Konzept Erstmals hat die Publisuisse-Tochter MediaSense konkretisiert, wie sie den Swiss Radio Pool und die Radiowerbung voran bringen will. Doch es bleiben Fragen offen – vorab finanzielle.Der 1. Juli 2007 wird in der gut 20-jährigen Geschichte der Schweizer Privatradios gewiss zu einem Meilenstein: Denn an diesem Tag wird die SRG-Vermarkterin Publisuisse in der Privatradio-Vermittlung aktiv. Dieser Eintritt in den rückläufigen Radiowerbemarkt bedeutet, dass neben den Vermittlern IP Multimedia (Goldbach Media), Radiotele (PubliGroupe), Spot Promotion und Cover Media nun noch ein weiterer Player am knapper werdenden Radiowerbekuchen knabbert. Und der Newcomer ist potent: Er ist bereits Marktleader bei der TV-Vermarktung sowie beim TV- und Radio-Sponsoring, geniesst punkto (TV-)Know-how, Service und Preistreue einen guten Ruf und startet zudem mit dem Swiss Radio Pool (SRP) als Partner: 15 meist grosse Verlegerradios der Deutsch- und Westschweiz mit einer Gesamtreichweite von rund zwei Millionen Hörern. Publisuisse hatte den SRP mit einem Konzept überzeugt, das «ein offenes Vermittlungsmodell und den Einsatz des Online-Buchungs- und Abwicklungssystems Publiplan» vorsah. Zudem sollte es gemäss Communiqué vom Frühjahr «den Radiowerbemarkt nachhaltig entwickeln».
Was unter solchen Schlagworten zu verstehen ist, musste Bernhard Krättli in den letzten zwei Monaten konkretisieren. Er ist Geschäftsführer von MediaSense, der neuen Radiotochter von Publisuisse, und er hat das Konzept mittlerweile Vermittlern, Agenturen und Radios präsentiert.
Was zunächst beeindruckt, ist Krättlis offene Radiomarkt-Analyse: IP Multimedias Eintritt in den Radiowerbemarkt vor sechs Jahren habe zwar das Quasimonopol von Radiotele gebrochen, zugleich aber zu einem Verdrängungswettbewerb und nicht zu zusätzlichen Marktanteilen für den Werbeträger Radio geführt, sagt Krättli. Im Gegenteil: Die Brutto-Netto-Schere habe sich geöffnet, im Markt bestünden teils Dumping-Angebote, entsprechend leide das Radio-Image. Die früheren eher politisch motivierten statt kundenorientierten Werbepools und ein etwas antiquiertes Buchungsverfahren per Fax und Email sei dem Medium und dessen Ruf ebenfalls abträglich.
Mit drei Eckpunkten will das MediaSense-Konzept nun einen Ausweg aus dieser Situation weisen: Eine Beteiligung der SRP-Radios am Vermarkter MediaSense, keine Exklusivvermarktung des SRP sowie – als Herzstück – ein effizienteres Handling der Radiowerbung.
Was die Beteiligungsverhältnisse betrifft, so gehört MediaSense bekanntlich zu 51 Prozent der Publisuisse und zu 49 Prozent den SRP-Mitgliedern. «Somit ist MediaSense der einzige Schweizer Radiovermarkter mit Senderbeteiligung», betont Krättli. «Wir versprechen uns davon eine engere Zusammenarbeit zwischen Angebot und Vermarktung.» Beide Parteien sollen mit dieser Beteiligung an MediaSense ihre Stärken einbringen. «Zudem können die Privatradios vom professionellen Image der Publisuisse profitieren. Deshalb wollte der SRP der Publisuisse den Lead überlassen», sagt Krättli.
Um den zweiten Punkt, eine effizientere Abwicklung der Radiowerbung, zu erreichen, stellt MediaSense ihr Online-Buchungstool Publiplan quasi als Branchentool zur Verfügung: Nicht nur der SRP, auch alle Einzelsender, Vermittler und Media-Agenturen sollen einen Zugang erhalten und können dann ihre nationale Radiowerbung darüber abwickeln. «Aber wir zwingen die Sender nicht, sich über Publiplan buchen zu lassen. Es steht ihnen frei, beim heutigen Buchungsprozedere zu bleiben», sagt Krättli. Er weist aber darauf hin, dass ab 2008 auch die Daten aus dem Planungstool Radiomanager bei Publiplan einfliessen werden, was das Handling verbessere. «Das Medium Radio kommt damit auf das Abwicklungsniveau der andern Medien», betont Krättli. Das sei die Grundvoraussetzung, um den Marktanteil des Mediums überhaupt steigern zu können.
Der dritte Punkt: MediaSense hat zwar das Vermarktungsmandat des SRP, aber keine Exklusivpacht. «Alle Vermittler, die dem SRP Werbung zuhalten, erhalten dieselbe Vermittlerkommission, MediaSense inklusive», sagt Krättli. Die einzige Bedingung: Der SRP muss über den Publiplan gebucht werden. Wer dieses Tool beherrscht, kann die Radiowerbung online buchen. Für online buchende Marktpartner stelle MediaSense die effiziente Abwicklung sicher. Wie hoch die Gebühr für die Abwicklung sein wird, will Krättli aber nicht sagen.
Trotz des offenen Systems haben einige Sender Vorbehalte – primär politische (siehe Kasten): Sie fürchten eine zu enge Anbindung an die SRG. Auch bei den Vermittlern zeigt man wenig Begeisterung. Ein möglicher Grund: Sowohl IP Multimedia als auch PubliGroupe sind daran, eigene Tools zu entwickeln, und deshalb kaum bereit, den Publiplan zu übernehmen und für die Abwicklung zu zahlen. «Kein Problem», sagt aber Publisuisse-CEO Martin Schneider, «zwischen den verschiedenen Tools sind Schnittstellen möglich.» Trotzdem ist Publisuisse wohl in der Poleposition. Denn der Publiplan ist bei den grösseren Agenturen für die TV-Buchung längst verbreitet, der Umgang mit der Radioadaption dürfte für diese kein Problem sein. Anders ist dies mit den Tools von IP und PubliGroupe: Sie müssen bei den Agenturen und Radios erst eingeführt werden – doch ob diese mit drei verschiedenen Tools arbeiten wollen, ist eine andere Frage. Die Hauptsache aber: Wenn künftig auch Agenturen das Medium Radio ohne Vermittlerhilfe planen und buchen können, wofür braucht es dann noch Vermittler? Sie werden sich jedenfalls neu positionieren müssen – oder aufgeben.
Fazit: Ob der Markteintritt nur ein Meilenstein ist oder ob er auch zum Wendepunkt für die Branche wird, wird sich erst weisen – in ein bis zwei Jahren, falls Neukunden das Radio als Werbemedium wählen und die Radiowerbung Marktanteile gewinnt. Markus Knöpfli
Wirrwarr um Vermittlerkommission Bucht ein Vermarkter bei einem Sender, erhält er eine Vermittlerkommission (VK) von mindestens 10 Prozent. Bucht Radiotele bei einem seiner Pachtsender, beträgt die VK 12 Prozent oder mehr. Bucht IP Multimedia bei einem Pachtsender der Radiotele, beträgt die VK mindestens 5 Prozent.
Welche VK nun MediaSense gewährt und verlangt, ist unklar. Zwar hat Bernhard Krättli sein System schon allen Vermittlerkonkurrenten vorgestellt, doch die Angaben sind dennoch unterschiedlich. MediaSense verlange von den SRP-Sendern eine VK von 13 Prozent und gewähre allen Vermittlern dieselbe VK, heisst es bei einem Konkurrenten. «Anfangs erhalten wir 10 Prozent, ab 2008 7,5 Prozent», sagt ein anderer. Krättli schweigt. «Ich will diese Zahlen nicht kommentieren», sagt er. (mk)
MediaSense verklagtEnde April gab das Sekretariat der Wettbewerbskommission (Weko) MediaSense grünes Licht. Die Beteiligung des Swiss Radio Pools an der Publisuisse-Tochter sei kein meldepflichtiger Zusammenschluss, hiess es. Unterdessen und noch bevor MediaSense seine Tätigkeit offiziell aufnimmt, ging bei der Weko aber «eine Klage gegen Publisuisse beziehungsweise MediaSense», wie Weko-Sprecher Patrik Ducrey bestätigt. Die Weko gehe nun «möglichen Missbräuchen einer marktbeherrschenden Stellung» nach. Es wurden weitere Unterlagen angefordert. Es sei allerdings noch nicht entschieden, ob tatsächlich ein Verfahren eröffnet werde oder nicht, betonte Ducrey. (mk)
Stimmen zum MediaSense-KonzeptInhaltlich gibt es Fragezeichen zum Konzept von MediaSense. So sei nicht im Detail klar, zu welchen Konditionen die «Nicht-SRP-Radios» partizipieren können, kritisiert Sunshine-Geschäftsführer Marco Meier. Ähnlich tönt es von Christian Gartmann, Geschäftsführer von Radiotele. «Eine Einschätzung des ‚offenen’ MediaSense-Modells und des Publiplan als Radiotool ist derzeit nicht möglich. Dazu stehen zu wenige Informationen zur Verfügung.»
BeO-Senderleiter Martin Muerner begrüsst vor allem, dass MediaSense den Marktanteil der Radiowerbung erhöhen will. Doch an diesem Anspruch will er den Newcomer auch messen: «MediaSense muss es gelingen, in erster Linie neue Kunden ins Radio zu bringen und nicht einfach den bestehenden Vermittlern Kunden abzuwerben.»
Jürg Bachmann, Präsident des Verbandes Schweizer Privatradios, findet es ordnungspolitisch störend, dass der SRP der SRG-Vermarkterin Publisuisse den Zugang zu einem Markt öffne, der bisher privaten Anbietern vorbehalten gewesen sei: «Es ist gesellschaftlicher Konsens, dass die SRG keine Radiowerbung ausstrahlen darf; so stehts im RTVG. Es liegt nun an MediaSense, ihre Unabhängigkeit von der SRG und ihren Einsatz für alle Privatradios zu beweisen.»