Tagespresse Beim Nouvelliste geht es um Geld, politischen Einfluss – und letztlich um die Aufteilung des Marktes zwischen Edipresse und Hersant. Der «combat des reines», das Kräftemessen der schwarzen Kampfkühe im Walliser Sand, ist ein Schleck im Vergleich zum Krieg der Aktionäre um die Walliser Tageszeitung Le Nouvelliste. Die Aktionäre fetzen sich wie Raubkatzen. Le Nouvelliste ist, um bei den zoologischen Vergleichen zu bleiben, ein richtiger Goldesel. Das Monopolblatt des französischsprachigen Wallis schrieb 2006 die besten Zahlen aller Westschweizer Tageszeitungen. Die Herausgeberin Rhône-Média hat ihren Umsatz um fast eine Million auf 40 Millionen Franken steigern können und weist einen Gewinn von 1,3 Millionen Franken aus. Und dennoch bekämpfen sich zwei praktisch gleich starke Walliser Aktionärsgruppen im Ringen um Geld und politischen Einfluss. Jüngst wählten sich die Hauptaktionäre gegenseitig als Verwaltungsräte ab. Als äusserst aktive und interessierte Zuschauer inner- und ausserhalb des Rings: Edipresse und Hersant, die beiden Grossverlage in der Romandie.
Begonnen hat alles vor mehreren Jahren. Die Wettbewerbskommission machte der als marktbeherrschend eingestuften Edipresse-Gruppe zur Auflage, sich aus dem Verwaltungsrat des Nouvelliste zurückzuziehen und ihren Aktienanteil unter die Sperrminderheit von 33,3 Prozent zu senken. Laut Konvention hätte dieses Aktienpaket von gut 4 Prozent an die Walliser Aktionärsgruppe verkauft werden müssen, doch die war sich nicht einig. Weder über den Preis noch darüber, wer die Aktien erwerben dürfe. Zwei praktisch gleich starke Walliser Clans teilen sich rund 60 Prozent der Aktien, und sie müssen gemäss Konvention ihre Entscheide mit einer Mehrheit von zwei Dritteln fällen. Die Folge: Das umstrittene Aktienpaket ist bis heute in der Hand von Edipresse. Der zweite Konflikt brach im Jahr 2003 aus: Der damalige Verwaltungsratspräsident Jacques Lathion wurde abgewählt, weil er sich in einem Brief an die Wettbewerbskommission zu gewagten Äusserungen hatte hinreissen lassen: Die Edipresse-Gruppe missbrauche im Wallis ihre marktbeherrschende Stellung mit dem Ziel, den Konkurrenten Hersant vom Markt fernzuhalten. Unzufrieden mit Lathion und dessen mutmasslichen Kontakten zu Hersant, setzte Edipresse auf dem Umweg über Verbündete im Verwaltungsrat Lathions Absetzung durch. An seine Stelle trat Jean-Marie Fournier. Der sehr konservative Christdemokrat mit Übernamen «König von Veysonnaz» geschäftet mit Immobilien. Er hat auch einflussreiche Verwandte: Sein Cousin Jean-René Fournier ist CVP-Staatsrat. Fournier, so dürfte damals die Einschätzung von Edipresse gewesen sein, sei als Walliser von altem Schrot und Korn wenigstens Garant dafür, dass Hersant aus dem Spiel bleiben werde.
Weit gefehlt. Denn der Kurs der Öffnung weg vom traditionellen CVP-Blatt, den Chefredaktor Jean Bonnard fuhr, war dem neuen Verwaltungsratspräsidenten ein Dorn im Auge. Jean-Marie Fournier wollte die Zeitung aus der Verwirrung eines modernen Forumsblatts zurück auf den Weg des rechten Glaubens führen. Dafür war er bereit, selbst dem Teufel seine Seele zu verkaufen, sprich der Hersant-Gruppe, mit der er sich in ein Techtelmechtel stürzte. Der Deal, soweit er bekannt wurde, hätte Hersant erlaubt, einen Fuss in die Türe des Nouvelliste zu setzen, im Gegenzug hätte Jean-Marie Fournier mehr Einfluss auf die redaktionelle Linie erhalten. Damals kam Fournier nicht weiter, die Sache wurde bekannt. Er selbst sagt, dass er das Angebot von Hersant zwar erhalten, jedoch gleich abgelehnt habe.
Dividendenzahlung verhindertMitte Juni dieses Jahres glaubte Jean-Marie Fournier endlich ans Ziel gelangt zu sein. Er hatte es geschafft, Chefredaktor Jean Bonnard, dessen Politik der Öffnung für die guten Geschäftsresultate mitverantwortlich ist, durch Jean-François Fournier zu ersetzen. Die beiden Fourniers verbinden keine familiären, dafür aber ideologische Bande. Der neue Chefredaktor weiss, was man von ihm erwartet: Dass der Nouvelliste wieder vermehrt Einfluss auf die Walliser Gesellschaft ausübe, und zwar im Geist der katholisch-konservativen und rechtsbürgerlichen Kräfte.
Doch schon wendete sich das Blatt erneut: Praktisch am Tag, an dem der neue Chefredaktor sein Amt antrat, kam es zu einer heftigen Auseinandersetzung an der Aktionärsversammlung. Bereits zum dritten Mal verhinderte Verwaltungsratspräsident Fournier die Auszahlung einer Dividende. Man müsse vorsichtig sein, begründete er seine Haltung gegenüber der Werbewoche, denn die Inserateeinnahmen zeigten eine sinkende Tendenz. Auf der Gegenseite vermutet man, Fournier wolle mit der verweigerten Dividende andere Aktionäre vergraulen. Fourniers Gegenspieler, Versicherungsmann Bernard Donzé, verhinderte dafür alle Anträge des Fournier-Clans. Einmal mehr blockierten sich die gleich starken Aktionärsgruppen gegenseitig, der Streit eskalierte, die vier grössten Aktionäre traten aus dem Verwaltungsrat zurück, um der Schmach einer Abwahl zu entgehen, oder wurden nicht wiedergewählt, Fournier inbegriffen.
Im Verwaltungsrat verblieben vier Kleinstaktionäre. Fournier behauptet, bei drei von ihnen handle es sich um «Leute von Edipresse», der Lausanner Verlag missachte damit die Auflage der Wettbewerbskommission. Wenn die Weko dem tatenlos zuschaue, verliere sie ihre Glaubwürdigkeit. Edipresse reagierte scharf: Mit einem offenen Brief an die vier verbleibenden Verwaltungsräte dementierte der Verlag die Aussagen Fourniers und brachte sich als Vermittler ins Spiel: Das Problem liege bei der Aktionärskonvention, die alle Entscheide blockiere. Sie müsse revidiert werden, damit der Nouvelliste aus der Sackgasse heraus komme. Edipresse sei des Spiels müde, der Reihe nach von den verschiedenen Clans entweder verleumdet oder als Verbündeter behandelt zu werden, der Verlag wolle endlich eine Lösung für die strukturellen Probleme der Zeitung finden.
Mehr zum Vorschlag will Edipresse im Moment nicht sagen. Man wolle die Antwort auf den Brief abwarten, gibt sich Mediensprecherin Sylvia Wuersten undurchdringlich. Es liegt jedoch auf der Hand, dass der Vorschlag zum Stich ins Wespennest werden könnte: Sollte die Aktionärskonvention fallen, könnten die Edipresse-Aktien gekauft werden – beispielsweise von Jean-Marie Fournier. Oder Walliser Aktionäre könnten ihre Aktien verkaufen – beispielsweise an Hersant. Kein Wunder, gibt sich Verwaltungsrat Hildebrand de Riedmatten zurückhaltend: Man wolle Anfang August zur Organisation des Verwaltungsrats und zum Brief von Edipresse Stellung nehmen, wobei eine Änderung der Konvention Sache der Aktionärsversammlung sei. Im Übrigen wolle man die Geschäfte bis zum Ende des Mandats «professionell, leidenschaftslos und im Geist der Konzertation» weiterführen.
Helen Brügger