischen Facts und Spiegel gescheitert und das Tamedia-Nachrichtenmagazin soeben sang- und klanglos beerdigt wurde, nachdem zudem die Wirtschaftszeitung Cash zuvor bereits die Segel streichen musste, werden die Zeichen für die Hamburger auf dem Schweizer Markt nie günstiger stehen als derzeit.
Immerhin warten 45148 enttäuschte Abonnentinnen und Abonnenten von Cash und 54164 ebensolche von Facts auf angemessene Sinnstiftung.
René Worni
Spiegel enttäuscht Schweizer MedienDie Schweizer Medien reagierten verhalten auf den Schweizer Spiegel-Split. Für die NZZ und den Tages-Anzeiger war die Ausgabe eine Enttäuschung. Er richte sich eher an die deutsche als an die Schweizer Leserschaft. Die Artikelauswahl möge zwar für Deutsche spannend sein, «nur sind sie von hiesigen Blätter schon mehrfach geschrieben worden», so der Tages-Anzeiger. Für den Bund ist es klar, dass die Beilage kein Ersatz für das Facts sei. Für das Titelbild habe das klischeehafteste aller Klischees herhalten müssen.
Insgesamt sei das Extra für Schweizer amüsant, bleibe aber ohne grossen Erkenntniswert, so der Bund weiter. Im Allgemeinen sind sich die einzelnen Blätter darin einig, dass dem Spiegel für eine ernsthafte Schweizer-Ausgabe noch eine eigene helvetische Redaktion fehle.